Geschrieben am 1. Juni 2026 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2026

Thomas Wörtche: Diese Sache mit der Grausamkeit

Grausamkeiten

Man liest es immer wieder in Rezensionen, Buchtipps und Besprechungen: Ein Kriminalroman sei unter anderem deswegen so gelungen, weil er zeigt, „was Menschen Menschen antun können“. (Nebenbei bemerkt, ein anderer Gassenhauer dieser Textsorten ist, dass ein Kriminalroman „zum Nachdenken anregt.“ Dazu kommen noch die Bemerkungen, ein Roman sei „mit Humor gewürzt“, und habe, gegebenenfalls, bei der „Personenzeichnung noch Luft nach oben“. Diese und andere abscheuliche Sprachspiele sind ein eigenes Thema, hier aber nur zum leichten Amüsement).

Interessanter ist das aufgeplusterte Verwundern darüber, dass Menschen schlimme Dinge tun, andere Menschen foltern, entführen, tyrannisieren, vergewaltigen und töten. Dass das tatsächlich so ist, das zu zeigen soll also eine Qualität von Kriminalromanen sein? Ganz lebenspraktisch gefragt: Was erzählen uns die Nachrichten jeden Tag? Was haben wir aus dem Geschichtsunterricht gelernt? Dass Menschen Menschen schlimme Dinge antun, ungeheure Dinge, nichts, was man jemanden antun kann, ist je jemanden nicht angetan worden. Buchstäblich nichts, seit Anbeginn der Menschheit und während zigtausender Jahre nie nicht. Und das wissen wir.

Besonders apart kommt diese Formel auch rüber, wenn sie in Kriminalromanen von erfahrenen Mordermittlern geäußert wird – eine Spezialität von Kommissar Wallander, zum Beispiel. Natürlich geht es nicht um das Entsetzen über Atrozitäten aller Art bei Ermittlern, das gehört sich für empathische Menschen, das kann eine positive Triebfeder verbrechensaufklärerischen Handelns sein, bis hin zur Vigilanz. Anscheinend ist auch das Verwundern über die bösen Taten böser Menschen ungleich im Genre der Kriminalliteratur zugeteilt. „Zivilisierte“ Morde, per Gift, Kopfschuss oder von der Klippe schubsen, komplettieren Sie selbst, evozieren kaum einmal Reflexionen über das Ungeheuerliche, nur wenn´s splattert und slasht und spratzelt, kommt überhaupt die Frage nach der Grausamkeit des Tötens auf.

In den besseren Kreisen, so lautet die Botschaft seit dem Golden Age, wird einfach netter gemordet, wenn´s unappetitlich wird, sind vermutlich die Gesellschaftsschichten am Werk, die keine „moralische Optionen haben“, wie die konservative Lady P.D. James einmal vermutete – also die Unterschichtler. Klasse schützt, denn auch der kultivierte Hannibal Lecter wurde selten dazu befragt, warum Menschen Menschen schlimme Dinge antun. Er tut´s, weil er´s kann. Und die Leserschaft goutiert es. Wobei wir bei der Rolle von Grausamkeit in der Kriminalliteratur angekommen wären – nicht zu verwechseln mit der Rolle von Gewalt. Kriminalliteratur ist per definitionem ein gewalttätiges Genre, soweit sie sich mit Mord & Totschlag beschäftigt. Grausamkeit aber hat zwei bemerkenswerte Aspekte – und beide haben Rückkoppelungen zur Realität.

Die autotelische Grausamkeit, also die einlässlich und genüsslich geschilderten Untaten, die dem puren Entertainment geschuldet sind (also all die Schlachteplatten und anderer brainrot) zielen auf eine Marktrealität, die dergleichen monetarisiert. Die Frage, ob und wie solche Texte „zeigen“, was Menschen Menschen alles antun, wird in diesem Kontext eher selten bis gar nicht gestellt, sie „passt nicht“, sie scheint mit dem schlichten Unterhaltungsanspruch nicht vereinbar, weil der keine zweite Ebene hat, sondern nur sich selbst verpflichtet ist. Diese Sorte von Grausamkeit verweist sogar entschieden auf das Unrealistische des Geschilderten, so als ob Grausamkeit lediglich ein Spielchip unter vielen möglichen anderen sei.  Solche Texte bilden Realität nicht ab, sind aber eng an Realitäten (siehe Geschichte der Menschheit) gekoppelt. Das ist ein ziemlich grimmig-ironisches Paradox.

Anders liegen die Dinge etwa bei Gary Victors neuem Roman „Erschütterungen“ (Litradukt, Ü: Peter Trier). Dort muss sich der einzige, nicht korrupte Polizist Haitis, der Inspektor Dieuswalwe Azémar, mit extrem grausamen Untaten auseinandersetzen und antwortet darauf mit grausamen Methoden. Der Roman gründet basal auf den politischen und sozialen Realitäten Haitis. Der Roman „zeigt“ nicht, er geht von faktischer Grausamkeit aus, entwickelt aber daraus eine Handlung zum Thema „Verzweiflung“ und dem literarischen Umgang damit. Das ist seine zweite Ebene, und die ist eben nicht monetarisierbar, Gary Victor-Romane sind Minderheitenprogramm. Die wohlwollende, aber letztendlich naive Einschätzung, er „zeige, was Menschen Menschen antun“ ist insofern ein großes Missverständnis., weil es eben darum nicht geht, sondern darum, wie man mit dem Menschheitsthema „Grausamkeit“ künstlerisch umgehen kann, ohne es ins reine Reich der Fiktionen auszulagern. Gerade weil man die Fiktionen nicht von den Realitäten abkoppeln kann.

© 05.2026 Thomas Wörtche

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