Geschrieben am 1. April 2024 von für Crimemag, CrimeMag April 2024

Sonja Hartl – Über Irish Noir (2)

Der Celtic Tiger und die Troubles – Über Irish Noir II

Der gesellschaftliche Wandel durch das Wirtschaftswachstum war eine wichtige Voraussetzung für den Boom der irischen Kriminalliteratur. Vorher – das betonen sowohl Gene Kerrigan als auch Declan Burke im Gespräch – schien Kriminalliteratur, die in Irland spielte, unglaubwürdig, ja, eine Parodie zu sein. Doch der Aufschwung vermehrte Wohlstand und Selbstvertrauen, modernisierte und urbanisierte das Land. Zugleich nahmen aber insbesondere in großen Städten Gesetzesbrüche, Gewalt und Korruption zu und lieferten neue Themen für die Literatur. Außerdem zeigte Ken Bruen, das Kriminalliteratur mit Irland als Handlungsort möglich ist – und mit dem Noir die neue Wirklichkeit erfasst werden kann.

Die düstere Seite der neuen Gesellschaft

Gene Kerrigan und Cormac Miller beschäftigen sich in ihren Büchern mit den Auswirkungen des Celtic Tiger und zeichnen in ihrem Roman Bilder einer Gesellschaft, die von Gier und Korruption bestimmt ist. In Kerrigans erstem Roman „Little Criminals“ (2005) plant der Gauner Frankie Crowe eine Entführung, weil er seinen Anteil am Wohlstand einfordern will. Er ist überzeugt, ihm stehe zu, was der potentielle Lösegeldzahler Justin Kennedy habe: Ehefrau und Geliebte, eine Karriere, ein dickes Bankkonto und gesellschaftliches Ansehen. Jedoch muss Frankie erkennen, dass die Blase des vermeintlichen Wohlstandes aus Schein besteht und erbarmungslos leicht platzt. Auch in Kerrigans weiteren Büchern „The Midnight Choir“ (2006) und „The Rage“ (2011, dt. „Die Wut“) streben die Figuren ein neues Leben an – und den meisten sind die Mittel hierfür gleichgültig. Das alte Irland ist nur noch in den Tugenden weniger zu finden, stattdessen bestimmen Gier und aufkeimende Wut der Zurückgelassenen die irische Gesellschaft, die nun für die Folgen aufkommen müssen.

Dass Gier und Korruption nicht nur das Handeln der Gauner anstrebt, klingt bereits bei Gene Kerrigan an, bei Cormac Millar ist die Bestechlichkeit und Skrupellosigkeit der oberen Mittelschicht Kernthema seiner Bücher „An Irish Solution“ (2004) und „The Grounds“ (2006). Seine Hauptfigur ist Seamus Joyce, zunächst Leiter der Irish Drug Enforcement Agency, später Berater einer Investitionsfirma. Joyce scheitert an den Verbindungen zwischen Regierung und Polizei sowie an der Gier der Bildungselite, die mit Grundstückspekulationen reich werden will. Damit markiert Millar sehr deutlich – und desillusionierend – den Ausverkauf von Integrität und Bildungsidealen.

Der Irish Noir beschreibt laut Gerry McCarthy „a violent clash of world-views“, „where the old primbal brutality takes on the heartless modernity of the new order.“ (The Dark Side of the Boom) Bei Kerrigan und Millar finden sich die Eigenschaften des ‚alten‘ Irlands nur noch in den wenigen positiven Figuren wieder, in Sergeant Bob Tidey („Die Wut“) zum Beispiel. Für das neue Irland sieht es hingegen nicht gut aus, es wird herzlos diejenigen zurücklassen, die sich dem Ausverkauf widersetzen.

Heimliche Hauptstadt des Noir

Noch stärker ist der Zusammenprall vergangener Brutalitäten und moderner Gesellschaften in den Büchern der nordirischen Autoren Eoin McNamee, Adrian McKinty und Stuart Neville zu finden. Jahrzehnte voller gewaltsamer Proteste und Übergriffe, Bombenexplosionen und Schusswechsel, patrouillierender Soldaten und kontrollierenden Gruppierungen in Nordirland hinterlassen deutliche Spuren in der kriminalliterarischen Arbeit der Autoren. Lange Zeit gab es so gut wie keine Kriminalliteratur, die in Nordirland spielte – angesichts der Allgegenwärtigkeit von Gewalt schien sie das letzte Genre zu sein, das Leser lesen wollten, außerdem wurde vermutet, Leser könnten es als ‚geschmacklos‘ empfinden (vgl. Ian Campbell Ross, Introduction. In: Down These Green Streets, 2013). Dennoch kamen in den 1980er Jahren erste Kriminalromane auf, die die Troubles thematisierten, darunter Bernard MacLavertys „Cal“ (1983), Brian Moores „Lies of Silence“ (1990) und Eoin McNamees „Resurrection Man“ (1994, „Belfaster Auferstehung“) über einen protestantischen Serienkiller, der im Auftrag paramilitärischer Gruppierungen katholische Opfer ermordet – und vom britischen Geheimdienst gedeckt wird. Die Troubles verschleiern, dass er ein Psychopath ist, bis seine Taten zu bizarr werden.

Dieser Roman ist ebenso von wahren Ereignissen inspiriert wie McNamees folgende Romane „The Blue Tango“ (2001, dt. „Blue Tango“), „Orchid Blue“ (2010, dt: „Requiem“) und „Blue is the night“ (2014). Ausgangspunkt dieser Romantrilogie ist die Ermordung der 19-jährigen Tochter des Generalstaatsanwalts Lancelot Ernest Curran im Jahr 1952. Ihre Leiche wurde auf der Auffahrt ihres Elternhauses gefunden, 37mal wurde auf sie eingestochen. Als Täter wurde ein homosexueller Soldat verurteilt, obwohl seine Schuld nicht zweifelsfrei bewiesen werden konnte und Curran die Ermittlungen behindert hat („The Blue Tango“). Er war enttäuscht, dass der Täter aufgrund einer Geistesstörung nicht hingerichtet wurde. Ungeachtet dieser Ereignisse wurde er neun Jahre später vorsitzender Richter in einem Prozess zu der Ermordung einer anderen 19-jährigen Frau, der mit dem letzten vollstreckten Todesurteil Nordirlands endete („Orchid Blue“). In allen drei Teilen geht es McNamee nicht um die Wahrheit, sondern er will die gesellschaftlichen Strukturen und Seilschaften aufdecken, das Lügengewebe untersuchen, das solche Fehlurteile erst möglich macht. Dabei erzählt er von der Spaltung und den tiefen Gräben in der nordirischen Gesellschaft, die bereits vor den Troubles bestanden und seither erhalten bleiben.

Die Gräben zwischen Katholiken und Protestanten sind auch ein Thema von Adrian McKintys Sean-Duffy-Reihe, die in den 1980er Jahren im Großraum Belfast spielt. Schon in seiner Dead-Trilogie hat McKinty gezeigt, wie weit der Nordirlandkonflikt das Handeln und Schicksal der Figuren beeinflusst, indem er u.a. seinen Protagonisten Michael Forsythe in eine Konfrontation mit den „Sons of the Cuchulain“ geraten lässt, einer IRA-Splittergruppe in den USA, die im Zuge des Friedenprozesses sowohl der IRA als auch den Briten ein Dorn im Auge ist („The Dead Yard“, 2006; dt. „Der schnelle Tod“). Alte Bünde lassen sich eben nicht einfach auflösen.

Sean Duffy begegnet diesen Seilschaften jeden Tag. Er ist im Belfast des Jahres 1981 einer der wenigen Katholiken in der RUC (Rocal Ulster Constabulary), die als Erfüllungsgehilfe der britischen Regierung gilt („The Cold Cold Ground“, 2012, dt. „Der katholische Bulle“). Die meisten seiner protestantischen Kollegen begegnen ihm mit Misstrauen, sogar seine Nachbarn sind argwöhnisch ihm gegenüber. Duffy bewegt sich durch ein Belfast, das von der alltäglichen Gegenwart des Todes geprägt ist, bevor er in ein Auto steigt, kontrolliert er es auf Bomben, ständig kreist ein Helikopter über der Stadt. Dabei stößt Duffy bei seinen Ermittlungen auf Aktivitäten der Armee, des Geheimdienstes und der paramilitärischen Organisationen auf beiden Seiten. Beständig sieht er sich einem Gewirr aus Abhängigkeiten und Verpflichtungen gegenüber, in das er unweigerlich hineingerät.

In McKintys Büchern wird deutlich, wie eng die Verbindung aus Freiheitskampf und Politik – kurz gesagt: aus Macht – und Verbrechen war. Die Troubles waren auch ein Deckmantel für das organisierte Verbrechen, der mit dem Good Friday Agreement von 1998 wegzubrechen begann. In diesem neuen, vermeintlich befriedeten Belfast spielt Stuart Nevilles Jack-Lennon-Reihe, die im Jahr 2007 einsetzt. Gerry Fegan, ein ehemaliger Mörder auf Seiten der IRA, kommt aus dem Gefängnis und wird mit den Schatten seiner Taten („The Twelve“ oder „The ghosts of Belfast“, 2009; dt: „Die Schatten von Belfast“) konfrontiert. Es fällt ihm schwer, sich mit den neuen Realitäten zu arrangieren und zu akzeptieren, dass die Täter von damals nun Posten in Politik und Wirtschaft haben. Damit beschäftigt sich Neville in seinen harten Kriminalromanen mit einer der wichtigsten Fragen des neuen Belfast: Wohin sind die Seilschaften und Mörder verschwunden, als der Frieden kam? Nevilles Antwort fällt eindeutig aus: Sie haben sich arrangiert und Posten verschafft, aber noch lange nicht sind alle Fehden beigelegt und Wiedergutmachungen geleistet, vielmehr bestehen die alten Gräben zwischen Katholiken und Protestanten weiterhin.

Vergangenheit und Gegenwart sind in den nordirischen Noirs untrennbar miteinander verbunden, dabei liefert der Handlungsort nicht nur einen düsteren Hintergrund, sondern ist gleichsam ein Motiv in diesen Romanen. Lee Child bezeichnete Belfast einst als „the most noir place on earth“ – und insbesondere die Bücher von Adrian McKinty sind ein eindrucksvolles Zeugnis dieser Aussage. Und auch das tatsächlich Belfast hat zumindest nach Einschätzung von Adrian McKinty und Stuart Neville ein sehr eigenes Verhältnis zur Vergangenheit: „This is the city that gave the world its worst ever maritime disaster, and turned it into a tourist attraction; similarly, we are perversely proud of our thousands of murders, our wounds constantly on display.“ (Irish Times; LINK)

Ein vorläufiges Fazit

Insbesondere im englischsprachigen Raum wird der Begriff Irish Noir – oder auch Emerald Noir – ebenso wie bspw. Nordic Noir nicht nur auf Noir-Romane angewendet, sondern oftmals synonym mit irischer Kriminalliteratur verwendet. Jedoch nimmt innerhalb der gegenwärtigen irischen Kriminalliteratur mit Autoren wie Gene Kerrigan der Noir einen wichtigen Strang ein. Er steht eindeutig in der Tradition des amerikanischen hardboiled und noir. Sie verbindet Erzählmuster, eine grundsätzliche Skepsis gegenüber Machtinhabern und eine pessimistische Weltsicht, mit der irische Autoren auf die Vergangenheit und Gegenwart ihres Landes blicken.

Sonja Hartl