Geschrieben am 3. Juli 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2024

TW goutiert Mike Nicol, »Hitman«

Eisiger Blick auf die Welt

Morde sind in Südafrika schon fast an der Tagesordnung. Aber wenn kurz hintereinander drei hochrangige Politiker und ein hochrangiger Polizist getötet werden, scheint sich ein Muster abzuzeichnen. Aber welches? Es gibt Optionen – Bandenkriege, gezieltes Ausschalten der Opposition, alte, offene Rechnungen aus Apartheidzeiten, Machtkämpfe innerhalb eines zutiefst korrupten Staatsapparates und labyrinthischer Geheimdienste? Die Witwe des ermordeten Polizisten ist mit den offiziellen Erklärungen und Verlautbarungen nicht zufrieden. Zutiefst misstrauisch engagiert sie „Fish“ Pescado, Mike Nicols Hauptfigur in nunmehr fünf Romanen (die sog. „Kapstadt-Serie“).

Pescado ist Privatdetektiv, obsessiver Surfer und nebenberuflich auch Drogendealer für die bessere Gesellschaft Kapstadts. Gemeinsam mit seiner Partnerin und Lebensgefährtin Vicky Kahn, Anwältin und Ex-Geheimagentin, und mit dem mehr als opaken Geheimdienstler Mart Velaze, den wir schon aus früheren Romanen kennen, gerät er in ein extrem tödliches Chaos, das einerseits weit in die Vergangenheit zurückreicht und weit über die Grenzen Südafrikas hinausgeht und andererseits symptomatisch ist für den politischen und moralischen Verfall eines ganzen Staates. Und so kommt, an der Stelle durchaus etwas überraschenderweise die Ermordung des schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme im Februar 1986 ins Spiel. Ein Attentat, das bis heute nicht befriedigend aufgeklärt ist, auch wenn damals schon Theorien über die Beteiligung Südafrikas und der CIA zirkulierten, die man mal lieber nicht als verschwörungstheoretischen Schwurbel abhaken sollte. Für Mike Nicols auf jeden Fall wunderbares Spielmaterial.

Wenn man den Weg von Mike Nicol seit den späten 1970er Jahren vom Lyriker über den Sachbuchautor bis hin zum Verfasser grandioser Polit-Thriller (u.a. die großartige „Rache-Trilogie“, 2008 bis 2011) verfolgt, dann ist das Ende der Saga um Fish Pescado und Vicky Kahn durchaus konsequent. Aus der Hoffnung, das Ende der Apartheidherrschaft in Südafrika würde eine andere, optimistischer, offenere Gesellschaft möglich machen, ist Wut und Erbitterung über die Entwicklung der Republik am Kap geworden. Daran werden auch die jüngsten Wahlen kaum etwas ändern, muss man befürchten, wenn man die aktuelle Nachrichtenlage betrachtet.

„Wir haben den Kampf verloren, wir befinden uns in den Händen von Dieben und Räubern, wir werden von Verbrechern regiert“, wütet eine Hauptfigur der Saga, die uns auch bekannte mysteriöse „Stimme“, die aus der geheimdienstlichen Anonymität versucht, die Fäden zu ziehen und im Sinne einer benevolenten Staatsraison die Ordnung der Dinge zu bewahren. In diesem Roman bekommt sie ein Gesicht und eine Identität, und das ist in ihren Kreisen lebensgefährlich.

„Hit Man“ bebt vor ätzendem Zynismus, der auch vor den handelnden Figuren nicht Halt macht. Ein cooler, cleverer, ausgebuffter Surferboy wie Pescado, der sich selbst für überaus realitätstüchtig hält, hat kaum mehr eine Chance gegen die Düsternis, die sich allenthalben ausbreitet. Mike Nicols traditionell kühler Blick auf die Welt – und damit auch sein Erzählton – ist hier endgültig eisig geworden. Und am Ende steht hat sich die Wut in Trauer verwandelt. Insofern ist „Hit Man“ das bittere Ende einer langen Geschichte – aber hoffentlich nicht der Schwanengesang des so wichtigen Autors Mike Nicol.

Mike Nicol: Hitman (Hammerman. A Walking Shadow, 2023). Aus dem Englischen von Meredith Barth. Verlag btb, München 2024. Broschur, 480 Seiten, 14 Euro.

Zu den realpolitischen Hintergründen siehe auch den Text von Mike Nicol: „Den Staat plündern“. In: Tobias Gohlis/Thomas Wörtche (ed): Crime & Money. Droemer, München 2016. S. 92 – 115.

© 06.2024 Thomas Wörtche

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