Geschrieben am 1. April 2026 von für Crimemag, CrimeMag April 2026

Thomas Wörtche: »Kala« von Colin Walsh

Die Unbeschwertheit nur ein Traum

Colin Walshs Debütroman „Kala“ erzählt von einer Clique junger Menschen, die im Jahr 2003 den idealen Sommer erleben. Ihr Heimstädtchen Kinlough an der irischen Westküste ist lebendig, idyllisch, heiter, einigermaßen wohlhabend und lebensfroh. Die Sonne scheint und the living is easy. Mittelpunkt der Clique ist Kala, schön, charismatisch, mit problematischem Background und ein klein wenig geheimnisvoll. Und dann verschwindet Kala plötzlich spurlos.

Fünfzehn Jahre später, in der Jetztzeit des Romans, trifft sich „die Gang“ – so haben die Jugendlichen sich damals genannt – wieder in Kinlough. Einer ist Popstar geworden, einer zu Hause in einem bescheidenen Leben geblieben, eine ist wegzogen, eine andere Journalistin in Kanada geworden. Die jeweiligen Familien allerdings sind immer noch in dem Städtchen ansässig. Und just zu dem Zeitpunkt ihres Wiedersehens werden menschliche Überreste auf einer Baustelle gefunden. Überreste von Kala, wie sich bald herausstellt. Damit bricht die Vergangenheit für alle Beteiligten wieder auf – extrem schmerzhaft, wie sich zeigen soll. Wobei sich die Frage stellt, ob die Unbeschwertheit des Sommers 2003 tatsächlich nicht nur ein schöner Traum war.

Walsh lässt die Geschichte von drei Stimmen erzählen: Von Joe, dem Star, Helen der Journalistin und Mush, dem zuhause Gebliebenen, der im Café seiner Mutter arbeitet. Diese drei Stimmen schälen Schicht für Schicht die Sünden der Vergangenheit von den schönen Erinnerungen ab. Es entfaltet sich ein Gewirr von Verdrängung, Verschwiegenem, Vertuschtem, Verlogenem und Missverstandenem, von Indolenz und Egoismus, dass einem bald der Kopf schwirrt. Alle Protagonisten und ihre Familien sind auf verschiedenste Arten verstrickt, untereinander, mit der Geschichte des ach so prosperierenden Städtchen und dessen subkutanen Strukturen. Eine krakenhafte Immobilienfirma und eine korrupte Polizei, Niedertracht, Neid und Gier ändern die Lichtverhältnisse des Romans von heiterem Hell zum dunkelsten Schwarz. Es wird labyrinthisch.

Die Exposition, so könnte man den eher gemächlichen Anfang nennen, dauert ungefähr bis zu Seiten 300ff – dann kippt auch das Tempo der Handlung. Es wird schnell, ruppig und zunehmend unangenehm. Gewalt schiebt sich in den Vordergrund – und wer noch nicht beschädigt war, wird es jetzt. Aus den Seelenqualen, die alle Figuren mit sich schleppen, werden auch körperliche Versehrungen.

Die Schnitttechnik und die Verschmelzung von Vergangenheit und Gegenwart (die den Roman auch à la mode als Familienroman lesbar macht) treibt das Buch erzähltechnisch einem Ende entgegen, das dann letztlich versöhnlich wirkt. Hätte man vermutlich vor 20 Jahren den Roman noch in tintenschwarzer Verzweiflung enden lassen, wird hier der Noir erstaunlicherweise doch noch erhellt. Vermutlich auch aus der marktstrategischen Erkenntnis heraus, dass in düsteren Zeiten Literatur lieber nicht noch mehr verdüstern soll. Ob das eine poetologische Kehrtwendung sein mag oder lediglich der Ökonomie der Bestsellerei geschuldet ist, mag ich an dieser Stelle nicht entscheiden.

© 04.2026 Thomas Wörtche

Colin Walsh: Kala (Kala, 2023).Aus dem Englischen von Andrea O´Brien. Gutkind Verlag, Berlin 2026.. 511 Seiten, 24 Euro.

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