Geschrieben am 1. August 2021 von für Crimemag, CrimeMag August 2021

Christopher Werth: Playing Video Games (9) „Mundaun“

Wie ein paar Teufelshörner überragt die Doppelspitze des Piz Mundaun das pittoreske Alpenpanorama. Und der Teufel steckt hier nicht nur im Detail. Sein Gift hat die traumhafte Idylle und ihre Bewohner seit einem mysteriösen Pakt vor einer aussichtslosen Schlacht in einem längst vergangenen Krieg bis heute durchdrungen. 

Das Horror-Spiel Mundaun ist einer der internationalen Indie-Überraschungserfolge des Jahres 2021. Und das, obwohl das Spiel auf den ersten Blick alles tut, um Erfolg zu verhindern. Mundaun ist komplett mit Bleistift gezeichnet und monochrom in Sepia- und Grautönen gehalten. Alle Charaktere sprechen Rätoromanisch – eine Sprache, die nur höchstens 60.000 Menschen auf dieser Welt verstehen. Das Setting in Graubünden in den Schweizer Alpen ist für das Horror-Genre zumindest untypisch. Und nach Aussagen des Schöpfers Michel Ziegler aus Luzern ist die Realisierung des Projekts nur einer Zufallsbegegnung auf einer Game-Messe in San Francisco zu verdanken.

Zur Story: Am Anfang fahren wir in der Ego-Perspektive des Protagonisten Curdin im typischen Postauto auf einer steil ansteigenden, kurvigen, engen Straße durch die Graubündner Alpen und schauen aus dem Fenster. Wir lesen dabei einen Brief des Berg-Pfarrers Jeremias. Der gibt erste Hinweise darauf, dass Curdins Großvater bei einem Feuer in einer Scheune ums Leben gekommen ist und etwas nicht stimmen kann. Also statten wir diesem Pfarrer und Großvaters leerem Haus einen Besuch ab. 

Nach und nach setzt schon in diesem Prolog eine sogartige Immersion ein. Die vorbeiziehende Bleistiftwelt, die bedrohlich-atmosphärische Musik, das realistische Sound-Design und der fremdartige Singsang der rätoromanisch gesprochenen Dialoge schaffen eine einzigartige Atmosphäre. Und wer sich darauf einlässt kann mit etwas Geduld Schritt für Schritt die Bergwelt erkunden und Rätsel für Rätsel herausfinden, was es mit dem Großvater, dem Feuer und den Schatten seiner Vergangenheit auf sich hat. 

Das Spiel fühlt sich dabei schon fast entschleunigend wie Digital-Detox an. Obwohl es mit modernster Software am Rechner entstanden ist, gibt das Handgezeichnete der Digitalität eine fast schon reale Körperlichkeit. Alle Elemente, Charaktere und Texturen wie von Felsen, Mauern, Holz und Pflanzen wurden zuerst aufwändig auf Papier gezeichnet und dann in einem zweiten Schritt eingescannt und auf die 3D-Objekte in der Game Engine gelegt.

Das Klischee des Alpen-Entertainments ist der gut gelaunte Heimatfilm, bei dem alles am Ende gut ausgeht und die Welt gesund und in perfekter Ordnung ist. Mundaun stellt diese Welt auf den Kopf. Auf der anderen Seite der Medaille sind ein Leben in Kargheit und Entbehrung, düstere Sagen und Märchen sowie Aberglauben und die zeitlose Urangst vor der Gewalt der Natur. Mit seiner Bleistift-Technik zeigt Michel Ziegler gleichzeitig atemberaubende Schönheit und ihre entgegengesetzten Abgründe und Schatten. So werden alle, die Mundaun gespielt haben, die Bündner Alpen in neuem Licht sehen.

Hier geht’s zum Trailer:

Hier geht’s zum Making of:

© für alle Bilder: Hidden Fields Games & MWM Interactive

Veröffentlichung: 16. März 2021
Director, Artist, Game Designer: Michel Ziegler
Sound Design: Eric Lorenz
Composer: Michel Barengo
Story Co-Author: Gabrielle Alioth
Entwickler: Hidden Fields
Publisher: MWM Interactive
Modus: Einzelspieler
Spieldauer: 5 bis 7 Stunden

Plattformen: PlayStation 4, Nintendo Switch, Microsoft Windows, Mac OS, PlayStation 5, Xbox Series, Xbox One
Genres: Adventure, Horror-Computerspiel, Indie Game, Puzzlespiel, Horror

hristopher Werth bei uns hier.
Seine Kolumne:
Playing Video Games (8): Metro Exodus
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Playing Video Games (5): Detroit: Become Human
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