
Heimatkunde – als Kriminalliteratur
„Heilige der Narrows Street“ ist der sechste Band von William Boyles literarischen Erkundungen des Südens von Brooklyn, eine Gegend, in der der Autor aufgewachsen ist. Die erzählte Zeit erstreckt sich von 1986 bis 2004. Alles beginnt in der Nacht vom 16ten auf den 17ten August 1986. Da erschlägt Risa Franzone ihren Gatten Saverio mit einer Bratpfanne, weil er ihre Schwester Giulia zu erwürgen droht.
Eigentlich ein klarer Fall von Notwehr, aber in Panik und Unbeholfenheit rufen die Schwestern nicht die Polizei, sondern ihren getreuen Freund Chooch, der ihnen hilft, die Leiche im Wald zu vergraben. Und seitdem gilt Saverio als verschwunden, was durchaus plausibel erscheint, hatte er doch kurz vorher mit ein paar Kumpeln einen Raubüberfall begangen. Immer dabei ist das Baby Fabrizio, Risas und Saverios gemeinsamer Sohn, der fröhlich und ohne Bewusstsein in der Erde des Grabes seines Vaters spielt.
Und so entsteht über die Jahrzehnte hinweg ein Geflecht aus Verschweigen, Lügen und Vertuschen, das am Ende des Romans wie eine große eitrige Blase platzt. Bis es soweit ist begleitet Boyle seine Figuren durch ihr Soziotop und durch die Zeiten, mit den Stationen 1986 – 1991 – 1998 und 2004. Risa trägt schwer an ihren Schuldgefühlen, Giulia scheint die Dinge pragmatischer aufzunehmen und Fabrizio versucht manisch, herauszufinden, was mit seinem Vater wirklich geschehen ist.

Das Milieu der Narrows Streets ist italienisch-kleinbürgerlich, die soziale Kontrolle hoch. der Katholizismus eine prägende Kraft, auch wenn er nicht unbedingt hoffnungsfroh und positiv, sondern eher repressiv auf die Menschen wirkt: Die Kirche vor Ort trägt den wunderlichen Namen „Our Lady of Perpetual Surrender“. Bevölkert wird die Gegend von allerlei dort alltäglichen Typen – Kleinkriminelle, hart arbeitende Menschen mit betonfesten Ansichten, einem abscheulichen Priester, Säufer, Menschen mit gescheiterten Illusionen. Man bleibt unter sich, das glitzernde Manhattan leuchtet höchstens im Hintergrund. Innerhalb dieser Konstellationen bekommen die Geschichten von Risa, Giulia, Chooch und Fabrizio etwas tragisch Unabänderliches, obwohl Boyle am Ende Hoffnung aufkeimen lässt.
Spannend zu lesen ist dabei, wie sich die Zeiten ändern – die Musik, die man hört, die Kleider, die man trägt, die Filme, die man sieht, die allmählichen, zaghaften Veränderung von Konventionen. Das alles flicht Boyle unaufdringlich in seinen Text ein, den man durchaus als Sozialstudie auf literarischem Niveau lesen kann. Er ist kein Mythomane, wie sein Kollege Jerome Charyn, dem Chronisten von Manhattan und der Bronx, sondern eher ein sorgfältiger, genauer Realist, dem Überhöhungen fremd sind. Ich weiß auch nicht, aber mir fällt dabei „Die Chronik der Sperlingsgasse“ von Wilhelm Raabe ein; und bei einem früheren Roman von Boyle kamen mir Bilder von Carl Spitzweg in den Sinn. Also beide Vertreter dessen, was man „Realismus“ nennen kann.
Boyle liebt sein Brooklyn, keine Frage. Keine ideale Welt, aber eine Welt, wie sie nun einmal ist – alles inklusive. Das macht den großen Reiz aller seiner Romane aus, die sich traumwandlerisch zwischen Genre und Nicht-Genre bewegen, zwischen Noir und Nicht-Noir. Und einmal mehr zeigen, wie wackelig bis ärgerlich Rubrizierungen sind.
William Boyle: Heilige der Narrows Street (Saint of the Narrow Street, 2025). Deutsch von Andrea Stumpf. Polar Verlag, Stuttgart 2026. 431 Seiten, 26 Euro.
© 06.2026 Thomas Wörtche

















