Geschrieben am 3. Juli 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2024

Thomas Wörtche über »Jean Paul häppchenweise«

Ein Buch, das glücklich macht

Beate Roth: Jean Paul häppchenweise. :transit Verlag, Berlin 2024. Durchgehend vierfarbig, Format: 21 x 25,5 cm,
Fadenheftung, Lesebändchen. 256 Seiten, 44 Euro.

Es gibt eine ganze Menge Gründe, sich mit Beate Roths Koch-, Literatur- und Kulturgeschichtsbuch um Jean Paul freudig zu beschäftigen. Zunächst mal Johannes Paul Friedrich Richter, genannt Jean Paul (1763-1825) selbst. Romancier und Ästhetik-Theoretiker von Gnaden – seine „Vorschule der Ästhetik“ (1804) und vor allem dort die Programme VI bis VIII, die sich mit dem Komischen und dem Humor auseinandersetzen, sind essentiell für das Verständnis der Vis Comica in allen Künsten -,  und kaum rubrizierbar.

Schon Heinrich Heine hatte „vergeblich darüber nachgesonnen, an welcher Stelle man in einer Literaturgeschichte von ihm reden müsste“. Zeitweise war er mit seinen Romanen erfolgreicher als Goethe, der ihn, wen wundert´s, nicht leiden konnte. Ein Schicksal, das er mit einem seiner wenigen Brüder im Geiste, E.T.A. Hoffmann, teilte. Und tatsächlich passte Jean Paul mit seinem sehr innovativen originellen und ganz und gar unorthodoxen Erzählkonzept weder zu der Gefühligkeit der (katholischen) Romantik noch zum Marmor der Weimarer Klassik. Wenn es eine sinnvolle Referenzgröße zu Jean Paul gibt, dann war das Laurence Sternes „Tristram Shandy“. Auch wenn Jean Paul zu seinen besten Zeiten von Königin Luise an den Preußischen Hof geladen wurde – den Ruch des Provinziellen konnte er on the long run nicht abstreifen. Was ex post gesehen natürlich nur albern ist. Jean Paul ist Weltliteratur, ein Thesaurus voller Neologismen, überraschender Bilder, brillanter Mäander, vermischter Textsorten, wollüstiger Fabulierkunst und einem stetig ironischen bis komischen Unterton. Nichts für Leute mit Aufmerksamkeitsdefizit, die schon Romane mit mehr als zwei Hauptfiguren als „zu schwierig“ abtun.

Stichwort Provinzialität. Hier wird´s ein bisschen persönlich. Jean Paul ist in Wunsiedel geboren (ein reizendes Städtchen, das einige Zeit ein Treffpunkt alter und neuer Nazis war, die die Grabstätte von Rudolf Heß als Wallfahrtsschrein betrachteten, bevor sich die Zivilgesellschaft empörte), hatte später lange in Bayreuth gewohnt, wo auch seine Lieblingskneipe, die berühmte Rollwenzelei, sein Lieblingsschreib-, fress- und saufort, lag. Ich war oft in dieser wunderbaren Gegend, die bis 1989 noch „Zonenrandgebiet“ hieß, verwunschene Wälder, murmelnde Bäche und manchmal eine erstaunlich italienische Architektur (Goldkronach) aufweist. Mein Soundtrack für diese Gegend war nie das Wagnerische Getöse mit seinem erdrückenden Gewicht, sondern eher Scarlatti-Sonaten, ein bisschen melancholisch, ein bisschen verspielt, von heiterer Leichtigkeit.

Was uns endlich zu dem Buch von Beate Roth führt. Die Köchin, Foodstylistin und Fotografin hat das Werk Jean Pauls nach kulinarischen und gastrosophischen Stellen durchforstet, was bei einem derart mit der Leiblichkeit vom Text und Theorie spielenden Autor naheliegt. Zudem war Jean Paul ein begeisterter Esser und womöglich noch enthusiastischerer Trinker, der beim Thema Bier schon fast nerd-artige Züge entwickelt hatte. Außerdem war ein eifriger Leser von Kochbüchern, ein zu seiner Zeit aufstrebendes Genre. Man darf sich das aber nicht so vorstellen, dass in seinen Romanen, Erzählungen, Briefen und anderen Äußerungen Rezepte versteckt wären oder ausufernde Schilderungen von Gelagen von gargantuesken Ausmaßen. Speisen und Getränke sind dennoch eng in die eh schon dichten Texte verwoben, sie können für soziale Verortungen von Personen oder Situationen stehen oder zur Charakterisierung von Figuren dienen. 

Solche Stellen, die durchaus sehr knapp sein können, pickt Beate Roth heraus und verwandelt sie in raffinierte Rezepte, man könnte man fast sagen: Sie destilliert beinahe osmotisch die Substanz aus den von Jean Paul nur angerissenen kulinarischen Themen. Sie kocht nicht Jean Paul nach, sie kreiert Gerichte im Geiste Jean Pauls. Die oberfränkische Küche um 1800 war eher karg, oder – je nach Anlass und ökonomischer Verfügbarkeit – sehr deftig, was sie teilweise auch heute noch ist.

So macht Beate Roth etwa aus dem Arme-Leute-Essen „Wassersuppe mit Rockenbrod“ eine elegante Komposition aus Schalotten, Nelken, Sellerie, Lauch, Karotten, Petersilienwurzeln, Olivenöl, Lorbeerblätter, Pfefferkörner, Petersilie, Salz, Pfeffer, Koblauch, Alpen-Gruyere und Majoran auf reinem Roggenbrot. Aus dem sich gefährlich anhörenden „Gänse-Schwarzsauer“ wird nach vielem reduzieren, passieren, aufkochen, wieder reduzieren und dem Einsatz von Balsamico, Sojasauce, Ahornsirup und Limetten (alles keine unbedingt fränkischen Zutaten, wie sie im 18./19., Jahrhundert zur Hand gewesen wären) und vor allem unter Beigabe von Reineclauden ein überaus charmantes Gericht. Wobei ihr eine Zeile aus dem „Dr. Katzenbergers Badereise“ genügt, um den Bezug von Gericht und Werk herzustellen: „Eine Königin, die Gemahlin Franz I. von Frankreich, speiste gerne eine gewissen Pflaume – jetzt wächst ihr Name ewig als Obst am Pflaumenbaum Reine Claude.“ Und auch dem „Kalbskopf mit Kryptogamischem“ nimmt sie den Schrecken des Namens. „Moose und Pilze“ nennt Jean Paul nämlich “kryptogamische Gewächse“ (also alles was sich im Verborgenen fortpflanzt, auch Farne und Schachtelhalme). Beate Roth serviert einfach kross panierten Kalbskopf mit Pilzen. Fertig.

Und natürlich darf das Boeuf à la Mode nicht fehlen, das bayrisch-fränkische Gericht der wohlhabenden Bourgeoisie, bis heute beliebt und Böfflamott genannt (ich koch´s selbst gerne) – ein mächtiger Rinderbraten (damals hätte man gesagt: „ein tüchtiges Stück Rindfleisch“), dem Beate Roth mit Chardonnay eine gewisse Leichtigkeit verpasst, ihn in kleine Scheibchen geschnitten und mit feinsten Gelantinewürfelchen artig belegt anrichtet.

Ein großer Reiz von Beate Roths Buch liegt in der Art des Anrichtens. Wir erinnern uns, der Titel ist „Jean Paul häppchenweise“. Deswegen baut sie keine großen, beladenen Teller, sondern reduziert alles zu Fingerfood und richtet in Gläschen, Töpfchen, Tiegelchen und auf allerlei kleinen Plättchen an – dass sie auch Fotografin und Food-Designerin ist, kommt dem Buch extrem zu Gute. Dabei verschwindet alles Schwere, Mächtige und Dumpfe – auf die reine Substanz reduziert, wirken die Gerichte heiter, optimistisch, leichtfüßig, wobei wir wieder, siehe oben, bei Scarlatti wären. Und nichts spricht dagegen, Jean Pauls Texten in diesem Sinne (zumindest in vielen Aspekten) eine Re-Lektüre angedeihen zu lassen.

Sollte man sich herausgefordert fühlen, Beate Roths Rezepte 1:1 nachzukochen, sollte man schon eine professionelle Küche mit allem nur denkbaren Gerät besitzen, inklusive Sous-Vide-Garer. Und auch Zugriff auf Rohstoffe wie Hopfenschösslinge, saure Bärlauchblüten oder Bries. Lässt sich alles beschaffen, macht die ganze Angelegenheit aber stellenweise recht aufwändig. Anderseits – wenn schon Foodporn, dann auch richtig. Man kann ja Frau Roths Gerichte nochmals reduzieren und an das anpassen, was gerade zur Hand ist. Die dritte Potenz der Kreativität. Jean Paul hätte es auf jeden Fall gefallen.

Und: „Jean Paul häppchenweise“ ist ein wunderschönes Buch. Fotos, Layout, Design, feinste Sahne, in der üblichen höchsten :transit-Qualität. Ein Buch, das glücklich macht.

© 07/2024, Thomas Wörtche

Tags : ,