Geschrieben am 1. September 2026 von für Crimemag, CrimeMag September 2026

Verbrecherische Frauen (3) – »Honey« von Imani Thompson

36 Jahre nach Helen Zahavi und Pieke Biermann

Sonja Hartl freut sich über Imani Thompson

Cambridge, England. Die Soziologie-Doktorandin Yrsa erfährt von ihrer Kollegin, dass sie mit ihrem älteren, verheirateten Professor eine Affäre hatte, er ihre Forschungsergebnisse gestohlen und sie anschließend abserviert hat. Wieder ein Mann, der seine Macht missbraucht und Frauen ausnutzt. Als Yrsa dann zufällig trifft und sieht, wie eine Biene an dem Flaschenhals seines Wassers entlang krabbelt, kann sie nicht widerstehen: Sie schubst das Tier in sein Getränk schaut kurz darauf zu, wie der Professor langsam erstickt.

Dieser Mord ist der erste Schreckmoment in Imani Thompsons Debütroman „Honey“, der bis zu diesem Zeitpunkt eher an eine launig-moderne Campusgeschichte erinnerte: Yrsa ist eine brillante junge Frau, genervt von dem Desinteresse der Studierenden, dem Datingleben und dem verleugneten Rassismus, dem sie als Tochter afro-karibischer Eltern ausgesetzt ist. Doch die Macht, die sie bei ihrer Tat empfunden hat, versetzt sie in einen Rausch.

Yrsa ahnt, dass sie wieder morden wird. Weil es ihr einen Kick gibt. Weil es genug Männer gibt, die den Tod verdient hätten. Und – das ist ein clevererer Kniff dieses Romans – weil sie Thesen für ihre Dissertation testen will. Sie schreibt darüber, wie Afropessimismus den Befreiungsdiskurs Schwarzer Frauen beeinflusst. Vereinfacht gesagt: Der Afropessmismus geht davon aus, dass Schwarze Menschen nicht nur diskriminiert und unterdrückt werden, sondern vom Menschsein ausgeschlossen sind. Rassismus sei deshalb kein Fehler des bestehenden Systems, sondern eines seiner Fundamente – und könne nicht durch Reformen allein überwunden werden. Yrsa stellt jedoch eine entscheidende Frage: Wenn diese Welt enden muss, damit der Rassismus endet – wessen Welt ist gemeint? Und wer soll dafür sterben?

Das ist ein starker, ein provokanter theoretischer Unterbau mit dem Yrsa versucht, ihre Taten zu rechtfertigen. Leichtgängig flicht Imani Thompson hier die Überlegungen von Wissenschaftlerinnen wie Saidiya Hartman oder dem Soziologen Stuart Hall in ihren unterhaltsamen Roman ein. Yrsas müheloses Referenzieren wichtiger Theorien macht sie als Figur glaubwürdig – und ist manchmal schlichtweg witzig: Als sie sich einen sehr teuren Eiskaffee kauft, denkt sie „dass es sich um einen Akt der Selbstliebe handelt, zu viel Geld dafür auszugeben, gelebte Wellness, radikale Selbstfürsorge. Lorde wäre stolz.“

Imani Thompson hat in Cambridge Soziologie studiert und danach als Buchhändlerin gearbeitet – und sie wusste, dass ein Roman über race, intersektionalen Feminismus und genderbasierter Gewalt mit einer Schwarzen Protagonistin es sehr schwer haben wird, überhaupt eine Verlag zu finden, geschweige denn Leser*innen. Und sie wollte, dass ihr Buch gelesen wird. Deshalb hat sie auf das Serienmordnarrativ zurückgegriffen – sie sind ungebrochen populär und eignen sich für Gesellschaftskritik. Oftmals aber haben diese Romane dann etwas Bemühtes, ja, fast schon essayistisches. „Honey“ nicht. Imani Thompson erzählt schnell, sarkastisch und mit viel Witz, sie micht starke Gesellschaftsanalysen mit Romantik und Thrill. Auch wenn manche Passagen etwas zu lang sind und sie am Ende für Yrsas verzwickte Situation keine überzeugende Auflösung findet, zeigt „Honey“, dass ein Roman kommerziell und klug sein kann.

Dazu hat ihr Roman eine weitere, sehr clevere Ebene: Ein verbreitetes rassistisches Stereotyp ist die black angry woman – die wütende Schwarze Frau. Auch Yrsa hätte angesichts der alltäglichen Mikroagressionen, der konstanten Sexualisierung und Exotisierung allen Grund, wütend zu sein. Das weiß sie. Aber sie ist eben auch eine Narzisstin mit psychopathischen Tendenzen. Deshalb ist sie nicht wütend. Sie ist – wie alle literarischen Serienmörder*innen – überzeugt, sie ist besser als alle. Außerdem verhindert Imani Thompson auf diese Weise auch, dass Yrsa zu einem Opfer wird – einem Opfer der gesellschaftlichen Umstände oder gar von Männern.

Es ist interessant, dass gerade junge Autorinnen – Imani Thompson ist 27 Jahre alt – wieder anfangen, über gewalttätige Frauen zu schreiben. Und wie im Fall von Thompson klar auf Unterhaltung ausgerichtet. Über 36 Jahre nach Helen Zahavi und Pieke Biermann können mordende Frauen noch immer provozieren. Sie sind aber auch eine Reaktion auf eine Welt, in der Männer Frauen konstant abwerten und angreifen.

Imani Thompson: „Honey“. Aus dem Englischen von Asal Dardan. Rowohlt, Hamburg 2026, 416 Seiten, 25 Euro.

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Dieser Beitrag ist Teil einer losen Reihe über verbrecherische Frauen. Hier geht es zu Teil 1 und Teil 2.

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