Geschrieben am 1. September 2022 von für Crimemag, CrimeMag September 2022

Alf Mayer bildet sich mit „Science Illustration“

Die Kunst, Wissenschaft zu begreifen

Alf Mayer über den Band „Science Illustration. Eine Geschichte des visuellen Wissens vom 15. Jahrhundert bis heute“

Wenn man sich erinnert, dass die Erde einmal als Scheibe galt, wird verständlich, welch weiter Weg es zur Wahrheit ist. Das Streben nach Wissen ist immer auch eines nach Erkenntnis, nach dem Boden unter den Füßen. Und dafür braucht es sinnhafte Idee, bildlichen Beweis. Anschauung. Wissenschaftliche Illustration. Die Sinnhaftigkeit dieses Mediums wird deutlich, wenn man sich erinnert, wie manche Illustrationsgrafik uns schon im Kindesalter Zusammenhänge verstehen ließ oder lebenslange Neugier weckte. 

„Wer ein Pflanzenblatt zu zeichnen vermag, vermag die Welt abbilden“, meinte John Ruskin einst. 

Das Medium der Wissenschaftsillustration dient der Kunst, Wissenschaft zu verstehen. Unsere Welt zu begreifen. Deshalb ist sie mir die vornehmste. Jetzt gibt es ein Buch, das dies feiert. Großformatig, 37,2 cm hoch, 3,72 kg schwer, in Europa gedruckt und mit mehr als 300 farbigen Abbildungen für ganze 60 Euro zu haben. Nur ein Verlag wie Taschen kann ein solches Preis-Leistungsverhältnis stemmen. Der Inhalt ist gewichtig.

„Ich lade dazu ein, dieses Buch als eine kleine Feier der Wissenschaft zu sehen“, schreibt Anna Escardó in ihrer Einleitung. Neben Maschinenbau studierte sie auch Literaturtheorie und Vergleichende Literaturwissenschaft.Das brachte sie auf eine ständige Suche nach Brücken zwischen Natur- und Geisteswissenschaften und ins Fachgebiet Wissenschaftskommunikation und Vermittlung von Fachinhalten für Wissenschaftseinrichtungen, Kulturinstitutionen und Unternehmen. Ihr Einleitungstext ist poetisch, ungewöhnlich poetisch muss man sagen. In den ersten zwei Spalten ihrer Einleitung komprimiert sie unser Leben so:

„Wenige Wochen nach der Befruchtung der Eizelle bestimmt ein genetischer Code dein Geschlecht. Sobald du deine ersten Schritte auf Erden machst, merkst du, dass die Schwerkraft es dir nicht leicht machen wird. Und ohne irgendetwas von Newton zu wissen, über die Heisenbergsche Unschärferelation, den Urknall oder das Higgs-Teilchen, bist du da – hier und jetzt! Der Duft des Holzes, frisch gemähten Grases, feuchter Erde, brennender Holzscheite, aber auch der Geruch von Schießpulver, Benzin oder Kerosin prägen sich dir auf immer ein. Irgendein verknöcherter Lehrer wird dich aufrufen und es nicht fassen können, dass du das mit der Atommasse nicht kapierst. Also wirst du dich anstrengen, um doch noch durchzukommen, auch ohne das Geheimnis des Daseins ganz zu verstehen. Und du wirst laufen und laufen, bis du völlig außer Atem bist, dein Leben mit jedem Schritt genießen und erleiden. Die Erde brüllt, die Gebirge glühen, die Sintflut bricht herein. Humboldts Kosmos, Darwins Ursprung der Arten oder die Evolutionstheorie von Wallace – und vor dir liegt dieses ganze Leben. Es gibt so viele Organismen, ebenso lebendig wie du, dass du Tausende von Stammbäumen mit ihnen füllen könntest, und doch verlaufen sie am Ende nur im Nichts. Stille und nichts als Stille…

Auch wenn du nichts von der Planck-Konstante oder dem Welle-Teilchen-Dualismus von Broglie weißt, hast du schon einmal sprachlos vor einem Sonnenuntergang oder den prächtigen Farben einer Herbstlandschaft gestanden. Und obwohl du niemals auch nur eine Zeile der allgemeinen Relativitätstheorie gelesen hast, wird die Zeit dir keine Zugeständnisse machen. Es wird der Tag kommen, an dem du denkst, dass dein Körper dich im Stich lässt und nicht mehr imstande ist, die fast tonnenschwere Last der Luft zu tragen, die ständig auf ihm liegt. Das ist vielleicht der Augenblick, in dem du dich fragst, wie die Natur und dein Körper es eigentlich anstellen, deinen Blutdruck mit dem Druck der Atmosphäre auszugleichen – und in diesem Augenblick kannst du erkennen, wie wunderbar du bist: Wenn du erfährst, dass du aus Flüssigkeiten bestehst, die sich nicht so einfach zusammenpressen lassen und die dich im Gleichgewicht halten, damit die Last der Luft dich nicht erdrückt. Ja, du bist reine Wissenschaft, aber du bist es, der sie in Poesie verwandelt.“ 

Dieses lange Zitat, für das ich Verlag und Autorin danke, erfährt visuelle Entsprechung auf JEDER Buchseite. In vier große Kapitel gegliedert, chronologisch vom 15. bis ins 21. Jahrhundert organisiert und durch viele wissenschaftliche Disziplinen führend, entfaltet sich die visuelle Geschichte unseres Wissens in hervorragend reproduzierten Abbildungen, alle mit ausführlichen Legenden versehen. Jedes Kapitel beginnt mit einem halben Dutzend Porträts der für die Zeit prägenden Wissenschaftler und einer Einführung. Mit einem unglaublichen visuellen Reichtum unterfüttert, entsteht so nichts weniger als eine Enzyklopädie bildhafter wissenschaftlicher Erkenntnisse und ihrer Vermittlung.

Die Autorin freilich bleibt skrupulös:

„Ausgehend von der Universellen Dezimalklassifikation, mit der das gesamte menschliche Wissen aktuell in über 70.000 Fachgebieten katalogisiert wird, habe ich beschlossen, die Wissenschaften nach einem grundlegend hierarchischen Prinzip zu betrachten. Also habe ich nur die Gruppen der formalen Wissenschaften (Mathemathik, Statistik, Logik und Informatik), der Naturwissenschaften (Biologie, Physik, Geologie, Paläontologie und Chemie) sowie einige mit diesen in Verbindung stehende angewandte Wissenschaften ausgewählt (unter anderem Architektur, Medizin und Ingenieurwissenschaften). Die begleitenden Symbole erleichtern es, die jeweilige Wissenschaft in den folgenden Beiträgen auf den ersten Blick zu erkennen. Die Sozialwissenschaften habe ich zu meinem Bedauern in diese Sammlung nicht mit aufnehmen können.“ 

De humani corporis fabrica, Andreas Vesalius, Basel, 1543 © Wellcome Collection

Wir hingegen freuen uns an der Begegnung mit Dürers stupendem „Feldhasen“ von 1502, der allgemein als Anfang der wissenschaftlichen Illustration gilt. Leonardo da Vinci fehlt natürlich nicht, ebenso Andreas Vesalius, der Begründer der modernen Anatomie. Sein „De humani corporis fabrica“ („Über die Beschaffenheit des menschlichen Körpers“ – Gegenstand jüngst auch eines australischen Thrillers von John Byron, CM-Besprechung hier) erschien im Jahr 1543. Der damals 28jährige Flame fasste sein Wissen auf rund 700 Seiten zusammen, beschrieb und zeichnete Knochenbau, Muskeln, Adern, Nerven, Unterleib, Brusthöhle und Gehirn.

Ebenfalls aus dem gleich Jahr datiert „Das New Kreüterbuch“ von Leonhart Fuchs, das mit seiner systematischen Darstellung von rund 400 Wildgewächsen und über 100 Nutz- und Zierpflanzen und seinen bis heute verblüffenden Farbtafeln ein Standartwerk der Botanik ist (meine Besprechung hier). Und ebenso 1543 erschien „De Revolutionibus Orbium Coelestium Libri VI“ von Nikolaus Kopernikus, das die ganze Erde und den Menschen neu verortete und die Sonne in den Mittelpunkt des Universums stellte. 

William Harvey zeigte 1628 den Blutkreislauf, Robert Hooke benutzte  als einer der ersten Forscher ein Mikroskop für seine Studien, veröffentlichte 1665 sein Werk „Micrographia“, benutzte darin zum ersten Mal das Wort „Zelle“. Der Amsterdamer Biologe Jan Swammerdam widmete sein Leben der Erforschung der Insekten, seine „Metamorphosis“ wurde 1669 publiziert. Johannes Franciscus von Sterbeek war 1675 der Autor des „Theatrum fungorum“ und des ersten Aufsatzes über Pilze. Isaac Newton definierte 1687 in seinen „Principia“ das Gesetz der Schwerkraft und die Anziehung zwischen Körpern mit Masse … Seite für Seite blättert sich in diesem Buch Wissenschaftsgeschichte auf. Und das ist ein Fest.

Herausgeber Julius Wiedemann hat bei Taschen schon mehrere Bände zu Information Graphics betreut. Dies ist sein Meisterstück. Besonders hervorzuheben auch das Layout, besorgt von Jens Müller.

Alf Mayer

Anna Escardó, Julius Wiedemann: Science Illustration. A History of Visual Knowledge from the 15th Century to Today. Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch. Hardcover, Format 24,6 x 37,2 cm, 3,72 kg, 436 Seiten, 60 Euro.Verlagsinformationen.

Siehe auch meine Besprechung Gewaltige Schatzkammer unseres Wissens zu „History of Information Graphics“, CulturMag Juli 2019.
Sowie: Eine Enzyklopädie der Infografik zu „Understanding the World. The Atlas of Infographics“, CulturMag November 2014.

Die Struktur des Radium Atoms © AIP Emilio Segrè Visual Archive
Christian Wilhelm Braune, Philadelphia, 1877: An Atlas of Topographical Anatomy: After Plane Sections of Frozen Bodies © Courtesy US National Library of Medicine
Metereologische Karte, Papers, 1875–2003 and undated, T. Fujita, 1983 © n/a
“A Year in the Life of Earth’s CO2”, ultra-high-resolution Computermodell, Goddard Space Flight Center’s Global Modeling and Assimilation Office, NASA, 2014 © NASA

Zu dem Buch gibt es eine Ausstellung in Ciudad de México: 400 años de Ilustración Científica, 24. Juni – 23. Oktober 2022, Universum/Museo de las Ciencias de la UNAM.