Geschrieben am 1. August 2021 von für Crimemag, CrimeMag August 2021

Ingrid Mylo liest António Lobo Antunes

Nichtmal im Schatten der Bäume

Über António Lobo Antunes: Bis die Steine leichter sind als Wasser

            Der Krieg, an dem man einmal teilgenommen hat, hört nie wieder auf. Ob er verloren wurde oder gewonnen: selbst die, die nach Hause zurückkehren aus Angola, kehren nicht nach Hause zurück. Wer, erschöpft vom Töten, Ruhe sucht zwischen den einst vetrauten Möbeln seines Zimmers in Lissabon, dem schlagen die Zweige des Gestrüpps ins Gesicht, durch das er sich gekämpft hat, die Schreie der Zerfetzen, die Flammen der Hütten: er hat sie in Brand gesteckt wie auch die, die darin wohnten: er sieht sie brennen, während er sich die Zähne putzt, während er die Zeitung zusammenfaltet, brennen bei lebendigem Leib, während er seine Pantoffel, einen neben den anderen, vors Bett stellt, sieht sie brennen und schwarz werden, was stand in der Zeitung, was hat er gelesen: Worte, Druckerschwärze, Ruß in der Lunge, während er das Laken über sich zieht, sieht die verkohlten Klumpen ihrer Körper, sieht Asche, überall Asche, während er nie wieder schläft.

© Jose Manuel Ribeiro

            Wie alt ist Lobo Antunes, knapp achtzig: und heftiger als in seinen Romanen davor bricht, was er erlebt hat als junger Militärarzt in Angola, aus seinen Zellkernen hervor, schwitzt er Alpträume aus und geronnenes Grauen. Nein, nicht unbedingt heftiger, heftig vorhanden war der Krieg bei ihm immer: aber war er je so dicht, so undurchdringlich, so allumfassend und unausweichlich, hat er sich elftausendmal niedergeschlagen, wohin man den Blick auch wendet. (Die Gründe des Krieges, der Anlaß, die Zusammenhänge: gleichgültig: wer stirbt, stirbt. Wer beim Sterben dabei war, stirbt in Erinnerung an das Sterben immer wieder, kämmt sich als Toter das Haar).

            Und wieder sind es die Bäume, seine Bücher leben davon: weit, weit über hundert Mal schlagen sie Wurzeln auf diesen Seiten, Kiefern, Akazien, Tipubäume, Pappeln, durch die langsam ein großes Geheimnis geht, Zitronenbäume, Eichen, die Stimmen der Zypressen, das Gerede der Ulmen und ihr Echo, die Zedern, die Palmen, die Mangobäume, in denen die Sterne Geräusche machen, in denen der Leichnam eines Bailundo hängt, die Pinien und Platanen, am häufigsten aber die Mispelbäume, der eine vor allem, der im Garten des Soldaten steht: unter ihm liegt der Hund der Familie begraben. Bäume, aus denen Vögel steigen, Wind in den Bäumen, willfähriges Wehen: doch nichtmal in ihrem Schatten lassen Schmerz und Vergessen nach.

            (Und daß Bäume schreien vor Durst: haben die Empfänglicheren von uns das nicht längst gefühlt: jetzt schlagen auch die Geräte der Wissenschaftler aus, zeichnen schrille Töne auf in den Wäldern, die vor Trockenheit zugrundegehen, Töne in Frequenzen, die menschliche Ohren weiterhin nicht vernehmen).

            „Wirst du in diesem Jahr endlich den Vater töten der deinen Vater mit dem Buschmesser getötet hat?“ 

            Neben den Bäumen: die Stühle, fünf Dutzend Mal. Ähnlich oft Hühner, der Regen, die Katzen, Schatten zuhauf. Wie in all seinen Romanen, auch hier: Koffer, Spiegel, Brunnen und Schmetterlinge, Särge, Briefe, Wurzeln, Schlüssel, Messer (und wie ein Schlüssel das Messer im Leib gedreht, um und um, dem Tod die Tür zu öffnen, während das Leben austritt: begegnen sie sich auf der Schwelle?), Fenster und Knochen, Tauben, Uhren, Nägel, Hunde, Fotos. Steine, natürlich: ein Jonglieren mit immer denselben Bällen, Begriffe in der Luft, Wirbel, Wiederholung, wieder und wieder benannte Dinge, vertrauter von Mal zu Mal: auch so ensteht Heimat, liegt im Refrain nicht auch Trost. Was aber ist dann mit dem häufigen Erwähnen von Zähnen, von Schuhen, von Brillen, wieder und wieder: wachsende Berge von Körperteilen und Gegenständen: wer hätte die Fotos von damals nicht gesehen. Wer wüßte nicht, was sie bedeuten.

            „Warum bloß sind die Dinge im Schaufenster schöner als wenn wir sie im Haus haben?“ Solche Sätze. Und Sätze, die sagen, daß Männer nie wissen, was wichtig ist, „während Spielzeugfiguren das verstehen“. Sätze, in denen sich Geschöpfe von einst nachts darüber beklagen, „nicht Erde sein zu können“, in denen die Uhrzeit „im Dorf immer dieselbe ist“, in denen „das Flackern der Deckenlampe“ die Möbel „älter und traurig“ macht und in denen „das Nichts bekanntermaßen aus aufeinanderfolgenden Stufen besteht“. Sätze voller Eidechsen und brennender Neger (ja, er sagt Neger, auch das immer und immer wieder: weil im Angolakrieg jeder Neger sagte, weil es die gewöhnliche Bezeichnung war für die Schwarzen in Afrika, die von den Portugiesen ausgebeutet wurden, verachtet, getötet. Auch wenn ein Soldat manchmal einen Negerjungen, nachdem er dessen Eltern niedergemetzelt hatte, mit heimnahm aus dem Krieg, als Maskottchen, als Begleitung, um nicht allein zu sein mit seinen Gespenstern). Sätze in denen sich im November die Gewitter „mit dem Lärmen eines Pianos entladen, dessen Tasten in einem Notenregen zerschellen, mit reißenden Saiten und zerbrechenden Hämmern“, in denen Palmen bis in den Himmel ragen, „bereit, den Staub von den Möbeln der Engel zu wischen“, und in denen „die Silben wie bei einem Wasserhahn, der zugedreht wird, in einem feinen Rinnsal immer langsamer“ tropfen. Sätze, die in die Hölle führen und zu den Sternen.

            Das Schwein und der Tod: jedes Jahr wird eins dieser Tiere geschlachtet, Tradition seit Generationen, in jenem Dorf, aus dem der Soldat stammt und in das er zurückkehrt, jedes Jahr: um das Fest zu begehen, das Schlachten, vor dem ihm, als er Kind war, gegraust hat. Grauste ihm vor dem Töten im Krieg, graust ihm jetzt davor, daß der Negerjunge, den er einst aus Angola geraubt hat, inzwischen erwachsen genug ist, in ihm das Schwein zu sehen, sehnt er es gar herbei. Messer und Blut, erinnert der Junge sich an den zerfetzten Körper seines Vaters, erinnert er sich, wer es getan hat, seine Mutter auf dem Boden, ihre Hände abgehackt, ihre Ohren abgeschnitten: kriecht sie, fast tot, auf ihn zu? Will er es tun, will er endlich den, der seine Eltern abgeschlachtet hat, es war Krieg, ja, es war Krieg, er will ihn nicht töten, muß er, wird er es tun.

            Ein gewaltiges Buch, niederschmetternd, menschlich: bleib mir, sagt einer, dem ich davon erzähl, mit solchen Büchern vom Leib, ich weiß das alles, ich weiß, wozu Menschen: ja. Geschenkt. Nur: Wissen ist eins: dieses Wissen aber körperlich erfahrbar zu machen, wie Lobo Antunes das tut, sinnlich und spürbar, geht darüber hinaus. Melodie, Litanei, mehr noch: Gebet, aber Gebet, das nichts mehr erfleht, da ist keine Hoffnung, Gebet, das um seine Vergeblichkeit weiß: Ritual, aber mit Ritualen lassen sich Tage duchqueren und Minuten.

            Die Zeit in diesem Roman und in denen davor. Die Zeit, die weder ist, noch war, und deshalb nicht sein wird: und dennoch dauert, sich nicht von der Stelle bewegt, und dennoch: was richtet sie im Körper an, mit dem Körper, die Wunden, wie sollen sie heilen, wenn die Zeit nicht vergeht. Und wenn sie vergeht: was kommt darunter zum Vorschein, „was ist überhaupt die Zeit“, das Annähen von  Knöpfen, ein Stöckchen, das den Weg der Ameisen verändert, erste Verabredungen, „Gestatten Sie mir Sie zu begleiten?“, der Ernst eines spielenden Kindes, stehengebliebene Uhren, Tauben, die im Flug ihre Farbe verändern, Sterne und ihr Erlöschen, Grünalgen auf dem Körper eines Ertrunkenen, Stolperdrähte, der „Klang des Grases in Afrika“, Arztbesuche, Geburtstagsfeier, das Zuschlagen einer Tür, die Schatten längst Verstorbener, auf die zu treten man vermeidet, auf die man trotzdem tritt, Weinkeller und Gemüsegärten, „töten töten“, Zweige im Fenster, der Wind, Briefe, die das Entsetzen verschweigen, die Angst zu sterben, ein Krokodil im Schlamm des Flußes, Koffer, flüchtende Vögel, Maniokfelder, die Schürze am Nagel in der Küche, die Sehnsucht nach Enkeln, Ginsterkatzen, rote Milch im Glas, Zahlen, „die über uns bestimmen“. Damals und jetzt, alles eins, Jahre und Tode und Träume, alles geschieht in einem einzigen ewigen Augenblick.

            So wie der Krieg, an dem man teilgenommen hat, nie zu Ende ist.

© 2021  ingrid mylo

António Lobo Antunes: Bis die Steine leichter sind als Wasser (Até que as pedras se tornem mais leves que a água, 2017). Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann. Luchterhand, München 2021. 527 Seiten, 24 Euro.

Ingrid Mylo lebt in Kassel. Ihre Texte bei uns hier. Ihre Internetseite und eine vollständige Bibliografie hier.
Gerade von ihr in der edition AZUR erschienen, der Gedichtband Überall, wo wir Schatten warfen. Klappenbroschur, 90 Seiten, 18 Euro. 
ISBN 978-3-942375-46-7 – Bei uns hier besprochen von Gerd Koenen, Georg Seeßlen, Reto Weber und Alf Mayer.