
Virtuose Zwiebelstruktur
Grausame und bittere Geschichten poetisch und manchmal fast zart zu erzählen, ist die Spezialität des irischen Schriftstellers Sebastian Barry. So auch in seinem neuen Roman „Jenseits aller Zeit“ (Ü: Hans-Christian Oser, Steidl). Alles fängt eher harmlos, gar gemütlich an. Der pensionierte Detective Sergeant Tom Kettle lässt sich in Dalkey, einem netten, kleinen Hafenstädtchen südlich von Dublin nieder. Einfach in seinem Sessel dazusitzen, mit Blick übers Wasser und auf einen Martello-Tower, „glücklich und nutzlos“ – das erscheint ihm der „Sinn des Daseins“. Behauptet er zumindest. Allerdings bemerken wir bald, dass Kettles Realität nicht immer stabil ist, dass sich Visionen und Halluzinationen einmischen, Tote manchmal präsent sind, und auch nicht-existente Wesen.
Aber solche Kräuselungen der Wirklichkeit schleichen sich nur allmählich ein. Handfester ist da schon der Besuch zweier Ex-Kollegen im aktiven Dienst, die Kettle bitten, ihnen bei einem aktuellen Fall zu helfen. Noch verraten sie ihm nicht, dass dieser neue Fall auch ein alter Fall ist, in den Kettle damals verwickelt war. Und so sieht er sich mit einer Vergangenheit konfrontiert, die „jenseits aller Zeit“ noch längst nicht abgeschlossen ist.

Inmitten des Idylls aus schöner Natur, liebevoll geschilderter Botanik, kauziger Nachbarn und allerlei erquicklicher poetischer Reflexionen über irisches Wetter und irisches Klima, schält sich allmählich, peu à peu die brutale Realität heraus, mit der Kettle zu tun hatte und zu tun haben wird. Wir erfahren, dass er Soldat war – erst in Palästina, dann in Malaya, wo er als extrem effektiver Sniper unzählige Menschen getötet hatte- , dass er Zeuge eines Bombenanschlags der I.R.A. in Dublin war und dass er durchaus robuste Polizeimethoden bevorzugte. Das ist alles schlimm genug, aber noch schlimmer ist, dass Kettle, der im Waisenhaus unter fürchterlichen Umständen aufwachsen musste, seine rasend geliebte Frau June verloren hat, sowie seine beiden Kinder Winnie und Joe. Verluste, die in direktem Zusammenhang mit kinderschänderischen, sadistischen Monstern von katholischen Geistlichen und Nonnen stehen, denen auch June in ihrer Kindheit ausgeliefert war.
Diese Zustände, die Barry mit ultrabrutaler Genauigkeit schildert, sind zwar heute aktuelle Themen, aber in den 1990er Jahren, in denen der Roman spielt (und noch weiter zurück geht) noch weitgehend tabu, geschützt von der Macht der Kirche und der Untätigkeit des Staates. Legales Polizeihandeln hat es schwer, die Schwere der Verwundungen der Opfer ist extrem – und die Reaktionen darauf produzieren neue Schuld. Kettle ringt um Erlösung. Und die kommt von einem Subplot, den Barry extrem geschickt, fast nebenbei, anlegt hatte.
„Jenseits aller Zeit“ hat eine virtuose Zwiebelstruktur, deren Kern die pure Verzweiflung ist, und der Ausweg wiederum aus Gewalt und Tod besteht. „Jenseits aller Zeit“ ist ein Kriminalroman auf der Höhe der Zeit, der mit der „Normalausprägung“ von Genre gleichzeitig alles und nichts zu tun hat. Barrys Prosa, die zwischen Donnerpredigt, feingepinselter Naturschilderung, präziser Psychologie und Soziologie der Figuren, derber Körperlichkeit und schonungslos drastischer Brutalität oszilliert, ist gleichwohl effektiv geplottet, mit Twists, Suspense und Schock comme il faut. So entsteht ein nuancenreiches, zwischen „gut“ und „böse“ changierendes Bild der berühmten allgemeinmenschlichen und konkret gesellschaftlich bedingten „Abgründe“ als Basis der conditio humana. Ein literarisches Meisterwerk.
© 10/2024 Thomas Wörtche – siehe auch unser Special.
Sebastian Barry: Jenseits aller Zeit (Old God’s Time, 2023). Deutsch von Hans-Christian Oser. Steidl Verlag, Göttingen 2024. 288 Seiten, 28 Euro. – Sebastian Barry bei Steidl, siehe auch die Cover.



















