Geschrieben am 1. Oktober 2026 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2026

Thomas Wörtche: Mike Nicol , Südafrika und »Die Schakalin«

Aus der chronique scandaleuse der Republik Südafrika

„Die Schakalin“, die den (deutschen) Titel gebende Heldin von Mike Nicols neuestem Roman, ist Captain bei der Kapstadter Polizei, Abteilung „Interne Ermittlungen“. – „Interne Ermittlungen“, das hört sich, bedenkt man den Zustand der Republik Südafrika, wie ihn Nicol mit nunmehr zehn Romanen beschreibt, fast höhnisch an. Und in der Tat: Diese Abteilung besteht aus genau zwei Personen, einem schäbigen Büro irgendwo in der Stadt und einem inkompetenten Chef mit dem bezeichnenden Namen Sithole.

Captain Zara Dewane, die die Ermittlungen operativ leitet, wird „die Schakalin“ genannt, weil sie sich an ihren Verdächtigen festzubeißen pflegt. Und das ist nicht unbedingt als Kompliment gemeint. Vor allem ist sie Oberst Kaiser Vula von der State Security Agency, dem südafrikanischen Geheimdienst, ein Dorn im Auge. Der hat nämlich in Zusammenarbeit mit lokalen Polizeibehörden und dem organisierten Verbrechen ein paar lukrative Geschäfte laufen: Waffen, die noch aus Apartheidszeiten stammen, werden beschlagnahmt, dann aber an zahlungskräftige Gangs verkauft, daraufhin wieder beschlagnahmt und wieder verhökert und so weiter. Eine Art Gelddruckmaschine.

Geld braucht man, wenn man, wie Kaiser Vula, noch weiter nach oben will: Sein Ziel: Chef des Polizeigeheimdienstes und nebenbei zum General befördert zu werden. Dann hat er nämlich die Kontrolle über alles und jeden, der in kriminelle Geschäfte verwickelt ist. Weil er dazu die Unterstützung korrupter Polizisten, wie zum Beispiel Captain Alice Hendricks, braucht, stört jemand wie Zara Dewane nur, die sich an die Fersen von Hendricks geheftet hat. Die Leichen stapeln sich und der Schakalin ist klar, dass sie Kaiser Vula erledigen muss, wenn sie selbst überleben will – ein David gegen Goliath-Szenario also.

Mike Nicol, Jahrgang 1951, kommt aus der Antiapartheidsbewegung – man kann seine Romane als die chronique scandaleuse der Republik Südafrika verstehen. Eine Chronik, entstanden aus Wut und Enttäuschung, wie sich sein Land seit dem großen Umbruch entwickelt hat. Ein Land, geplagt von Korruption, Gewalt, diversen Rassismen und absurder sozialer Ungleichheit. Mit seiner lakonischen, präzisen Prosa, seinem Gespür für bizarre Komik und für sehr originelle Figuren seziert Nicol die Mechanismen der Macht, die zu diesen Zuständen geführt haben. Klar ist dabei, dass ein einzelner Sieg der „Guten“ (die auch nie lupenrein gut sind) nur ein Tropfen auf den heißen Stein sind und vermutlich an dem Gesamtchaos nichts ändern werden.

Ein erhebliches Surplus bieten die genauen Beschreibungen aus dem südafrikanischen Alltag, mit seinem überbordenden Luxus einerseits, der schreienden Armut andersseits und der stets präsenten Unsicherheit für alle, die wie eine dräuende Wolke über dem Leben in Kapstadt schwebt. Mike Nicol wirft sich auch mit „Die Schakalin“ nimmermüde ins Handgemenge mit den Realitäten. Wie sollte man auch sonst über diesen Staat schreiben? Und so entsteht Kriminal-Literatur vom Feinsten.

Mike Nicol: Die Schakalin (Falls the Shadow, 2026). Aus dem südafrikanischen Englisch von Meredith Barth. Verlag btb, München 2026. 512 Seiten, 15 Euro.

© 09.2026 Thomas Wörtche

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