Geschrieben am 31. Dezember 2023 von für Highlights, Highlights 2023, Musikmag

Rolf Barkowski: Mein Jahr mit Musik

2023 –  gefühlt noch viel kürzer als das schon so knappe 2022.

Corona-gezwungen auf dem Sofa sitzen, damit war endlich Schluss.
Viel mehr gemacht und erlebt. Da sausen die Tage nur so vorbei.
Allerdings die täglichen »News« zu ertragen, war mir kaum möglich.
Größter Tröster und Retter war (mal wieder) für mich: Musik.

Zum Beispiel:

Der Start ins »Live auf der Bühne Geschehen« am Pfingstwochenende Ende Mai beim 30.(!) Blues Festival in Schöppingen. Wirklich ein Super-Start: Traumwetter, Sonne pur und die Campingstühle mussten enger gerückt werden, so groß der Andrang. Ebenso die Begeisterung. Ich muss wieder Lobeshymnen anstimmen auf Richard Hölscher und sein spektakuläres Line Up: Selvin Birchwood, Samantha Fish, Devon Allman ProjectFantastic Negrito, Vanessa Collier, Sharde Thomas (zum ersten mal auf in Deutschland) – um nur einige zu nennen. 

Toppt das jemand hier im Land?

Weiter ging es Mitte Mai im Schlachthof in Bremen: Endlich wieder nach Corona auf Tour aus New York: Hazmat Modine. Ihre neue Scheibe »Bonfire« im Gepäck. Die Musik, die diese Band unter Wade Schumans Leitung präsentiert, passt in keine Schublade, lässt sich keinem Genre zuordnen. Dieser Mix aus Blues, Soul, Klezmer, Jazz und Gesang – einzigartig und einmalig. »Barock Blues« nennt Schuman es selber. Wie auch immer – muss man hören. Ein Erlebnis.

»It’s The Biscuit, Baby!« hieß es dann Anfang Oktober beim King Biscuit Blues Festival in Helena, Arkansas, USA. Ja wirklich »Nothing‘ Like The Real Thing“ – wo kann man in drei Tagen auf vier Neben- und einer Hauptbühne Kenny Neal, Billy Branch, Ruthie Forster, Tab Benoit, Mary Lane, Robert Finley und Demetria Taylor (und das ist nur ein kleiner Auszug aus dem Line Up!) erleben?

Nur zwei Bühnen, aber ein fast ebenso großes Angebot gab es ein Wochenende später auf dem Crescent Blues & BBQ Festival im Lafayette Square Park in New Orleans. Große Namen auch hier: z.B. Lil Jimmy Reed, Trudy Lynn, D.K. Harrell, Tab Benoit, Shemekia Copeland. Von Freitagabend und am Samstag wie Sonntag von 11 Uhr bis 21Uhr: Blues pur, immer abwechselnd auf den gegenüberliegenden Bühnen ohne Pausen. Und unglaublich, aber wahr: Das Festival ist kostenlos! 

Damit ist der Livemusik-Tank voll bis oben hin. Soviel Live Musik genossen in diesem Jahr – schon toll.

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Doch in 2023 gab es ja auch noch jede Menge Musik aus der Konserve.

Etwa von einer Band namens: The Rolling Stones. Nach nur 18jähriger Wartezeit erschien am 20. Oktober »Hackney Diamonds« begleitet von einem perfekten Medienrummel.
Und die Stones bleiben sich treu. »Brown Sugar« aus dem Liveprogramm streichen und dann dieses Altherren-Video zu »Angry«. Schon sehr schräg. 
Die Stones machen da weiter, wo sie immer schon waren: „»It’s only Rock’n Roll« und den gibt es – das steht fest – bis sie auf der Bühne tot umfallen. Ich bin mir bis heute nicht sicher, gefällt mir das Album oder gefällt es mir nicht? Beeindruckt bin ich allerdings vom starken Auftritt beim  »Live At The Racket in New York« (gerade veröffentlicht).

Die Rest Beatles gab bzw. gibt es ja auch noch. Material aus den Archiven gekramt, mit KI aufgebessert. Doch wer um Himmels willen braucht so einen Song wie »Now And Then«?

Weiter in der Altherrenliga: aus den unendlichen Beständen seines Archivs der »lost albums« präsentierte uns im August 2023 Neil Young endlich »Chrome Dreams«.
Zwölf Songs aufgenommen  zwischen 1974 und 1977 in den ursprünglichen Instrumentierungen und Spiellängen. Das Album, so wie es im Frühjahr 1977 erscheinen sollte. Mit Neil zurück in die 70er Jahre. Macht mir Spaß.

Apropros Neil Young. Neil Young mal ganz anders. Für mich ein völlig neues Hörerlebnis, als ich im April Jens Thomas »Neil Young Collage« in den CD Schacht gelegt habe.

Wie hier der große Meister Neil auf den Seziertisch gelegt, auseinandergenommen und wieder neu zusammenfügt wird – atemberaubend. Unglaublich was Jens Thomas, quasi einem »Musikpathologen« gleich, hier anbietet. Volle Konzentration beim Hören ist angesagt. Am besten erst das Original und dann das, was Jens Thomas daraus collagiert und gezaubert hat, hören. Sich mal so eben das ganze Album reinziehen – schwierig. Ich habe es bis heute noch nicht geschafft, »Neil Young Collage« in eins zu hören…

Was ich nicht zu hoffen wagte: Die Rückkehr von Joni Mitchell auf die Bühne (Juli 2022) und als »At Newport« im Juli in diesem Jahr veröffentlicht. Zur Erinnerung: 2015 erleidet Joni Mitchell ein zerebrales Aneurysma, das sie an den Rand des Todes führt. Doch sie kämpft sich zurück ins Leben. Mit Erfolg. Alles noch sehr zerbrechlich wie man beim Auftritt (YouTube) hört und sieht.

»Just Like This Train« als Instrumentalfassung mit Joni an der Gitarre. Zugleich singen und Gitarre – das klappt noch nicht. Trotzdem: was für ein großartiger Auftritt. Fast jeder im Publikum hat Tränen in den Augen. Me too.

Ein Jahr später. Joni Mitchell tritt im Juni 2023 (auch bei YouTube zu finden) im The Gorge Amphitheatre (in Gorge, WA) auf. Wieder voller Energie. Dieses mal neu im Programm: »Love Potion No.9« und »Why Do Fools Fall In Love«.  Und beim Titel Joni beim Track »IF« spielt Joni die Gitarre und singt!

Schlechte Nachrichten dagegen im November von einer meiner Musikikonen:

Marianne Faithfull ist nach schwerer Corona-Erkrankung als Pflegefall im Pflegeheim gelandet. Musikkollegen produzieren das Album »The Faithfull: A Tribute to Marianne Faithfull« damit so die Kosten beglichen werden können. Da könnten doch eigentlich Mick und Keith ihrer alten Muse mal einen kleinen Teil ihrer Millionen spenden…

Mutig:
Im Oktober höre ich Cat Power »Sings Dylan«. Cat Power adoptiert das komplette, legendäre Bob Dylan Konzert aus 1966 (»Judas«). Auf die Idee muss Frau erst mal kommen. Live gesungen natürlich und unterteilt wie das Original in Teil 1 – akustisch und Teil 2 – elektrisch. Super Aufnahme, perfekter Sound, tolle Stimme. Die Nummer geht auf. Den nöligen Dylan vermisse ich so gar nicht.

Dezember – Musik fürs Fest:
Die schrecklichen Weihnachtslieder-CDs lasse ich gerne im Schrank liegen und lege »Parchman Prison Prayer« mit »Some Mississippi Sunday Morning« auf. Aufnahmen vom sonntäglichen Gottesdienst aus dem gefürchteten Parchman Knast in Mississippi. Eine Reise an das Ende der Welt. Tradionals und Spiritals zum größten Teil a capella vorgetragen. Gänsehaut pur. Höhepunkt das siebenminütige Finale »Lay My Burdon Down«, ein spontaner, ungeplanter Bandauftritt des Parchman Prison Chors. Frohes Fest!

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Neben all der Musik gab es noch drei Foto-, Bildbände, die mich in 2023 besonders fasziniert haben.

Im Januar in der Post, »Shadows Of Emmett Til« von Bob Newman. Wohl bisher einzigartig, was der Kehrer Verlag hier präsentiert. Ein Buch mit zwei Buchblocks. Beim Öffnen des Buches findet der Leser auf er linken Seite Archivfotos, die die Geschichte, das Schicksal, die Ermordung von Emmett Till zeigen.

Die ausdrucksstarken S/W-Aufnahmen machen mich als Betrachter sprachlos, veranschaulichen sie doch den bis weit in die 60er Jahre herrschenden Rassismus, der zur brutalen Ermordung des 14jährigen Till geführt hat. Auf der rechten Seite  Fotos des heutigen Mississippi, aufgenommen von Bob Newman in der Zeit 2014 bis 2019. Beim Betrachten dieser Fotos wird deutlich, dass das Thema Rassismus im Delta noch lange nicht aufgearbeitet ist. Dieses Buch ist mehr als ein Geschichtsbuch und mehr als ein Bildband. 

Treffend das im Buch zitierte Zitat von Barack Obama: »The past isn’t dead and buried. In fact, it isn’t even past.«

Übrigens: Bob Dylan hat zu diesem Thema das Lied »The death of Emmett Till« geschrieben (»The Bootleg Series Vol. 9: The Witmark Demos« & diverse Versionen auf YouTube).  

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Im November bekomme ich den zweiten begeisternden Bildband: »Down Home Music, The Stories and Photographs of Chris Strachwitz« von Joel Selvin und Chris Strachwitz. Mehr als 150 zum größten Teil bisher unveröffentlichte S/W-Aufnahmen von Chris Strachwitz, versehen mit informativen Bildunterschriften und einem großartigen Essay von Selvin über Strachwitz und Arhoolie Records.

Die Fotos nehmen den Betrachter mit auf die Reise von Chris Strachwitz in die frühen 60 Jahre, in die Welt der amerikanischen Roots Musik. Zu Blues, Cajun, Texas- und Mexikanischer Musik und Zydeco.  Mir war völlig neu, welch großartige Arbeit Chris Strachwitz in der Tradition von Alan Lomax geleistet hat. Sein Ein-Mann-Unternehmen Arhoolie Records hat mehr als vierhundert (!) Alben produziert. Damit hat er die Grundlagen für die von Lippmann und Rau organisierten American Folk Blues Festivals in den Jahren 1963 bis 1967 geschaffen.

Für mich leistet dieser Bildband den bisher besten Beitrag zur amerikanischen Roots-Musikgeschichte. Gleichzeitig würdigt er endlich die bahnbrechende Pionierarbeit von Chris Strachwitz.

Wer sich für Chris Strachwitz und seinen Arhoolie Records Aufnahmen interessiert, dem lege ich »Hear Me Howling!, Blues, Ballads& Beyond« ans Herz. Vier CDs mit 72 Tracks, davon 38 bisher unveröffentlicht. Fast fünf Stunden Musik. Quer durch das Arhoolie-Programm. Dazu ein fest gebundenes Buch mit 136 Seiten, was schon fast alleine den nicht ganz so günstigen Kaufpreis rechtfertigt. Auch hier jede Menge Informationen, ausführliche Bios der Künstler und tolle Fotos.

Mein persönliches Highlight, mein Favorit kommt endlich im Dezember an: Margo Cooper »Deep Inside the Blues« (University Press of Mississippi, Jackson).

34 Interviews und über 160 Fotos aus über 30 Jahren in denen Cooper das Leben der Musiker, ihre Familien, ihr Zuhause und ihre Clubs dokumentiert. In den späten 70er Jahren in Mississippi unterwegs begegnet sie unter anderem Honeboy Edwards, Pinetop Perkins, Sam Carr, Frank Frost, Willie »big eyes« Smith. Und diese Frau kann zuhören. Die Interviews wurden zum Teil über Jahre mit den Musikern geführt. Die Musiker vertrauen ihr. Erzählen über ihr Leben, ihre Musik. Von Armut und Gewalt. Dem Alltag auf den Plantagen, auf denen viele von ihnen aufgewachsen sind. Cooper »liebt« ihre Musiker, sie ist voller Empathie und erfährt so – ebenso wie der Leser jetzt – die Geschichte hinter der Geschichte. Genau diese Haltung kommt auch in den Fotografien Coopers zum Ausdruck. Die Fotos erzählen. Sie vermitteln Gefühle und Stimmung.

»These stories are part of our national heritage. For me, remembering is sacred, a duty.«(Zitat Margo Cooper aus dem Vorwort)

Wer den Blues liebt, wird dieses Buch auch lieben.

Rolf Barkowski, Jahrgang 1950, hat mal Sozialwissenschaften & Germanistik studiert, ewiger Student; hat mal als Gerüstbauer, lange als Briefträger und ganz lange als Sozialarbeiter (offene Kinder-und Jugendarbeit) gearbeitet; ist musikalisch sozialisiert in den 60er Jahren mit den Stones und weißem Blues; hat im Alter den schwarzen Blues entdeckt; ist seitdem regelmäßig in Mississippi bzw. im Süden der USA unterwegs; fotografiert leidenschaftlich gerne; handelt im richtigen Leben seit 30 Jahren mit Antiquitäten und Kunst. Seine Blues-Festival- und CulturMag-Texte hier.