Geschrieben am 31. Dezember 2023 von für Highlights, Highlights 2023, Musikmag

Krazy: Backstages, Rock’n Roll und wie ich ins Hotelbett kam

Mein 2023 war ein Jubiläumsjahr und in vielen Momenten der persönlichen Rückschau gewidmet: 30 Jahre her, dass ich als Straßensängerin meine ersten Münzen kassiert habe. 20 Jahre her, dass ich als geglückter Irrläufer den Literaturbetrieb kreuzte. Über 10 Jahre her, dass ich zu der Sängerin und Songschreiberin wurde, die ich heute bin: Die ganze unwahrscheinliche Geschichte, die vielen Wunder auf dem Weg der Entzauberung. Gesammelte Einsichten, die innere, äußere, kulturelle Stimmigkeit bzw. Differenz zwischen früher, noch früher und heute. Vor diesem Hintergrund habe ich auch die Debatten verfolgt, die sich mit dem Wandel der Sitten, Umgangsformen und Perspektiven auf Kulturgut befassen, und Mitte des Jahres den folgenden Beitrag geschrieben.

Meine Affen

Nachdenken über Backstages, Rock’n Roll und wie ich ins Hotelbett kam

„Digga, was für ‚das is so Rock’n Roll‘?!“ (Kayla Shyx)

Die Band Rammstein, die hier nicht das Thema sein wird, ist mir offen gestanden zu egal, um eine dezidierte Meinung zu ihr zu haben: Für mich persönlich uninteressant. Nicht mein Zirkus, nicht meine Affen. Aber die Debatte um Machtmissbrauch im Kontext Fans-Bands, Groupie-Kultur, Rock’n Roll-Mythos und Misogynie – die habe ich mit großem Interesse verfolgt. Sie betrifft meinen Beruf, mein Milieu, meine Biographie.  Meinen Zirkus, meine Affen.

An den debattierten Gegenständen und mutmaßlichen Ereignissen rund um den Rammstein-Sänger (von dem im Folgenden nicht die Rede ist) hat mich eigentlich nichts so überrascht wie die seltsam unbeholfenen ersten Statements der Band. Als hätten sie die wackeligen Zeilen tatsächlich selbst verfasst, gemeinsam im Proberaum… Final befremdet hat mich dann dies:

„Unseren Fans sagen wir: Es ist uns wichtig, dass Ihr euch bei unseren Shows wohl und sicher fühlt – vor und hinter der Bühne.“

Backstage

Ich bin ja auch ein bisschen vom Fach und der Auffassung, dass „Fans“ bei großen Konzerten hinter der Bühne nichts zu suchen haben – folglich auch keinen Anspruch darauf, sich dort wohl und sicher zu fühlen. Wohl und sicher fühlen sollten sich dort eigentlich die Bands. Garderoben und Backstages sind Künstler-safe space: Menschen verwandeln sich da in Bühnenfiguren, fragile Psychen gehen existentiellen Routinen und Ritualen nach. Dabei Publikum zu haben, ist nicht sachdienlich.

Meine Überzeugung ergibt sich aus dem paradoxen Umstand, dass ich den safe space in meiner bisherigen Laufbahn nur selten hatte. Meistens ging es von der Theke auf die Bühne und zurück, von Soundcheck bis zum Abbau vor Publikum. Überhaupt sowas wie einen Backstage-Raum zu haben, war schon Luxus, und der oft knallvoll mit Leuten, befugt oder nicht, in allen Stadien der Euphorie und Zurechnungsfähigkeit. Security? Ich habe einige Male selbst Hand angelegt, wenn es zu eng oder zu irre wurde. War selten sensibel dabei. Hatte auch blaue Flecke. Hätte in solchen Momenten für niemands Sicherheit garantieren mögen: Praktisch jeder im Ausnahmezustand, auf Adrenalin und anderem Zeug. Enthemmung, Scherben, Geschrei, you name it.

Backstages sind gefährliche Orte. Abklingbecken zwischen Show und Realtität. Wie der Fan hier, so hat andererseits die Show-Figur, das lyrische Ich nichts vor, neben oder unter der Bühne zu suchen. Es gehört zu den Übungen darstellender Berufe, seine Rolle in der Garderobe zu lassen und sich soweit wieder einzukriegen, dass man sein persönliches schlechtes Benehmen nicht mit Kunst verwechselt. Die Backstage ist der Ort, noch ein bisschen auszuticken. Trainierte Kerls in schwarzen T-Shirts an den Türen sollen gewährleisten, dass dabei keine Unbeteiligten zu Schaden kommen.

Drugs!

Dass gegen diese sinnvollen Grundregeln bei Rockkonzerten serienmäßig verstoßen wird, liegt letztendlich am sog. freien Willen des Menschen. Die Möglichkeit und Fähigkeit, sich falsch zu entscheiden, sich bewusst illegal, unvernünftig, riskant, unerwünscht zu verhalten, ist eine große Sache fürs Ego: Die Frucht der Erkenntnis, sich der Gefügtheit der Dinge widersetzen zu können, kickt beim Individuum um das dritte Lebensjahr ein und versetzt es in einen Rausch, der nie wieder ganz abklingt. Manche bekommen davon nie genug und betrachten noch als ausgewachsene Exemplare jeden Regelverstoß als persönlichen Triumph. Weniger Unrechtsbewussten ist er nur noch Kalkül bei der Durchsetzung ihrer Interessen. In seltenen, kostbaren Fällen ist ein Regelbruch von utopischer Qualität und der Beginn persönlichen, gesellschaftlichen Fortschritts, Rebellion gegen überkommene Selbstverständlichkeiten, Aufbruch in ein besseres Leben: There’s a crack in everything – that’s how the light gets in.

Der freie Wille, sich daneben zu benehmen, ist auch ein substanzieller Bestandteil dessen, was unser Kulturbegriff unter „Rock’n Roll“ zusammenfasst. Rebell, Anti-Held, Wüstling und andere beliebte Figuren des Mythos verstoßen gegen Konvention, Moral und Regeln, überschreiten Grenzen, provozieren und wüten  – oft ohne erklärbares Motiv, zum Selbstzweck, beziehungsweise „fun“, aber natürlich auch in Weltschmerz und Entfremdung. Und wegen der Weiber.

Machen wir uns nichts vor: Rock’n Roll ist traditionell ein Boys Club und nicht dazu geschaffen, das System zu ändern. Ausnahmen und Indie-Nischen bestätigen die Regel: Die Ideenwelt Jungs-zentriert, die Rollenmodelle sexistisch, das Vokabular misogyn. Die Botschaft des Rock’n Roll ist wohl irgendwie antirassistisch und völkerverbindend – doch seine Utopien sind nicht die Gleichstellung, nicht die Befreiung der ausgebeuteten Klassen oder des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit, sondern: Schnelle Autos, Drogen, Alkohol, Klamotten und Girls, Girls, Girls. Rock’n Roll ist ein Produkt der Unterhaltungsindustrie, immer nur so subversiv, wie sich daraus Kapital schlagen lässt und Machtgefüge nicht ernsthaft in Frage stehen. Die Heldenreise des Rock-Rebellen endet idealerweise althergebracht-patriarchal: Der Außenseiter schafft es in den Kreis der Reichen und Mächtigen. Der Vater wird gekillt, um an seine Stelle zu treten und Mutter und ihre Töchter zu ficken. Natürlich nur in Kunst.

Sex?

Etwa 90 Prozent meiner befragten männlichen Kollegen geben an, dass ihr initiales Motiv, ein Instrument zu lernen, die erste Band zu gründen, „Mädchen“ waren. Bzw.: Jenen zu imponieren, um sie ins Bett zu kriegen. Zu Kolleginnen fehlt mir ausreichendes Datenmaterial, aber ich vermute hier einen Gender-Gap. Bei mir war’s der Wunsch, auf der Bühne zu stehen und zu singen, vor Publikum: Geschlecht, Alter, Aussehen egal. Allerdings hätte ich wohl auch gerne „Jungs“ imponiert: denen, die selbst Instrumente spielten, schon auf der Bühne standen. Ich wollte keinen abschleppen – ich wollte einer von ihnen sein.

Damals, in meiner Berufsfindungsphase, zwischen Volljährigkeit und Wanderjahren, war ich kaum interessiert an Sex, absolut interessiert an Drogen und zunehmend interessiert an Rock’n Roll. Die kognitive Grundverfasstheit dieser jungen Person: der freie Fall ins Wunderland. Keine Zeit, kein Ort für Entscheidungen, kein Raum für Einordnung. Kein Unterschied zwischen guten und schlechten Erlebnissen. Nur: Aufregung, Überwältigung, Erfahrung. Stolz war ich auf jede, geschämt habe ich mich ununterbrochen. Realtalk:  Ich habe gehasst, jung zu sein. Wollte es schnell hinter mich bringen. Nicht mehr naiv, dumm, unbeschrieben sein. Möglichst verwegen, informiert, selbstsicher rüberzukommen, war eine ständige Übung, ihr Gelingen Segen und Fluch: Man ging dann davon aus, dass ich so selbstständig sei wie markiert. Derweil meine Menschenkenntnis und Verhaltens-Intelligenz noch wenig entwickelt waren, meine Wehrhaftigkeit reine Behauptung, dünn das Eis, auf dem ich großmäulig einherging.

In dieser Zeit war es eine Sensation für mich, als „Fan“ hinter eine Bühne zu kommen. Der Geruch, das Ambiente, die Vorgänge Backstage: Mythen, an denen ich im Begriff war, mein Leben auszurichten, wollte ich in möglichst vielen konkreten Indizien bestätigt finden. Und hey, whow: es gab sie wirklich, die Lichtgestalten, die man nur von ihren Werken und aus Medien kannte. Sie kamen verschwitzt von der Bühne und hatten noch Rampenlicht in den Augen und um sich rum, redeten derbes Zeug, waren unglaublich cool und doch irgendwie Menschen, nicht überlebensgroß, beinahe erreichbar. Manche beinahe scheu, manche beinahe freundlich, manche sprachen sogar mit mir… Und es gab sie wirklich, die Drogen, genug davon, dass sogar ich welche kriegte, und fühlte mich wieder ein bisschen eingeweihter, akzeptierter, Teil von Rock’n Roll. Und wenn mich einer in diesem Zusammenhang befummelte, war das eben auch Rock’n Roll und als Kompliment zu verstehen. Darauf irgendwie unlocker zu reagieren, kam nicht infrage, hätte die gerade gewonnene Reputation zerstört. Jede Lektion war prüfungsrelevant, und wenn sie bis ins Hotelbett ging, dann war das Teil der Initiationsrituale und nicht mal für mich ein Thema, ob ich mich wohl, sicher oder überhaupt fühle. Mit „Sex“ hatte das alles weniger zu tun als jedes Gesangsduett. Ich würde nicht ausschließen, dass auch der ein oder andere Musiker im Hotelbett nur absolviert, was laut Mythos erwartet wird.

Ob diese Szenarien sämtlich der heutigen Auffassung von „konsensual“ standhalten, bezweifle ich. Mir war damals weder Wort noch Konzept bekannt. Es war das letzte Jahrhundert, im kollektiven Verständnis galt „überrumpeln“ noch als klassisch- männliche Eröffnung von Intimitäten. Mir wurde beigebracht, dass Lehrjahre keine Herrenjahre sind und alles seinen Preis hat. Nach diesen Parametern hab ich mich gut gehalten… Und hatte die Eier, mich nach einer Aftershow-Exkursion ins Hotelbett von der feixenden Crew an der Bar zu verabschieden mit dem Claim, man sähe sich irgendwann wieder – bei Festivals, backstage: als Kollegen. Die abschätzigen, skeptischen, mitleidigen Blicke, die ich dafür bekam, finde ich heute allerdings Porno.

Rock’n Roll

Na, dann ist ja alles gut gegangen, könnte man sagen. Ich neige selbst stark dazu. Neige eh dazu, meine Biographie als Rock’n Roll-Märchen zu interpretieren.  Im Nachhinein lässt sich aber immer schön einordnen: Recht gehabt haben. Glück gehabt haben. Überlebt haben. Verdient haben. Erduldet haben. Erkämpft haben. Geschafft haben. Im Nachhinein sind es alles gute Geschichten. Man kann sie spannend und konsistent erzählen, und wo Fragen oder Befremden aufkommen, sagt man kennerisch: Das waren eben andere Zeiten…

Ich verstehe ein Jedes, das sich seine Jugend, seine Rockband, seine Erinnerungsschätze nicht von neuen Erkenntnissen und Entwicklungen, von neuen Geschichten, Debatten und Einordnungen entwerten lassen möchte. Nicht hören will, dass es vielleicht andere Zeiten waren, aber bestimmte Dinge evtl. schon genau so falsch, wie sie heute erscheinen… Aber darüber ignorant, gehässig, reaktionär zu werden, ist dann halt auch kein Rock’n Roll mehr.

2023 haben der Rock’n Roll und sein Publikum längst Enkel. Ich mag diese Leute und treibe mich gelegentlich auf ihren öffentlichen Kanälen rum, die sie mit großer Selbstverständlichkeit alle unterhalten. Ich kann da was lernen. Die Kids sind vielfach informierter, klarsichtiger und eloquenter als ich in dem Alter. Sie sind irgendwie alle vernetzt und kommunizieren ununterbrochen. Sie haben einen guten Humor und einen wunderbar effizienten Sprachkodex. Ich sehe bei ihnen, wie sich die Zeiten ändern, die Selbstverständlichkeiten, die Umgangsformen, und alles in allem begrüße ich das.

„Digga, was für ‚das is so Rock’n Roll‘?!“ fragt Youtuberin Kayla Shyx in ihrem Video über Backstage-Erlebnisse. Eine wirklich gute Frage. Ich möchte sie in meinem Zirkus aufgreifen und mit meinen Affen diskutieren: Inwieweit ist der slippery-slope vom Rock’n Roll-Livestyle zu Strukturen und Methoden des organisierten Menschenhandels nur konsequent, inwiefern wirklich Teil der Kultur? Wäre ohne Groupie-Klischees die Musik nicht mehr gut? Würde Rock’n Roll langweilig ohne Herabsetzung junger Frauen zu Verschleißmaterial? Wäre es ohne Misogynie vorbei mit der Sexiness? Wäre ein zünftiges Gepimmel auf der Bühne noch möglich? Würde evangelikale Prüderie um sich greifen, wenn reale Girls als eigenständige Personen gälten, mit diversen Interessen und Motiven – die sich vielleicht nicht aus dem einzigen Grund in die Backstage mogeln, der heute noch allgemein vorausgesetzt wird?

Ich kann da nur für mich sprechen: Mein jüngeres Ich hätte wohl nichts einzuwenden gegen einen gendergerechteren Rock’n Roll, wo Mädchen nicht fickbar sein und keine Jungs werden müssen, um mitzumachen. Mein heutiges Ich feiert junge Frauen, die mit ihrer Rollenzuweisung als Fickmaterial bei  Aftershow-Partys nicht einverstanden sind. Die empört darauf bestehen, dass sowas „kommuniziert“ wird und nicht vorausgesetzt. Die wissen, dass Persönlichkeitsrechte zumindest theoretisch auch für aufgebrezelte Girls gelten, in allen Verfassungen. Die explizit nicht überwältigt, sondern gefragt werden wollen. Die althergebrachtes Gemacker gar nicht mehr eindrucksvoll, sondern cringe finden, die paternalisierendes Geonkel mit „ok boomer“ kontern. Die feiern und auf den Putz hauen wollen und sich in die Backstage mogeln ohne jeden Gedanken daran, irgendwem einen zu blasen. Die würde ich nicht rausschmeißen, diese jungen Frauen  – ich würde sie einladen:

Sie sind Rock’n Roll.

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Buch-Empfehlung zum Thema: 
Joy Press / Simon Reynolds: Sex Revolts. Gender, Rock und Rebellion, Ventil-Verlag, Mainz 2020.

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