Geschrieben am 1. Dezember 2023 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2023

Nele Neuhaus und „Monster“ – von Sonja Hartl

Erzählerisch auf Nummer Sicher

Im Grunde genommen ist „Monster“ ein typischer Nele-Neuhaus-Taunus-Krimi: es gibt einen Fall, von dem alles ausgeht. Hier ist es das Verschwinden der 16-jährigen Larissa Böhefeld, die wenig später tot aufgefunden wird. Die Ermittlungen werden sich über mehrere Tage im Dezember hinziehen, in ihrem Verlauf kommt es zu einer Vielzahl weiterer Toten, Verbrechen und Verwicklungen. Dazu kommt ein zweiter Fall. Zusammengehalten werden diese zwei Hauptfälle zum einen durch das Ermittlungspersonal, wie üblich das K11 in Hofheim. Im Zentrum stehen Pia Sander, geschiedene Kirchhoff, und Oliver von Bodenstein. Zum anderen aber ein übergeordnetes Thema.

Dieses Thema lässt sich in „Monster“ grob mit „Verbrechen, an denen Asylbewerber und Geflüchtete beteiligt sind“ umschreiben. Zunächst sucht das K11 wegen Larissas Ermordung einen Asylbewerber, dessen DNA an Larissas Kleidung gefunden wurde. Die Polizei will ihn als Zeugen vernehmen, kann ihn aber nicht finden und sucht ihn deshalb öffentlich. Da dieser Asylbewerber aber vor kurzem aus der Untersuchungshaft entlassen werden musste, in der er wegen des Verdachts einer Vergewaltigung saß, sorgt dieser öffentliche Aufruf für allerhand Aufruhr. 

Dazu passt der zweite Handlungsstrang, der für langjährige Nele-Neuhaus-Leser*innen sicherlich eine Überraschung bereithält, die sich in diesem Teil aber sehr früh abzeichnet. Hier geht es im Kern um die Überlastung der deutschen Justiz und ein damit einhergehender Vertrauensverlust – also ein durchaus brisantes Thema, aktuell und hochpolitisch. Nele Neuhaus aber verhandelt es, wie sie die Themen in ihrem Romanen nun einmal behandelt: mit einer Vielzahl an Personen und mit ihnen verbundenen Perspektiven und Haltungen. Dadurch entsteht keine Komplexität, vielmehr findet ein jeder Lesende, was er zu diesem Thema sucht: Empörung, Resignation, guten Willen oder auch Hoffnung. Sicherlich will Neuhaus kein einseitiges Bild vermitteln: Nicht alle Täter haben einen Migrationshintergrund, manche Opfer hingegen schon. Ihr Ermittlungsteam ist divers besetzt, einige wichtige Zeug*innen und Expert*innen waren einst Geflüchtete, sind nun hervorragend integriert. Viel Raum oder größere Perspektiven bekommen sie aber nicht.

Sicherlich ist es schwierig, ein System zu kritisieren und sich zugleich innerhalb dieses Systems zu bewegen – gerade innerhalb des Kriminalromans, zumal des deutschsprachigen, der in der Regel ein Polizeiroman ist. Man kann das literarisch lösen – Stephen Greenall beispielsweise hat das mit „Winter Traffic“ gezeigt. Aber dann muss man verstörte Reaktionen und Ablehnung in Kauf nehmen. Nele Neuhaus vertraut alleine auf den Inhalt, die Handlung, in der sie das System aber niemals grundsätzlich in Frage stellt, sondern stets auf das Handeln von einzelnen Figuren zurückgreift. Dass Anwälte Lücken in der Gerichtsprozessordnung ausnutzen, ist empörend, nicht die Lücken an sich. Dass ein möglicherweise jugendlicher Straftäter 18 Monate – das sind anderthalb Jahre – in Untersuchungshaft gesessen hat, ist nicht skandalös, sondern dass dieser Umstand dazu führt, dass er freikommt. Dass Personalmangel ein Hauptgrund für langsame Verfahren ist, wird kaum angesprochen. Vielmehr wird einem einzigen Rechtsanwaltsduo angelastet, dass es Verfahren verschleppt, um sich zu profilieren. 

Das ist umso ärgerlicher als Nele Neuhaus bemüht ist zu beweisen, dass ihr Roman nah an der Wirklichkeit ist. Diese Nähe zur Realität ist ihr wichtig, dass sie in Interviews oft gesagt. Ihre Kriminalromane spielen an existierenden Orten, auch erinnern die Kriminalfälle an tatsächlich stattgefundene Verbrechen. Dazu kommen Alltagsmarker: Klagen über den Verkehr in Frankfurt, ein kurzer ablehnender Kommentar zum Gendern, gemeinsames Pizza-Essen der Ermittler. Das schafft Anknüpfungspunkte für ihre Leserschaft, das erkennt einige wieder oder erleben es genauso. Am Ende von „Monster“ sind zudem Bücher und Quellen aufgeführt, die sich mit der Überlastung der Justiz beschäftigen. Das soll noch einmal unterstreichen, dass auch alles wirklich so stimmt. Schaut man sich manche Statistiken allerdings genauer an, wird auch schnell klar, dass sich so einige hier angedeutete Zusammenhänge nicht beweisen lassen. Aber sie werden auch nur angedeutet, so manches wird aus dramaturgischen Gründen ein bisschen gedreht. Beispielsweise kommt es gar nicht so häufig vor, dass Frauen oder Mädchen falsche Vorwürfe wegen sexueller Übergriffe erheben. Hier kommt indes gleich mehrfach. 

Das ist einfach gedacht und letztlich auch schlicht erzählt. Die Mutter der verstorbenen Teenagerin denkt Sätze wie „Ich kannte meine Tochter gar nicht“, jungen Leben werden „brutal zerstört“, Mord „beschmutzte jedes Leben, das mit ihm in Berührung kam“. Im Taunus ist es offenbar weiterhin „ungewöhnlich“, dass sich Mädchen für Fußball interessieren, Weihnachtsdeko und -geschenkekauf sind Ehefrauen oder im Zweifelsfall Praktikantinnen zuständig. Manches ist regelrecht albern. Dass ein Hund direkt spricht beispielweise. Zitat: „Wau!“, machte Beck’s und wedelte mit dem Schwanz.“

Erzählerisch geht Nele Neuhaus wie immer auf Nummer sicher: beständig stellen sich die Ermittler*innen die Fragen, von denen die Autorin möchte, dass sie sich die Leser*innen stellen – mit ihnen soll Spannung erzeugt, die Rezeption gesteuert werden, zudem geben sie den Ermittlungsstand wieder. Manche dieser Fragen sind welche, die ein guter Kriminalroman zu beantworten versucht. Dazu kommen regelmäßige Zusammenfassungen – schon auf Seite 51 wird das bisherige Geschehen noch einmal kurz gerafft wiedergegeben. Das kennt man vom Streaming-Serien, bei denen die Macher davon ausgehen, dass das Publikum etwas nebenbei macht – im Buch erlaubt es, dass man nur kurze Passagen am Stück liest und jederzeit wieder einsteigen kann. 

Aber es besteht bei diesem Kriminalroman keinerlei Gefahr, etwas zu verpassen – im Zweifelsfall wird es so lange wiederholt oder erklärt, bis es auch jede*r verstanden hat. Ein Beispiel: Larissas Leiche wird bei einem Marienaltar gefunden; im Haus ihrer Eltern steht ihr Foto neben einer holzgeschnitzten Madonnenfigur. Eine nette Parallele. Aber bei einem weiteren Besuch der Ermittler ist das Foto verschwunden und wer die Parallele nun immer noch nicht bemerkt hat, bekommt sie noch einmal erklärt: „Welch Ironie des Schicksals, dass Lissys Leiche ausgerechnet hinter einem Marienaltar abgelegt worden war.“ 

„Monster“ ein Kriminalroman mit einem brisanten und sehr wichtigen Thema: es gibt nicht nur, aber gerade in Hessen ausreichend Anlass, sich kritisch mit der Polizei und Justiz auseinanderzusetzen. Nele Neuhaus aber sichert sich nach allen Seiten hin ab, wagt erzählerisch und inhaltlich nichts. Das ist ein Erzählen im Sicherheitsmodus. 

Sonja Hartl

Nele Neuhaus: Monster. Ein Bodenstein-Kirchhoff-Krimi 11. Ullstein Verlag, Berlin 2023. Hardcover, 560 Seiten, 24,99 Euro.

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