Geschrieben am 15. Juni 2018 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2018, KickAss

KickAss – Doitsches Gold (II)

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© Foto Niels Thies/ Bundesbank

kickassDas Gold der Deutschen 

Jetzt mit Reinheitsnachweis, Inventarnummer und noch mehr Gaga – ein KickAss von Alf Mayer.

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© Foto Niels Thies/ Bundesbank

„Der Mensch hat den Mount Everest bezwungen, er hat den Grund des Ozeans erforscht, er hat Raketen auf den Mond geschossen, Atome gespalten. Er hat Wunder vollbracht auf allen Gebieten menschlichen Strebens, nur nicht in der Kriminalität“, sinniert Auric Goldfinger, als er auf James Bond trifft. Es war der siebte 007-Roman, der ursprünglich „The Richest Man in the World“ heißen sollte und am 23 März 1959 bei Joanthan Cape in London herauskam. Goldfinger ist ein Superhirn, er plant den Überfall des Jahrhunderts. – Sie werden in Fort Knox 60.000 Menschen sinnlos umbringen, hält Bond ihm vor, als er ihm dann gegenübersteht. – Ach, amerikanische Autofahrer bringen im Lauf von zwei Jahren genauso viel um, bekommt er in der Verfilmung von 1964 zur Antwort. – Bond hat auch ein paar Zahlen parat: Die 15 Milliarden Dollar in Gold, die Goldfinger aus Fort Knox stehlen will, sind 10.500 Tonnen schwer, 60 Männer brauchen zwölf Tage, um sie auf 200 Trucks zu laden. Es seien aber höchstens zwei Stunden, bis Army, Navy, Airforce & Marines eintreffen und ihn dazu zwingen werden, alles wieder zurückzulegen. – Wer hat etwas von Wegbringen gesagt, entgegnet Goldfinger. – Bond hält die Luft an: Sie wollen in die größte Bank der Welt einbrechen, aber dort nichts stehlen? Warum? – Na überlegen Sie mal, sagt Goldfinger. – Ach, fällt es Bond ein. Mr. Ling, der Rotchinese. Spezialist in Nuklearspaltung. Seine Regierung hat Ihnen eine Bombe zur Verfügung gestellt. – Ich nenne es lieber ein Atomgerät, antwortet Goldfinger. Es ist klein, aber besonders schmutzig. – Eine schmutzige Bombe? Kobalt und Jod? – Genau. – Wenn Sie das in Fort Knox hochjagen, dann ist der ganze Goldvorrat der Vereinigten Staaten radioaktiv. 57 Jahre lang. – 58, um genau zu sein. – Ich entschuldige mich, Mr. Goldfinger. Das ist tatsächlich intelligent. Die Rotchinesen bekommen, was sie wollen: ökonomisches Chaos im Westen. Und der Goldpreis steigt um das Vielfache. – Konservativ geschätzt um das Zehnfache, bestätigt Goldfinger. – Brillant, sagt James Bond…

Wohlgemerkt , das war 1964. In einem Film. In dem der goldgierige Bösewicht ein Deutscher ist, mit großer Lust und Präsenz gespielt von Gert Fröbe. „Goldfinger“ ist immer noch einer der besten, wenn nicht der beste Bond-Film.

chop pic das_gold_der_deutschenServilitäts-Literatur der Extraklasse

Über „Doitsches Gold“ habe ich mich hier bei CrimeMag im Februar 2014 schon einmal lustig gemacht. Hat nichts geholfen. Auch der große Thriller über einen Goldraub im deutschen Fort Knox steht noch immer aus. Dabei sind hier seit Sommer 2015, direkt im Schatten des Frankfurter Fernsehturms, „Ginnheimer Spargel“ genannt, extra 200 von einem findigen Thrillerautor doch wohl auszutricksende Bundespolizisten stationiert. Sie bewachen, allen Ernstes, Das Gold der Deutschen. Gut, dass sich noch kein Flüchtling daran vergriffen hat.

Ein Bildband dieses Titels aus dem seriösen Hirmer-Verlag lässt uns jetzt ein wenig hinter die Goldkulissen und in die deutsche Gold-Seele schauen. Die Sonderpublikation der Deutschen Bundesbank ist Servilitäts-Literatur der Extraklasse, Bückling vor einem Geist, der mich ziemlich schaudern lässt. Denn zu den Gründungsmythen der AfD gehörte auch eine Fremdenangst der besonderen Art, nämlich die vor der Verunreinigung des deutschen Goldschatzes, eifrig geschürt vom euroskeptischen Teil der Elite und bis hinein in die Wirtschaftsteile der Zeitungen, wo eh die Konservativsten hocken. Nach Blut ist Gold im 21. Jahrhundet noch immer der Deutschen heiligster Stoff, jenseits aller internationalen Goldstandards scheint dafür ein zusätzliches Reinheitsgebot gelten zu sollen. Inzwischen gibt es, das haben die Braungoldfinger erreicht, tatsächlich den Arier-Nachweis für jeden einzelnen deutschen Goldbarren – lesen Sie weiter, um glauben zu können, was ich Ihnen hier erzähle.

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© Foto Niels Thies/ Bundesbank

Die FAZ jubilierte: „Das deutsche Gold kommt nach Hause“

Ja, es stimmt, 69 Prozent der deutschen Goldreserven lagerten bis vor wenigen Jahren nicht in Deutschland. Sondern 45 Prozent in New York, 13 in London und 11 in Paris. Das hatte harmlos historische Gründe. Unter anderen den, dass die BRD oder die Bundesbank ja im Atomkrieg hätten verdampfen können und dann der Nachfolgestaat ohne Reserven dagestanden wäre. Dieses Auslandsvermögen galt es, verstärkt seit dem Wechsel der Mark auf den Euro, vor fremden Goldfingern und Goldschändern zu schützen, dafür wurde Stimmung gemacht. Prüfer wurden entsandt, tatsächlich!, was erst recht Phantasien schürte. Deutsche Goldbarren ausgehöhlt? Mit minderwertigerem Gold gefüllt? Vermischt? Geschändet? Rückführungspläne wurden beschlossen. Die Bürgerinitiative „Holt unser Gold heim!“ sammelte viele tausend Unterschriften, bis die FAZ titeln konnte: „Das deutsche Gold kommt nach Hause.“ Und die Bundesbank ließ allen Ernstes versichern: „Der Prozess ist so gestaltet, dass es zu keiner Vermischung mit fremdem Gold kommen kann.“

Das darf man schon seltsam finden in einem Land, in dem man es etwa bei der „Rückgewinnung“ von Zahngold in den Vernichtungslagern nicht so genau mit Herkunft und Eigentumsverhältnissen nahm; grausame Details hierzu gibt es u.a. in den Vernehmungsprotokollen der Auschwitzprozesse, der Tod ist ein Bürokrat aus Deutschland. Die neue „Heim ins Reich“-Bewegung war erfolgreich, über alle Maßen. Innerhalb weniger Jahren wurden in den letzten Jahren 674 Tonnen Gold von New York und Paris nach Frankfurt geschafft. Der Bildband aus dem Hirmer-Verlag ist so etwas wie ein Rechenschaftsbericht, unfassbar rechtschaffen und deutsch, oft unfreiwillig komisch. Die Deutschen und ihr Gold, da kneifen sie Arschbacken zusammen in ihren Nadelstreifen, da stehen sie publizistisch stramm bei der Deutschen Bundesbank. 

Seitenweise richtig Gold-Porno, geile money shots

Das liest sich in der Verlautbarung so: „Mit der Veröffentlichung kommt die Deutsche Bundesbank als Verwalterin der deutschen Goldreserven dem Wunsch nach Transparenz weiter entgegen“, sagte Bundesbankvorstandsmitglied Carl-Ludwig Thiele bei der Vorstellung des Buchs vor Medienvertreterinnen und -vertretern. Ziel sei es, den Leserinnen und Lesern des Buches das Gold so nahezubringen, als hielten sie es in ihren Händen. Deshalb enthält das Buch auch eindrucksvolle Hochglanzbilder vom Goldmünzen und -barren aus dem Bundesbanktresor.“ Tatsächlich gibt es seitenweise richtiggehenden Gold-Porno, einzelne Goldbarren lasziv hüllenlos auf Doppelseiten liegend, Prägestempel in pornografischem Detail, alles echte money shots. Die Bundesbank weiß:

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© Foto Niels Thies/ Bundesbank

„Die deutsche Bevölkerung hat seit jeher ein besonderes Verhältnis zu ihrem Gold. ((Bis ins KZ, stimmt. AM)) Es war nicht nur ein Zeichen des wirtschaftlichen Erstarkens Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern auch ein Ausdruck von Stabilität und wird als eine Art ‚eiserne Reserve’ nach zweimaliger Zerrüttung der Währung angesehen … Das hat sich bis heute nicht verändert, im Gegenteil: Die private Pro-Kopf-Nachfrage nach Gold war 2016 in Deutschland am allerhöchsten, noch vor Indien und China.“

Nach den Angaben der Lobbyistenvereinigung World Gold Council sind die Goldreserven der Bundesrepublik Deutschland nach den USA die Zweithöchsten eines Staates weltweit. Nach Angaben der Bundesbank betrugen die deutschen Goldreserven Ende 2017 etwa 3.374 Tonnen. „Das entspricht etwa 270.000 Barren im Wert von rund 117 Milliarden Euro. Mehr als die Häflte davon lagert seit 2017 auf dem Gelände der Deutschen Bundesbank in hochgesicherten Tresoranlagen: rund 1710 Tonnen mit 137.000 Goldbarren, die jeweils ein Gewicht von 12,5 Kilogramm pro Barren haben.“ Bewacht von einem 200 Kräfte umfassenden Spezialkommando der Bundpolizei. „Dagobert-Duck-Einheit“ heißt sie bei Kollegen.

Kurze Kalkulation für James Bond & Aurel Goldfinger: Aktueller Goldpreis, Juni 2018, 35,46 Euro je Gramm, 12.500 Gramm durchschnittlich in einem Barren, macht runde 450.000 Euro je Goldklotz. Mal 137.000 wären das 61.650.000.000 Euro. 61,6 Milliarden. Ist echt alles teurer geworden seit 1964. Aber auch echter.

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© Foto Niels Thies/ Bundesbank

2.389 Seiten öffentlicher Irrwitz

Die Bundesbank versichert: „Ausnahmslos jeder Goldbarren wird unmittelbar nach Einlieferung in die Lagerstelle Frankfurt vom Tresorpersonal der Bundesbank in Bezug auf die in den Barren eingestanzten Merkmale (Barrennummer, Hersteller, Feinheit) gegen die Angaben der Lieferliste der einliefernden Stelle abgeglichen. Hieran schließen sich das Wiegen auf einer elektronischen Waage und die Echtheitsprüfung der (– wohlgemerkt bei der englischen, französischen oder amerikanischen Zentralbank geparkten -) eingelieferten Barren an“, und zwar „mit Prüfgeräten des neuesten Standes der Prüftechnik: Mit einem Röntenfluoreszenzspektrometer werden zunächst die Materialbestandteile des Goldbarrens und damit auch der Goldfeingehalt pro 1000 Einheiten ermittelt. Anschließend wird mit einem Ultraschallgerät die Materialdichte und –homogenität des jeweiligen Barrens bestimmt… Abschließend erhält jeder Barren noch eine Inventarnummer mit eindeutiger Kennzeichnung.“

Hier nun wird es vollends bizarr: Seit Oktober 2015 steht auf der Internetseite der Bundesbank veröffentlicht, eine mehr als 2.300 Seiten umfassende „Inventarliste des deutschen Goldbestandes“. Diese Barrenliste wird jährlich aktualisiert und im Frühjahr nach der jährlichen Bilanzpressekonferenz „der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt“. Das aktuelle PDF umfasst derzeit unglaubliche 2.389 Seiten (hier zu finden). Diese Goldbarreninventarliste – für die es keinen internationalen Standard gibt, wer will auch so etwas, außer uns Gaga-Deutschen? – verzeichnet Brutto- und Feingewicht jedes einzelnen Goldbarrens, sowie dessen Seriennummer. Ich nenne es „Arier-Nachweis in Gold“.

135.637  deutsche Barren sind hier der laufenden Nummer nach aufgeführt (Bestand zum 31.12.2017), für jeden eine Zeile mit je sieben Angaben: Anzahl (über 2.300 Seiten lang steht in dieser Spalte eine „1“, was auch sonst?), Barren-, Melt- oder Inventarnummer, Barrenanzahl, Bruttogewicht, Feingewicht, Feinheit. 83 Barren pro Seite, 2.389 Seiten lang. Der Goldbestand der Deutschen Bundesbank. Ordnung macht frei, oder so.

Deutsches Gaga auf die Spitze getrieben. Welche Gestalten onanieren bei uns auf 2.389 Seiten Goldbarreninventarliste?

Da bleibe ich doch lieber bei James Bond und meinem Lieblingsdialog, als 007 Goldfingers Privatpilotin (Honor Blackman) kennenlernt und ins Heu wirft:

James Bond: Who are you? 
Pussy Galore: My name is Pussy Galore. 
James Bond: I must be dreaming.

Alf Mayer

Deutsche Bundesband, Carl-Ludwig Thiele (Hg.): Das Gold der Deutschen. Bildband. Mit Beiträgen von H. Mäkeler, W. Schulte, J. Weidmann, R. Zils. Hirmer Verlag, München 2018. 160 Seiten, 148 Abb. in Farbe, Leinen, Lesebändchen, 24,90 Euro.

PS. Warren Buffet übrigens hat gesagt: Gold wird irgendwo auf der Welt aus der Erde gegraben. Dann schmelzen wir es zu Barren, bauen einen unterirdischen Tresor und graben es wieder ein. Wenn uns Außerirdische dabei beobachten, es käme ihnen reichlich obskur und seltsam vor.

Und Schiller: … das allgeschätzte Gold / muß man den falschen Mächten abgewinnen, / die unterm Tage schlimmgeartet hausen. / Nicht ohne Opfer macht man sie geneigt, / und keiner lebet, der aus ihrem Dienst / die Seele hätte rein zurückgezogen.

Das Buch enthält auch nützliche Informationen, etwa: Das Edelmetall Gold, von Chemikern als Element mit dem Kürzel „Au“ für Aurum an die 79. Stelle des Periodensystems der Elemente eingruppiert, erreicht seinen Siedepunkt erst bei etwa 2800 Grad. Seit die Menschen Gold schürfen, wurden etwa 187.200 Tonnen aus der Erde geholt. Das alles zu einem einzigen Würfel gegossen, hätte eine Kantenlänge von 21,3 Metern. Also ein ordentlich großer Wohnblock. Der Anteil des deutschen Goldes im Bestand der Deutschen Bundesbank hätte dabei eine Kantenlänge von 5,6 Metern. Das Buch zeigt das in einer Infografik. Kleiner Würfel Deutschland, großer das Gold der Welt.

Wenn man die weltweite Fördermenge von derzeit jährlich gut 3000 Tonnen hochrechnet, werden bei diesem Tempo die zu wirtschaftlichen Bedingungen noch zu bergenden Goldreserven in etwa 20 Jahren erschöpft sein. Schätzungen des US Geological Survey zufolge sind fast 90 Prozent der heute verfügbaren Goldbestände erst nach dem Jahr 1900 gefördert worden. China, Australien und Russland sind heute die größten Förderländer. Gold ist also von seiner Menge her endlich. – Geld machte mein Rechtschreibprogramm daraus, welch ein Irrtum.

Und noch ein Hinweis – nämlich auf den Geheim-Bunker der deutschen Bundesbank an der Mosel. Zwischen den Moselhängen, versteckt im Wohngebiet von Cochem-Cond, lagerten hier während der Zeit des Kalten Krieges von 1964-1988 in einer unterirdischen Bunkerfestung 15 Milliarden D-Mark einer Ersatzwährung, der so genannten BBK II: 15 Milliarden DM in Scheinen zu 10, 20, 50 und 100 DM.
„Tief sitzt die Angst der Bundesregierung, dass Falschgeld in großen Mengen ins Land eingeschleust werden könnte. Die Konsequenzen wären verheerend: Ginge das Vertrauen in die D-Mark verloren, wäre ein Zusammenbruch der gesamten Volkswirtschaft die Folge. Die BRD beschließt, dass die Bundesdruckerei parallel zu den DM-Scheinen eine geheime Notfallwährung druckt, um diese für Ernstfälle bereitzustellen. Die Lagerung des geheimen Geldes soll in Cochem sein“, heißt es auf der Internetseite der heute privatisierten und besuchbaren Bunkeranlage. Internetseite hier. Reportage im Deutschlandfunk.

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