
Wie eine Schatzkarte noch zu hebender Reichtümer
Der französische Schriftsteller Georges Perec, der 1982 im Alter von 45 Jahren in Paris starb, gehört zu den wichtigen experimentellen Schriftstellern der 20. Jahrhunderts. Er hinterließ ein umfangreiches, allerdings weitverzweigtes Werk, für das er sich immer wieder strengen formalen Regeln unterwarf, die beispielsweise dazu führten, dass er einen Roman verfasste, der ohne den Buchstaben „e“ auskommt: „La disparition“. In der deutschen Übersetzung, die sich ebenfalls dieser Regel verpflichtet, trägt er den wunderbaren Titel „Anton Voyls Fortgang“. Er verfasste einen Zyklus von über 400 Sätzen, die alle mit „Je me souviens“ (ich erinnere mich) beginnen und Details aus seiner Kinder- und Jugendzeit festhalten. (Dieser Band ist noch nicht auf Deutsch erschienen, eine erste Übersetzung von einigen Sätze publizierte 1989 die Literaturzeitschrift „Schreibheft“ in ihrer Nummer 34.) Viele Jahre verfasste er Kreuzworträtsel für eine Zeitschrift, er schrieb Drehbücher und war an der Regie von mindestens zwei Spielfilmen, die auf eigenen Texten beruhten, beteiligt: „Un homme qui dort“ (1973) und „Les Lieux d’une fugue“ (1978). Beide kann man übrigens im Internet finden (hier und hier).
Im deutschsprachigen Sprachraum hat Perec eine komplizierte Rezeptionsgeschichte. Zwar wurde sein erster Roman „Les Choses“, mit dem er 1965 in Frankreich bekannt wurde und für den er den Prix Renaudot erhielt, bereits ein Jahr später vom Stahlberg-Verlag unter dem Titel „Die Dinge“ veröffentlicht. Übersetzungen der anderen Bücher erschienen aber erst nach seinem Tod und in so unterschiedlichen Verlagen wie Volk und Welt, 2001, Reclam, Suhrkamp, Manholt, Wagenbach, Klett-Cotta und Hanser. Die meisten dieser Titel hat Eugen Helmlé übersetzt, der ihn früh an die Hörspielredaktion des Saarländischen Rundfunks vermittelte.Für diesen Sender entstanden dann ab 1968 insgesamt sechs akustische Arbeiten, die für Aufmerksamkeit sorgten und mehrfach ausgezeichnet wurden. Der Saarländische Rundfunk hat sie seit einem Jahr online gestellt, so dass sie frei zugänglich sind.
So war Perec in Deutschland als Hörspielautor bekannt, während man seine Texte kaum las, während er in Frankreich spätestens Mitte der 1970er-Jahre als Schriftsteller einen Namen hatte, dessen Hörfunkarbeiten hingegen vollkommen unbekannt waren. Seit 2012 erscheinen seine Bücher auf Deutsch dankenswerterweise im Zürcher Diaphanes-Verlag.

Dieser Verlag brachte dieser Tage die umfangreiche Perec-Biografie heraus, die der englische Literaturwissenschaftler David Bellos verfasst hat. Ihr Titel: „Georges Perec – Ein Leben in Wörtern“. Es handelt sich um die von Sabine Schulz übersetzte Neuauflage eines Buches, dessen erste Fassung 1993 in Englisch und ein Jahr später auf Französisch erschienen war. In der Neuauflage von 2021 korrigiert der Autor einige Fehlinterpretationen, die ihm bei seiner Arbeit Anfang der 1990er-Jahre unterlaufen waren und die er nun mühelos eingesteht.
Auf seinen 641 Seiten – hinzukommt noch der Anmerkungsapparat und ein Verzeichnis aller Werke von Perec – rekonstruiert Bellos detailreich und auf der Basis vieler Aussagen von Verwandten, Freunden und der Lebensgefährtin (und Filmregisseurin) Catherine Binet das Leben von George Perec. Er schildert eine Kindheit, in der Perec als Sohn aus Polen eingewanderter jüdischer Eltern den Terror, den Nazi-Deutschland auch in Frankreich und auf die dort lebenden Jüdinnen und Juden ausübte, am eigenen Leib erleben musste. Sein Vater meldete sich als naturalisierter Ausländer bei der Fremdenlegion, um Frankreich 1940 beim Einmarsch der deutschen Truppen zu verteidigen. Er wurde nach wenigen Tagen von einem Granatsplitter getroffen und starb kurz darauf in einem Lazarett. Die Mutter wurde 1943 von der französischen Polizei bei einer Razzia verhaftet und nach 19 Tagen, die im Lager Drancy verbringen musste, nach Auschwitz deportiert, wo sie vermutlich direkt nach der Ankunft wie die meisten des Transports mit Gas ermordet wurde. Ihr Sohn überlebte, weil sich andere Teile der Familie in eine schlecht zugängliche Gebirgsgegend bei Grenoble zurückgezogen hatten, in die erst im Herbst 1943 deutsche Truppen vordrangen. Zu dieser Zeit lebten sie bereits mit falschen Papieren, also under cover, während Georges Perec in dieser Gegend ein katholisches Internat besuchte.
Teile dieser Familiengeschichte hat der Schriftsteller 1975 in seinem Buch „W ou le souvenir d’enface“ (W oder die Kindheitserinnerung) niedergelegt, vertrackt kombiniert mit der Reisebeschreibung einer Insel am Rande der Welt, in der ein Lager-Regime unter der Maxime des Leistungssports herrscht. Bellos vergleicht nun das, was Perec als Kindheitserinnerung niedergelegt hat, mit dem, was er als Biograf recherchiert hat, und entdeckt so eine Reihe von Widersprüchen, Überschreibungen und Hinzufügungen. Das ist weniger als Richtigstellung gemeint als ein Hinweis darauf, dass Perec mit dem, was Erinnerung heißt (oder aber auch Traum), permanent experimentiert hat. Er, der in Beschreibung von Räumen und Plätzen realistisch vorging und sich akribisch an die Oberfläche der Dinge hielt, verrätselte in seinen literarischen Texten das eigene Ich wie das Leben vieler Figuren seiner Romane. Bellos erfasst so auch die Geschichte der anderen bekannten Texte von Perec, was die (Wieder-)Lektüre eines großen Romans wie „La vie mode d’emploie“ (Das Leben Gebrauchsanweisung) ungemein erhellt.
Bellos legt überzeugend dar, wie Perec sein Schreiben widrigen sozialen Verhältnissen und einem Körper abringen muss, der durch die Mangelerfahrungen aus der Zeit, als er untertauchen musste, geschwächt war. So arbeitet er, um leben zu können, viele Jahre hauptberuflich als eine Art Archivar in einem medizinischen Forschungseinrichtung, ehe er erst in seinen letzten Lebensjahren durch einen Verlagsvertrag allein vom Schreiben leben konnte. Bellos zeichnet das Geflecht aus Freundschaften nach, das Perec in kritischen Situationen und bis in den Tod stützte. Er beschreibt einige Treffen der Schriftstellervereinigung Oulipo, die der Schriftsteller Raymond Queneau und der Mathematiker Francois Le Lionnais 1960 gegründet hatten und der Perec ab 1966 angehörte. Diese Vereinigung, die bis heute existiert, verschreibt sich der experimentellen Erforschung der literarischen Sprache. Beispielsweise durch selbstgesetzte Regeln, wie sie Perec in „La disparition“ (Anton Voyls Fortgang) befolgte, als er auf 360 Seiten (im Deutschen) auf den Vokal „e“ verzichtete. Auf weitere noch komplizierter verregelte Sprachkunstwerke verweist Bellos in seiner Biografie, die man somit auch als eine Karte zu Schätzen von Perec verstehen kann, die zumindest im deutschsprachigen Raum noch zu heben sind.
Manchen kleinen Fehler – ob im Original oder in der Übersetzung – verzeiht man dieser Biografie ebenso wie einige Redundanzen. Die Lebensgeschichte und das Werk von Perec sind umfassend in eine politische und soziale Geschichte eingebettet. Sie ist bar jeder literaturtheoretischen Spekulation und frei von geisteswissenschaftlichem Jargon. Man liest sie gerne, um dann zu den Büchern zu Perec zu greifen, die man einst verschlang oder deren Lektüre man – auch das sei eingestanden – einst irritiert abbrach.
Und man denkt darüber nach, was aus vielen Projekten von Perec wohl geworden wäre, die Bellos aus der Hinterlassenschaft zitiert, etwa die Idee eines Kinderromans, der von einem Mannes erzählen wollte, der so klein war, dass ihn keiner sehen konnte. Oder ein Filmprojekt, das Perec 1978 gemeinsam mit dem Spielfilmregisseur Jean-Paul Rappeneau entwickelt hatte, das als „leichte Komödie“ von einem Aufbrechen all der Nationalströmungen erzählen wollte, die damals noch in Staaten wie Jugoslawien oder der Sowjetunion, aber auch Frankreich oder Belgien zusammengefasst waren. Das wäre eine Komödie geworden, die wenige Jahre später zu einem blutigen Drama mutiert wäre.
Zu denken wäre auch, was Künstliche Intelligenz heute zu jenem Hörspiel „Die Maschine“ von 1968 sagte, in dem George Perec einem Computer zuschreibt, ein Gedicht von Goethe auf mannigfache Weise zu untersuchen, zu variieren, zu persiflieren und systematisch aufzulösen. Dass es sich um das Gedicht „Wanderers Nachtlied“ handelt, das mit den Worten endet: „Warte nur! Balde/ Ruhest du auch“, zeugt vom lakonisch, mitunter bösen Witz des George Perec.
David Bellos: Georges Perec. Ein Leben in Wörtern (Georges Perec. A Life in Words, 2021). Aus dem Englischen von Sabine Schulz. Diaphanes, Zürich 2023. 704 Seiten, Hardcover, 45 Euro.
Siehe auch bei uns: Dietrich Leder über abgründiges Erzählen. Georges Perec und das Gift des Originals















































