Geschrieben am 1. November 2025 von für Crimemag, CrimeMag November 2025

TW zu Jake Lamar »Viper’s Dream«

Drogen, Jazz und Mord

„Viper´s Dream“ von Jake Lamar ist ein Roman, der sich aus mehreren Themenkomplexen zusammensetzt.

Da ist einmal die Geschichte von Clyde Morton aus Meachum, Alabama, der im Jahr 1936, also während er Großen Depression, wie so viele schwarze Menschen aus dem Süden beschließt, sein Glück in New York City, genauer in Harlem, zu machen. Man hat ihm eingeredet, er sei ein begnadeter Trompeter, aber das ist eine Illusion. Er ist nur ein elender Stümper auf diesem Instrument. Aber er ist ein begnadeter Verkäufer, vor allem für „Marie Warner“, also Marihuana. Und so wird er, erst als Gehilfe eines jüdischen Gangsters, zum Top-Dealer, zu „Viper“, der in der Musiker-Szene von Harlem reichlich Kundschaft findet.

Ohne Viper läuft bald nichts mehr, er wird zum „King von Harlem“ und Leichen, so sagt man, pflastern seinen Weg, auch wenn er selbst nur drei Morde persönlich begeht. Aufstieg und Fall von Viper, den eine unglückliche amour fou zu Yolanda, einer mehr als prototypischen femme fatale, verbindet, ist der rote Faden des Romans, der sich bis ins Jahr 1961 zieht. An Vipers Geschichte durch die Jahrzehnte bildet sich auch eine Kultur- und Gewaltgeschichte Harlems ab. Und die ist auch eine Geschichte der Drogen, von Rassismus, Klassismus und von Polizeikorruption. Wir folgen all dem vom eher harmlosen Gebrauch von Weed bis hin zum Aufkommen von Heroin, was sich sehr konkret an vielen Musiker-Biographien der Zeit ablesen lässt.

Die Heroin-Karrieren von Musikern wie Miles Davis oder Thelonious Monk, die mit der Ablösung der Swing Era zum Bebop einhergehen, bilden ein ständiges Thema des Romans. Mit dem Aufkommen von Heroin verändern sich auch die Strukturen des Organisierten Verbrechens und damit auch das Erscheinungsbild Harlems. Schlaglichtartig greift Lamar hier auf die reale Figur der Baronesse Pannonica de Koenigswarter zurück, eine sagenhaft reiche Rothschild-Erbin, die als Mäzenin vieler bedeutender Musiker berühmt geworden ist – am bekanntesten vielleicht dadurch, dass der geniale Charlie Parker 1955 in ihrer Hotelsuite gestorben ist.

Real ist auch ein Buch, für das „Nica“ viele Prominente Jazzer bat, ihre innersten Wünsche einzutragen; ein Buch, das allerdings erst 2006 unter dem Titel „Les Musiciens de Jazz et leur trois voeux. Propos recueillis et photos“ in Paris, wo Lamar lebt und schreibt, veröffentlich wurde. (Man müsste mal durchrechnen, wie viele Kompositionen für Nica es gibt, eine Menge, auf jeden Fall.) Fiktiv sind natürlich die Wünsche von Viper, der am Ende des Romans feststellt, dass er lieber im Süden geblieben wäre.

Jazz, Drogen, Verbrechen  – genau dieser Zusammenhang hatte ja den guten Adorno zu seinen arg ahnungslosen Diatriben zum Jazz angestachelt und eine ängstlich-biedere Jazz-Publizistik hatte es immer und immer wieder versucht, zu widerlegen. Doch, sagt Jake Lamar, so war das eben.

Tatsächlich benutzt Jake Lamar Elemente des klassischen Gangster-Romans und des Entwicklungsromans, kombiniert mit Elementen eines im doppelten Sinn „roman noir“, was für nicht allzu sensationelle Spannung, Action und Drive sorgt, sondern eher für eine Erkundung von psychosozialen und stadthistorischen Aspekten von schwarzer Kultur. Hoch anzurechnen ist Lamar, dass er nicht versucht, eine Art „Jazz-Talk“ nachzubauen. Formal elegant gemacht, allerdings ohne den avantgardistischen Furor eines Chester Himes, an dem auf der Ebene vorbeizukommen, eh ein falscher Ehrgeiz wäre. Dafür aber mit dem Surplus vieler Cameo-Auftritte, die den Roman besonders für Jazz-Freunde interessant und vergnüglich unterhaltsam macht.

Jake Lamar: Viper´s Dream (Viper´s Dream, 2021). Deutsch von Robert Brack. Edition Nautilus, Hamburg 2025.  205 Seiten.

Zur begleitenden Lektüre übrigens dringend empfohlen:

James Kaplan: 3 Shades of Blue. Miles Davis, John Coltrane, Bill Evans and the Lost Empire of Cool. Informationen zum Buch hier und eine Gallerie hier.

© 11/2025 Thomas Wörtche

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