Geschrieben am 1. April 2022 von für Crimemag, CrimeMag April 2022

Alf Mayer begegnet Paul Schraders „The Card Counter“

They Can’t Go Home Again

Über die Helden in Paul Schraders Filmen, besonders Oscar Isaac als William Tell in „The Card Counter“

– Dieser Text ist David Forcht und dem ganzen Team von Weltkino gewidmet, weil es Verleiher mit Herz braucht, die uns immer noch und unverdrossen solche Filme auf der Leinwand zugänglich machen.

Martin Scorsese: I’d like you to score a movie for me. It’s called “Taxi Driver.”
Bernard Herrman: I don’t do movies about cabbies.
Scorsese: It’s not… let me show you the script.

Der große Bernard Herrman ließ sich von Martin Scorsese gewinnen, die Filmmusik für Taxi Driver zu schreiben, weil der ihn mit Paul Schraders Drehbuch zu überzeugen vermochte. Das war 1976. Stolze 45 Jahre später ist es immer noch Master Class, was Schrader als Drehbuch für The Card Counter vorlegt. 87 schlanke Seiten hat das Skript, es ist im Internet einsehbar. Schrader, 74, muss niemandem mehr etwas beweisen. Seinen neuen Film habe ich mir drei Mal hintereinander angeschaut, jedes Mal aufs Neue fasziniert und begeistert von Eleganz und Balance, Ökonomie und Wucht – und der schauspielerischen und inszenatorischen Leistung. Welch ein großer kleiner Film, kein Gramm Fett an ihm, keine Geste vergeudet, kein Wort, kein Blick. Moralisch-existentialistisches Kino à l’américaine. Transzendental und zugleich elegisches Echo von Western-Konventionen, geschliffen wie ein Edelstein. Meisterhaft lakonisch.

Ich habe Gänsehaut während ich dies schreibe. Und erinnere mich daran, wie ich 1976 als junger Journalist, der sich das Festival du Cannes nicht leisten konnte, eine Woche nach dem Einrollen des roten Teppichs die Kinos am Boulevard de la Croisette abgraste, am Nachmittag in einer OV von Taxi Driver saß, vom Blitz getroffen und ab da für immer der Filmkunst verfallen… Jahrelang hing das Plakat in meinem Arbeitszimmer, darauf der Satz: „On every street in every city, there’s a nobody who dreams of being a somebody.“ Andreas Pflüger hat es noch immer bei sich hängen. Gerahmt.

Über die Jahre habe er sein eigenes Filmgenre entwickelt, immer gehe es um einen Mann mit Maske, alleine in einem Zimmer, die Maske das, womit der Mann sich beschäftige, obsessiv. So fasste Paul Schrader einmal seine Filmarbeit zusammen. Die Beschreibung passt auf Taxi Driver, Raging Bull, American Gigolo, Light SleeperFirst Reformed und The Card Counter. Der letzte und aktuellste ein direktes, höchst intelligentes Echo von Taxi Driver.

Schraders Männerfiguren leben in einer Zwischenwelt, in einem Fegefeuer. In einem parallelen Universum. Sie wissen nicht wohin mit ihrem Leben, wissen nicht, warum sie tun, was sie tun. Oder wozu. Aber sie tun es. Voller Konzentration. Professionell. Perfekt. Sie sind Taxifahrer, Boxer, männlicher Escort, Dealer, Pfarrer, Pokerspieler. Nacht-Berufe allesamt. Sie durchqueren leere Räume, Straßen, die Welt teilt sich vor ihnen wie das Wasser vor Moses im Roten Meer. Sie haben kaum Kontakt zum normalen Leben, es ist ihnen fremd. Sie sind ausgestoßen, haben ihren Frieden damit gemacht. Und sie warten. Halten sich bereit. Warten auf etwas, das ihnen ein Ziel, einen Horizont, eine Hoffnung auf Erlösung gibt. Den Frieden. Wie gewalttätig auch immer herzustellen. Und weil der amerikanische Held, tief eingeschrieben, ein Westernheld ist, gehört dazu auch ein showdown.

In Taxi Driver erfahren wir nie, was Travis Bickle (Robert De Niro) in Vietnam getan hat. Aber es hat ihn entwurzelt. Jetzt sucht er Boden unter den Füßen, eine Sonne am Horizont. Deshalb fährt er Taxi, unermüdlich, am liebsten nachts, schwebt durch die Stadt wie in einem eisernen Sarg. „Was ist, wenn jemand etwas getan hat, das er sich nicht vergeben kann?“, fragte sich Schrader für The Card Counter. „Auch wenn die Gesellschaft ihm verziehen und er seine Strafe verbüßt hat, hat er sich selbst noch lange nicht verziehen. Er hat etwas Schreckliches getan. Wie wird er damit fertig?“

Während Oscar Isaac als Pokerspieler William „Bill“ Tell durch die Casinos driftet – die Kamera elegant schwerelos hinter ihm, wenn er die Spielhallen betritt – , enthüllt der Film mehr und mehr Tells militärische Vorgeschichte, die ihn verfolgt und zurück ins Dunkel zieht. Achteinhalb Jahre saß er im Militärgefängnis von Leavenworth, noch immer träumt er von der Zeit in Abu Ghraib. Von seiner Zeit als Folterknecht. Jetzt wartet er. Auf Erlösung. Auf das Verzeihen. Auf sich. Auf ein Zeichen an der Wand. 

In Taxi Driver sagt die Kommentarstimme von De Niro das so: „Now I see it clearly, My whole life is pointed in one direction, I see that now, there never has been any choice for me.“

Davor aber ist das Warten. Ist das Zeitverbringen mit Routine, ist eine selbst geschaffene Arbeitswelt mit strengen Regeln, die nichts mit dem normalen Leben zu tun haben. Ist Nachtexistenz. Limbo. Travis Bickle: „June 8th. My life has taken another turn again. The days can go on with regularity over and over, one day indistinguishable from the next. A long continuous chain. Then suddenly, there is a change …“

In Taxi Driver ist das die in einem Wahlkampfbüro arbeitetende Betsy, auf die Travis sich Hoffnung macht. Das aber scheitert grandios. In The Card Counter wehrt Tell erst einmal das Angebot von La Linda, in ihrem Pokerchamp-Stall mit höheren Einsätzen zu spielen wie auch ihre erotischen Avancen ab. Die gewohnte Routine schützt, liegt wie eine Membran zwischen Tell und der Welt. Travis Bickle: 

The days go on and on… they don’t end. All my life needed was a sense of someplace to go. I don’t believe that one should devote his life to morbid self-attention, I believe that one should become a person like other people.“

– Von Tell hört man so etwas nie. Er ist weit stoischer als Bickle. Hat das Gefängnis schon hinter sich, in dem Bickle noch landen wird.

Pokerspielen besteht aus Warten und Ruhe bewahren. Also hat Tell es zum Beruf gemacht. Im Gefängnis hat er gelernt, totalen Überblick über alle Karten zu behalten, die im Spiel sind – und damit über die Gewinnchancen jedes möglichen Blatts. Seine Pokerkenntnisse, komplex und konzentriert, gibt er im Off in Exzerpten zur Kenntnis. Er ist ein Kartenzähler, spielt sich durch die Kasinos, bleibt unauffällig, gewinnt in Maßen und immer unterhalb des Radars. Sein Graue-Maus-Outfit erinnert an das des Stasi-Hauptmanns, den Ulrich Mühe in Donnersmarcks „Das Leben der Anderen“ verkörperte. Statt in den feudalen Casino-Hotels übernachtet Tell lieber in gesichtslosen Motels, wo der Kaffee den ganzen Tag auf der Wärmeplatte bleibt. 

In der Eingangssequenz haben wir ihn in seiner Gefängniszelle erlebt (er liest übrigens Mark Aurels „Meditationen“, eines der großen Dokumente der Stoiker, entstanden in Feldlagern an der Nordgrenze des Römischen Reiches). Als wir ihn zum ersten Mal ein Übernachtungszimmer betreten sehen erleben wir sogleich ein befremdliches Ritual. Er nimmt Bilder und Spiegel von der Wand, öffnet den Koffer, entnimmt ihm Abdecktücher, die er offenkundig immer mit sich führt, wickelt damit methodisch jedes Möbelstück und jede Lampe ein, verschnürt sie, entzieht dem Raum die Farbe. Macht ihn zur Zelle – zum Bußraum. Zur Innenseite eines Sarges. 

Courtesy of Focus Features / ©2021 Focus Features, LLC/ Weltkino

Wie viele von Schraders Helden führt der stoische Tell – großartig und minimalistisch verkörpert von Oscar Isaac – ein Tagebuch, schreibt darin nachts, sitzt am eingewickelten Schreibtisch. Seine Stimme hören wir im Off:

Poker is all about waiting. Hours pass, days pass, hand after hand, each hand like the hand before. Then something happens.“ 

Er nimmt einen Schluck. Auf seine Schulterblätter ist der Spruch tätowiert: “I trust my life to Providence, I trust my soul to Grace” – Der Vorsehung vertraue ich mein Leben an, meine Seele der Gnade.

Das, was dann passiert, ist anders als bei Travis Bickle, wo es eine Kinderprostituierte war, ein junger Mann, der Tell in einem Casino anspricht. Und zwar bei einem Vortrag, den ein Sicherheitskontraktor bei einer Konferenz hält. Der Vortragende ist Major John Gordo (retired), Tells Vorgesetzter damals in Abu Ghraib. Das Thema: „Recent Developments in Interrogation and Truthfulness.” Die neuesten Verhörmethoden. Darin ist er Spezialist.

Der junge Mann hat mit diesem Gordo eine Rechnung offen. Sein Vater, wie Tell einst dessen Untergebener, hat sich umgebracht. „The Kid“ will Gordo deshalb kidnappen, foltern, umbringen, hofft auf Tells Hilfe, schließlich ginge es doch um „Gerechtigkeit“. Ja, solche Gedanken verstehe er, sagt der. Dann aber tut er alles, und das ist sehr viel, um den Jungen davon abzubringen. 

Die folgende Passage trieb in zwei der von mir besuchten Vorstellungen jeweils einige Besucher aus dem Kino: Ein Rückblick, ein Traum, ein Rundgang durch einen mit Exkrementen verdreckten Zellentrakt, wie ängstliche Tiere sich wegduckende nackte Männer, all das gefilmt in einer einzigen Einstellung mit einer sphärischen 220-Grad-Kamera, für die sich Kameramann Alexander Dynan den Virtual-Reality-Experten Ben Schwartz holte. In der Bildmitte erscheint dabei alles in normaler Perspektive und verzerrt sich fischäugig nach außen, je mehr es an den Bildrand geht, dies aber tiefenscharf. In Scope macht das einen höllischen Eindruck. So sieht Tell, so sehen wir seine Erinnerungen an Abu Ghraib, so sehen wir den Folteralltag. Schrader muss die durch die Weltpresse gegangenen Bilder gar nicht zeigen, sie sind in unserem Kopf.

Im Drehbuch steht am Ende dieser Gefängnisszene: A distant soldier’s voice sings: “I wish I was in the land of cotton, Old times there are not forgotten; Look away! Look away! Look away! Dixie Land.” 

Mit irritierender VR-Optik geschossen, die Abu Ghraib Flashback-Szenen mit Willem Dafoe und Oscar Isaac © Focus Features/ Weltkino

Visuell wie moralisch ist das alles aus den Fugen. Kann man sich das je selbst vergeben? Tell schreibt in sein Journal: „Is there an end to punishment? Is there a limit to the amount of effort it takes to merit expiation? Is it possible to know when one reaches the limit?“ Wir alle wissen, was Abu Ghraib war. (Übrigens hat Lee Child das in all seinen Romanen stets konsequent und steril ausgeblendet: Reachers reale Militärpolizei-Einheit  war auch in Bagram und Abu Ghraib stationiert.) 

In The Card Counter ist alles Patriotische nur noch Farce. Schrader macht das kristallklar. „Mr. USA“, ein Pokerspieler im US-Flaggenhemd, blauer Hose und „USA”-Baseball-Cap, springt nach jeden Sieg auf, klatscht die Hände über dem Kopf zusammen und tönt „USA! USA! USA!“ Zwei seiner Lakaien stimmen immer mit ein, die Geste aber bleibt hohl. Die andern wenden sich angeekelt ab. „Dieser Mann hat nie auch nur einen Tag gedient“, sagt Tell. Man sollte ihm die Flagge durch den Hintern aus dem Maul ziehen, findet er. In einer der schönsten, ja der glücklichsten Szenen des Films, als La Linda Tell durch den nächtlich illuminierten Missouri Botanical Garden in St. Louis führt, fragt sie ihn: „Hast du je eine Stadt nachts ganz erleuchtet gesehen?“ Und er antwortet: „Ja, ich habe eine ganze Stadt brennen sehen.“

Der Missouri Botanical Garden, illuminiert © Wiki-Commons

Der Film tickt wie ein Metronom. Entwickelt seinen Drive mit langsam glimmender Lunte.
Unaufhaltsam.
Unvorhersehbar.
Überraschend.
Und lakonisch.
Da ist Bresson, da ist Dreyer als Patron.
Caravaggio-Gemälde übrigens haben Schrader und sein Kameramann für die Tableaus in den Casinos studiert. Die destillierte Ästhetik und das Setdesign sind Teil des zur puren Essenz eingekochten Films.

Ich weiß nicht, ob ich je eine solch stoische Katharsis, einen solchermaßen cool außerhalb des Bildes stattfindenden Showdown erlebt habe:

Major Gordo kommt nach Hause, in einem grau eingewickelten Sessel am Kamin sitzt Tell, Pistole in der Hand. Gordo zeigt sich wenig überrascht.

Oscar Issac als William „Bill“ Tell

GORDO: Bill Tillich. You look pretty good all things considered. How long were you at Leavenworth? 
TELL: Eight and a half years. 
GORDO: So I’m to blame? That’s a pussified defense, PFC Tillich. And you know it. We are each responsible for our own actions. 
TELL I believe that. We are going to step into the next room, you and I, and we are going to have a dramatic reenactment. We are going to make things right. 
GORDO Who goes first? 

Sie gehen ins Nebenzimmer, um die Vergangenheit „dramatisch nachzustellen“. Die Kamera zieht sich zurück. Aus dem angrenzenden Raum hört man Geräusche – GRUNTS, THUDS, YELPS, sagt das Drehbuch – während im Zeitraffer die Nacht zum Tage wird, die Sonne ins Zimmer und die Kamera zum Halten kommt. Tell, barfuss und blutig, sich die Seite haltend, wankt zurück in den Raum. Greift das Telefon, lehnt sich an die Wand, ruft 911 an. „Ich habe einen Mord zu melden…“

Dann gibt es noch zwei Einstellungen. Tell wieder im Gefängnis. Endlich aufgehoben. Erlöst. Und dann bekommt er Besuch. Zwei Finger berühren sich durch die Glasscheibe.

Just like the Sistine ceiling, sagt das Drehbuch. – Wie Michelangelos berühmtes Gemälde in der Sixtinischen Kapelle …

Alf Mayer © 2022

THE CARD COUNTER. Regie und Buch: Paul Schrader. P: Großbritannien, China, USA 2021. Erstaufführung: 02.09. 2021 beim Filmfestival von Venedig. Kamera: Alexander Dynan. Schnitt: Benjamin Rodriguez Jr.; Musik: Giancarlo Vulcan, Robert Levon Been. Mit: Willem Dafoe, Oscar Isaac, Tye Sheridan, Tiffany Haddish, Ekaterina Baker, Marlon Hayes, Billy Slaughter, Joel Michaely, Amye Gousset, Alexander Babara, Dylan Flashner, Britton Webb.  111 Minuten. Deutscher Verleih: Weltkino.

Paul Schraders Filme: BLUE COLLAR (1978), HARDCORE (1979), AMERICAN GIGOLO (1980), CAT PEOPLE (1980), MISHIMA: A LIFE IN FOUR CHAPTERS (1985), PATTY HEARST (1988), THE COMFORT OF STRANGERS (1990), LIGHT SLEEPER (1992), AFFLICTION (1997), AUTO FOCUS (2002), DOMINION: PREQUEL TO THE EXORCIST (2005), ADAM RESURRECTED (2008), THE CANYONS (2013), DYING OF THE LIGHT (2014), DOG EAT DOG (2016), FIRST REFORMED (2017), DARK (2017) THE CARD COUNTER (2021).

PS. Natürlich hat dieser Film noch viele Aspekte. Einer ist das, was man „force drift“ nennt. Dazu Schraders Script: TELL (CONT’D) There’s something similar in interrogations. It’s called “force drift.” It happens when the interrogator applies more and more force to the prisoner with less and less results. The interrogator becomes intoxicated by frustration and power. He applies more and more force, without reason. Without result. Any man can tilt. I can tilt, your father can tilt. You can tilt. 

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