Geschrieben am 15. Januar 2018 von für Crimemag, CrimeMag Januar 2018, Film/Fernsehen, KickAss

KickAss: Andreas Pflüger zum Deutschen Fernsehpreis

kick2Halten Dero zu Gnaden

Man könnte gar nicht so viel fressen, wie man kotzen möchte.

Drehbuchautoren soll(t)en draußen bleiben. Andreas Pflüger platzt der Kragen. Hier sein KickAss.

Am 25. Januar 2018 wird in Köln der Deutsche Fernsehpreis verliehen – zusammen mit Grimme die bedeutendste Auszeichnung für Fernsehschaffende im Lande; seriöser geht’s nicht, sollte man meinen. Nun hatte sich dieser Tage herausgestellt, dass Autoren und Autorinnen, deren Filme nominiert sind, nicht eingeladen worden waren. Betroffene, die ungläubig nachgefragt hatten, erhielten eine Antwort per Standardmail: »… dass der Deutsche Fernsehpreis dadurch, dass es in diesem Jahr eine Serienkategorie gibt, ein deutliches Platzproblem hat und wir daher generell bei allen Filmproduktionen in der ersten Einladungsrunde darauf verzichtet haben, Autorinnen und Autoren einzuladen …«

Das musste man zweimal lesen, um es sacken zu lassen.

Wird eine Kränkung lange genug wiederholt, erreicht sie eine kritische Masse. Und so hat die Empörung der Drehbuchautoren, die den Eventmachern quer durch die Republik entgegenschlug, tiefere Gründe als diesen Skandal. Die Missachtung, die der Berufsstand seit vielen Jahren in Deutschland ertragen muss, ist beschämend. Halten Dero zu Gnaden, aber wir leben nicht mehr in den seligen Zeiten von Cecil B. DeMille, der sagte: »Die Drehbuchautoren sind die wichtigsten Menschen in unserem Geschäft. Wir müssen alles Erdenkliche dafür tun, dass Sie es nie bemerken.«

Ich lasse jetzt mal die üblichen Plattitüden aus – dass Drehbuchautoren die Urheber jedes Filmes sind, es ohne ihre Arbeit überhaupt keinen Film gäbe, ihr Anteil am endgültigen Werk mindestens so groß wie der des Regisseurs ist. Wer derlei vorbringt, erntet zuverlässig ein zustimmendes Nicken und wird gern mit dem Bonmot von Billy Wilder assistiert, wonach es drei Dinge für einen guten Film braucht: Ein gutes Drehbuch, ein gutes Drehbuch und ein gutes Drehbuch. Hätte ich für jedes Mal, wo ich diesen Satz gehört habe, zehn Cent bekommen, könnte ich für mich und meine Frau einen Tisch im Berliner Sternerestaurant Fischers Fritz reservieren.

Nach endloser, beharrlicher Kärrnerarbeit hat der Verband Deutscher Drehbuchautoren es geschafft, dass in Fernsehzeitschriften und im Teletext neuerdings der Autor neben dem Regisseur genannt wird. Das wurde als Meilenstein gefeiert; man möchte Max Liebermann zitieren.

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In dem Film Shakespeare in Love von 1998 gibt es eine Szene, die in einer Stratford-upon-Avon-Kneipe spielt. Christopher Marlowe hängt mit einem Bier rum und entdeckt einen Kleindarsteller. Er hat läuten hören, dass dieser in einem neuen Stück von Shakespeare besetzt wurde, das gerade geprobt wird und den Arbeitstitel Romeo und Julia trägt. Nun will Marlowe wissen, wovon es handelt. Der Mime hat die Rolle des Apothekers ergattert; eine Miniatur, in den meisten modernen Inszenierungen wird sie eingespart. Doch was antwortet er Marlowe? »Es geht um einen Apotheker, der einem Mann ein Gift verkauft, mit dem der …« Erstklassiger Gag. Und wahr. Filmemachen ist eine Mechanik, bei der einige große und viele kleine Räder ineinandergreifen. Jeder, der daran mitwirkt, ganz gleich in welcher Funktion, identifiziert sich mit dem Ganzen. Die Maskenbildnerin sagt: Ich habe gerade einen Film gemacht, der von einem entsprungenen Psychiatrieinsassen erzählt. Der Assistent der Requisite meint: Mein Film handelt von einem todkranken Liebespaar, das ans Meer durchbrennt. Und so weiter. Wunderbar, ich liebe das. Aber es gibt wohl kaum eine Gemeinschaftsarbeit, bei der eins der großen Räder in der öffentlichen Darstellung so kleingemacht wird, wie der Drehbuchautor. Die meisten schließen irgendwann einen fäusteballenden Frieden damit – aus Resignation. Um mit dem Apotheker in Romeo und Julia zu sprechen: »Meine Dürftigkeit williget ein, nicht mein Wille.«

51Z-o0qz0vL._SX309_BO1,204,203,200_Hier ein Blick in die Realität abseits von Phrasen und Gratismut: An meinem ersten Roman Operation Rubikon habe ich fünf Jahre gearbeitet und die Drehbücher zur Verfilmung selbst geschrieben. Am Ende kam der Regisseur Thomas Berger dazu und hat den Zweiteiler fabelhaft inszeniert. Später wurde der Film in eine DVD-Reihe der Süddeutschen Zeitung mit dem Titel »Die besten deutschen Thriller« aufgenommen, die noch heute im Handel ist.

Auf dem Klappentext darf man lesen: »Sehr wahrscheinlich wurde Regisseur Berger von ›Traffic‹ – Stephen Soderberghs spektakulärer amerikanischer Drogenstudie inspiriert.«

Das verfasste der frühere SZ-Journalist Christopher Keil, ein Mensch der schreibenden Zunft, und hat sich dafür sicher nicht mal geschämt. Ein Feuilletonist, der so etwas in die Welt setzt, bereitet den geistigen Boden für die allgemeine Geringschätzung unserer geistigen Schöpfung. Er kann kaum mehr über die Arbeit eines Drehbuchautors wissen als Louis B. Mayer, der Chef von Metro-Goldwyn-Mayer. In dessen Zeit waren die Autoren noch in einem Trakt auf dem Studiogelände untergebracht; Mayer pflegte an ihren Büros vorbeizuschleichen und zu lauschen. Wenn er kein Schreibmaschinengeklapper hörte, riss er die Tür auf und brüllte: »Ich bezahle Sie nicht fürs Faulenzen!«

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Mein Freund Murmel Clausen war einer von vier Autoren des Sensationserfolgs Der Schuh des Manitu. Nach der Premiere der Westernkomödie ging Michael »Bully« Herbig vor dem Publikum auf die Knie, bedankte sich und betonte, dass er den Film ja auch geschrieben habe. Dann bat er die Schauspieler einzeln zu sich. Als diese im frenetischen Applaus gebadet hatten, forderte Herbig noch »alle anderen Beteiligten« auf, sich zu erheben. Clausen blieb sitzen.

Meanwhile, back at the ranch: Bei der Kinopremiere des Films Der neunte Tag, für den ich mit Eberhard Görner das Drehbuch verfasst habe, rief der Regisseur, ein Oscar-Preisträger, der gern erzählt, dass sein Jaguar-Oldtimer ein Geschenk von Max Frisch ist, alle nacheinander auf die Bühne. Zum Schluss kündigte er Görner und mich so an: »In einem Film gibt es ja auch Wörter. Und hier sind diejenigen, die dafür zuständig sind.« Selten fiel es mir schwerer, Fassung zu bewahren. Meine zweite Zusammenarbeit mit diesem Regisseur – Strajk – war zu dem Zeitpunkt schon weit gediehen; ich habe sie anständig beendet. Dass ich mit dem Mann danach nicht mehr arbeiten wollte, hat er bis heute nicht verstanden. Nicht zu sagen, was man weiß, kann klug sein. Nicht zu wissen, was man sagt, niemals.

Von solchen und ähnlichen Erfahrungen wie ich sie gemacht habe, können alle Drehbuchautoren berichten. Ich bitte, meine folgende Frage richtig einzuordnen und nicht in dem Sinne zu werten, dass ich mich mit einem Jahrtausendkünstler vergleiche. Aber: Wird man je in einer Zeitung lesen, dass gestern Barenboims Fünfte aufgeführt wurde?

Eine weitere vielsagende Posse betraf zwar nicht mein sondern ein anderes Fach, entlarvt jedoch die gleiche Ignoranz: 2002 saß ich bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises im Saal, weil Hilmar Thate für besagten Film Operation Rubikon als Bester Darsteller nominiert war und er mich gebeten hatte, ihn zu der Veranstaltung zu begleiten. Dem bin ich gern gefolgt, denn was ist der beste Darsteller ohne Text und ohne das Drama, das für ihn erdacht wurde – ich habe das auch als Auszeichnung für mich verstanden. Die Laudatio für den besten Schnitt hielt der Berliner Society-Frisör Udo Walz. Die Organisatoren fanden das witzig. Die eine Hälfte des Publikums schwieg betreten, die andere lachte. Das hallt in mir bis heute nach. So viel Respekt hat man vor Gewerken, ohne die ein Film nicht denkbar wäre. Es hätte mich über die Jahre nicht im Geringsten gewundert, wenn der Drehbuch-Award von einem Vertreter der Software-Firma Final Draft überreicht worden wäre.

Doch nun folgt die Wendung im dritten Akt, ein überraschender Plotpoint: Was als vermeintlicher Zwergenaufstand eines Schattengewerkes begann, hat einen Riesen in Bewegung gesetzt. Kaspar Pflüger (weder verwandt noch verschwägert), Geschäftsführer von SAT. 1 und Vorsitzender des Fernsehpreis-Stifterkreises, schrieb am 17. Januar an den Verband der Drehbuchautoren: »Als Zeichen unserer Wertschätzung Ihrer Arbeit haben wir beschlossen, in Abweichung der bisherigen Nominierungspraxis in den o.g. Kategorien die Autorinnen und Autoren gemeinsam mit den Produzenten, den Regisseuren und Redakteuren (stellvertretend für das Team) zu nominieren … zudem möchten wir bei einer geeigneten Gelegenheit in einen Austausch hierzu mit Ihnen eintreten.«

Respekt. Die Nachhaltigkeit der Entscheidung werden wir in einem Jahr zu begutachten haben.

The very ending: Seit Jahren konzentriere ich mich auf meine Romanarbeit und mache im Fernsehen nur noch den Tatort Weimar als Lustprojekt mit Murmel Clausen. Wie wir dort von Sender- und Produzentenseite behandelt werden, ist vorbildlich und eine große Freude, wofür ich mich an dieser Stelle bedanken möchte. So viel Zeit muss sein.

Anm. d. Redaktion: Der Text wurde nach Erscheinen aktualisiert, weil sich neue Entwicklungen ergaben. Die nominierten Drehbuchautoren wurden – nach massiven öffentlichen Protesten, zu denen auch dieses KickAss beitrug – doch noch eingeladen, die Veranstaltung aber  muss so unterirdisch gewesen sein, dass Anja Reschke in „Zapp“ auf N 3 tröstete: „Seien Sie froh, dass der Fernsehpreis nicht vom Fernsehen übertragen wurde.“
Andreas Pflüger, soeben in unseren CrimeMag Top Ten platziert und ganz frisch mit dem Deutschen Krimi Preis für Niemals ausgezeichnet, schrieb die Drehbücher zu 34 Fernseh- und zwei Kinofilmen sowie Dutzende von Serienfolgen. Seine Filme Der neunte Tag und Strayk erhielten zahlreiche Preise auf internationalen Festivals. 

Zu Andreas Pflüger bei CrimeMag geht es hier. Seine Internetseite. Bei Twitter.

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  • Michael Füting

    Es ist wirklich skandalös, dass die Branche immer noch nicht wahrhaben will, dass die Autoren beim Film ganz vorne stehen – in mehrfacher Bedeutung. Ich weiß, wovon ich rede, da ich ein Berufsleben als Dramaturg verbracht habe, in dem ich mich immer mehr wie der Anwalt des Autors fühlen musste. Ich denke, es wird sich nicht ändern, weil es auch so wunderbar in die Oberflächlichkeit unserer Zeit passt. Wahrgenommen wird nur der, der sichtbar ist, im Rampenlicht steht. Dass er das kann, dafür mussten erst einmal Autoren und Komponisten ran…