Geschrieben am 1. Dezember 2022 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2022

Bauten hören, riechen und schmecken

Hazel Rosenstrauch über ein Buch zur Vielfalt des Bauens

Architektur, steht im ersten Satz, bestimme unser Lebensgefühl, sie kann beglücken oder verstimmen. Gebäude hätten eine Sprache, sie können schmecken und klingen oder ein ungutes Gefühl im Bauch erzeugen. Die Autoren bzw. die Autorin und der Autor haben nichts weniger im Sinn, als die “dreidimensionalen Raumbotschaften” von Architektur für Laien verständlich(er) zu machen. In fünf Kapiteln führen sie durch Geschichte und Konzepte, Stile, Materialien, erläutern Raumaufteilungen und Stile. 

Die Vorstellungen von Schönheit und die “verborgenen Regeln” kommen “natürlich” aus der Antike, das erste Kapitel ist ein bisserl schwierig, aber man kann die Lektüre auch in der Mitte beginnen. In den Abschnitten ‘Architektur und Persönlichkeit’ und erst recht im Kapitel über Architektur und Gesellschaft wird man mit Beispielen gefüttert, wie an die Stelle egomaner Stars und eitler Bauherren neuerdings Kollektive treten, wie Demokratie qua Raumaufteilung in Klassenzimmer eindringen und die Botschaft des Raums statt Disziplin und Gehorsam in Freude am Lernen und Kooperation verwandelt wird. Inzwischen haben Frauen die Männerdomäne durchmischt und die Autoren diagnostizieren einen Geschlechtervorteil: “Eine besondere Kompetenz für alltagsnahe Erfordernisse in der Architektur zieht sich unterhalb der spektakulären Projekte wie ein roter Lebenspraxis-Faden durch die Architektinnen-Geschichte.” 

In jedem der Beispiele haben die Autoren herausgearbeitet, wie eng architektonische und gesellschaftliche Entwicklungen verzahnt sind, wie mit Gebäuden Politik und eben auch Hoffnung gemacht wird. Man erfährt viel über neuere Entwicklungen, über Bodenpreise, Beton und einem Bauen mit recycelten oder vorgefundenen Materialien. Und über die gar nicht so schlechten Aussichten auf einen Wandel, der bereits im Gange ist. Denn auch im Bauen gibt es eine Zeitenwende: Architektur verändert sich, wenn Leute gefragt werden, wie sie leben wollen, weil über das soziale und über das Weltklima nachgedacht wird, weil mehr Frauen bauen; es ändert sich, wenn Genossenschaften als Bauherren auftreten, und wenn eine Tankstelle vorübergehend in ein Kino verwandelt wird. Wenn man in dem Band mit edlem  Papier hin- und herblättert, versteht man mehr von Licht und Schatten, Atmosphäre und “optischer Temperatur” und wird womöglich innehalten, um zu erkennen, warum sich Häuser eng oder grenzenlos anfühlen, weich und warm oder kalt und starr. 

Bei meiner nächsten Fahrt zum Berliner Kulturforum werde ich das Dach der Neuen Nationalgalerie anders als bisher anschauen, weil ich nun weiß, wie harmonisches Aussehen und  “Kurvatur” zusammenhängen und dass Kanten nicht gerade sein müssen, sogar nicht sollen – wie interessanterweise schon die alten Griechen wussten, auch wenn sie noch keine Theorie dafür hatten. Auch wenn ich noch immer nicht verstehe, wie sich die Hyperbel um ihre Nebenachse dreht, bin ich entzückt von den Erzählungen über die Experimente eines Schuchow, der den Radioturm in Moskau plante und davon, wie Brunelleschi das Problem des Materialtransports für die berühmte Kuppel des Florentiner Doms gelöst hat. Spannend ist u.a. der Bericht, dass Schuchow schon in den 1920er Jahren Lösungen für Hängedächer und Bogenkonstruktionen entworfen hat und ein Pionier der “biomorphen Architektur” war, die erst sehr viel später von “Visionären der Leichtigkeit” mit Zeltdächern und Glaskuppeln realisiert wurden. Nebenbei bemerkt sind derlei Informationen ein nützlicher Stoff, um der Hybris der Gegenwart mit Skepsis zu begegnen. 

Für Nicht-Laien enthält der Band viele Anmerkungen, ein Personenregister und Literaturangaben, die mit einem Gedicht von Gottfried Keller beginnen. Wenn ich die vielen Menschen beobachte, die gehend zu Boden, nein, auf ihr Handy schauen, möchte ich ihnen mit seiner Zeile zurufen: “Trinkt, o Augen, was die Wimper hält.” Nicht nur Papier und Cover sind edel geraten, ich habe auch keinen einzigen Druckfehler gefunden. Der einzige Makel sind die Zeichnungen, Fotos und Pläne, die aus technischen Gründen nur klein abgebildet werden konnten. Drum wünsche ich mir, den Autoren und dem Verlag, dass aus den Bilderchen eine Ausstellung gemacht wird, die durch die Lande touren könnte. 

  • Gerd Ackermann, Ulrike Pfeil: Architektur Geschichten. Von der Vielfalt des Bauens, Stuttgart 2022

Hazel E. Rosenstrauch, geb. in London, aufgewachsen in Wien, lebt in Berlin. Studium der Germanistik, Soziologie, Philosophie in Berlin, Promotion in Empirischer Kulturwissenschaft in Tübingen. Lehre und Forschung an verschiedenen Universitäten, Arbeit als Journalistin, Lektorin, Redakteurin, freie Autorin. Publikationen zu historischen und aktuellen Themen, über Aufklärer, frühe Romantiker, Juden, Henker, Frauen, Eitelkeit, Wiener Kongress, Liebe und Ausgrenzung um 1800 in Büchern und Blogs.  Ihre Internetseite hier: www.hazelrosenstrauch.de

Ihre Texte bei CulturMag hier. Ihr Buch „Karl Huss, der empfindsame Henker“ hier besprochen.Aus jüngerer Zeit: „Simon Veit. Der missachtete Mann einer berühmten Frau“ (persona Verlag, 112 Seiten, 10 Euro). CulturMag-Besprechung hier.

Tags : , ,