Geschrieben am 3. Juli 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2024

Farbkonzepte: Sich im Schwarz verlieren – oder im Rot

»Das Buch der Farbkonzepte«, besprochen von Alf Mayer

Alexandra Loske (Hg.), Sarah Lowengard: Das Buch der Farbkonzepte/ The Book of Colour Concepts. Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch .Verlag Taschen, Köln 2024. Hardcover, 2 Bände im Schuber. Format 24,3 x 30,4 cm, Gewicht 6.15 kg. 846 Seiten mit über 1000 Abbildungen in Farbe, 150 Euro.

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»Das Auge bedarf der Farben, wie es des Lichtes bedarf«, wusste Goethe. All diese Farben zu beschreiben macht einen Teil des Reizes aus, den die Literatur auf uns auszuüben vermag. Schöne sprachliche Farbbilder (sic) behalten wir in Erinnerung. Die Vielfalt der Farben in Worte zu fassen – und noch mehr: sie systematisch zu ordnen – ist schwer. Die britisch-deutsche Kunsthistorikerin, Autorin und Museumskuratorin Alexandra Loske, eine der beiden Herausgeberinnen von »The Book of Colour Concepts«, schreibt dazu: »Farben entgleiten uns leicht, sie verändern sich mit dem Licht, sehen je nach Tageszeit anders aus, verblassen, werden dunkler und können unkalkulierbar sein, wenn sie kombiniert, gemischt oder nebeneinandergesetzt werden.«

Bereits die frühesten Formen menschlicher Kreativität – Schnitzereien, Markierungen und Höhlenmalereien – zeugen von der Auseinandersetzung von uns Menschen mit Farbe. Uralt schon ist unser Wunsch, das universelle Phänomen Farbe fassbar zu machen und ihm Struktur, Ordnung und Sinnhaftigkeit zu verleihen. Diese Faszination liegt allen Werken zugrunde, die Alexandra Loske und Sarah Lowengard in ihrem zweibändigen, bestens ausgestatteten Buch versammelt haben.

Das »Book of Colour Concepts« bringt 67 seltene Bücher und Manuskripte aus einer Vielzahl von Archiven und Institutionen zusammen, darunter aus den bedeutendsten Farbensammlungen der Welt, und entführt auf eine chromatische Reise durch vier Jahrhunderte. Notwendiger Weise beginnt die visuelle Reise durch die Geschichte der Farbtheorie zur Zeit der frühesten illustrierten Manuskripte und gedruckten Quellen aus dem 17. Jahrhundert, die sich speziell auf Farbe konzentrierte. Sie endet Mitte des 20. Jahrhunderts vor Anbruch des Digitalzeitalters. So wie jedes beschriebene Farbsystem ist auch das vorliegende Buch selbst mit seiner Auswahl an Farbtheorien ein Spiegel der Zeit, in der es verfasst wurde, schreiben die Autorinnen: »Bildlich gesprochen, ein bunter Strauß und in seiner Auswahl so subjektiv wie die Farbwahrnehmung selbst.«

Im Verlauf der letzten Jahrzehnte hat das Interesse an Farbe und Farbgeschichte deutlich zugenommen. Infolge aktueller For- schungen entdecken wir neue Stränge und lange Zeit übersehene Stimmen und Beispiele einer materiellen Kultur (Schriftsteller und Pädagogen, Bücher, Manuskripte, Kunst und Methoden), die entweder in Vergessenheit geraten waren oder bisher nie als Teil des Farbkanons galten.

Die 67 in den beiden Bänden gezeigten und besprochenen Werke stehen stellvertretend für die bewegte und abwechslungsreiche Geschichte der Farbtheorien seit dem 17. Jahrhundert. Neben manchen vertrauten Beispielen für Farbsysteme, die in der Farbgeschichte fest verankert sind, sozusagen den Klassikern des Fachs, präsentieren die Herausgeberinnen viele Entdeckungen, verblüffen mit einem dezidiert weiblichen Blick und mancher Neueinschätzung, stellen Bekanntes in einen größeren kulturellen Zusammenhang – und geben Farbtraktaten mehr Raum, die in den letzten zweihundert Jahren von Frauen verfasst, publiziert und bebildert worden sind. Da wartet so manche Entdeckung.

Die über tausend Abbildungen der zwei großformatigen, mit allen Regeln der Druckkunst gefertigten Bände – die »farbechte« Geschichte und Technik von Druck und Präzision in der Farbvermittlung darin ein besonderes Thema – zeigen prachtvolle Kreise und Kugeln, vielfarbige Tabellen und ausgefeilte Diagramme, viele davon exklusiv für die Edition neu fotografiert. Einige der Konzepte enthalten umfassende Farbtaxonomien, andere beleuchten das Verhältnis von Farbe und Musik oder die Verbindungen zwischen Farbe und menschlichen Gefühlen. Solch ein Kompendium gab es bisher noch nicht.

Deshalb lohnt auch ein Blick auf die Autorinnen. Sarah Lowengard ist Technik- und Wissenschaftshistorikerin und schreibt über praktische und philosophische Auseinandersetzungen mit Farbe. Sie restauriert seit über vierzig Jahren Kunstwerke und stellt noch länger schon handwerklich gefertigte Farben her. Sie ist Mitglied der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften an der Cooper Union in New York und bestens mit verschiedenen Organisationen für technische Kunstgeschichte und Kunstanalyse vernetzt. Herausgeberin ist die britisch-deutsche Kunsthistorikerin, Autorin und Museumskuratorin Alexandra Loske, aktuell Kustodin des Royal Pavilion in Brighton. Sie hat ein besonderes Interesse für die Rolle von Frauen in der Geschichte der Farbe entwickelt, ist darin Expertin. Neben zahlreichen Vorträgen und Veröffentlichungen über Farbe und andere Themen kuratierte sie eine Reihe von Ausstellungen, darunter 2014 »Regency Colour and Beyond, 1785–1845« im Royal Pavilion.

Wieder also ein Taschen-Werk auf bestmöglichem Expertinnen-Niveau. Großzügig und prächtig illustriert, sogar mit Ausklapptafeln und die horizontal oder auch mal vertikal. Mit Farben, in denen man sich verlieren kann. Credits verdienen: Projektmangement Mahros Allamezade und Tom Pitt-Brooke, Produktion Daniela Asmuth, Redaktion Chris Allen, deutsche Übersetzungen Kurt Rehkopf, Design: Andy Disl, Los Angeles, und Claudia Frey, Köln. Printed in Italy. Das Ganze eine Buchkassette zum Vererben. Ein Nachschlagewerk für alle, die sich für die oft verborgenen Bedeutungen von Farbe in Kultur und Geschichte interessieren.

Die sorgfältig ausgewählten, schön illustrierten Essays und Analysen in »The Book of Color Concepts« bieten nicht nur einen Überblick über die historischen und kulturellen Kontexte der Farbtheorie, sondern auch vertiefende Einblicke in deren einzelne Werke. Wissenschaftliche Recherche verbindet sich mit lebendiger Erzählung und ebenso lehrreicher wie buchstäblich schöner Anschauung.  Wir begegnen klassischen Texten wie etwa Newtons »Opticks« oder Goethes »Zur Farbenlehre«, aber auch weniger bekannten Studien wie etwa Paul Klees »Bildnerische Form- und Gestaltungslehre«, theosophischen Farbsystemen von Charles Webster Leadbeater und Annie Besant, dem umfassenden »Wörterbuch« der Farbe von Aloys John Maerz und Morris Rea Paul oder den patchworkartigen Kombinationen des japanischen Kostümbildners und Künstlers Sanz_ Wada, (Haishoku Soukan), den innovativen »FarbFlecken« der englischen Blumenmalerin Mary Gartside oder der visionären Kunst von Hilma af Klingt und ihrem botanischen Notizbuch. Und natürlich dem Bauhaus.

Ausführlich präsentiert werden zum Beispiel auch Philipp Otto Runges dreidimensionale »Farben-Kugel« und Johann Ferdinand von Schönfelds »Wiener Farbenkabinett«, dessen ausführlicher Titel so beginnt: »Musterbuch aller Natur-, Grund- und Zusammensetzungsfarben, wie solche seit Erfindung der Malerei bis auf gegenwärtige Zeiten gesehen worden, mit fünftausend nach der Natur gemalten Abbildungen, und der Bestimmung des Namens einer jeden Farbe, dann einer ausführlichen Beschreibung aller Farbengeheimnisse …«

Das Finale gehört Josef Albers und seinem Handbuch »Interaction of Color« von 1963, in dem er darzustellen sucht, »was zwischen den Farben geschieht«. Es beginnt so: »Wenn jemand ‚Rot‘ sagt (als Bezeichnung einer Farbe) und wenn 50 Personen zuhören, darf man erwarten, dass 50 verschiedene Rot in ihrem Bewusstsein auftauchen. Man darf sicher sein, dass all diese Rot verschieden sind.«

Eine der ältesten erhaltenen Künstlerpaletten, ein auf etwa 1427 bis 1401 vor Christus datierter Malkasten aus der 18. altägyptischen Dynastie, vermittelt anschaulich und ganz unmittelbar, welche Pigmente ihrem Besitzer Amenemope, einem Wesir unter Amenhotep II., zur Verfügung standen, aber womöglich auch, welche Farben er bevorzugte und wie er die in Mulden gepressten Pigmente Roter Ocker, Ägyptisch Blau, Grün und zwei verschiedene Sorten Kohlenschwarz in seinem Kasten gern arrangierte. Wofür brauchte er zweimal Schwarz? Was bedeutete Schwarz für ihn oder die altägyptische Kultur insgesamt?

In den Farben dieses Buch kann man sich verlieren.

Alf Mayer

Hier ein Überblick der beiden Bände:
Kapitel 1, «Farbpyramiden: Frühe Tafeln und Tabellen«, nimmt die ältesten illustrierten Bücher der westlichen Kultur genauer in den Blick. Allererstes Beispiel ist Richard Wallers Tafel der Pigmente von 1686 mit handgemalten Punkten.

Kapitel 2, „Farbanordnung: Kreise, Räder und Kugeln“, untersucht, wie die einfachen visuellen Konzepte der Farbordnung im 18. und 19. Jahrhundert zu einer faszinierenden Vielfalt geometrischer Formen und Strukturen weiterentwickelt wurden. Ästhetisch zählen die Farbdiagramme des 18. und 19. Jahrhunderts zu den eindrucksvollsten Darstellungen in der Geschichte der Farbliteratur.

Kapitel 3, „Neue Erklärungen: Der Aufstieg der Farbtheorie“, geht ausführlich auf einige der wichtigsten Farbtraktate des 19. Jahrhunderts ein und erläutert die Gründe für die drastische Zunahme an neuen Theorien und umfangreichen philosophischen, wissenschaftlichen und praktischen Abhandlungen über Farbe.

Die Kapitel 4 und 5, »Farben als Orientierung: Nomenklaturen und Standards« und »Theorie und Praxis: Unterweisungen in Farbe« beschäftigen sich mit systematischen Farblisten, die oft in Bezug zur Natur und zur taxonomischen Klassifikation stehen und faszinierende Versuche darstellen, verlässliche Terminologien und Standards zur Anwendung in Kunst, Industrie und Wissenschaft zu etablieren.

Neben den Handbüchern kam im frühen 20. Jahrhundert eine weitere Flut von Büchern über Farbe auf den Markt. Wie in Kapitel 6, »Farbe sprengt ihre Ketten: Das frühe 20. Jahrhundert«, dargelegt wird, knüpften viele von ihnen an die Werke der großen Farbtheoretiker des vorangegangenen Jahrhunderts an, entwickelten deren Konzepte jedoch weiter.

Kapitel 7, »Der Klang der Farbe: Spiritismus, Okkultismus und Musik«, untersucht die synästhetischen Verbindungen zwischen Farbe und Musik und bezieht dabei Bewegung, Tanz und Spiritualität mit ein.

Das letzte Kapitel, »Interaktion und Abstraktion: Vom Bauhaus in die Gegenwart«, behandelt Farbe in ihrer reinsten, reduziertesten und elementarsten Form, wie man sie von Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts in Kunst, Design, Lehrbüchern und Unterricht fand. Zitat: »Den langen, allmählichen Weg zur Abstraktion bereiteten neben Pionieren wie Turner, Gartside, Whistler oder af Klint auch Avantgardisten aus verschiedenen europäischen Künstlergruppen. Doch vor allem das Bauhaus mit seinem erweiterten Einflussbereich entwickelte sich zum führenden Vertreter von Modernismus, Fortschrittlichkeit und, stilistisch gesprochen, Abstraktion.«

PS. Eine der seltsamsten Illustrationen gilt der »Farborgel«, mit der sich Klang bildlich darstellen ließ und die im 18. Jahrhundert von Charles Germain de Saint-Aubin (1721– 1786) karikiert und im 20. Jahrhundert von Alexander Wallace Rimington gebaut wurde.

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