Geschrieben am 1. April 2024 von für Crimemag, CrimeMag April 2024

Sonja Hartl zu Patrícia Melos neuem Roman

Auf den Straßen São Paulos

Die 14-jährige Jéssica lebt auf der Praça Matriz – einem öffentlichen Platz in der Millionen-Metropole São Paulo. Die Straße war ihre Zuflucht: Ihr Bruder wurde ermordet, ihre Mutter ist vor Trauer krank geworden, sie wurde von einer Tante aufgenommen, wo sie wiederholt sexualisierte Gewalt erfahren hat. Also ist sie abgehauen und schlägt sich nun durch. Vieles lernt sie durch den Müllsammler Chilves, der ein Auge auf sie hat. Bis er verhaftet wird und Gefängnis kommt.

Jéssica und Chilves sind zwei der faszinierenden Figuren in Patrícia Melos aufwühlendem Roman „Die Stadt der Anderen“, in dem sie multiperspektivisch von der Obdachlosigkeit in Brasilien erzählt. Sie stellt die Menschen in den Mittelpunkt, die Müllsammler, Bettler und Prostituierten. Jeden Tag müssen sie zusehen, wie sie am Leben bleiben. Stets drohen Hunger und Gewalt, vor allem von der Polizei und paramilitärischen Einheiten. Denn die Praça Matriz soll geräumt werden. Auf dem Platz sollen Luxus-Wohnungen entstehen, da sind Obdachlose und besetzte Häuser im Weg.

Trotz ihres harten Alltags hoffen Chilves und Jéssica auf ein besseres Leben. Das hat der Totengräber Douglas fast aufgegeben. Zwar hat er Arbeit, ein Haus, eine Familie. Aber die vielen Toten, die er jeden Tag begraben muss, setzen ihm zu. Dann beschließt er eines Tages, etwas zu verändern: Er will einer Frau helfen, deren Sohn von korrupten Polizisten ermordet wurde. Er heftet sich an dessen Fersen und so taucht man ein in dieses kaputte, zerstörerische Geflecht aus staatlicher Gewalt und verbrecherischem Tun, das in Brasilien so vieles bestimmt.

„Die Stadt der Anderen“ ist ein packendes Plädoyer für mehr Menschlichkeit, das nur in Brasilien inmitten dieser unheilvollem Allianz aus Korruption, Kapitalismus, Drogen und Gewalt spielen kann. In jedem Satz der hervorragenden Übersetzung von Barbara Mesquita sind das Entsetzen und die kontrollierte Wut zu spüren, die Melo nicht nur angesichts des politischen Versagens packt. Sie ist ebenso erzürnt von der Gleichgültigkeit der Menschen in Brasilien, der „Anzugträger“, die über Obdachlose hinwegsteigen und das Leid ignorieren. Der Menschen, die sie ausbeuten, beschämen und beschmutzen.

Inmitten des Elends gibt es Hoffnung: Verkörpert durch Douglas, der mit kleinen guten Taten etwas verändern will. Durch eine Journalistin, die sich nicht mundtot machen lässt. Durch einen Dichter, der mit einem Buch Erfolg hat. Dieses Buch ist durchzogen von dem Glauben, dass jeder etwas verändern kann – und in Worten eine unwiderstehliche gesellschaftliche Kraft steckt. Zum Beispiel indem man sie nutzt, um von denjenigen zu erzählen, über die allzu oft hinweggesehen wird. Und Patrícia Melo macht das auf unnachahmlich packende und überzeugende Weise.

Patrícia Melo: Die Stadt der Anderen (Menos que Um, 2022). Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Barbara Mesquita. Unionsverlag, Zürich 2024. 398 Seiten, 26 Euro.

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