Geschrieben am 3. Juli 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2024, News

Volltreffer im Boxring: Rita Bullwinkel »Schlaglicht«

Wie kein Box-Roman zuvor

Eine Ringreportage von Helmut Ziegler

Bis neun bist Du o.k., ab zehn erst k.o.? Rita Bullwinkels Debüt „Schlaglicht ist ein großer Box-Roman, weil es ihm egal ist, wie der Kampf ausgeht

„Acht zweiminütige Runden plus Pausen sind kaum genug Zeit, damit überhaupt irgendetwas passieren kann.“ Diesen Satz schreibt Rita Bullwinkel in ihrem ersten Roman ziemlich am Ende.

Durchaus mutig. Denn „Schlaglicht“ handelt von nichts anderem als acht Runden á zwei Minuten sowie den Pausen dazwischen. Das ist aber auch eine Falle, genüsslich aufgestellt. Denn in diesen acht Runden á zwei Minuten treffen Egos intim aufeinander, erproben ihre Widerstandskraft, lassen Lebensträume zerplatzen. Das eine oder andere Auge schwillt auch zu.

„Schlaglicht“ gehört zum Genre der Box-Romane, doch diese an sich treffende Einordnung führt zugleich in die Irre. „Schlaglicht“ ist wie kein Box-Roman zuvor.

Boxen hat viele Schriftsteller fasziniert. Nelson Algren behauptete gar: „Ich kenne keinen Schriftsteller, der nicht auch Boxer ist.“ Ernest Hemingway, Jack London, Norman Mailer, Bertolt Brecht, Wolf Wondratschek, Clemens Meyer oder Stephanie Bart – sie alle schätzen den Sport für seinen existentiellen Gestus, schließlich geht es nicht nur darum, Widersprüche zu vereinen, Eleganz und Brutalität etwa. Sondern um mehr: um alles oder nichts. Viele Kopfarbeiter standen daher selbst als Faustkämpfer im Ring. Und, dies nur am Rande, verloren meistens.

Rita Bullwinkel, die gern im grauen Glitzeranzug auf die Bühne geht, hat nie geboxt. Das gibt sie sofort zu – allerding hat sie tagelang Training-Videos junger Athletinnen auf YouTube studiert. Zudem hat die 34-jährige Amerikanerin und Mutter einer Tochter – gerade Gastprofessorin am Institut für Amerikanistik der Universität Leipzig – als Jugendliche am College Wasserball gespielt. Und die Bewegungen sind so unterschiedlich nicht: Wurfkraft gleich Schlagkraft. Sie war sogar Ko-Kapitänin eines Teams, das damals zu den Top 20 der USA zählte.

»Ich habe mein damaliges Leben jeden Tag«, so erzählte sie der Los Angeles Review of Books, „um mein Training am Morgen wie am Nachmittag strukturiert.“ Dank dieser Disziplin – die sie rückblickend als „ungesund und irrational“ einordnet – reiste sie zu zahlreichen Wettkämpfen, die alle in irgendwelchen gesichtslosen Shopping-Malls oder Funktionshallen stattfanden. In dieser Welt ist auch „Schlaglicht“ verortet.

Acht Athletinnen, maximal 18 Jahre alt, treffen an einem Wochenende beim Halbfinale des „Daughters of America Cup“ in der Wüstenstadt Reno, Nevada aufeinander. In einer Halle, großspurig Bob’s Boxing Palace getauft, deren Ring mit verblichenen Seilen so wirkt, als stamme er von einem Second-Hand-Portal. All diese Teenager werden in den sieben entscheidenden Kämpfen porträtiert – bis hin zum Abschluss, der mit einer überraschenden Finte eingeleitet wird.

Da ist Artemis Victor, die aus einer Box-Familie stammt und deren Teddybär ein T-Shirt trägt, auf dem der sprechende Nachname steht. Da ist Andi Taylor, eine traumatisierte Rettungsschwimmerin, weil unter ihrer Aufsicht ein kleiner Junge ertrank. Kate Heffer wiederum liebt ausgefeilte Pläne über alles. Rachel Doricko, die Stylishe, trägt eine Waschbär-Mütze, um zu verwirren, an deren Schwanz sie aber auch kaut, wenn sie verwirrt ist. Iggy Lang, clever und Krimi-Fan, muss ausgerechnet gegen ihre drei Jahre ältere Cousine Izzy antreten, die sie im Sparring gelegentlich gewinnen ließ, da es sonst zu langweilig wurde. Rose Mueller ist eine stille, christlich-fundamentalistische Beobachterin. Und dann ist da Tanya Maw, die nie darüber hinweggekommen ist, dass ihre Mutter in einer Winternacht die Familie verließ.

Schon die Anzahl der Figuren ist besonders – ihren ersten Entwurf, in der ersten Person von einer Fighterin zu erzählen, warf Bullwinkel in den Papierkorb. Nun wird nicht mehr die klassische „Rocky“-Geschichte von Underdog erzählt, der gegen alle Widrigkeiten zum Sieger wird. Hier sind alle Underdogs – und dass man sie so nennt, dafür, so Bullwinkel, „gibt es Gründe“. Die New York Times, die das Buch überschwänglich als eines der besten dieses Jahres lobte, wies darauf hin, dass Worte wie Bildung oder College kaum vorkommen.

„Schlaglicht“ kann man mit Werken wie Dizz Tates „Wir, wir, wir“ oder Julie Otsukas „Solange wir schwimmen“ vergleichen. Beide Romane erzählen ebenfalls von Kollektiven, von einer Gruppe Pubertierender oder den Besuchern eines Schwimmbads, die ihre Bahnen ziehen, um einen weiteren Tag an Land zu bestehen. Und beide Werke tun dies über weite Strecken in der raren, ungewohnten Wir-Form.

An solchen Romanen – allesamt recht erfolgreich – zeigt sich, dass die Dramaturgie der klassischen Heldenreise ein wenig in den Seilen hängt. Hinzu kommt, dass Bullwinkel von tief innen heraus erzählt.

Fast alle Box-Romane, das gilt aber auch für „Über Boxen“, die klugen Essays von Joyce Carol Oates, erzählen von außen, selbst die besten. Selbst „Calhoun“ von Nelson Algren, „Schmutziger Lorbeer“ von Budd Schulberg, „Tag, Fremder“ von Robert Lowry oder „Champions“ von F. X. Toole – sie alle haben im Vergleich zu „Schlaglicht“ etwas Yoyeuristisches. Da geht es um einen zynischen Justizirrtum, manipulierte Wetten oder eine an Rassismus und Klassismus scheiternde Liebe zwischen schwarzem Boxer und weißer Künstlerin. Der Kampf selbst ist oft erzählerischer Höhepunkt, Handlung wie Ethik aber konzentrieren sich auf andere Fragen.

Nicht so bei Bullwinkel. Die sonst so wichtigen Nebenfiguren – Trainer, Ringrichter, Partner, die dreiköpfige Jury, alles Männer übrigens, aber auch das in diesem Fall zahlenmäßig geringe, gleichwohl Blut sehen wollende Publikum, sogar das mafiöse Geschäft an sich – all das wird nur beiläufig gestreift oder kommt gar nicht vor. Weil: kennt man ja.

Was die meisten Lesenden nicht wissen: Aber wie fühlt es sich denn an, direkt im Ring zu stehen? Wie starrt frau möglichst selbstsicher? Wie liest frau eine unbekannte Gegnerin? Wie steht die, zentriert oder in Schieflage? Wie findet frau die Lücke in deren Deckung?

Jeder Kampf bekommt sein eigenes Kapitel. Das erste, was Bullwinkel auszeichnet, ist der dramaturgische Kniff, zwischen den Kämpferinnen hierarchiefrei hin und her zu schalten, permanent die Perspektive zu wechseln. Praktizierte Gleichberechtigung – und selbst wenn eine Figur am Abgrund steht, schubst sie diese nie herunter.

Zweites Plus: Bullwinkel springt in der Zeit vor und zurück. Mitten im Fight Artemis Victor gegen Andi Taylor etwa wird zu der 60-jährigen Artemis vorgeblendet, deren Finger so oft gebrochen wurden, dass sie nun keine Tasse mehr anheben kann. Wer später Hochzeiten plant, mit Oma-Rollen zu geringem Filmruhm gelangt oder als Privatdetektivin untreue Ehemänner verfolgt, all das erfährt man zwischendurch.

Zum Dritten schließlich beamt uns Bullwinkel direkt in die Körper, wenn sich eine getroffene Rippe verbiegt wie „billiges Plastikbesteck, bei dem sich die Zinken der Gabel in verschiedene Richtungen spreizen.“ Und in die Psyche, wenn sich eine Kämpferin mit jenem Flächenbrand identifiziert, der einst das Haus ihrer Familie vernichtete.

Bullwinkels Sprache ist dabei knapp, aber beweglich und energetisch. Auch kommt sie fast gänzlich ohne Dialoge aus: „Man kann nicht reden, wenn der Mundschutz über die Zähne gestülpt ist. Man müsste ihn ausspucken, um irgendetwas zu sagen.“

Die deutsche Übersetzung stammt von Christiane Neudecker, einer Schriftstellerin, Kickboxerin und Ringsprecherin. Sie weiß also, worum es geht. Abgesehen von der Schwierigkeit, kurzatmige Worte adäquat zu übertragen, wenn „zit“ und „hit“ zu „Pickel“ oder „Treffer“ werden, ist die deutsche Version in ihrer Atemlosigkeit und den tänzerischen Vor-und-zurück-Wiederholungen nahe am Rap der Vorlage.

„Schlaglicht“ ist Rita Bullwinkels erster Roman. 2016 erschien „Belly Up“, eine Sammlung von Short Storys. Auch hier geht es, mal drastisch, mal melancholisch, um das Ausloten der Grenze zwischen Innen- und Außenleben, wie man es auch, jedoch deutlich realistischer, von ihrer Mentorin Lorrie Moore {„Was man von einigen Leuten nicht behaupten kann“) kennt. Das Spektrum der plot-armen und geist-reichen Kurzgeschichten umspannt Spukgestalten, die sich in Strip-Clubs von Gehirnen ernähren, oder ein Paar – „Ich war der Typ Mann, der …“, „Ich war der Typ Frau, die …“ –, welches erst in einem tragischen letzten Satz zum „Wir“ wird.

Laut eigener Aussage ist Bullwinkel am besten, wenn sie Lust auf das Schreiben hat. Angesichts ihrer anderen Tätigkeiten – Herausgeberin von „McSweeney’s Quarterly“, stellvertretende Redakteurin von „The Believer“, Assistenzprofessorin für Englisch an der University of San Francisco – ist dies offenbar und nachvollziehbarerweise eher selten der Fall.

Aber wenn, dann!

Deshalb ein letztes, ein K.O.-Argument für diesen Roman also: In „Schlaglicht“ ist es komplett egal, wer am Ende gewinnt. Von der Leserschaft natürlich abgesehen.

Helmut Ziegler

Rita Bullwinkel: Schlaglicht Deutsch von Christiane Neudecker. Aufbau Verlag, Berlin 2024. 256 Seiten, 24 Euro.Buchpremiere am 16. Juli, 19 Uhr, mit der Autorin und ihrer Übersetzerin im English Theatre Berlin.

Als Zugabe eine kleine Galerie Box-Literatur:

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