Geschrieben am 1. August 2021 von für Crimemag, CrimeMag August 2021

Gerhard Beckmann zur Biografie von Talât Pascha

Der türkische Faktor

Hans-Lukas Kiesers Biographie des letzten osmanischen Großwesirs Talât Pascha enthüllt tiefe neue Ursachen und Wurzeln  des Ersten Weltkriegs als „Urkatastrophe“ der modernen europäischen Geschichte.  

Anfang Juli vor genau einhundert Jahren rückte ein Prozess vor dem Landgericht III zu Berlin schlagartig eine gravierende juristische Lücke, ein zentrales, internationales Rechtsproblem ins Rampenlicht. Am 15. März 1921 war der letzte Großwesir des Osmanischen Reiches, Mehmet Talât Pascha, vom armenischen Studenten Soghomon Tehlerian vor seiner Wohnung in Charlottenburg erschossen worden, wo er unter falschem Namen im Exil lebte. Und die Geschworenen in Berlin-Moabit standen nun vor einem Dilemma. Ihnen war klar, dass die Tat nicht für sich isoliert  als persönlicher Racheakt abgeurteilt werden konnte. Denn der Mord war mit der Auslöschung des Lebens von mehr als einer Million Menschenleben verquickt , mit dem Völkermord an den Armeniern, den der frühere osmanische Innenminister und Premierminister Talât Pascha als politische Strategie entworfen, organisiert  und ab 1915 exekutiert hatte. Um den Dimensionen des Attentats und  den Motiven des Täters gerecht werden zu können, lotete das Schwurgericht die gesetzlichen Möglichkeiten bis an seine Grenzen aus. So stand plötzlich ein beispielloses Verbrechen gegen die Menschlichkeit, von dem die breite deutsche Öffentlichkeit jahrelang nichts gewusst hatte oder hatte wissen wollen, im Mittelpunkt der Gerichtsverhandlung.

Der Freispruch des Attentäters war eine Sensation. Ein Triumph für kirchliche, liberale und linke Kreise. Ein Skandal für die Konservativen, die  Nationalen und Rechten im Dunstkreis von Regierung, Militär und Wirtschaft. Denn Talât Pascha war im Ersten Weltkrieg ein Bundesgenosse des Deutschen Reiches gegen die Entente-Mächte gewesen. Er hatte nichts – auch nicht die Vertreibungen von mehr als einer Million Armeniern zu ihrem elenden Sterben in der Wüste  –  ohne Absprache mit Berlin getan. Das Urteil gewann Weltwirkung. Hier wurde, indirekt, einem Ex-Regierungschef außerhalb der Grenzen seines Staates für strategisch geplante ethnisch -religiöse „Säuberungen“, für den Massenmord an Bürgern des eigenen Landes der Prozess gemacht. Das Urteil wurde zum Weckruf für ein neues universales  Menschenrechtsdenken. 1948 wurde es in der einstimmig beschlossenen Genozid-Konvention der Vereinten Nationen kodifiziert. Und diese UN-Konvention  hat, federführend, Ralph Lemkin initiiert, der im Juli 1921 als junger Rechtsstudent den Moabiter Prozess genau verfolgt hatte.

Ralph Lemkin konnte damals nicht ahnen, dass dieser Talât Pascha die Türkei weit über den Ersten Weltkrieg hinaus prägen sollte, dass er – und keineswegs Kemal Atatürk – der Vater der modernen Türkei und das Leitbild  des Vorsitzenden der AKP-Partei und heutigen islamistisch autoritären Staatspräsidenten Recep Tayyp Erdogan ist. Ralph Lemkin vermochte 1921 auch nicht zu ahnen,  dass Talât mit dem Völkermord an den Armeniern ein neues Muster politischen Handelns begründete, das Europa im 20. Jahrhundert verheerte. Talat Pascha war der politische Vor-Denker und Rechtsradikalist, der  imperiale Nationalist und diktatorische Begründer des Ein-Parteien-Systems, der  im 20.  Jahrhundert Schule machte. Er war die Originalvorlage  für Lenin, Stalin, Hitler und Mussolini. Sie rechtfertigten sich, wie er, als Retter von Bevölkerungsmehrheiten, die sie angeblich vor Minderheiten schützen mussten, die im Bund mit gefährlichen ausländischen  Mächten stünden und darum zu vernichten wären. Talat Pascha zählt, obwohl es noch immer kaum jemand weiß, zu den prägenden  Figuren der türkischen, kleinasiatischen, deutschen und europäischen Geschichte. 

Deshalb hat diese Biographie von Hans-Lukas Kieser eine besondere Bedeutung. Sie klärt über diesen 1874 geborenen Mann aus kleinen Verhältnissen auf, der es ohne Schulabschluss in den Staatsdienst schaffte: ein Telegrafenbeamter, der mit den Jungtürken Karriere machte, die wie er vom Balkan kamen, den die Osmanen ab dem 19. Jahrhundert zunehmend verloren. Er war einer der Vertriebenen, die von der Wiederherstellung des Imperiums in Kleinasien träumten, die sie dann – unter Talats Führung und später mit  Kemal Atatürk – skrupellos betrieben.

Es ist dies weltweit die erste –  wissenschaftliche, für ein allgemeine Publikum geschriebene – Biographie.  Und sie ist umso wichtiger, als es zwar, angefangen mit detaillierten, eindringlichen Berichten von Augen- und Zeitzeugen eine umfangreiche Literatur zum Thema des Genozids am armenischen Volk gibt. Doch hat meines Wissens diesen Genozid bis heute noch kein großer Historiker in seinen geschichtlichen Tiefenkonstellationen und – Verflechtungen umfasst. Der Schweizer Hans-Lukas Kieser, ein ausgewiesener Experte für die Umbrüche am Ende des Osmanischen Reiches, Professor an den Universität Newcastle (Australien) und Zürich, hat also wahre Pionierarbeit geleistet.    

Sie enthüllt neue Dimensionen des Wirkens von Talât Pascha, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, „einem Europa der Diktatoren den Weg ebnet“ (Kieser)  – neuartigen modernen Erlöser-Typen, „die einfache Erklärungen und Lösungen für die großen Probleme der Gesellschaft lieferten  – nämlich Sündenböcke und die gesellschaftliche  Mobilisierung gegen diese Sündenböcke. Indem sie Hass schürten und auf eine Zielgruppe lenkten, stärkten solche Führer die Zusammengehörigkeit ihrer Basis und konnten sie zentralistisch bündeln.“  Dabei konzentriert Kieset sich insbesondere auf die letzten aktiven Jahre, ab 1912, als Talat in seiner Partei, der CVP, zur Spitze aufstieg, nachdem er sie am Vorabend der Balkankrise aus einer depressiven Lähmung gerissen hatte, und zum Architekten einer chauvinistischen islamischen Türkei wurde. Dies gelang ihm auch dank einer famosen  Fassade, nämlich als Revolutionär ohne  Personenkult, mit einem gewinnenden Lächeln und Charme in jeder Situation. Er war „auf den ersten Blick ein klarer Geist“, aber, so bemerkte der später als Autor von psychologischen Biographien berühmte Emil Ludwig als Weltkriegs-Korrespondent des {Berliner Tagblatts} in Istanbul, „hinter ihm, in ihm liegt ein dämonischer Geist gebändigt an der Kette“.

Die Biographie füllt noch in anderer Hinsicht eine Lücke. Das Osmanische Reich mit seiner Hauptstadt Istanbul war damals ein bedeutender politischer und diplomatischer Knotenpunkt, in dem die imperialistischen Ambitionen von Russland, Großbritannien, Frankreich und Deutschland aufeinander stießen und das revolutionäre Regime der Jungtürken unter TalâtPascha ein wichtiger Faktor für die Entstehung und den Verlauf des Ersten Weltkriegs wurde – ein Faktum, das in den bisherigen Gesamtdarstellungen unterbelichtet blieb. Sie hatten eine zu enge, eurozentrische Einfassung. Bei Kieser tritt diese orientalische Perspektive nun deutlich hervor, wie sie für die Entwicklung dieses Krieges zur Urkatastrophe Europas und der Welt im 20. Jahrhundert von erheblicher Bedeutung war.  Darum ist diese  Talat-Pasch-Biographie auch den Lesern des Geschichtswerkes  „Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“ von  Christopher Clark zu empfehlen.                                             

Gerhard Beckmann

Hans-Lukas Kieser: Talât Pascha. Gründer der modernen Türkei und Architekt des Völkermords an den Armeniern. Eine politische Biografie. Aus dem Englischen übersetzt von Beat Rüegger. Chronos Verlag, Zürich 2021. 439 Seiten, mit 29 AbbIldungen, 48 Euro. 

 Gerhard Beckmann, den wir als regelmäßigen Mitarbeiter von CulturMag mit Freude an Bord haben, ist einer der profiliertesten Menschen der deutschen Verlagsszene. Seine Kolumne „Beckmanns Große Bücher“ im Buchmarkt stellt kontinuierlich wirklich wichtige Bücher mit großer Resonanz vor. Seine Texte bei uns hier