Geschrieben am 1. Oktober 2025 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2025

Tadao Ando: Meister des Lichts – seine Skizzen in einem Band

Der Lichtfall im Pantheon als Inspiration für ein Lebenswerk

Mit einem Band voller Skizzen und Zeichnungen wird die Architektur von Tadao Ando nun neu erfahrbar – Eine Besprechung von Alf Mayer

Tadao Ando. Skizzen, Zeichnungen und Architektur. Mehrsprachige Ausgabe (Deutsch, Englisch, Französisch). Verlag Taschen, Köln 2025. Hardcover, Format 28 x 33,7 cm, Gewicht 4,49 kg. 594 Seiten, 150 Euro.Verlagsinformationen zum Buch: www.taschen.com; Tadao Ando bei Taschen hier.

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»Haikus aus Beton, Licht und Raum« nennen Bewunderer die von ihm geschaffenen Bauwerke. Tatsächlich ist er der Architekt, der Beton wieder sexy gemacht und in seiner Formensprache Einfach- und Klarheit zum Prinzip erhoben hat. Tadao Ando ist ein Meister des Minimalismus. Schon im Alter von zehn bis siebzehn Jahren beschäftigte er sich damit Holzmodelle von Schiffen, Flugzeugen, Gebäuden und Gussformen anzufertigen. Das Handwerk brachte ihm ein Nachbar bei, ein Schreiner. Als ihm klar war, dass er Architekt werden wolle, erstellte er eine Liste jener Baukunstwerke, die er besuchen und studieren wollte. Als erstes notierte er sich das Pantheon in Rom, unter Kaiser Hadrian zwischen 125 und 128 nach Christus fertiggestellt und 1700 Jahre lang die größte Kuppel der Welt.

In einem Interview bekannte Ando: »Das Pantheon war für mich der Anfang und die Kulmination der Raumgestaltung: Die einfachste und zugleich perfekte Maßgabe in der Geschichte der Architektur, die einen Raum von 43 Metern Durchmesser umfasst und die zudem einen beachtlichen Lichteinfall durch eine runde Öffnung im Gewölbescheitel mit einem Querschnitt von acht Metern erlaubt. Das Pantheon steht unter Denkmalschutz, weil es eine Botschaft an die Herzen der Menschen sendet. Diese Tatsache kann von keinem Menschen ignoriert werden, der selbst den Wunsch verspürt, Architektur zu erlernen. Die Architektur ist etwas, das man nicht nur mit den Augen, sondern mit allen fünf Sinnen erfassen kann. Es hat sich gelohnt, dieses Gebäude zu besuchen, nur um diese Wahrheit herauszufinden.« (Aus: Beton im Netz. betonprisma 92: Meine Architektur kann nicht von der Natur getrennt werden)

Als Autodidakt, der das Fach nie studierte, bildete sich Ando von 1962 bis 1969 auf Studienreisen nach Europa, in die USA und Afrika selbst zum Architekten aus: »Ich habe Architektur studiert, indem ich Gebäude besichtigte und Bücher über sie las«, bekannte er im Interview mit der Hyatt Foundation, die ihm 1995 den Pritzker-Architekturpreis verlieh. 1969 eröffnete er sein erstes eigenes Atelier in Ōsaka, und nannte es Tadao Ando Architect & Associates. Das Architekturbüro besteht bis heute. Längst ist Ando mit den vier prestigeträchtigsten Preisen seines Metiers ausgezeichnet: dem Pritzker-, dem Carlsberg-, dem Kyoto-Preis und dem Praemium Imperiale.

Sein Interesse an Architektur wurde einst durch ein Buch mit Skizzen von Le Corbusier angestoßen. Wer weiß, vielleicht dient der gerade erschienene Monumental-Band »Tadao Ando. Skizzen, Zeichnungen und Architektur« ja auch der Erweckung eines uns noch nicht bekannten Welt-Talents. Ando wäre gewiss der Letzte, der Einwände hätte. Anhand von 750 Skizzen, Zeichnungen, Modellen und technischen Zeichnungen, die den Entstehungsprozess seines architektonischen Œuvres dokumentieren, erläutert er höchstpersönlich in dem großzügig und übersichtlich konzipiert und gestalteten Band die Ursprünge seiner Ideen von seinen Anfängen in den 1970er Jahren bis hin zu den jüngsten Projekten.

Alle Abbildungen © Tadao Ando Architect & Associates/ Verlag Taschen

Das großformatige, klug konzipierte Buch steckt voller Konzeptskizzen des Meisters. Schon auf seinen ersten Reiseskizzen kann man sehen, dass ihn auch der Schattenwurf der Gebäude innen und außen interessierte, die Beziehung zu den Elementen. Jedes Projekt im Buch – seien es Wohnhäuser, Kirchen, Museen, Wohnanlagen oder Kulturräume in Japan, Südkorea, Frankreich, Italien, Deutschland, Mexiko oder den USA – wird anhand seiner Skizzen und mit Fotografien und Bauzeichnungen vorgestellt. Es gibt nebenbei einen interessanten, auch visuell abgebildeten Diskurs über die Möglichkeiten digitaler Architekturdarstellung, durchgängig und buchstäblich »geerdet« bleibt das Buch aber durch Andos eigene Hand. Seinen eigenen Zeichenstift.

Ein 17-seitiger Anhang mit einer vollständigen Auflistung der realisierten und nicht realisierten Projekte (es sind rund 330) dokumentiert fünf Jahrzehnte fruchtbaren Schaffens und offenbart die Essenz von Andos Arbeit. Simone Philippi koordinierte die editorische Arbeit, Andi Disl und Birgit Eichwede zeichnen für das übersichtlich klare Design, Marion Boschka für die anspruchsvolle Produktion, für die Übersetzungen Thomas Daniell (Englisch), Ingrid Reuter (Deutsch) und Jacques Bosser (Französisch).

»Im Gegensatz zu Japan tendiert das Bauen in Europa sehr oft dazu, die Natur zu besiegen, um Architektur zu erschaffen«, heißt einer der Sätze von Tadao Ando. Sein erstes Bauprojekt war ein Reihenhaus in seinem Geburts- und Wohnort Ōsaka. 1981-1983 folgte eine Wohnanlage mit 18 Maisonette-Wohnungen am Hang des Mount Rokko in Kobe, die sich dem Berg anschmiegt. Angeregt von dieser Bebauung kam ein zweiter Bauunternehmer auf den Architekten zu, bot ihm ein noch ambitionierteres Folgeprojekt am gleichen Berg an. Es wurden 50 Wohneinheiten. Und nach dem großen Erdbeben wurde dort 1997-1999 sogar ein drittes, noch größeres Projekt verwirklicht. Ausgangspunkt für Ando dabei waren die Felsendörfer an der Küste von Santorin in Griechenland oder die kappadokischen Höhlenwohnungen in der Türkei.

Bereits unter seinen ersten Reisezielen hatten sich Felsentempel, Höhlenwohnungen, »erdnahe« Bauten befunden. Seine Projekte sind stets ortsbezogen, mit viel Gespür für die Landschaft und den Genius Loci. Seine Bauwerke zeichnet die spannende Dramaturgie von Licht und Dunkel, von Innen und Außen, von Masse und Raum aus. Ando ist ein Architekt, der den Sichtbeton liebt – manche sprechen sogar von »Brutalismus« – und gerade dadurch »Geist und Schönheit der Natur durch Architektur erlebbar machen« möchte. Nicht umsonst führte die Zeitschrift »Beton« einmal ein langes Gespräch mit ihm.

Nicht ohne Grund stand dabei unter anderem seine »Church of Light« im Mittelpunkt. Sie zählt zu Tadao Andos berühmtesten Bauwerken – auch wenn das sakrale Gebäude auf den ersten Blick eher unscheinbar wirkt und sein Ort wenig prominent ist: In einem Wohngebiet, etwa 25 Kilometer von Ōsakas Zentrum entfernt, steht die Ibaraki Kasugaoka Kyōkai. Ein Betonquader, rund 18 Meter lang, sechs Meter breit und sieben Meter hoch. Das besondere an diesem Kirchenbau ist die haushohe und hausbreite kreuzförmige Öffnung in der Wand, durch die das Tageslicht hereinströmt und wandert und so den Raum erhellt und mit Magie erfüllt. 

Ein Lichterlebnis, ebenso unvergesslich wie der Sonnenstrahl im Pantheon.  

Alf Mayer

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