Geschrieben am 1. November 2021 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2021

Alf Mayer: Frida Kahlo XL

Flamme bin ich sicherlich

Ja! Ich weiß, woher ich stamme!
Ungesättigt gleich der Flamme
Glühe und verzehr‘ ich mich.
Licht wird alles, was ich fasse,
Kohle alles, was ich lasse:
Flamme bin ich sicherlich!

(Friedrich Nietzsche)

Sie malte den Schmerz, die Liebe, den Stolz und die Zärtlichkeit. Die Revolution. Mexikanische Todesvorstellungen. Die indigene Geschichte Amerikas. Die moderne Frau. Sich selbst, dies über 50 Mal. Es gab viele Fridas, längst nicht nur die Schmerzensfrau. Sie ist die vermutlich weltweit bekannteste Künstlerin überhaupt. Eine Ikone. Eine der Schlüsselfiguren (nicht nur) der bahnbrechenden mexikanischen Moderne – als Künstlerin eine Vorreiterin für Geschlechtergerechtigkeit, Sexualität und Feminismus. Jetzt erlaubt ein geradezu sensationell ausgestatteter Monumentalband aus dem Verlag Taschen, sie endlich umfassend kennenzulernen. In der XXL-Monografie werden sämtliche Gemälde Frida Kahlos, viele kaum bekannte Fotografien, dazu Tagebuchseiten und Briefe sowie eine umfangreich illustrierte Biografie publiziert. 

Zum großen Verdienst des sorgfältig editierten Buches gehört ein vollständiges Verzeichnis der Gemälde, das auch die verloren gegangenen Bilder dokumentiert. Alle 152 Werke werden ausführlich vorgestellt, in ihren kreativen Zusammenhang eingeordnet und unter neuester kunsthistorischer Perspektive kommentiert. Präsentiert werden auch Werke aus Privatsammlungen, für die breite Öffentlichkeit schwer zugänglich, sowie Arbeiten, die bislang als verschollen galten oder seit mehr als 80 Jahren nicht mehr ausgestellt waren. 

Der Band ist die bisher umfangreichste Studie zu Frida Kahlos Gemälden. Die brillanten Reproduktionen – printed in Italy und teilweise über die Größe der Originalwerke hinausgehend – erlauben es, dieser Künstlerin so nahe wie noch nie zuvor zu kommen. Dazu gibt es Zeichnungen, Tagebuchseiten, Briefe sowie eine umfangreich illustrierte Biografie mit Fotos von Frida, ihrem Ehemann Diego Rivera und der Casa Azul, ihrem Zuhause. Große Fotografen wie Edward Weston, Manuel und Lola Álvarez Bravo, Nickolas Muray und Martin Munkácsi haben Frida Kahlo (1907 bis 1954) porträtiert. Diese Fotografien, oft seitengroß und allesamt exzellent reproduziert, geben dem gewichtigen Buch eine zusätzliche Präsenz. 50 Seiten alleine verwendet der Band auf Tagebuch und Briefe (manche mit Lippenstiftabdruck). Vier Lebensjahrzehnte ergeben vier weitere Kapitel. Es folgt der mit 140 Seiten sehr umfangreiche Katalog der Bilder. So viel Frida Kahlo war noch nie. Und auch verlagsintern ist damit gegenüber der Monographie über Diego Rivera nun Gleichberechtigung hergestellt.

„Directed and produced by Benedikt Taschen“ heißt es im Impressum, das völlig zu Recht Petra Lamers-Schütze, Anne Hölscher, Ute Kieseyer, Susanne Philippi, Petra Waldraff und Teresa Posada Kubissa mitbenennt. Herausgeber Luis-Martin Lozano hat umfangreich zu Kahlo und Rivera publiziert, ist Kunsthistoriker und Kurator für moderne und zeitgenössische Kunst Mexikos und Lateinamerikas. Auch Andrea Kettenmann ist Kahlo-Spezialistin, hat an zahlreichen Ausstellungen und Katalogen mitgearbeitet und lebt seit vielen Jahren in Mexiko-Stadt. Die Kunsthistorikerin Marina Vázquez Ramos ist Direktorin der Fotografiesammlung und des Zeitungsarchivs der Bibliothek Mario Vázquez Raña. Sie alle haben Jahre ihres Lebens an dieses Buch gegeben. Wir sind die Beschenkten.

Schau mich an, ecce homo, hier ist ein Mensch, sagen Frida Kahlos Selbstbildnisse. Ihr Vater Carl Wilhelm, der sich später Guillermo nannte, stammte aus Deutschland, wurde in Pforzheim geboren, war Fabrikant, wanderte aus, wurde offizieller Fotograf der Regierung Porfirio Díaz. Zu malen begann Frida „aus purer Langeweile, ein Jahr lang bettlägerig zu sein. Und ohne vorher groß zu überlegen. Ich weiß wirklich nicht, ob meine Bilder surrealistisch sind oder nicht, aber ich weiß, dass sie der offenste Ausdruck meiner selbst sind“, schrieb sie 1947.

Der Traum, 1940 © Banco de Mexico Diego Rivera Frida Kahlo Museums Trust / VG Bild-Kunst, Bonn 2021; reproduction authorized by the Instituto Nacional de Bellas Artes y Literatura, 2021
Henry Ford Hospital, Juli 1932 © Banco de Mexico Diego Rivera Frida Kahlo Museums Trust / VG Bild-Kunst, Bonn 2021; reproduction authorized by the Instituto Nacional de Bellas Artes y Literatura, 2021

Bereits als Kind litt sie an Kinderlähmung und den Folgen der Spina Bifida, des offenen Rückens. Am 17. September 1925 kam es auf dem Heimweg von der Schule zu einem schweren Verkehrsunfall. Der Bus, in dem sie saß, wurde von einer Straßenbahn erfasst und gegen eine Hauswand gedrückt. Ihr Rückgrat wurde am dritten und vierten Lendenwirbel verletzt, ihr Becken dreifach, das rechte Bein elfmal gebrochen, die linke Schulter ausgekugelt. Eine stählerne Haltestange bohrte sich in die linke Hüfte und verletzte sie innerlich schwer. Vier Wochen dauerte es, ehe sie aus dem Krankenhaus den ersten Brief schreiben konnte. Zuhause befestigte ihre Mutter einen Spiegel unter dem Baldachin des Himmelbetts, in dem Frida zu liegen kam. Bald begann sie zu zeichnen. Ihr Modell: das eigene Abbild im Spiegel.
Lange blieb sie an dieses Bett gefesselt, später an den Rollstuhl. Beschwerden im rechten Bein, an Becken und Rücken begleiteten sie ihr Leben lang. Unzählige Operationen, drei Fehlgeburten, Kinderlosigkeit, eine Beinamputation kurz vor dem Tod mit nur 47 Jahren bezeugen ein schmerzvolles Leben. Dennoch fehlt ihren Bildern jegliche Inszenierung von Mitleid und Rührseligkeit. Das Wort Resilienz muss für Frida erfunden worden sein.

W. J. Stettler: Diego Rivera beobachtet Frida Kahlo beim Malen; Silbergelatine-Print, New York, Collection of Spencer Throckmorton

Schon bald nach der Eheschließung mit Diego Rivera, dem berühmten Diego Rivera, im August 1929 – sie war 22, er 42 mit bereits drei Ehen und vier Kindern – wurde ihr klar, dass sie schlicht eben nur als Gattin des bekanntesten Künstlers Mexikos wahrgenommen würde, wenn sie nicht zu einer eigenen künstlerischen Persönlichkeit fände. Hier unterschied sie sich schon bald diametral von ihrem Mann, von einem männlichen Blick. Die Malerei wurde ihr zum Mittel für Introspektion und Selbsterkenntnis. „Sie begann, sich die unerschöpfliche Quelle ihres künstlerischen Vermögens zu erschließen: nämlich sich selbst“, heißt es im Katalog im Hintergrundtext zu „Selbstbildnis (Die Zeit fliegt)“ von 1929. Frida zeigt sich darin nicht mehr als verliebte, verletzliche junge Frau, sie ist jetzt „wohlgestaltet“, aufrecht und unerschütterlich wie ein Baum, selbstbewusst in der Haltung, auffällig geschmückt mit einer Jadekette, voller Stolz auf ihre präkolumbianische Vergangenheit. Sie ist jetzt eine junge Mexikanerin mit intellektuellen Ambitionen, ihrem Ehemann nicht unterlegen, sondern ebenbürtig.

Schöne Anekdoten verstecken sich in dem Band, etwa (S. 555) die von ihrem Paris-Besuch 1939, wo sie an der von André Breton geplanten Ausstellung „Mexique“ teilnehmen wollte. Durch Bretons Nachlässigkeit verursacht, steckten ihre Bilder beim Zoll fest, für die Ausstellung waren noch nicht die minimalsten Vorbereitungen getroffen. Stattdessen herrschte Durcheinander. In einem Brief machte sie sich Luft: „Tagelang musste ich wie ein Idiot warten, bis ich schließlich Marcel Duchamp kennenlernte (ein wunderbarer Maler), der einzige in diesem Haufen durchgedrehter Surrealistenärsche, der mit beiden Beinen auf der Erde steht. Er hat meine Gemälde sofort ausgelöst und versucht, eine Galerie zu finden.“ Sie sah dann dort auch Fotografien von Man Ray, genoss noch den Aufenthalt. Und heute gilt Breton als ihr Förderer.

Die zwei Fridas, 1939 © Banco de Mexico Diego Rivera Frida Kahlo Museums Trust / VG Bild-Kunst, Bonn 2021; reproduction authorized by the Instituto Nacional de Bellas Artes y Literatura, 2021

In der Wahrnehmung verschwimmt oft, dass sie Kommunistin war, mit Leo Trotzki befreundet. Das „Selbstbildnis mit abgeschnittenem Haar (Ich schneide mir das Haar mit einer kleinen Schere)“ von 1940 bezieht sich auf die Vielzahl ihrer Identitäten, mit denen sie schon von klein auf experimentierte. „Es gab viele Fridas“, meinte Alejandro Gómez Arias 1977 im Rückblick, ihr erster Freund, den sie auch malte. „Frieda in Flammen“ und „Die Ziegelöfen“ heißen ihre letzten beiden Gemälde. Sie stirbt am 13. Juli 1954. Bevor ihr Leichnam im städtischen Krematorium von Mexiko-Stadt den Flammen übergeben wurde, sangen die anwesenden Gäste die Internationale und andere politische Lieder. Ihre Asche ruht in einer prähispanischen Urne im Museo Frida Kahlo in Mexiko City, im „Blauen Haus“, wo sie zur Welt kam und den größten Teil ihres Lebens verbracht hat. Viva la vida. Es lebe das Leben, sagen uns ihre Bilder.

Alf Mayer

Luis-Martín Lozano, Andrea Kettenmann, Marina Vázquez Ramos: Frida Kahlo. Sämtliche Gemälde. Verlag Taschen, Köln 2021. Hardcover, Format 29 x 39,5 cm, Gewicht 5,42 kg. 624 Seiten, 150 Euro. Verlagsinformationen.

Eine der Internetseiten über Frida Kahlo: www.fridakahlo.org

Der kleine Hirsch, April bis 3. Mai 1946 © Banco de Mexico Diego Rivera Frida Kahlo Museums Trust / VG Bild-Kunst, Bonn 2021; reproduction authorized by the Instituto Nacional de Bellas Artes y Literatura, 2021

Tags : , ,