Geschrieben am 3. Juli 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2024

Schatzsuche – Sommer 2024: Lesestoff

Eine Vielzahl von Krimi-Neuheiten …

… erscheinen jeden Monat, dazu Graphic Novels (vulgo: Comics) und DVDs und BluRays. 

Unmöglich, das alles zu überblicken und zu rezensieren. 

CrimeMag siebt und schürft deshalb für Sie und weist hier regelmäßig mit Hilfe der befreundeten Buchhandlungen

Chatwins (Berlin), 
Wendeltreppe (Frankfurt)
und Buchladen in der Osterstraße (Hamburg)

auf interessante Neuerscheinungen hin. 

** **

Bitte denken Sie daran, dass gerade in diesen Zeiten Ihre lokalen Buchhandlungen besonderer Unterstützung und Solidarität bedürfen. Lieber dort bestellen als bei amazon. Man kann das nicht oft genug sagen – und tun.

****

Claudia Denker vom Chatwins ist dieses Mal wieder dabei. Was Alf Mayer und Thomas Wörtche aus der Redaktion im Visier haben, siehe weiter unten.

** **

Jutta Wilkesmann und Hildegard Gansmüller, Wendeltreppe, Frankfurt:

Die schwüle Frankfurter Hitze drückt aufs Hirn. Aber immerhin fünf Vorschläge:

Karina Urbach: Das Haus am Gordon Place (Limes) – Bei uns bereits besprochen von Roland Keller und vom Geheimdienstmann Bodo V. Hechelhammer – d. Red.

Jakob Nolte: Die Frau mit den vier Armen (Suhrkamp)

Claudio Coletta: Das Skalpell des Engels( Lenos)  

P.G. Pulixi: Die Insel der Seelen (Kampa)   

Nina Simon: Der Mutter-Tochter-Mörder-Club (HarperCollins)

Wünsche für einen herrlichen Sommermit  dazu!!!!!

** **

Claudia Denker von der Krimiabteilung im Chatwins in Berlin-Schöneberg:

Schatzsuche Juli /August 2024

Es gibt Zeiten im Leben, da kann man sich nicht mal mehr auf so wichtige Dinge wie Kriminalromane konzentrieren. Ich musste leider drei Mal aussetzen, habe ein wenig den Überblick verloren, wenig lesen können, aber ich finde noch ein paar Tipps vor der Sommerpause.

Colin Niel ist ein wahnsinnig spannender französischer Autor. Seine beiden Romane (»Nur die Tiere« und »Unter Raubtieren«), die noch im Lenos Verlag erschienen sind, habe ich verschlungen. Nun hat er den Verlag gewechselt. Die Geschichte um den zehnjährigen »Darwyne«, das ungewöhnliche Kind aus dem Dschungel, gibt es nun bei Suhrkamp (deutsch von Anne Thomas). Wie erwartet – unbedingt zu empfehlen! – In dieser Ausgabe besprochen von Joachim Feldmann – d. Red.

Ich bin sehr gespannt auf Mike Nicol, endlich etwas Neues von ihm: »Hitman« (btb, deutsch von Meredith Barth). – In dieser Ausgabe besprochen von Thomas Wörtche – d. Red.

Richtig unbehaglich: »Wage es nur« von Megan Abbott (Pulp Master, deutsch von Karen Gerwig), ich hätte nie gedacht, dass ich mal einen Krimi über Cheerleader lesen werde. – Bei uns bereits besprochen von Hanspeter Eggenberger: Teenager sind gefährlich – d. Red.

Das neue Buch von Lisa Sandlin war in der Post. »Der Auftrag der Zwillinge«, ein neuer Fall für Delpha – endlich! (Suhrkamp, deutsch von Andrea Stumpf).

Als alter Adamsberg-Fan muss ich dringend »Jenseits des Grabes« von Fred Vargas (Limes, deutsch von Claudia Marquardt) lesen.

Und auf dem Stapel mit den bereits erschienenen Titeln liegt noch Liza Cody: »Die Schnellimbissdetektivin« (Argument, deutsch von Iris Konopik). – In dieser Ausgabe besprochen von Joachim Feldmann – d. Red.

Im August freue ich mich dann auf das neue Buch von Colson Whitehead: »Die Intuitionistin« (Hanser, deutsch von Henning Ahrens). Das scheint eine Mischung aus Kriminalroman und Science-Fiction zu sein … klingt vielversprechend.

Matthias Wittekindt macht es wirklich anders. Im fünften Band um den Kriminaldirektor a. D. Manz geht es zurück ins Jahr 1964. »Hinterm Deich« (Kampa) absolviert der junge Manz sein Polizeipraktikum. Ich bin gespannt, wie es ihm an der Nordseeküste ergeht.

Zum Schluss noch etwas zur EM: »Tore wie gemalt« von Javier Càceres (Insel). Fußballspieler zeichnen ihre wichtigsten Tore und erzählen die Geschichte dazu. Ich hätte es mir beinahe gekauft, weil es so schön ist, aber dafür müsste ich mich dann doch etwas mehr für den Sport interessieren. Aber ein Supergeschenk für Fans!

** **

Torsten Meinicke, Buchladen in der Osterstraße, Hamburg:

Hier meine Schatzsuche-Tipps für einen Lesesommer auf hohem Niveau:

– Liz Nugent, Seltsame Sally Diamond (Ü: Kathrin Razum), Steidl 2024, 389 S., 26 Euro: Eine Schönheit von Buch, was jedoch bei diesem Verlag keine Überrraschung ist. Schon die Vorgänger-Bücher Kleine Grausamkeiten und Auf der Lauer liegen dieser spannenden irischen Autorin schafften es auf die Krimibestenliste. Das macht natürlich neugierig. – In dieser Ausgabe besprochen von Frank Schorneck – d. Red.

– Jochen Brunow, Die Chinesin, ars vivendi 2024, 296 S., 18 Euro: Der Drehbuchautor Jochen Brunow kann auch Krimi. Und er kennt „seine“ Insel Sardinien sehr gut. Nach Verdeckte Spuren ist dies der zweite Fall mit dem pensionierten Kriminalrat Gerhard Beckmann.

– Ross Thomas, Die Narren sind auf unserer Seite (Ü: Gisbert und Julian Haefs), Alexander Verlag 2024, 584 S., 20 Euro: Der Sommer ist gerettet!  Band 24 dieser wunderbaren Edition soll angeblich in diesen Tagen ausgeliefert werden. Ich freue mich riesig darauf, auch darüber, dass der Band fast doppelt so umfangreich ist wie sonst üblich. – Textauszug, ein Interview mit den Übersetzern und ein Text zur verstümmelten Erstauflage, 1972, in dieser Ausgabe – d. Red.

— Jakob Nolte, Die Frau mit den vier Armen, Suhrkamp 2024, 235 S., 20 Euro: Meine liebste Kollegin sagte, ich solle es unbedingt lesen. Und genau das werde ich jetzt  tun. Ein „Niedersachsen-Noir“!

– David Joy, Wenn diese Berge brennen (Ü: Sven Koch), Polar 2024, 274 S., 17 Euro: Drogen, Dealer, DEA. In der Reihe „Dark Places“ ist dieser Noir schon das zweite Buch des amerikanischen Autors David Joy.

– Leonardo Padura, Anständige Leute (Ü: Peter Kultzen), Unionsverlag, 400 S., 26 Euro: Der Star der kubanischen Kriminalliteratur schickt wieder seinen Ermittler Mario Conde ins Rennen. Obama ist zu Besuch in Havanna, auch die Rolling Stones haben ihren Besuch angekündigt.  Da gibt es für Conde viel zu tun. Das Buch erscheint Mitte Juli, also noch rechtzeitig für den Urlaubskoffer. – In dieser Ausgabe besprochen von Alf Mayer – d. Red.

Aus der Fußball-Sommerpause (Nationenspektakel zählen nicht!) grüßt

Torsten Meinicke (Buchladen Osterstraße)

** **

Thomas Wörtche empfiehlt:

Liza Cody: Die Schnellimbissdetektivin (Ü: Iris Konopik, Ariadne).  Einfach nur vergnüglich.

Norbert Horst: Lost Places. Wo die Toten schweigen (Goldmann). Norbert Horst ist immer ein bisschen unterschätzt, dabei wirklich gut. Nur ein klein wenig zu polizeifromm, was man dem geschätzten Autor aber nicht übelnehmen kann.

Ross Thomas: Die Narren sind auf unserer Seite (Ü: Gisbert und Julian Haefs; Alexander Verlag). Endlich der vollständige Roman auf Deutsch. So kann man Lokalpolitik zum Thema machen. Schlüsselsatz: „Ich möchte, dass Sie eine Stadt für mich korrumpieren“. Obligatorisch für Regio-Autor*innen.

Joseph Conrad: Nostromo. (Ü: Gisbert und Julian Haefs. Manesse) Megahammerroman. Neu übersetzt. Klug kommentiert von Robert Menasse. Der gesamte spätere Joseph Conrad in a nutshell.

James Kaplan: 3 Shades of Blue. Miles Davis, John Coltrane, Bill Evans and the Lost Empire of the Cool (Penguin Press). Monstersozialundmusikgeschichte rund um das magische Jahr 1959 – da erschien „Kind of Blue“. Kategorie: Bücher, die ich selbst gerne geschrieben hätte.

Matthias Penzel/Ambros Waibel: Jörg Fauser. Rebell im Cola-Hinterland. Die Biographie (Diogenes). Man muss kein Fauser Fan sein, um dieses exzellent recherchierte Stück Literatur- und Kulturgeschichte der alten Bundesrepublik der 1970er und 1980er Jahre sehr hoch zu schätzen.

Jan Philipp Reemtsma: Sagt, hab ich recht? (Hamburger Edition). Drei brillante Reden zu Pressefreiheit, Antisemitismus und „Abscheu“ als zentrale Kategorie zur Reaktion auf nicht legitimierbare, schrankenlose Gewalt – von Magdeburg, 1631 bis Israel, 7. Oktober 20023. „Dieser Abscheu gehört zum Kostbarsten, was wir haben. Er ist das Fundament unserer zivilisatorischen Sittlichkeit. Verlieren wir ihn, verlieren wir uns“. Pflichtlektüre für alle, Schullektüre sowieso.

Steven Levitsky/Daniel Ziblatt: Die Tyrannei der Minderheit (Ü: Klaus-Dieter Schmidt, DVA). Untertitel: „Warum die amerikanische Demokratie am Abgrund steht und was wir daraus lernen können“. Die Autoren dröseln historisch auf, wie es radikalen Minderheiten gelingen konnte, mit formal demokratischen Mitteln Demokratien zu destabilisieren. Was lernen wir: Im Falle des „Rechtsrucks“, der ja bis jetzt nur eine Minderheit beschreibt, kommt es auf die Loyalität konservativer Kräfte zur Demokratie an. Werden die auch nur „halbloyal“, d.h. sie unterstützen entweder durch Stillschweigen oder heimliche Sympathie die radikale Rechte, bekommen wir wirklich Probleme. Wir werden sehen, im September.

** **

Alf Mayer empfiehlt:

Ute Cohen: Der Geschmack der Freiheit. Eine Geschichte der Kulinarik (Reclam, 272 S., 24 Euro.). Auf dieses Buch Mitte Juli erscheinendes Buch bin ich gespannt, wie jemand der im Spitzenrestaurant auf den Hauptgang wartet. Freiheit geht durch den Magen, das ist spätestens seit Éric Besnards Film À la carte – Freiheit geht durch den Magen (2021) über die Erfindung des Restaurants direkt aus dem Geist der französischen Revolution Gemeingut. Ute Cohen, Freigeist, frankophil, Sinnesexpertin, schaut tiefer in die Töpfe, ich bin darauf neugierig, was ich bei ihr lernen und geniessen kann. – Buchpremiere ist am Freitag, 19. Juli 2024, 19 Uhr, in der Orangerie im Schloss Charlottenburg, Berlin: Es folgt eine Soiree-Tour quer durch die Republik, unter anderm am 31.10. in Recklinghausen mit Joachim Feldmann und Sarah Landis (vom CHEZ AMA). Vorläufige Terminübersicht hier.

Anna Hoffmann: Babylon Transit (Hybriden-Verlag, 56 Seiten, gebunden, 450 Euro). Ist es chauvinistisch, wenn mir als altem Ministranten bei dieser bibliophilen Kostbarkeit die Gaben in den Sinn kommen, die mit den Heiligen Dreikönigen Richtung Bethlehem schaukelten? Auf 30 Exemplare begrenzt, nummeriert und signiert, mit sechs Zeichnungen von Hartmut Robert Andryczuk als Beigabe, ist das exklusive Kondensat von Text, Gedichten und wunderbaren Polaroids, die Anna Hoffmann ihrer Poetinnen-Reise im Jahr 2023 nach Bagdad und Babylon widmet. Wenn man dieses Buch verschenkt, verneigt man sich dabei.


Francesca Maria Benvenuto (was für ein Name): Dieses Meer, dieses unerbittliche Meer (Verlag Antje Kunstmann, 175 S., 22 Euro, übersetzt von Christine Amman). Ein Fünfzehnjähriger sitzt wegen Mordes im berüchtigten Jugendgefängnis auf der Insel Nisida vor Neapel. Wenn er sein Leben und seine Gedanken zu Papier bringt, bekommt er an Weihnachten vielleicht zwei Tage Ausgang.

Tags :