Geschrieben am 1. Dezember 2022 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2022

Hollywood: Zwei Bücher – zwei Blicke – zwei Stimmen

Joachim Feldmann und Alf Mayer über „Cinema Speculation“ von Quentin Tarantino und über „Hollywood – The Oral History“

Das Kino hieß Tiffany Theater und lag am Sunset Boulevard in Hollywood. Die Erfolgsfilme der frühen siebziger Jahre liefen woanders. Stattdessen wurden dem nicht selten bedröhnten Publikum Produkte aus Andy Warhols Factory („Frankenstein“, „Trash“) oder gegenkulturelle Manifestationen wie „Alice’s Restaurant“ mit Arlo Guthrie gezeigt. Und in eben diesem Kino sah der siebenjährige Quentin Tarantino Filme, die für seine Altersgruppe alles andere als geeignet waren. Was weder seiner Mutter noch seinen Stiefvater, die ihn mit in die Vorstellung genommen hatten, ein Problem zu bereiten schien. Hauptsache, er verhielt sich ruhig. Also saß der Knabe unter lauter Erwachsenen, die sich köstlich amüsierten, wenn Peter Boyle als rassistischer Fabrikarbeiter Joe im gleichnamigen Film von John G. Avildsen seine Hasstiraden gegen Schwarze und Hippies losließ.

„Joe“ (deutscher Untertitel: „Rache für Amerika“) ist der erste in einer Reihe von Genreklassikern, die Tarantino in seinem Buch „Cinema Speculation“ auf sehr persönliche Weise analysiert. Denn der Erfolgsregisseur inszeniert sich bewusst als Teil des Publikums, dessen Reaktionen eine gewichtige Rolle bei der Beurteilung des Films spielen. Dass „Joe“ auch als schwarze Komödie statt als reaktionäre Rache-Fantasie gesehen werden kann, erscheint in Tarantinos Erinnerung nur logisch. Überprüfen lässt sich diese Einschätzung allerdings nur an einer um 15 Minuten gekürzten deutschen DVD-Version, die mit einer FSK-Freigabe ab 12 überrascht. Tatsächlich sind die Sex- und Gewaltszenen, von denen auch der kleine Tarantino wenig mitbekam, weil er im Kino eingeschlafen war, nur noch in Andeutungen vorhanden. Und die klassenübergreifende Verbrüderung von Arbeiter und leitendem Angestellten im Dienste traditioneller amerikanischer Werte hat mehr peinliche als erhebende Momente. Da fallen die „feinen Unterschiede“ (Pierre Bourdieu) stärker auf als die längst historisch gewordene Auseinandersetzung mit einer vergangenen Jugendkultur. „Joe“ bleibt ein bemerkenswerter Film mit beachtlichen schauspielerischen Leistungen, neben Boyle Dennis Patrick und die junge Susan Sarandon in ihrer ersten Rolle. Und man ist Quentin Tarantino für seine Kindheitserinnerung dankbar.

„Joe“ ist der erste in einer Reihe von 70er-Jahre-Filmen, die sich an John Fords Western „The Searchers“ (1956, dt. „Der schwarze Falke“) abarbeiten. So wie der Kriegsveteran Ethan Edwards (John Wayne) seine von Komantschen entführten Nichten befreien will, führen Bill Compton (Dennis Patrick), Travis Bickle (Robert de Niro in „Taxi Driver“, 1976) und Jacob van Doorn (George C. Scott in „Hardcore“, dt. „Ein Vater sieht rot“, 1979) Privatkriege um junge Frauen in den Fängen von Drogenhändler, Zuhältern oder Pornoproduzenten zu entreißen. Paul Schrader, der das Drehbuch für „Taxi Driver“ schrieb und bei „Hard Core“ auch Regie führte, erfährt in Tarantinos Buch eine empathisch-kritische Würdigung, ebenso wie der Hitchcock-Adept Brian de Palma oder der konstant unterschätzte Regisseur John Flynn („Rolling Thunder“, 1977, dt. „Der Mann mit der Stahlkralle“).

Altmeister wie Sam Peckinpah und Don Siegel werden bei allem Lob ein bisschen gerügt, weil sie ihre Genrefilme immer nur als Brotjobs aufgefasst hätten. Vor die Wahl gestellt, hätte Peckinpah lieber „Rashomon“ gedreht anstatt „The Wild Bunch“, ist sich Tarantino sicher. Doch Western, Krimis und Actionfilme sollte man aus Überzeugung drehen, so wie Jean-Pierre Melville, Walter Hill oder eben Quentin Tarantino.

„Cinema Speculation“ ist das Buch eines kenntnisreichen Liebhabers, der sich den staunenden Blick des kleinen Jungen, der den erwachsenen Zuschauern im Kinosaal beinahe ebenso viel Aufmerksamkeit widmet wie dem Leinwandgeschehen, bewahrt hat. Verfasst ist es in einem sympathischen Plauderton, der allem Expertenwissen zum Trotz nie den Verdacht der Besserwisserei aufkommen lässt. Was nicht heißen soll, dass Tarantino nicht zu harschen Geschmacksurteilen (zum Beispiel über Truffauts Cornell Woolrich-Adaption „Die Braut trug schwarz“: „Ed Wood-like amateur bumbling“) in der Lage wäre. Die Anordnung der einzelnen Filmen gewidmeten Kapitel ist chronologisch – von Peter Yates‘ „Bullitt“ (1968) mit Steve McQueen, einem von Tarantinos Lieblingsschauspielern, bis zu Tobe Hoopers Horrorfilm „The Funhouse“ (1981, dt. „Das Kabinett des Schreckens“) – allerdings mit Abschweifungen und Umwegen.

Dass es so zu einigen Redundanzen kommt, ist unvermeidbar und verzeihlich. Zwei Kapitel fallen aus dem Rahmen. In dem einen würdigt der Regisseur den Filmkritiker Kevin Thomas von der Los Angeles Times, einen Liebhaber wie er selbst, der noch den billigsten Exploitation-Produktionen mit Respekt begegnete: „Kevin Thomas wrote about exploitation movies the way a devoted sportswriter might write about a good high school team“. Das andere beschließt das Buch und ist einem Freund der Familie namens Floyd Ray Wilson gewidmet, mit dem 15-jährige Tarantino in den späten Siebzigern regelmäßig ins Kino ging. Und da der Afroamerikaner ein großer Musik- und Filmkenner mit sicherem Urteilsvermögen war, wurden diese gemeinsamen Ausflüge zu ästhetischen Lehrstunden. Ein Effekt, den auch die Lektüre von Tarantinos Streifzügen durch die Filmgeschichte, hat.

PS: Diesem Text liegt das englischsprachige Original zugrunde. Es ist der deutschen Ausgabe, in der dem Vernehmen nach das Film- und Personenregister fehlt, vorzuziehen. 

Quentin Tarantino: Cinema Speculation. Weidenfeld & Nicolson, London 2022. 392 Seiten, 25 britische Pfund.

Hollywood zu erzählen – auf Breitwand

Das vielleicht beste Filmbuch aller Zeiten, besprochen von Alf Mayer

Unterhaltsam mag er sein, aber Quentin Tarantino würde ich die Filmgeschichte nie alleine überlassen. Rote Karte alleine schon für die Abqualifizierung von Bernard Herrmanns letzter Arbeit, der Filmmusik für Scorseses „Taxi Driver“, als „the minimalist car noise – asshole with a sax – score Hermann pawned off on Scorsese“.

In Sachen Hollywood-Geschichte bin ich lieber bei den Profis, und hier ist der Goldstandard das American Film Institute (AFI) in Los Angeles. Pikanterweise hatte ich am Tag der Zusendung von Tarantinos „Cinema Speculation“ auch Post aus den USA, nämlich das 746-Seiten-Buch „Hollywood. The Oral History“, bestritten aus den Archiven des AFI, dem kollektiven Gedächtnis Hollywoods. So viel Breitwand war noch nie, ein Buch wie dieses hat es noch nicht gegeben.

Die Autoren schätze ich. Jeanine Basinger hat nicht nur über das Studio-System und den Musicalfilm geschrieben oder die Studie „A Woman’s View: How Hollywood Spoke to Women, 1930-1960“.  1979 legte sie eine Monographie des Filmregisseurs Anthony Mann vor, 1986 „The World War II Combat Film: Anatomy of a Genre“. In den USA ist sie die große alte Dame der Filmwissenschaft. Sam Wasson ist einer ihrer Schüler, er fiel mir mit einer Biografie von Bob Fosse auf, ebenso mit „Fifth Avenue, 5.A.M. – Audrey Hebburn, BREAKFAST AT TIFFANY’S, and the Dawn oft he Modern Woman“, zuletzt mit dem fast schon unheimlich nahen Blick auf „The Big Goodbye. CHINATOWN and the Last Years of Hollywood“ (meine Besprechung siehe in dieser Ausgabe nebenan).

Basinger und Wasson haben für ihr Buch – wirklich eine gewaltige große labour of love – über 3.000 beim AFI geführte und gesammelte Interviews mit den Größen Hollywoods durchgesehen, haben quer durch die Jahrzehnte die Stimmen von rund 400 Filmschaffenden aller Couleur versammelt und zu einem atemberaubend süffigen, kurzweiligen, großen und dabei äußerst pointierten Gespräch montiert.

Hollywood zu erzählen, dafür gab es schon viele Ansätze, solch einen aber noch nie. Das American Film Institute, 1965 im Rosengarten des Weißen Hauses durch ein Mandat des damaligen amerikanischen US-Präsidenten Lyndon B. Johnson ins Leben gerufen, ist eine Institution (wie die Deutsche Filmakademie sie auch gerne wäre), die sich dem Filmerbe und der filmischen Ausbildung neuer Generationen gleichermaßen verpflichtet sieht. 1969 etablierte sich das AFI Konservatorium, eine Non-profit-Filmschule höchsten Niveaus. Über die Jahrzehnte war hier die Elite der Filmwelt für Seminargespräche zu Gast. Diese „master classes“ wurden aufgezeichnet. Daraus ist die einzige Hollywood-Geschichte aus erster Hand erwachsen, mehr als 3.000 Gast-Interviews, alle fürs AFI-Archiv transkribiert, an die zehntausend Stunden, „also die wahre Geschichte Hollywoods“, betonen Basinger & Wasson, „nicht die von Außenseitern, Akademikern, Historikern, Revisionisten oder Phantasten“.

To honor, preserve and educate“ – zu ehren, zu erhalten und zu bilden lautet das Motto des Institutes. Es könnte auch über diesem vielleicht besten Filmbuch stehen, das ich je in die Finger bekommen habe. Für den großen, ja epischen Bogen, den es schlägt, kommt es leichtfüßig und unterhaltsam daher. Kurzweilig. Manchmal haben die Dialoge, die ja alles O-Töne sind, geradezu screwball-comedy-Qualität. Basinger & Wassons Anliegen ist es, den originalen Ton und den Geist der von ihnen collagierten und zum Dialog zwischen den Gewerken und Generationen montierten Gespräche zu erhalten. Das gelingt ihnen auf sehr kurzweilige Art, und zwar von den Anfängen Hollywoods, der Stummfilmzeit, dem Studiosystem, der System- und Identitätskrise, der Ära New Hollywoods, dem Packaging (mit Stars), dem Sommer-Movie und den Blockbustern bis ins Heute.

„Beginnings“ heißt das 1. Kapitel. Ich zitiere:
Ridgeway Callow: This ist he true story of Hollywood. The most cruel, most despicable town in the world. Ruthless. Completely heartless.
Richard Schickel: … o rat least that’s the way people like to picture it …
Stanley Donen: … but it’s a myth…
George Cukor: … there are all sorts of stories … usually untrue…
Stanley Donen: … because it was simply a group of people who kept working in those pictures, going from one job to another…
Howard Strickling: … everything done carefully, thoughtfully, and in real detail. Everybody working together. We got on the same page, film by film. It was a business made up of creative, intelligent, hardworking people all united around our product. Our films. Our mutual interests.
Raoul Walsh: Work. That’s the true story of Hollywood. But who wants to hear it? They’re looking for something else. Who took off whose panties behind the piano while the director shot the producer in the head? People want to know stuff like that, even if it isn’t true.

Und dann sprechen die Schauspielerinnen Julia Andrews, Lucille Ball, Bette Davis, Lilian Gish, Katharine Hepburn, Diane Keaton, Meryl Streep, die Schauspieler Peter Falk, Henry Fonda, Tom Hanks, Harold Lloyd, Al Pacino, die Regisseurin Kathryn Bigelow, die Regisseure Budd Boetticher, Michael Cimino, Roger Corman, Clint Eastwood, Sam Fuller, Howard Hawks, Alan Rudolph, Paul Schrader, Martin Scorsese, die Drehbuchautoren Abraham Polonsky, Dalton Trumbo, Harlan Ellison und Gore Vidal, die Agentin Sue Mengers, der legendäre (Elmore Leonard-) Agent H.N. Swanson, die Produzentinnen Kathleen Kennedy und Lynda Obst, der Hansdampf-in-allen-Gassen Robert Evans, der Produzent Irwin Winkler, die Kameraleute Conrad Hall, James Wong Howe, László Kovács. Ja, und auch Quentin Tarantino. Und 380 weitere Hollywoodarbeiterinnen und Arbeiter. Jane Fonda darunter, Steven Spielberg, Alfred Hitchcock, Jordan Peele, Warren Beatty, Billy Wilder, Robert Altman, Steven Spielberg, Frank Capra, Jon Favreau, Francis Ford Coppola, Sidney Poitier, Adela Rogers St. John, King Vidor. Einen verhältnismäßig langen Einsatz hat der Rechtsanwalt Eric Weissmann, gefolgt vom Agenten Michael Ovitz, der sich erinnert wie der Auslandsumsatz (foreign box office) einst bei unter zehn Prozent lag und auf nahe 50 gewachsen ist. 

Das Nachwort benennt auch Fehlstellen: kein John Ford, kein Anthony Mann, kein Cary Grant, Harry Belafonte, keine Ida Lupino, Joan Crawford oder Barbara Stanwyck. Auch sie kommen natürlich vor – in den Erzählungen der anderen. In deren Erfahrung.

Und immer wieder Perlen wie die von Fritz Lang: „Ich bin von zuhause weggelaufen als ich 18 oder 19 war. Jeder, der etwas werden will, sollte von zuhause ausreißen.“

Alf Mayer

Jeanine Basinger, Sam Wasson: Hollywood. The Oral History. HarperCollins, New York 2022. 746 Seiten, USD 37,50. – In UK bei Faber & Faber (£25).

PS. Es gibt drei Vorläuferbücher für dieses Monumentalwerk, zwei davon vom AFI:

George Stevens, Jr.: „The Great Moviemakers of Hollywood’s Golden Age at the American Film Institute (712 Seiten, Alfred A. Knopf, 2006) 

George Stevens, Jr.: The Great Moviemakers. The Next Generation. From the 1950s to Hollywood Today (740 Seiten, Alfred A. Knopf, 2012)

Sowie:

John Kobal: People Will Talk (732 Seiten. Alfred A. Knopf, 1985)

Das sind zusammen 2.184 Seiten feinster Hollywood-Geschichte, kombiniertes Gewicht: 3,574 Kilogramm. Jetzt kommen mit „Hollywood. The Oral History“ 746 Seiten und 0,975 Kilo dazu – um diese in jeder Hinsicht gewichtige Neuerscheinung auch derart zu materialisieren.

Tags : , , , , ,