Der Elefant im Raum

Es mag sich an dieser Stelle schon das eine oder andere Mal angedeutet haben, dass ich nicht unbedingt ein großer Fan der Kriminalromane des Golden Ages bin. Das ist kein Bauchgefühl, sondern hat schon seine Gründe, warum ich mit diesen Residuen der gesellschaftspolitischen und literarischen Anti-Moderne nicht allzu viel anfangen kann. Und dass diese Texte nach fast einhundert Jahren immer noch gerne als Goldstandard der Kriminalliteratur betrachtet werden, finde ich bizarr bis ärgerlich. Aber darum geht es hier nicht. Oder vielleicht doch. Gerade lese ich Margery Allinghams „Campion – Tödliches Erbe“ (Klett-Cotta, Ü: Edith Walter), 1931 unter dem Titel „Look to the Lady“ erschienen. Eine alberne Geschichte über einen ollen Kelch, einen geheimer Kunsträuber-Ring aus Oligarchen, finstere, tumbe Schurken, treue Diener, pfiffige Fräuleins, gelehrte, zauselige Professoren, exzentrische Landadlige und einen „unscheinbaren“ Meisterdetektiv, eben Albert Campion, der starr durch seine Brillengläser glotzt. Mehr muss man, glaube ich, nicht erzählen, um einen Eindruck von dem Roman zu bekommen. Wen sollte solch ein zopfiger Biederkram heute noch interessieren? Verblüffenderweise: mich. Bemerkt habe ich das erst, als ich das Buch über die Hälfte durchhatte. Normalerweise hätte ich mich nach zwanzig Seiten in all meinen Vorurteilen bestätigt gesehen und das Werk zugeklappt. Ich hatte mich also, sozusagen hinter meinem Rücken oder subkutan oder unbewusst, zum Weiterlesen überzeugt. Nicht, weil alle meine Vorurteile falsch gewesen wären – der Roman strotzt vor Klassismus und anderen Untugenden -, sondern weil ich ihn, kognitive Dissonanz pur, irgendwie gemütlich fand. Die hübsche englische Landschaft, schnuckelige Dörfer, niedliche Frauenzimmer, imposante Herrensitze, mysteriöse Vorkommnisse, gepflegte Leichen und auch ein wenig Hexengrusel aus der Puppenkiste, hach! Beinahe würde ich sagen: Ich suhle mich fast wollüstig in dem einfachen, schlichten, idyllischen und ganz und gar harmlosen production design von Allinghams Roman, der mich garantiert mit nichts konfrontiert, was irgendwie unbequem, unbehaglich, gar verstörend wäre. Weder auf der inhaltlichen noch auf der literarischen Ebene.
Und damit sind wir bei dem Elefanten angekommen, der schon seit geraumer Zeit im Raum steht. Und der heißt: Wie verhält sich ausgerechnet die Kriminalliteratur, deren Geschäft nun einmal die Thematisierung von Gewalt und Verbrechen auf allen Ebenen des menschlichen Zusammenlebens ist und die niemals „unschuldig“ sein kann, zu den neuen Realitäten dieser Welt, die tagtäglich irrsinniger werden? Regelbasierte (Welt-)Ordnungen kollabieren, Krieg, als maximale Manifestation von Gewalt, ist ein realistisches Szenario, die demokratischen Gesellschaften stehen unter Korrosionsdruck, Autokratien, Kleptokratien, und Tech-Oligarchien gewinnen zunehmend an Macht, die sozialen Schieflagen werden immer krasser, der Planet wird immer wärmer … Dazu kommt lustigerweise und auf einem eher niedrigeren Level, der Ruf nach der „guten, alten Zeit“. „Volkskanzler“ Kickl, die Herren Merz und Söder und andere beschwören diese Chimäre. Und ich fühle mich plötzlich wohl mit Margery Allingham. Kann man mir und vielen, vielen anderen Mitmenschen das wirklich übelnehmen? Ist der Widerspruch zwischen putzigem Narrativ und rauer Wirklichkeit nur auszuhalten, wenn man die reale Seite ausblendet und sich in einen rosa Kokon zurückzieht? Und trägt nicht dieses Verhalten, wenn man nicht aufpasst, dazu bei, in eine Konsumhaltung zu versinken, die genau die Kräfte bestärkt, die nichts lieber hätten als das? Verständlich ist das durchaus, siehe mein Selbstexperiment. Aber gehen dabei nicht ganz andere, sinnvollere Lebensqualitäten verloren? Die Lust und die Freude an Risiko, Widerspruch und Genuss ästhetisch befriedigenderer Varianten? Nehmen wir Isabelle Lehns Wirtschaftsthriller „Die Spielerin“ (S. Fischer), die konzeptuell brillant die Verflechtung von Banken und Organisierter Kriminalität seziert. Oder Jérôme Leroys „Die letzte Französin“ (Nautilus, Ü: Cornelia Wend), eine beißende, sprachlich irre gute Satire auf antimuslimische Hysterie. Oder Pascal Garniers gallige Kompostierung zwischenmenschlicher Beziehung wie in „Die Insel“ (Septime, Ü: Felix Mayer). Gemütlich fühlen sich diese Bücher nicht an, aber ist Gemütlichkeit inmitten des tobenden Wahnsinns wirklich eine wünschenswerte Kategorie? Verführerisch ist sie auf jeden Fall, wenn die Krisen einen weichgeklopft haben. Aber vergessen wir nicht, dass Lustgewinn viele Quellen haben kann. Und jetzt will ich doch wissen, wie die Sache mit dem ollen Kelch ausgeht.
© 03/2025 Thomas Wörtche












