Niemand kann Dich hören Von Sonja Hartl Schon den ersten Bildern von „Berlin Syndrome“ unterliegt eine Anspannung, eine ungute Ahnung dessen, was kommen wird. Es scheint als wüssten die Kamera von Germain McMicking und die Musik von Byrony Marks mehr. Dabei sind es im Grunde genommen alltägliche Szenen, die sich auf der Leinwand abspielen. Die australische Backpackerin Clare (Teresa Palmer) ist gerade in Berlin angekommen, sie steigt in einem Hostel am Kottbusser Tor inmitten von Kreuzberg ab und trifft in einer ersten schlaflosen Nacht auf eine Gruppe auf dem Dach.
Read More Mörder unter und in uns – Wolfgang Staudte Von Klaus Gietinger Wolfgang Staudte war einer der besten Filmregisseure des Nachkriegs. Er verband politischen Anspruch mit Unterhaltung und Satire und gehörte zu den wenigen deutschen Regisseuren, die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg Filmkunst machten. Das heißt seine Kinofilme sind auch immer optisch ein Genuss, bzw. sie provozieren das Auge genauso wie das Ohr. Dabei kann man Staudte als wirklich deutschen Filmemacher bezeichnen. Denn er drehte in drei Systemen. Unter den Nazis, in der DDR und in der BRD. 1906 geboren in
Read More Der Horror des Alltagsrassismus Von Sonja Hartl Ein Film, der wie eine perfekte Metapher auf die US-amerikanische Gesellschaft wirkt, der die vermeintlich Liberalen entlarvt, den alltäglichen Rassismus und Demütigungen für Schwarze zeigt – und noch dazu amüsant-gruselig ist. Über Get Out schwappten schon aus den USA einige Lobeshymnen über den großen Teich und die guten Nachrichten sind: Sie liegen allesamt richtig. Und der Film funktioniert auch für ein europäisches Publikum. Get Out beginnt mit einem allzu vertraut wirkenden Szenario: Ein junger schwarzer Mann (Lakeith Stanfield) läuft bei Einbruch der Nacht
Read More Nachts inmitten des Abfalls der Stadt Frank Göhre, letztes Jahr im Herbst. An einem Regentag in Rom. In den Bogengängen am Bahnhof Termini. Die Erinnerung, dass Pasolini hier den Stricher Pelosi aufgegabelt hat. Der Mord in der Nacht zum 2. November 1975. Es gibt seitdem mehrere Variationen über das Geschehen. Frank Göhre beginnt zu ermitteln. Viel Lesestoff (siehe Liste am Ende). Viel Internet-Recherche. Aber letztlich der eigenen Intention folgend. Assoziativ denkend und schreibend. Der eigentlichen Wahrheit fiktional näher kommend. Und zugleich der Versuch, die damalige Zeit zu beleuchten: Kultur & Politik, die politischen Intrigen. Eine Zeitreise in
Read More Heute: Ian Rankin von Marcus Müntefering Zu den Fragen, die man Schriftstellern bei Interviews niemals stellen sollte, gehört: Was ist Ihr Geheimnis? Würden sie es verraten, wäre es kein Geheimnis mehr. Wären sie sich selbst darüber bewusst, würde der Zauber möglicherweise verfliegen. Wahre Anmut gibt es nicht im vollen Bewusstsein seiner selbst. Deshalb ist diese gerade bei Fragebögen beliebte Frage selbstverständlich kein Teil der Bloody Questions. Und so bleibt es ein Geheimnis, wie Ian Rankin es schafft, dass seine Romane um Inspector John Rebus nicht nur unter Krimifans, sondern auch
Read More Film, Verbrechen und andere Mittel – Max Annas über „Verräter“ von Karl Ritter. Ein nationalsozialistischer Kriminalfilm. Es gibt Verbrechen und eine Reihe ausgebuffter Verbrecher, die sie begehen. Es gibt Polizei, deren Aufgeregtheit zwar stets gezeigt, aber deren Arbeit nicht wirklich transparent wird im Sinne von: Wie kriegen die eigentlich ihre Investigation zusammen? Und es gibt natürlich Opfer. Das ist, wir schreiben das Jahr 1936, das deutsche Volk. Die Verräter aus dem Titel sind Spione, die an Flugzeugtechnik interessiert sind, aber auch an Informationen über Infrastruktur. Ihre genaue Motivation wird nicht
Read More Shootout im Kriechen Von Andreas Köhnemann Die Idee klingt irgendwie reizvoll: Man caste eine Reihe hochkarätiger Stars – und lasse sie nach kurzer Exposition über eine Stunde lang höchst ungraziös auf dem Boden herumkriechen, schießen und fluchen. Wenn diese Idee von einem Filmemacher wie Ben Wheatley umgesetzt wird, können dafür Leute wie Cillian Murphy, Brie Larson und Sam Riley sowie Martin Scorsese als ausführender Produzent gewonnen werden. So ist ein schnörkelloses Genrestück entstanden, dessen Minimalismus in einem diametralen Gegensatz zu Wheatleys überbordendem Vorgängerwerk High-Rise steht. Abgesehen von der inhaltlichen sowie
Read More Shoot Him Down! by Alice Francis This man is a ticket for a ghost train I believed what he said, but I’ll never do it once again Mama told me to resist ma heartache, but nothing can stop me from goin‘ insane He’s calling me sayin‘ ma babygirl While he’s in bed with another chick in his rose colored world I want to choke him want to maltreat him I want to squeeze him and break his neck, neck, neck I say huhuoh I I got nothing but a heart
Read More Eine TV-Serie – Zwei Sichtweisen I. Vom Tod einer Göttin. Ein Essay von Markus Pohlmeyer/12.3.17 Summary: Es gibt zwei Göttinnen/Künstliche Intelligenzen (Die Maschine und Samaritan) und ihre Untertanen wir Zuschauer beobachten aus der Haustierperspektive (human point of view) den Kampf dieser beiden Titanen.[1] (Noch eine historische Anmerkung: „Das Fachgebiet ‚Künstliche Intelligenz‘ (KI) existiert – zumindest dem Namen nach – seit der Dartmouth Konferenz 1956, dort wurde ‚Artificial Intelligence‘ das erste Mal erwähnt. Vorher hatte allerdings auch schon Alan Turing 1950 in einem Aufsatz ‚Computing machinery and intelligence‘ die Frage diskutiert, ob
Read More Leben und Sterben in der Zwischenwelt Von Joachim Kurz Becker (Peter Kurth) ist kein Mann von vielen Worten; „Lass doch mal das Gequatsche!“ scheint sein Lieblingssatz zu sein, mit dem er seinen Kollegen Barat (Leonardo Nigro) anherrscht. Dabei ist der so ziemlich der einzige Freund, den der schwammige Wachmann beim Werkschutz eines Unternehmens irgendwo in der Peripherie des Großraumes Köln hat. Barat war früher mal Bulle und hat dann „Scheiß gebaut“, aber das ist nichts im Vergleich zu Beckers Lebensgeschichte, der im Knast war, weil er bei einem Überfall eine
Read More Überleben in Dortmund von Sonja Hartl Die Ukrainerin Marija (Margarita Breitkreiz) lebt in Dortmund, arbeitet als Reinigungskraft in einem Hotel und träumt von einem Friseursalon. Jeden Monat versucht sie zu sparen, aber sie muss allein für ihre kleine Wohnung 150 Euro Miete in der Woche zahlen. Dann wird sie im Hotel beim Stehlen erwischt, verliert ihre Stellung und muss sich etwas einfallen lassen. Doch Marija hat die Nase voll, von Billigjobs, in denen sie ausgebeutet wird, von der Unsichtbarkeit und von diesem tagtäglichen Kampf um Kleinigkeiten. Veränderungen müssen her. Als
Read More Grenzerfahrungen Die Country Polar-Romane von Benjamin Whitmer, Matthew F. Jones und Jon Bassoff Von Alexander Roth Donald Trump ist Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Eine Tatsache, die für viele Menschen überraschend kam, aber eine Tatsache, der wir uns wohl oder übel stellen müssen. Hierbei gilt wie so oft: Wer Krimis liest, ist klar im Vorteil. In Zeiten, in denen Wählerumfragen an Aussagekraft verlieren, lohnt es sich, gut sortierte Buchhandlungen nach Antworten zu durchforsten – man findet sie dort zuhauf. Nehmen wir beispielsweise den Country Noir. Alleine beim Hamburger Polar
Read More Coup d’État im Großhirn In der Brust von Goethes Faust streiten sich zwei Seelen. Im Kopf von Kevin Wendell Crump 24 Persönlichkeiten. Christopher Werth war im neuen Film von M. Night Shyamalan. Gespaltene Persönlichkeiten – das ist im Kino immer schon ein gern gesehenes Mittel. Da wäre z.B. ein gewisser Norman Bates, der sich manchmal für seine Mutter hält und den es jetzt auch als Serienfigur in Bates Motel gibt. Ein interessantes Prequel zu Hitchcocks Psycho. Oder: der glitschige Gollum aus Herr der Ringe, der mit sich selbst über
Read More Das finstere Herz von Rom von Joachim Kurz Über die Dekadenz der italienischen Hauptstadt ist viel geschrieben und gedreht worden – von Historienepen bis hin zu Politthrillern wie Paolo Sorrentinos Il Divo oder dessen Hymne an die depravierte Upper Class La Grande Bellezza. Stefano Sollima nähert sich der ewigen Stadt nun anders – von unten sozusagen. Im antiken Rom war „Suburra“ die Bezeichnung für das verrufene Stadtviertel unterhalb der Patrizierhügel, wo sich Senatoren, Gauner und Rotlicht-Volk trafen, um dunkle Geschäfte zu tätigen und auf verschiedene Weise miteinander zu verkehren. In
Read More Posted On Februar 15, 2017By Sonja HartlIn Crimemag
Hüte, Modell T und Ben Affleck von Sonja Hartl Der Unterschied zwischen einem Outlaw und einem Gangster spielt in Live by Night eine wesentliche Rolle. Gleich zu Beginn erklärt Joe Coughlin (Ben Affleck) aus dem Off, dass er nach seinen Erlebnissen im Ersten Weltkrieg entschieden hat, keinerlei Befehlen mehr zu folgen. Er hat zu viele gute Männer aus den falschen Gründen sterben sehen, also will er nun das Leben genießen – bei Nacht frei und unabhängig sein, ein Outlaw sein. Also wendet er sich von seinem Polizistenvater (Brendan Gleeson) ab
Read More Von geplagten Künstlern und musikalischem Wahnsinn Von Katrin Doerksen Am Vorabend der Berlinale ist die Festival-Website down, das Telefon des Pressebüros ist überlastet und ausgebremste Journalisten bäumen sich in den Social Media-Kanälen auf. Vom Sturm vor der Ruhe ist man zu orakeln versucht, denn der Wettbewerb des 2017er Jahrgangs lässt zu weiten Teilen nicht unbedingt die Hose in vorfreudiger Erwartung aufgehen. Aber wofür lässt sich das Kino schon heftiger lieben als für sein Vermögen uns immer wieder aufs Neue zu überraschen? Dur-Tonarten den Vorzug geben, weg mit den
Read More Der texanische Weg Von Sonja Hartl „Three tours in Irak but no battle for people like us“ steht als Graffiti an einer Häuserwand in einer wie ausgestorbenen wirkenden Kleinstadt gleich zu Beginn von Hell or High Water. Ein Auto fährt durchs Bild. Eine Kirche ist zu sehen. Eine müde Frau schließt die Tür zu einer Bank auf, zwei maskierte Männer drängen sie in den Bankraum und wollen die Bank überfallen. Aber sie haben einen Fehler gemacht, nicht die Frau hat den Schlüssel zum Tresor, sondern ihr Chef, der später kommt.
Read More Grazie! Opera ist zurück im Kino! Andreas Köhnemann von kino-zeit.de freut sich darüber. Das ist schön: Nachdem wir im vergangenen Jahr kinematografische Schätze wie Die Tragödie der Belladonna (1973) oder Marketa Lazarová (1967) auf deutschen Kinoleinwänden erleben durften, kommt nun mit Opera (Terror in der Oper) hierzulande ein Werk in die Lichtspielhäuser, welches etliche Jahre lang auf dem Index stand und nach einer Neuprüfung in ungekürzter Fassung eine Altersfreigabe ab 16 Jahren erhalten hat. Der 1987 in Italien uraufgeführte Giallo-Klassiker von Dario Argento ist ein filmisches Poem, das mindestens so viel Herz- wie Kunstblut aufbietet und daher bis
Read More Der zwiespältig schöne Schein Die Taschendiebin ist ein Film mit doppeltem Boden, und das nicht nur im besten Sinne, findet Beatrice Behn von kino-zeit.de. Korea in den 1930er Jahren. In dem von Japanern besetzten Land kommt die junge Diebin Sookee (Kim Tae-ri) an einen großartigen Job. Sie soll die Dienerin für die japanische Adelige Hideko (Kim Min-hee) werden, die mit ihrem Onkel und Verlobten auf einem riesigen Anwesen lebt. Den Job hat ihr ein anderer Dieb besorgt: Der Count (Ha Jung-woo), wie er sich nennt, will mit Sookees Hilfe Hideko dazu
Read More Red Right Hand by Nick Cave Take a little walk to the edge of town Go across the tracks Where the viaduct looms, Like a bird of doom As it shifts and cracks Where secrets lie in the border fires, In the humming wires Hey man, you know You’re never coming back Past the square, past the bridge, Past the mills, past the stacks On a gathering storm comes A tall handsome man In a dusty black coat with A red right hand He’ll wrap you in his arms, Tell you
Read More Abgründe einer Identifikation 40 Jahre ist es her, dass Martin Scorseses „Taxi Driver“ in die Kinos kam. „Wir sind das Volk“, lautet darin der Slogan eines populistischen Politikers; die Aktualität des Films weist freilich weit darüber hinaus. Patrick Holzapfel von Kino-Zeit.de hat sich für uns damit beschäftigt. Es sind zwei gegensätzliche Pole, die Taxi Driver fast 40 Jahre nach seinem Erscheinen zu einem der großen Klassiker der Filmgeschichte machen, der nicht im Regal verstaubt, sondern immer wieder neue Generationen von Filmliebhabern begeistert und verstört. Wir müssen diese beiden Pole immer
Read More Im Supermarkt der verlorenen Seelen Wie sehr sich doch Anfang und Ende gleichen. Es sind nahezu die gleichen Bilder, die wir hier sehen: Detailaufnahmen, Raumanordnungen, Miniaturen eines Stillstands, eines Moments, in dem die Erde aus den Angeln gehoben ist. Eines Moments, nach dem nichts mehr so sein wird, wie es vorher war: Die sich langsam ausbreitende Pfütze einer blauen Flüssigkeit, ein regungslos auf dem blank polierten Boden liegender Körper, ein Gesicht, ein Körper von schräg hinten, erstarrt und eigefroren. Diese eindrücklichen Impressionen, eingefangen in sorgsam kadrierten Bildern, die aus der
Read More I hold your hand in mine by Tom Lehrer I hold your hand in mine, dear I press it to my lips I take a healthy bite from Your lovely fingertips My joy would be complete, dear If you were only here But still I keep your hand As a lovely souvenir The night you died I cut it off I really don’t know why For now each time I kiss it I get bloodstains on my tie I’m sorry now I killed you For our love was something fine!
Read More Film, Verbrechen und ungleiche Mittel – Max Annas über „Man Without a Star“ von King Vidor. Ein Film über den jungen Kapitalismus. Mit einem ähnlichen Grundthema wie André de Toths Western „Day of the Outlaw“, über den ich im letzten Monat an dieser Stelle geschrieben habe. Es geht wieder, expliziter allerdings, um die range wars, ebenfalls angesiedelt im noch nicht zu den USA gehörenden Wyoming. Die Kernfrage des Films ist: Wem soll Land gehören, und wie lässt sich dieses Eigentumsrecht durchsetzen? Zu diesem Zeitpunkt – „Man Without a Star“ spielt,
Read More Vom Nutzen eines blinden Flecks – Der zweite Jack Reacher-Film gerade aktuell im Kino, da hielt Katja Bohnet es nicht lange zuhause aus. Den musste sie schnellstmöglich sehen. Eine Filmkritik der etwas anderen Art. Optische Konflikte Seit Jahren lebe ich in einer gut funktionierenden Beziehung mit Jack Reacher. Jack weiß nichts davon, was Grundlage unseres Verhältnisses ist. Ich begleite ihn bei jedem seiner Abenteuer, seit zwanzig Romanen schon. Ich, die treue Leserin, bin Schutzengel und Garant dafür, dass er jedes seiner irrwitzigen Abenteuer überlebt. Einen kleinen Anteil daran hat vielleicht
Read More Fremde im Zug „I’m not the girl I used to be“, sagt Emily Blunt in dem hier besprochenen Film. Sonja Hartl – siehe unten – nimmt das „girl“ nicht so einfach hin. Zu solchen Film- oder Buchtiteln hat sie eine Meinung. Aber lesen Sie erst ihre Filmkritik. Jeden Tag fährt Rachel Watson (Emily Blunt) mit dem Zug von Westchester County nach Manhattan. Wie viele Pendler sitzt sie immer im gleichen Wagen auf dem gleichen Platz. Und jeden Tag blickt sie in das Haus eines Paares, das für sie die perfekte
Read More