Geschrieben am 16. Oktober 2018 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2018

KickAss: Political correctness

kickassVon aufgeräumter Geschichte

Hazel Rosenstrauch will lieber gar nicht erst anfangen …

Neulich brachte mir eine Freundin einen Zeitungsausschnitt, es geht in dem Artikel um Christian Peter Beuth, Wirtschaftsreformer im Preußen des frühen 19. Jahrhunderts. Nach ihm ist eine Hochschule, eine Straße, auch eine Lokomotive benannt. 1981 prangte er auf einer Briefmarke, ein fescher Mann, der, wie ich in dem Artikel erfahre, als Manager, Kommunikator, Wissensvermittler auf vielerlei Wegen (unter anderem mittels Industriespionage) half, die preußische Wirtschaft in die Moderne zu hieven.

Nun hat ein Forscher Dokumente gefunden, dass der Mann außerdem Antisemit war. Die nach ihm benannte Hochschule in Berlin debattiert nun, ob sie sich umbenennen soll. Er war nicht nur irgendwie antisemitisch, wie das damals unter gebildeten Beamten und Dichtern, Adeligen und Wirtschaftsbürgern mehr und weniger selbstverständlich war, sondern besonders heftig, aber auch das war damals eine verbreitete Haltung, wie wir aus Äußerungen bedeutender Deutscher – wie Johann Gottlieb Fichte, Clemens Brentano, Achim von Arnim, Caroline von Humboldt u.v.a. – wissen.

Ich überlege, wie Deutschland, die deutschen Geschichtsbücher, Straßennamen und Bibliotheken aussehen würden, wenn alle Antisemiten, im nächsten Schritt dann alle, die mies über Frauen, über Zigeuner (korrekt: Roma und Sinti), Schwarze (vulgo Neger), Schwule geschrieben oder geredet haben, aus der Geschichte entfernt würden. Ich fürchte, da bleibt nicht viel übrig.

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Christian Peter Wilhelm Beuth und Wilhelm von Humboldt, geschaffen 1878 von Gustav Blaeser, vor dem DIN-Gebäude, Berlin-Mitte, Tiergarten, Burggrafenstraße 6 — Bild von: Georg Slickers – Wikimedia Commons

Ein paar Tage später war ich am Steinplatz, ebenfalls Berlin, der kürzlich neu gestaltet und von Künstlern bespielt wird. Mit eingewickelten Statuen wird an die Geschichte des Platzes erinnert, an deportierte Anwohner, an Kriegsverbrecher, Künstler und Künstlerinnen, Professorinnen der Kunsthochschule vis a vis und natürlich an den Namensgeber des Platzes, den Freiherrn von und zum Stein, auch er ein wichtiger preußischer Reformer. Vielleicht wird irgendwer demnächst darauf hinweisen, dass der Freiherr vorschlug, alle Juden nach Nordafrika abzuschieben? Ob dann eine Diskussion über die Namensgebung für den Platz entbrennt. Und ob sich die Vergangenheit ändert, wenn die Namen geändert werden? Mir fehlt noch das richtige Wort für solche Aktionen. Wie wär‘s mit „Säuberungen“? Und noch was andres fehlt mir: Auf dem Platz gibt es viele Hinweise, die über die Personen erzählen, die in der Nähe gewohnt und gewirkt haben, und die über Geschehnisse rund um den Platz aufklären. Mir fehlte ein Hinweis darauf, wo die Obdachlosen, Säufer und Junkies geblieben sind, die dort lagerten, als der Platz noch dunkel und zugewachsen war. Vielleicht bekommen sie in einer der künftigen Kunstaktionen ein Denkmal?

Moral aus der Geschichte: keine.   

Hazel Rosenstrauch

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