Geschrieben am 31. Dezember 2023 von für Highlights, Highlights 2023

Robert Wilson, Matthias Wittekindt, James W. Ziskin

Robert Wilson: Nobody knows what’s truly going on

ANATOMY OF A FALL is one of those rare beasts, an art house movie that has been given a general release, well at least here in the UK, certainly helped by winning the Cannes Palme d’Or. A more accurate but less appealing title for the movie might have been ‘Dissection of a Marriage’ because that is what happens in this tense but strange approximation of a courtroom drama.

The film opens in a large Alpine chalet undergoing renovations with Sandra, a writer, giving an interview to a young graduate student who’s come up from Grenoble. Sandra’s visually impaired son, Daniel, is washing Snoop, the savvy family dog, while her husband, Samuel, is nowhere to be seen. Minutes into the interview, in which Sandra is ducking questions and returning them to the interviewer, her husband starts playing an instrumental version of 50 Cent’s P.I.M.P. at full volume putting an end to the conversation below. The interviewer drives away. The boy takes the dog for a walk leaving his mother alone in the house with his Dad. When Daniel returns from his walk the music is still blaring and he finds his father lying on the packed snow in front of the chalet with blood oozing from a head wound. He is dead.

Did he fall or jump? Was he pushed? Did someone hit him on the head and he fell? Did he sustain the head injury on the roof of a shed below? These are just some of the initial questions that the police have to contend with. We are, however, not given a detective to guide us. The police are merely a force who, once they’ve conducted their opening investigation, in which they discover a recording made of a conversation between husband and wife, decide to prosecute Sandra for murder. It is our job to decide what really happened.

The screenplay is written by the director Justine Triet and her husband Arthur Harari. Between them they have devised a fascinating relationship between Sandra, the novelist, who has determinedly forged a career for herself, and Samuel the good-looking, charming would-be novelist who struggled with his creativity, gave up, moved the family from London to his home town and set about rebuilding the Alpine chalet to create a rental income stream. Sandra is German, Samuel is French, but they speak in a shared language, English, while their son is bilingual in French and English. Samuel has suffered from depression and there might have been a suicide attempt. Sandra has had affairs, occasionally with women. Gradually the complications accumulate as it is revealed, for instance, that Sandra’s first novel was written around an idea she’d taken, with her husband’s permission, from the work that he’d abandoned.

What we realize, as we delve into the relationship between Sandra and Samuel, is that nobody knows what’s truly going on. Not the outsiders: neither the fiercely combative prosecution lawyer nor Sandra’s own lawyer, her friend and admirer, Vincent. Not the son, Daniel, the cause of whose visual impairment takes a while to come out, but who has heard a great deal in his eleven years and undergoes two cross-examinations. Not the protagonist, Sandra, who has her own tough perspective, nor the off-screen protagonist, Samuel. It all builds towards the revelations in the recording, which is the only flashback in the film, and is the only true, but momentary, insight we have into the complex nature of the marriage. It is a very brilliant and affecting scene.

As for how Samuel died…Sandra Hüller (who plays Sandra) pressurized Justine Triet throughout shooting the film to tell her, but the director never gave in. I happened to notice in the credits, because it was the first one up, that the family dog’s real name is Messi and I assume that’s after the brilliant Argentine footballer Lionel Messi and that the border collie probably has all the right instincts. There is a final scene, which 

I think should be carefully considered.

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Matthias Wittekind: Bratwurst mit Antje

Vorletzte Woche Bratwurst. Währenddessen saß ich, eingekuschelt in Antje, auf einem glitzernd vereisten Steg am Gorinsee. Senf am Mund blickte ich, hinüber zum anderen Ufer und sprach: „Soll ich mal sagen, wie es steht?“

„Wie es steht?“

„Das Jahr ist für mich sonderbar gleichmütig verlaufen. Beinahe schamlos.“ 

„Matze, wovon redest du?“ 

„Mein persönliches Gleichmütig in der Katastrophe. Ich komme noch drauf.“

Wie immer hatte ich auch 2023 viele belebte Momente beim Schreiben. Fast so viele, wie das Jahr Tage hat, wenn ich die Wochenenden und die Zeit mit Antje abziehe. Wobei die Freude nie entsteht, weil ich zum Beispiel meine, ich hätte eine Szene gut hinbekommen. Nein, es ist das Während.

Während ich schreibe. Während ich mir ein Haus ausdenke. Während ich Menschen miteinander reden lasse und nie weiß, wohin das Gespräch sie und mich führt. Es ist das während ein Kind zur Welt gebracht wird, während die Mutter, den Rücken durchbiegt und die Augen zusammenkneift, und auch … während ich bei Gelegenheit jemanden verheirate oder sterben lasse. 

Bei diesen Momenten der Begeisterung – denn da sind Geister – geht es nicht ums Gelingen, sondern um die Momente, wenn … Ich spreche nie von einem Fluss der Gedanken, schon gar nicht rede ich von einem Stream oder Flow. Ich nenne das Tippen. So schnell es nur irgend geht. Letztlich bin ich in einem Zustand großer Wachheit bei gleichzeitiger Unbestimmtheit und jeder Moment zählt für die Ewigkeit. 

Nun würde Antje vielleicht sagen: „Schön Matze, wir kennen dich. Aber gab es denn auch glückliche Momente, die du mit anderen geteilt hast?“ 

„Gab es. Mit dir zum Beispiel.“

„Die Frage war ernst gemeint.“

„Na, mit unserer Familie, mit Dieter, Frauke, Axel, oder … Axel, finde ich, wird immer lustiger. Und auch schamloser. Ist dir das schon mal aufgefallen?“

„Matze! Ich sprach von persönlichen Momenten, nicht von schamlos. Magst du das Wort? Ist es dein neuer Liebling?“

„Antje …!“

Ich hatte wie so oft vollkommen recht, sie hätte es eigentlich wissen müssen. 

Erst am Abend zuvor hatten wir in der Schaubühne oft gelacht. Und auch noch synchron. Weil das Stück lustig war, und weil in der Inszenierung mein Freund Axel anderthalb Stunden lang in einem Ofenrohr steckte. Und als er zuletzt zum Verbeugen aus dem Rohr rauskam, steckte er in einem Ganzkörperlatexanzug und hatte kleine Fühler am Kopf. 

Worauf ich aber eigentlich rauswollte, ist etwas ganz anderes. Und das hat bestimmt nichts mit einem Ofenrohr oder dem Latexanzug von Axel zu tun. Ich wollte zum Ende des Jahres vom Aufhören sprechen, und vom Während.

Dieses Jahr zum Beispiel hat eine Freundin, die in meinem Bühnenverlag arbeitet, aufgehört.

„Rentnerin!“

„Andrea, bitte! Eine wie du hört nicht auf.“

Es gab noch ein Verabschiedungsfest im Verlag, wir haben getrunken, ich hab viel zu viel Süßes dazu gegessen, das muss unbedingt aufhören! und länger über Pläne gesprochen. Aber Andrea ist nicht naiv. Sie wusste, was auf sie zukommt. Bis jetzt war es doch gewesen wie immer: Besprechungen mit Autorinnen und Autoren oder den Redakteurinnen der Rundfunkanstalten, den Dramaturginnen an Theatern. Bahnfahrten. Flugreisen. Städte. Hotels. Immer hellwach, immer wurde etwas erfunden oder so umgebogen, dass es zuletzt vielleicht doch noch passte. Für die Redakteurin, den Autor, das Werk, die Autorin. 

Und nun Fahrradtouren? Mehr Zeit mit ihren Freund? Vielleicht ein Buch? 

Nun, Andrea hat es bis jetzt gut hingekriegt. Antje fand das auch, und dann ist es wohl so. Dieses Aufhören steckt ja immer mit drin. Und nicht nur in den Jahren selbst, die sich ja ständig beenden, in den letzten Tagen des Dezember. Das Jahr hört auf. Ein Mensch hört auf. Das ist gemeint. 

Der Mensch – von denen, die ich gut kenne – der das mit dem Aufhören am besten hingekriegt hat, war mein Vater. Er hat seinen Beruf – Reisen, reden, Sake trinken, Reisen, reden, Sake trinken – mit Leidenschaft betrieben und doch von einen Tag zum nächsten komplett umgeschaltet. Ich erinnere mich noch, wie wir … „Komm, Matthias, wir machen das jetzt zusammen.“ … hinterm Haus Berge von Akten verbrannt haben. Er. Ich. Werfen, werfen, werfen. Seine Lebensarbeit. Die ausgeglühten Metallmechanismen, wie man sie von LEIZ-Ordnern kennt, füllten am nächsten Tag zwei große Tüten! 

Schon da redete er davon, einen asiatischen Teich anzulegen. Man sah ihn dann ständig im Garten. Oder ich bekam Postkarten. Kurztrips in die Alpen oder längere nach Japan. Und immer dieses entgrenzte Lachen. Oft mit Schleimfäden zwischen Ober- und Unterlippe. Zusammen mit meiner Mutter, versteht sich.

„Die Frage also, die ich mir dann und wann stelle: Wie schaffen es manche, sich, im meist doch schon höheren Alter, noch mal neu zu erfinden?“ 

„Matze, du bist noch nicht achtzig!“

„Was denn?“, dass ich bei diesem Jahresrückblick teils etwas melancholisch daherkomme und ums Altern kreise, kann man mir doch wohl nachsehen. Es liegt an der Welt. Denn in dieser Welt werden zurzeit Menschen, auffällig viele junge Männer darunter, nicht ein einziges Mal gefragt, ob sie denn schon aufhören wollen. Und mit Aufhören ist hier keine Rente gemeint.

Erst kürzlich, am 24. Dezember … wohl so gegen 16:04, drei Glas Gin Tonic, dazu extrem viel Süßes, das muss unbedingt aufhören! … da sagte Anna, und die ist erst dreißig: „Ein Scheißjahr, das man nur vergessen möchte. Ich hab ein paarmal richtig geheult.“ Sie meinte damit, was in der Welt geschieht. Und Anna hat recht. Da möchte man tatsächlich sagen: Aufhören! – Es hört aber nicht auf, nein, nein, es hört ganz bestimmt nicht auf. Denn das neue Jahr, so viel ist gewiss, beginnt in einigen Stunden. Wie also fertig werden mit der Traurigkeit?

Kurz, wie Goethe einst sagte: Jeder Moment ist von unendlichem Wert. – Oder noch kürzer: Bratwurst mit Antje.

Von Matthias Wittekindt erschienen sind 2023: „Spur des Verrats“ im Heyne Verlag, „Fünf Frauen“ im Kampa Verlag und außerdem noch die Kurzgeschichte „Schwarzdorn“ bei CulturBooks (in „Hamburg Noir“).

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James W. Ziskin: I Hereby Resolve

Upon the first of Jan-u-ary each and every year
I choose a comfy cushioned chair on which to park my rear
Then taking pencil, pen, or plume I think with all my might
About my life, my hopes, my dreams, and then begin to write

I make a note of all my flaws, my missteps, and my sins
And number them from one to ten and sort them into bins:
A catalogue of wishes, goals, and changes to achieve,
To lose some weight, to write more books, and royalties receive!

But not all thoughts are for myself, I also have a heart
So I resolve to do some good, pitch in, and play my part,
To be a better person and to help human-i-tee,
Or maybe just be satisfied to keep my san-i-tee

For all in all you must admit that things are not so good
At home, abroad, in Baltimore, and in your neighborhood
With guns and hate and politics and fears we cannot quell
It often seems we’re on a highway heading straight to hell 

But then I reason as I sit here in my pensive pose
Some things I can control and fix, so why not start with those?
My wrath, my sloth, and moods most foul are faults I could improve
Why not correct them right away? Cast out, erase, remove?

While in the past I must admit that my resolve was frail
This time my pledge is resolute; I don’t intend to fail
I vow to change, to grow, to thrive, and forge myself anew
And through hard work and sweat and blood I’ll make my dreams come true

But just in case my will is weak and my plans gang ag-ley
I’ll save this verse for twelve months more until next New Year’s Day
Then with high hopes and best intents I’ll shout for all to hear
The very same prom-is-es that I made and broke this year

James W. Ziskin is the author of the Ellie Stone Mysteries and Winner of the 2021 Barry Award for Best Paperback Original, the 2021 Macavity Award for Best Historical Mystery (Sue Feder Memorial), the 2017 Anthony Award for Best Paperback Original, and the 2017 Macavity Award for Best Historical Novel (Sue Feder Memorial). His books and short stories have also been finalists for the Edgar, Agatha, and Lefty awards.

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