Geschrieben am 1. Dezember 2023 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2023, Musikmag

Visueller Backstage-Pass: Lynn Goldsmith nah bei Springsteen

Der Fotoband »Darkness on the Edge of Town« von Lynn Goldsmith zeigt das Werden einer amerikanischen Ikone – und dazu: »The Boss«, auf 100 Seiten

Lynn Goldsmith: Bruce Springsteen & The E Street Band. Dreisprachige Ausgabe, Englisch, Französisch, Deutsch. Hardcover in einer Schlagkassette. Format: 26,9 x 37,3 cm, 4,1 kg. 364 Seiten, 600 Euro. Collector’s Edition (Nr. 201-1978), nummeriert und von Lynn Goldsmith signiert.

Marcus S. Kleiner: Bruce Springsteen. 100 Seiten. Reclam Verlag, Stuttgart 2022, 2. Auflage. Broschiert, 102 Seiten, mit 31 Abb. und Infografiken, 10 Euro.

Tonight I’ll be on that hill ‚cause I can’t stop
I’ll be on that hill with everything I got
Lives on the line where dreams are found and lost
I’ll be there on time and I’ll pay the cost
For wanting things that can only be found
In the darkness on the edge of town
In the darkness on the edge of town

Dies ist ein Fotobuch, in dem man einem Genie beim Werden zuschauen kann. Springsteen hautnah. 1977/ 1978. Lynn Goldsmith war mit ihrer Kamera dabei, als Bruce Springsteen und die E Street Band die Songs für das Album »Darkness on The Edge of Town« schrieben, probten, aufnahmen, herausbrachten und damit auf Tour gingen. Sie fotografierte die Band kurz vor der Stadion-Ära, als sie noch im Bus von Kleinstadtbühne zu Kleinstadtbühne zog und ihr Leben sich kaum von dem der meisten Fans unterschied. Keine zwei Konzerte waren sich ähnlich. Bruce und seine Musiker gaben bei jedem Auftritt alles, egal wie klein oder leer die Halle war. Es war, als hinge ihr Leben davon ab. Soundchecks konnten sich bis zu vier Stunden hinziehen, wobei Bruce jeden Winkel des Saals abging, um sicherzustellen, dass man von jedem Platz aus freie Sicht hatte und der Sound den Raum durchströmen konnte wie Blut die Ohren, dass er den Puls des Publikums finden würde. »Ich war ehrgeizig, jung, wild und naiv, und 1978 war eine großartige Zeit, um in einer Rock-and-Roll-Band zu sein«, meint Bruce in einem Statement zum Buch dazu.

Die Songs wurden in einem Haus in der Telegraph Hill Road in Holmdel, New Jersey, und in einem Zimmer im Navarro Hotel an der Straße Central Park South in New York geschrieben. Eingespielt wurde der größte Teil des Albums bei The Record Plant in der 44. Straße. Um die konzentrierte Intensität der Aufnahmesessions zu durchbrechen, ging Bruce spazieren oder sah sich einen Film an. Auf einigen der Fotos im Buch sieht man ihn mit verbundener Hand – Resultat eines Faustschlags gegen die Wand aus Frust über sein Unvermögen, auf die Platte zu bringen, was er im Kopf hören konnte. Von William Wordsworth stammt ein Satz, der gut auf Bruce passt: „Ein Dichter ist ein Mensch, der mehr als andere von etwas Abwesendem so berührt wird, als wäre es präsent“ , heißt es im Vorwort von Lenny Kaye. Das Buch zeigt diese Suche. Man schaut einem jungen Genie bei der Arbeit zu. 

»Darkness« war das vierte Studioalbum von Springsteen, es entstand zwischen Juni 1977 und März 1978 und wurde am 2. Juni 1978 bei Columbia Records veröffentlicht. Ihm vorausgegangen waren Kritikernörgeleien und Streitigkeiten zwischen Bruce und seinem ehemaligen Manager Mike Appel. Springsteen selbst dazu: »Lynn zeigt uns in einer kritischen Phase, drei Jahre nach »Born to Run« und den dunklen Tagen des Rechtsstreits mit meinem Ex- Manager. Nach drei Jahren ohne Plattenveröffentlichung hielt mich die Presse für ein hochgejubeltes One-Hit-Wonder, und das hieß, dass ich jeden Abend wieder auf die Bühne ging, um mich zu beweisen. „Nein, ich bin mit 28 nicht am Ende, sondern mit das Größte, was ihr je gesehen habt (denke ich …), und daran werden auch harte Zeiten oder ein übler Rechtsstreit nichts ändern. Ich werde eure Seelen rocken, und wenn es das Letzte ist, was ich tue!“ Und so war es … Die Zeit schritt fort. Lynn und ich gingen letztlich getrennte Wege, aber diese Fotos bleiben als Dokumente eines Augenblicks, in dem ich wirklich um mein Leben spielte, Abend für Abend, ohne je weiter darüber nachzudenken. Danke, Lynn.« 

»Am Ende von »Darkness« hatte ich meine erwachsene Stimme gefunden«, sagte Springsteen später. Lynn Goldsmiths Bilder geben davon Zeugnis. »Das Objektiv einer Kamera ist wie ein Musikinstrument. Das Bild, das es einfängt, kann ebenso klingen wie die Note eines Liedes«, sagt sie dazu. Sie war ein knappes Jahr älter als Bruce, ein Großstadtpflanze aus New York, er ein Junge aus New Jersey. Und für ein Jahr waren sie unzertrennlich. So nahe kommt ein Fotograf einem Porträtierten wohl selten. Eine Vorform des jetzt bei Taschen vorliegenden Bandes erschien 1984 unter dem Titel »Springsteen Access All Areas«, 128 Seiten gegenüber den jetzt großformatigen 364.

Lynn kam eigentlich vom Film, 1972 war sie als als jüngstes Mitglied in die Directors Guild of America aufgenommen worden. Sie führte Regie bei ABC-Fernsehserie „In Concert“, in der Konzerte von Rockbands gezeigt wurden. Nachdem sie 1973 den Dokumentarfilm »We’re an American Band« über die Rockgruppe Grand Funk Railroad gedreht hatte – der erste im Kino eingesetzte Film dieser Art – wurde sie zeitweise sogar Co-Managerin der Band. Sie trug den Rock’n’Roll im Herzen.

Die vielfach ausgezeichnete Fotografin (unter anderem mit dem World Press Award in Porträtfotografie) hat bis heute über fünf Jahrzehnte amerikanischer Kultur dokumentiert. Sie fotografierte Popstars, Persönlichkeiten aus der Unterhaltungsbranche, Sportlegenden, Filmregisseure sowie Autoren. Ihre Arbeiten befinden sich in den Sammlungen der Smithsonian National Portrait Gallery, des Museum of Modern Art, des Chicago Museum of Contemporary Photography sowie der Rock and Roll Hall of Fame. »Bruce Springsteen and the E Street Band« ist ihr 16. Buch.

Alle Fotos: Copyright © Lynn Goldsmith 
Foto: Copyright © Lynn Goldsmith 
Bruce Springsteen & Lynn Goldsmith


Alle Songs im Album sind von Springsteen geschrieben. Er ließ sich dazu von den Romanen von John Steinbeck inspirieren, von »The Grapes of Wrath« (1939) and »East of Eden« (1952) und den Filmadaptionen von Elia Kazan und John Ford. Ebenso von dessen Western THE SEARCHERS und Folk- und Countrysängern wie Woody Guthrie und Hank Williams. Schatten warfen auch die britischen Punkrocker von den Sex Pistols und The Clash und New-Wave-Künstler wie Elvis Costello. Springsteen wollte wütender und schlanker klingen als auf früheren Alben, rockiger und härter. »Heartland Rock« nannten es dann die Kritiker. 

Das Album von 1978

Seite 1: »Badlands«/ »Adam Raises a Cain«/ »Something in the Night«/ »Candy’s Room«/ »Racing in the Street«/ Seite 2: »The Promised Land«/ »Factory«/ »Streets of Fire«/ »Prive It All Night«/ »Darkness on the Edge of Town«; Gesamtlänge: 42:29 Minuten.

Mit: Roy Bittan (Piano, Backgroundstimme), Clarence Clemons (Saxophon, Backgoundstimme), Danny Federici (Hammondorgel, Glockenspiel), Gary Tallent (Bassgitarre), Steven Van Zandt (Rhythmusgitarre, Backgroundstimme), Max Weinberg (Schlagzeug). Produziert von Jon Landau und Bruce Springsteen, Steven Van Zandt (Assistenz), Jimmy Lovine (Tonmeister, Mischung), Thom Panunzio (Tonasitenz), Chuck Plotkin (Mischung), Max Weinberg (Mastering).

Für den Autor Wallace Stroby (dessen vier Romane mit der Räuberin Crissa Stone ich übersetzt habe) gehört das Album zu den fünf Dingen, die sein Leben auf immer verändert haben: »I grew up five minutes from Asbury Park, so was familiar with Springsteen’s music going back to his first albums. »Born to Run« was his breakout record, but »Darkness«, coming three years later, after a bitter, hard-fought legal battle that kept him from recording, was something else entirely. Again, much of the album’s power was in the poetry of its details: A street racer’s ‘69 Chevy, his only pride in life, waits „outside the Seven-Eleven store«. A young woman who’s watched her dreams die »stares off alone into the night/With the eyes of one who hates for just being born«. These were songs of loss, of anger and triumph. WNEW-FM in New York had been playing tracks off the album for a couple weeks before its release. I bought it the day it came out, on my way to a high school graduation party, which couldn’t have been more fitting. When I left for college, it was the album I brought with me to remind me of home. It’s grown to mean even more to me over the years. Still my favorite record ever.«

»Können Sie sich noch erinnern, wann Sie Springsteen zum ersten Mal gehört haben und wie sie überhaupt auf ihn aufmerksam geworden sind?«, fragt Marcus S. Kleiner zu Beginn der Reclam-Broschüre »Bruce Springsteen«. Der Berliner Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaft gilt als »der vielleicht lässigste Wissenschaftler des Landes«. Angenehm persönlich und auf nur 100 Seiten (dem Format der Reihe) umrundet er das Musik-Phänomen Springsteen und widmet sich dessen zentralen Themen: dem amerikanischen Traum, der sozialen Ungerechtigkeit oder dem Trauma 9/11. Im Gespräch mit Wolfgang Niedecken und Thees Uhlmann findet er heraus, welche Rolle Springsteen für seine Musikerkollegen spielt. Und er zeigt die Vielseitigkeit und das Vermächtnis eines Künstlers, der so viel mehr ist als nur ein Rockmusiker. Playlists zum Buch finden sich hier.

Und es gibt übrigens einen Radiosender, der rund um die Uhr ausschließlich Musik von Bruce Springsteen spielt. Das »E Street Radio« wurde 2005 von der Sirius Satellite Group ins Leben gerufen.

Alf Mayer

PS. Zum Schluss noch ein wenig Springsteen-Trivia: 
Bruce Frederick Joseph Springsteen ist auch von der Herkunft her absolut »working class«. Sein Vater war Busfahrer, die Mutter Sekretärin.

Dass er Musiker werden wollte, wusste er, nachdem er als Kind den legendären Auftritt von Elvis Presley in der Ed Sullivan Show gesehen hatte. 

Seine erste Gitarre kaufte er mit 13 Jahren für 18 Dollar. Der erste Song, den er auf der Gitarre lernte, war »Twist and Shout« von den Beatles.

Die größte Springsteen-Sammlung der Welt gibt es in der Asbury Park Public Library in New Jersey: über 10.000 Bücher, Magazine, Artikel, Tourbücher aus allen Karriereabschnitten.

Sein Spitzname »The Boss« entstand in den 1970er Jahren, als er seinen Bandmitgliedern nach den Auftritten die Gage bar ausbezahlte. Seine hochenergetischen Livekonzerte dauern meist dreieinhalb bis vier Stunden.

Der Name der Band, die ihm seit 1972 zur Seite steht, ergab sich dadurch, dass einer der damaligen Musiker (der Keyboarder David Sancious) in der »E Street« in Belmar, New Jersey aufgewachsen war und die Band dort gelegentlich in der Garage der Mutter übte. 

Bruce singt nicht nur, sondern spielt auch Gitarre, Piano und die Mundharmonika. Außerdem ist er ein sehr begabter Fotograf. 120 Songs hat er bis heute geschrieben. 

Das Springsteen-Konzert am 19. Juli 1988 in Ost-Berlin war das größte Konzertereignis in der Geschichte der DDR ebenso wie in seiner eigenen musikalischen Karriere. 160.000 Zuschauer waren bei dem Ereignis auf der Radrennbahn Weißensee dabei.

Foto: Copyright © Lynn Goldsmith 
Fotos: Copyright: © Lynn Goldsmith 
Foto: Copyright: © Lynn Goldsmith 
Foto: Copyright © Lynn Goldsmith 
Foto: Copyright © Lynn Goldsmith 

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