In der Sackgasse 1999 setzte der erst sechszehnjährige Benjamin Lebert mit dem mittlerweile in Deutschland über eine halbe Million mal verkauften und in 33 Sprachen übersetzten Roman „Crazy“ ein Initial für die neue deutsche (Pop-) Literatur. Sieben Jahre später folgt mit seinem neuen Roman „Kannst du“ eine erschreckende Bankrotterklärung. Benjamin Lebert erzählt in „Kannst du“ die Geschichte seines offensichtlich autobiographisch gefärbten Protagonisten Tim Gräter. Dieser ist Anfang 20, hat bereits einen literarischen Bestseller gelandet und steckt nun in einer Schaffenskrise. Hinter der Pose des abgeklärten Schriftstellers zerfleischen ihn die SelbstzweifelRead More
Geschichten wie Kometen Mit der Kurzgeschichten-Sammlung „Jesus’ Son“ begründete der heute zu den bedeutendsten amerikanischen Gegenwartsautoren zählende Denis Johnson Anfang der 90er seinen Kultstatus. Der unverwechselbare Sound dieser abgründig-halluzinatorischen Prosa, in der immer wieder unvermutet Elemente von Komik aufblitzen, sucht auch heute noch seinesgleichen. Johnsons Ich-Erzähler „Fuckhead“ ist ein typischer Looser der amerikanischen Gesellschaft, der sich mit kleinen krummen Geschäften und Fluchten über Wasser hält. Wie er sind auch alle andere Figuren dieser Geschichten „aus der Welt herausgeschnitten und zum Abfall geworfen.“ Ohnmächtig fühlen sie sich vom Schicksal verfolgt undRead More

Posted On Mai 19, 2006 By In Litmag

Ab in den Kongo

Ab in den Kongo Ein bayerischer Hochschullehrer, von aufgeklärt liberaler Grundeinstellung und Gegner jeder provinzieller Weltsicht, nennt die Region um Passau gerne „Bayrisch-Kongo“. Da dürften sich linke wie konservative, liberale wie rassistisch eingestellt Deutsche kaum unterscheiden. Der Kongo ist da irgendwie eine Terra Incognita tief im Innern der afrikanischen Finsternis. Die politisch Korrekten halten sich da in ihrem Urteil eher vorsichtig zurück, gestehen aber auch, nicht viel von dem zentralafrikanischen Riesenland zu wissen. Neuerdings sind die besorgten Demokraten hinzugekommen, die die ordnungsgemäße  was immer das heißt) Durchführung von Wahlen imRead More

Posted On Mai 17, 2006 By In Bücher, Crimemag

Kaliber .64

Trio Criminale Vom „Kaliber .64“ haben echte Waffenexperten noch nie etwas gehört. Ein Projektil mit diesem Durchmesser existiert nämlich gar nicht. Krimifans jedoch dürfte dieses Kaliber bald ein Begriff sein. So heißt nämlich die neue Kurzkrimi-Reihe der Hamburger Edition Nautilus, die jetzt drei Stories à 64 Seiten herausgeballert hat. Deutsche Kriminalromane haben mittlerweile auch international einen guten Ruf. Deutsche Kriminalerzählungen finden jedoch höchstens bei der alljährlichen Verleihung des renommierten „Glausers“ einmal breitere Aufmerksamkeit. Edition Nautilus hat dieses kriminalliterarische Defizit erkannt und wirbt mit drei bunten Krimi-Bändchen für dieses bislang sträflichRead More

Posted On Mai 15, 2006 By In Bücher, Litmag

Elke Naters: Justyna

Ziellose Lebensgier Mit „Justyna“ hat Elke Naters, einstige deutsche Pop-Literatin par excellence, einen schnellen, harten und auch provokativen Roman vorgelegt, in dem nichts mehr vom einstigen Zauber der Pop-Kultur wiederzufinden ist. Es bleibt eine ziellose, verzweifelte Lebensgier. Naters erzählt – mit offensichtlichen autobiographischen Übereinstimmungen – die Lebensgeschichte ihrer Protagonistin Justyna. Mit sechszehn will diese sich das Leben nehmen, weil sie glaubt, sie wäre schwanger, mit siebzehn geht sie von der Schule ab, jobbt in einer Fabrik und fliegt nach Jamaika, wo sie einen halluzinatorischen, süß-bitteren Tropen-Trip erlebt. Zurück in DeutschlandRead More
Elegant perlende und sprühende Prosa Truman Capote erlebt derzeit eine Renaissance: Mit dem Oscar-prämierten „Capote: A Biography“ von Bennet Miller und dem gerade abgedrehten „Infamous“ von Douglas McGrath widmen sich gleich zwei Kino-Großproduktionen dem literarischen Shootingstar der 40er Jahre. Parallel dazu ist mit „Sommerdiebe“ nun auch noch Capotes kürzlich bei einer Sotheby-Versteigerung entdecktes wahres Debüt erstmals auf den Markt gekommen und wird als literarische Sensation gehandelt – Anlass genug für den „Kein & Aber“-Verlag mit dieser Entdeckung eine komplett neu editierte und überarbeitete Capote-Werkausgabe zu starten. Truman Capote erzählt inRead More
East Side Story oder Fünf Freunde im Jugendknast Welch ein gewaltiges Debüt! Clemens Meyer, geboren 1977 in Halle an der Saale, verlässt die Deckung des 100-Seiten-Erzählungsband-Musters deutschsprachiger Debüt-Autoren und wagt sich mit einem über 500 Seiten starken Roman in den Ring. „Als wir träumten“ ist eine gelungene Symbiose aus amerikanischer Erzähltradition und deutscher Komposition. Clemens Meyer gelingt es mit den ersten Sätzen, einen Sog zu erzeugen, der den Leser in die Geschichte hineinzieht, in den Abwärtsstrudel, der die Protagonisten erfasst und nicht mehr loslassen wird. Sein Rhythmus ist schnell, seinRead More
Blutrausch Andrea Maria Schenkel ist in „Tannöd“ dem unbezwingbar Bösen im Menschen auf der Spur und schafft in dörflicher Umgebung eine dichte und packende Atmosphäre. Das hatte Niederbayern bis zu dieser Nacht im Februar 1922 noch nicht erlebt: Ein Massaker an sechs unschuldigen Menschen auf einem abgelegenen Bauernhof in der „Einöde Tannöd, Gemeinde Einhausen“. Ein authentischer Mordfall, vor dessen Hintergrund Andrea Maria Schenkel das beklemmende Porträt einer scheinbar ganz normalen Dorfgemeinschaft zeichnet. „Ein Debüt, ganz nah dran“, meinte die Jury der „KrimiWelt“ im März und katapultierte ihren Kriminalroman „Tannöd“ promptRead More