Geschrieben am 1. April 2024 von für Crimemag, CrimeMag April 2024

TW: Crime doesn’t pay? Ach ja, wirklich?

„Crime doesn’t pay“, auf diesem volkspädagogischen Kalauer beruht unser Verständnis des Verhältnisses von Verbrechen und Gesellschaft. Und mindestens 80% der kriminalliterarischen Erzählungen, egal, in welcher medialen Darreichungsform, repetieren mantrahaft diesen politisch nicht absichtslosen Glaubenssatz. Und selbst viele Noirs gratifizierten diese Überzeugung, wenn am Ende alles schlecht und der Loser tot ist. Ein klarer Fall von kognitiver Dissonanz – wir wissen, dass das nun wahrlich nicht stimmt, aber wir wollen fest daran glauben. So fest, dass man auf die Idee kommen könnte, Kriminalliteratur, besonders das, was wir „Krimi“ nennen, sei speziell zur Untermauerung dieser absonderlichen These erfunden und seitdem zig-hunderttausend Mal eingeübt worden. 

Populäre Formate wie Fernsehkrimis und der True-Crime-(Podcast)-Hype verkaufen uns diese Weisheit täglich und stündlich. Besonders gut funktioniert das, wenn man zur Beglaubigung „Realismus“ aufruft. Dazu tragen Heerscharen von Profilern, (pensionierte) Hauptkommissare und Psychologen, die, wenn sie etwa Seminare für Kriminalschriftstellerinnen und -schriftsteller abhalten oder ihre Podcast-Gemeinden bespaßen, wesentlich bei, wenn sie erzählen, wie etwas technisch im „wirklichen Leben“ funktioniert. Das geht auch literarisch: So schafft es Peter Grandl in seinem neuen Roman „Höllenfeuer“  mit einer wahren Orgie von „Detailrealismus“ (welche Behörde ist wofür zuständig, welche Waffe kann was, welcher Dienstweg ist der richtige etc.) und arg schlichter Prosa eine handfeste moral panic vor islamistischem Terror zu erzeugen, für dessen Realitätstüchtigkeit pure Formalismen garantieren sollen.

Diese Methode funktioniert auch im historischen Kontext, wie der neueste Klon aus der Volker-Kutscher-Schule zeigt: Il Callis‘ „Doch das Messer sieht man nicht“ (Emons) lässt nicht nur die Figuren lächerlich falsch „berlinern“ (was sowieso nur ganz, ganz wenige Autorinnen und Autoren können, und was ansonsten an ästhetische Körperverletzung grenzt), was wohl besonders „authentisch“, sprich „realistisch“ sein soll, sondern plündert von Brecht (siehe den Titel) über Zilles sozialkritischen Bildern bis zu wirklich allen „Berlin Babylon“ -Requisiten alles, was nicht auf die Bäume kommt. Und wozu? Um eine derart dreist und frech kalkulierte Hauptfigur aus allen Komponenten  zusammenzusetzen, von denen man glaubt, sie seien gerade besonders gut verkäuflich oder zumindest zeitgeistig in: Eine Frau, eine schwarze Frau gar, die 1927 in Berlin Boxerin ist und Sensationsreporterin und sich nebenbei mit einem Serialkiller der durchsichtigsten Sorte anlegt. Und ach ja, ein paar Nazis tummeln sich auch noch. Diese Realismus-Simulation, für deren Plausibilität der Kontext stehen soll, hat aber dieselbe Konsequenz wie bei Grandl: Wo bei ihm die Terroristeriche gestoppt werden, verendet bei Callis der Serialkiller am Ende. Crime doesn’t pay …

„Wir haben eine seltsame Liebesbeziehung mit Verbrechen … Je größer und blutiger das Verbrechen, je grausam-genialer die Gangster, umso faszinierter von beiden sind wir. Verbrechen unterhalten – solange wir ihnen nicht selbst zum Opfer fallen“, schreibt die Journalistin und Autorin Antje Joel in ihrem brillanten Bändchen „Kriminell? Die dunkle Seite der Innovation“ über die o.a. kognitive Dissonanz und zitiert gleich darauf den Spezialisten für Wirtschaftsverbrechen, James Cameron: „White Collar Crime ist in jeder erdenklichen Hinsicht unser größtes Verbrechensproblem.“

Was impliziert: Die Täter sind unter uns, wir sind alle Opfer von Verbrechen, wenn wir nur einsehen würden, dass milliardenfache Steuervermeidung, Finanz-Krise, Diesel-Gate, fiese Arbeitsbedingungen, Ausbeutung und andere Formen wirtschaftlichen Handelns eben das sind, was sie sind: Kriminelles Handeln. Und nein, der deutsche Arbeitgeberpräsident meinte es jüngst nicht ästhetisch/dramaturgisch (darüber könnte man ja reden), sondern tatsächlich mit der Moral einer beleidigten Leberwurst – seine in diesem Zusammenhang nachgerade putzig anmutende Kritik, als er sich darüber beschwerte, dass ausgerechnet im biederen TATORT Unternehmer so oft die Täter seien.  Für diese Intervention gab es Beifall. Vermutlich deshalb, weil ein anderer eiserner Kinderglaube nicht beschädigt werden soll: Seit ewigen Zeiten haben Generationen von Genetikern, Psychologen und Psychiatern, Soziologen und Theologen der unterschiedlichsten Couleur versucht, die Gründe für den „kriminellen Charakter“ herauszufinden, „das Böse“ im Menschen zu verorten. Gemeinsam ist all diesen Anstrengungen, wie auch Antje Joel bemerkt, den Unterschied zu machen zwischen einem „wir“ und „den Verbrechern“. „Wir“ sind die Guten …

Da fügt es sich wunderbar, dass Patrícia Melo mit ihrem neuen Roman „Die Stadt der Anderen (Ü: Barbara Mesquita; ausnahmsweise ist hier mal der deutsche Titel griffiger als der brasilianische: „Menos que um“) eine bissig-ironische Umkehr dieser Konstellation vornimmt. In ihrem Roman über São Paolo sind die Obdachlosen, die Prostituierten, die Kleinkriminellen das „wir“ – und die reiche Oberschicht und ihre brutalen Schergen (die Polizei etc) die Anderen, deren Verbrechen gegen die Menschlichkeit sich sehr wohl bezahlt machen. So kann man literarisch elegant feste Weltbilder sabotieren.

© 03.2024 Thomas Wörtche

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