Posted On 15. April 2017 By In Crimemag, Film/Fernsehen With 191 Views

Essay: Sonja Hartl zum filmischen Anspruch beim „Tatort“

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Krimi-Revolution im Fernsehen

Es gibt da so einen Reflex im Feuilleton und gelegentlich auch in Online-Magazinen, in denen plötzlich Fernsehsendungen „Kinoformat“ zugesprochen wird. Sagt Sonja Hartl.

Sehr zuverlässig tritt er in zwei Fällen auf: Bei einer gehypten Serie aus den USA auf, die in Deutschland noch nicht zu sehen ist. Oder wenn ein renommierter Regisseur eine Tatort- respektive Polizeiruf-Folge inszeniert. In diesem zweiten Fall kommt dann eine weitere wiederkehrende Bewertung hinzu. Es wird nicht nur die „Magie des Filmischen“ (FAZ) wie bspw. bei Christian Petzolds „Wölfe“-Polizeiruf beschworen, sondern zudem die Außergewöhnlichkeit dieser Folge betont. Als Dominik Graf nach 18 Jahren im Jahr 2013 erstmals wieder bei einer Tatort-Folge Regie führte, titelte die Welt „Dieser „Tatort“ ist dank Dominik Graf ganz anders“.

An diesen Bewertungen habe ich gar nichts auszusetzen. Petzolds Polizeirufe sind ebenso hervorragend wie Grafs Tatorte und weichen natürlich von der seriellen Sonntagabendkrimikost ab. Die ist längst vielmehr eine Regionalgeschichte mit Mord geworden, einzig der Murot-Tatort mit Ulrich Tukur verspricht regelmäßige Abwechslung. Aber der wird auch nur einmal im Jahr ausgestrahlt. Was mich vielmehr ärgert, ist zweierlei: Hier wird etwas hochgejubelt, das eigentlich ins Kino gehört. Wer daran zweifelt, sollte beim Filmfest München einmal eine Vorstellung in der Sektion Neues deutsches Fernsehen besuchen, die im Kino stattfindet, und dort auf der großen Leinwand besagten Polizeiruf tat6sehen. Oder eben Dominik Grafs Zielfahnder, der dann immerhin am Samstagabend im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Aber bei allen begrüßenswerten Genre-Entwicklungen im deutschsprachigen Kino – genannt seien hier stellvertretend Zwischen den Jahren oder Einer von uns – ist es weiterhin so, dass Krimi vorwiegend im Fernsehen stattfindet. Und das führt zu dem zweiten Ärgernis: Die Begeisterung über diese Folgen des Tatorts und Polizeirufs ist immer verbunden mit bekannten Namen. Dass Petzold und Graf gute Filme machen, wissen wir. Dass Tukur ein guter Schauspieler ist, wissen wir auch. Nur selten ragt eine Folge aus dem Tatort-Allerlei heraus und wird mit so viel Aufmerksamkeit bedacht, wenn ein weniger etablierter Name dahintersteckt.

Hoffnung 

Aber nun gab es ein wenig Hoffnung. In einem untypischen Anflug von Optimismus hinsichtlich des Krimis im deutschsprachigen Fernsehen bemerkte ich, dass sich vielleicht auch die Verantwortlichen Redaktionen mancher Tatort­Redaktionen dachten, wir brauchen mal frischen Wind, lass uns doch etwas Neues ausprobieren. Nun wünsche ich mir seit langem sehr ungehört, dass man erfolgreiche Formate wie den Tatort nutzt, um Nachwuchsfilmern eine Chance zu geben. Im Grunde genommen stelle ich mir das so vor: auf den jeweiligen Filmhochschulen arbeiten die Studierenden daran, ein Konzept für eine Tatort¬Folge zu entwickeln, natürlich unter Berücksichtigung der wiederkehrenden Besetzung und Laufzeit. Das beste Konzept wird dann ausgewählt und realisiert. Das Ergebnis: der Nachwuchs bekommt eine Chance – und ein altes Format vielleicht neue Impulse. Aber das wäre dann wohl doch zu viel Innovation und Risiko. Stattdessen hat man Axel Ranisch und David Wnendt engagiert, zwei Regisseure, von denen jüngst im deutschsprachigen Kino einige Impulse ausgegangen sind – und von denen man sich fraglos neue Ansätze versprechen konnte.

tat2Struktur oder nicht?

Ausgerechnet den dienstältesten aller Tatort-Schauplätze hat Axel Ranisch übernommen. Seit 1989 ermittelt Lena Odenthal in Ludwigshafen, nun trifft sie mit Axel Ranisch auf einen Regisseur des German Mumblecore, der mit einem minimalen Drehbuch – Autor Sönke Andresen hat keine Dialoge geschrieben, nur Szenen und Figuren charakterisiert, keine der Kommissarinnen kannte den Täter – und mit Laiendarsteller_innen arbeitet. Es wird improvisiert bei den Ermittlungen in dem Todesfall der Mundarttheaterleiterin Sophie Fettèr (Malou Mott), die an einem allergischen Schock gestorben ist. Dieser Inszenierungsstil führte nun bisweilen zu ganz wunderbaren Handlungssträngen, beispielsweise gibt es kein Kompetenzgerangel zwischen Odenthal und ihrer jüngeren Kollegin Johanna Stern (Lisa Bitter), sondern sie tun, was viele Frauen entgegen der medialen Darstellung tun: Sie unterstützen einander. Er führte aber auch zu einer eher nachmittagsserientauglichen Beerdigungs- und unzählig starr-stereotypen Befragungsszenen. Als Experiment und auch als Statement war diese Folge daher sicherlich interessant, zumal hier der Mumblecore zumindest vorerst an eine Grenze gestoßen sein könnte: Braucht ein Krimi vielleicht doch mehr Drehbuch und entwickelten Plot, mehr Struktur und Planung als im German Mumblecore (oder generell im Mumblecore) genutzt wird? Dabei erscheint es auf den ersten Blick verführerisch, mit Improvisationen gerade einer Kriminalgeschichte mit begrenzten Schauplätzen und traditionellen Whodunnit-Struktur einige neue Impulse zu geben. Vielleicht gelingt ja Ranischs zweiter Tatort-Versuch besser: „Waldlust“ ist bereits abgedreht, hier werden nur professionelle Schauspieler eingesetzt und es soll auch mehr Krimi geben.

tatFarbe, Action, Überraschung

David Wnendts erster Tatort-Einsatz hängt mit Axel Milberg zusammen, der in seiner großartigen Feuchtgebiete-Adaption mitspielte und ihn damals fragte, ob er nicht einmal Lust habe, einen Tatort zu drehen. Hatte er augenscheinlich – entstanden ist Borowski und das dunkle Netz, den ich nur durch das gelangweilte durchs Programmblättern überhaupt entdeckt hatte. Verwundert hat mich schon, dass so wenig Werbung dafür gemacht wurde. Sicherlich ist mein Lieblings-Tatort nicht von allen der Lieblings-Tatort, aber die letzten Regiearbeiten von David Wnendt waren schon so interessant, dass hier ein wenig mehr Aufmerksamkeit und Werbung zu erwarten gewesen wäre.

Aber nun zu der Folge: Im Drehbuch haben sich Wnendt und Thomas Wendrich an die Grundregeln gehalten – ein Mord in den ersten zehn Minuten, keine Rückblenden, Rätselraten um den Täter bis fast zum Schluss. In der visuellen Inszenierung aber gibt es einige Unterschiede: Wnendt arbeitet mit einer für den Kieler Tatort ungewöhnlich kräftigen Farbpalette, hinzu kommen originelle Einstellungen von einzelnen Tropfen – und eine hinreißende Eröffnungssequenz (Kameraarbeit: Benedict Neuenfels). Der erste Mord ist komplett aus Sicht des Täters zu verfolgen. Hier verbindet sich Unmittelbarkeit mit dem Eindruck, man spiele einen Egoshooter, bei dem man die Kontrolle über die Figur verloren habe. Mit dem Täter rast man durch ein Fitnessstudio auf der Suche nach dem Opfer, erlebt den Schrecken der Anwesenden, den tödlichen Schuss und die Prügelei mit einem Sportler mit. Erst am Ende übernimmt tat7mit einem Schnitt die Überwachungskamera die Perspektive, die sich dann nach einem weiteren Schnitt als Blick auf den Monitor entpuppt. Ohnehin gibt es einige äußerst gelungene Actionsequenzen – beispielsweise eine äußerst temporeiche Verfolgungsjagd von Sarah Brandt (Sibel Kekilli), die in einer Frauenumkleidekabine endet (dessen genaue Ausgestaltung von mir mit Szenenapplaus bedacht wurde). Hinzu kommt im Drehbuch die grundsätzlich reizvolle Idee, den technikfremden, ja, fast schon -feindlichen Borowski auf das Darknet treffen zu lassen, wodurch es zudem eine Begründung innerhalb der Handlung gibt, ihm und den Zuschauern das Darknet sowie dessen Funktionsweisen mit animierten Einspielern zu erklären. Sicherlich wurden sie im Internet durchaus belustigt aufgenommen. Aber ich glaube, dass tatsächlich schon einige nicht wissen, dass das Internet mehr als das World Wide Web ist, und dementsprechend mit Darknet noch weniger anfangen können.

Auch bei Wnendts Tatort war auch nicht alles gelungen – gerade gegen Ende hin mehrten sich Nachlässigkeiten (die Befragung des Sohnes) und Unglaubwürdigkeiten („Ich glaube, ich habe etwas übersehen!“, der gelbe Zettel). Insgesamt aber kann dieser Tatort nicht verhehlen, dass er mit dem Tempo in der ersten Stunde und dem visuellen Einfallsreichtum weit über das Mittelmaß herausragt. Ganz glücklich war man beim NDR aber mit dem Ergebnis wohl nicht, darauf deutet schon die fehlende Werbung. Außerdem war die Folge wohl für November vorgesehen und wurde nun still im März versendet. Und auch David Wnendt war wohl alles andere als zufrieden mit der Zusammenarbeit – in der Welt wird er jedenfalls mit den Worten zitiert, er drehe nie wieder einen Tatort mit dem NDR.

Quote?

Es wäre sehr schade, wenn sich diese begrüßenswerte Entwicklung nicht fortsetzen würde, weil die Zusammenarbeit mit den zuständigen Redaktionen zu schwierig ist oder sich die erhofften Quoten nicht einstellen. Oder vielleicht müsste man daraus eine andere Lehre ziehen und größer denken: Keinen Krimi mehr nur fürs Fernsehen, sondern in Anlehnung an Mumblegore startet Axel Ranisch Mumblecrime im Kino. Oder David Wnendt inszeniert einen Hacker-BND-Thriller mit Sibell Kekilli als LKA-Fahnderin in brillant aufgelösten Bildern. Aber bis wir dahin kommen, freue ich mich erst einmal über jeden Genre-Hoffnungskrumen, den ich hingeworfen bekomme: Dietrich Brüggemann hat auch einen Tatort dreht – der Stuttgarter Fall „Stau“ soll am 10. September 2017 ausgestrahlt werden.

Sonja Hartl

Dieser Beitrag erschien zuerst  auf im Blog „B-Roll“ auf kino-zeit.de.
Zum Thema Tatort siehe auch Alf Mayers „Ein offener Brief an an die ARD-Programmkonferenz„.

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