Geschrieben am 1. Juni 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2024

HP Eggenberger: »Wage es nur!« von Megan Abbott

Gelangweilte Teenager sind gefährlich

Hanspeter Eggenberger lässt sich von Megan Abbott in die Welt der Cheerleader entführen

In den USA ist Megan Abbott als Meisterin des Female Noir seit vielen Jahren eine feste Größe in der Kriminalliteratur. Die 1971 in Detroit geborene, seit vielen Jahren in New York lebende Autorin debütierte 2005 mit „Die a Little“; mit ihrem dritten Roman „Qeenpin“ (2007) räumte sich gleich den Edgar und den Barry Award für das beste Paperback-Original ab. Seither liefert sie regelmäßig Stoff für die Bestsellerlisten. Der bei der Noir-Legende Jim Thompson entlehnte Titel „A Hell of a Woman“ einer von ihr 2007 herausgegebenen Female-Noir-Anthologie steht programmatisch für ihr Werk.

Dass sich der eine oder andere deutschsprachige Verlag nicht längst auf Abbotts Krimis gestürzt haben, wundert mich schon ein bisschen. Von ihrem Dutzend Romanen ist vor dem vergangenen Jahr lediglich „The End of Everything“ (2011) auch auf Deutsch erschienen („Das Ende der Unschuld“, 2012, Kiepenheuer & Witsch). Bis der Deutsche Verlagspreis 22 dem Verleger Frank Nowatzki ermöglichte, die deutschen Rechte an Abbott-Romanen zu erwerben. Megan Abbott ist übrigens die erste Frau im Programm seines auf Noir-Entdeckungen spezialisierten Verlags Pulp Master. Im Januar 2023 erschien der in der Welt des Balletts spielende Thriller „Aus der Balance“ („The Turnout“, 2021) und machte sogleich Furore. In das Milieu der Cheerleader an einer amerikanischen High School entführt Abbott uns nun im zweiten Titel bei Pulp Master „Wage es nur!“ („Dare Me“, 2012); der Roman war die Vorlage für eine zehnteilige TV-Serie unter den gleichen Titeln (bei Netflix zu sehen). Zwei weitere Titel sind bei Pulp Master in Vorbereitung: „Queenpin“ (2007) sowie der aktuellste Roman von Abbott „Beware of the Woman“ (2023; Deutsch: „Hüte dich vor der Frau“.

In „Wage es nur!“ verbindet Megan Abbott virtuos eine dramatische Coming-of-Age-Geschichte und eine dubiose Kriminalgeschichte zu einem düsteren Psychothriller. Schauplatz ist die Sutton Grove High School, das Personal besteht vorwiegend aus den Mädchen der Cheerleader-Truppe. Die sechzehnjährige Adelaide „Addy“ Hanlon ist der „Lieutenant“ von Cheer-Captain Beth Cassidy und die Icherzählerin. Beth, die „wie ein verseuchtes Rotkäppchen“ ständig durch das Leben der anderen schleicht, wie es einmal heißt, weiß alles über alle, und sie setzt das bei Bedarf hemmungslos ein. Sie hat die Truppe im Griff. Bis Colette French als neue Trainerin kommt. Mit dem Hintern wackeln und mit Pompons fuchteln reicht ihr nicht, mit gewagten Stunts soll die Truppe wettkampftauglich werden. Und sie findet, es brauche keinen Captain und setzt Beth ab. Deren Freundin Addy ist fasziniert von Coach Colette, freundet sich mit ihr an. Schon im vergangenen Cheer-Sommercamp hat ihre Loyalität gegenüber Beth gelitten, jetzt bewegt sie sich weiter weg von der langjährigen besten Freundin.

Auch ohne den im Prolog platzierten Hinweis darauf, dass etwas Schreckliches passieren wird, herrscht eine latent bedrohliche Atmosphäre im Kreis der Cheerleader. Im Training werden nicht nur Körper verletzt, sondern auch Gefühle. Eifersucht und Verrat, Manipulation und Intrigen sind an der Tagesordnung. Die jüngsten Mädchen sind teils noch naiv, die älteren im besten Fall zickig, oft aber auch hinterhältig. Und wenn sich Teenager langweilen, kann es gefährlich werden, weiß Coach Colette. Dabei werden sie auch noch von den üblichen Mühen und Unsicherheiten des Aufwachsens geplagt: „Wir wollen Dinge, die wir nicht verstehen. Dinge, die wir nicht einmal benennen können. Tiefe Sehnsucht, als hätten unsere Herzen Schwungfedern.“

Das Interesse der Mädchen weckt auch der kantige Sergeant der Nationalgarde, der an der Schule Nachwuchs rekrutiert. „Sämtliche Mädchen werfen sich ihm an den Hals, aber er blinzelt nicht einmal. Er lächelt, doch sein Lächeln ist kein richtiges Lächeln, sondern das, was man mit dem Mund tut, wenn man weiß, dass alle zuschauen.“ Doch dann ertappen Beth und Addy ihren Coach, verheiratet und junge Mutter, beim Sex mit Sarge Will. Wenig später ist der Nationalgardist tot.

Es ist von einem Suizid die Rede. Doch Beth will Addy einreden, dass Coach Colette ihn erschossen habe. Addy will herausfinden, was wirklich geschehen ist, und das scheint ihr gut zu tun: „Ich habe überhaupt keine Angst, irgendwie treibt mich dasselbe Hochgefühl an wie bei einem Spiel, wie nach zu viel Slim-FX-Fatburner und nichts zu essen außer zuckerfreiem Wackelpudding, damit du die Lücke zwischen deinen Oberschenkeln zurückbekommst. Das Gefühl ist spektakulär.“

Solche Passagen demonstrieren eindrücklich, wie sich Megan Abbott in die Psyche der jungen Frauen einfühlen und die Befindlichkeiten scheinbar locker auf den Punkt bringen kann. Sie ist ganz einfach eine großartige Erzählerin; schon nach wenigen Seiten entwickelt die Geschichte einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Dazu tragen auch ihre plastischen Schilderungen bei. Etwa wenn es um einen älteren Schüler und ein Freshman-Mädchen geht, „die in irgendeiner entlegenen Ecke flüchtige Schmutzigkeiten miteinander anstellen, sein Arm unter ihr Shirt gerammt, ihren babyfetten Mädchenbauch hinauf, ihre Augen aufgerissen von Panik und Aufregung, während sie im Kopf bereits übt, wie sie von diesem Moment erzählen wird, obwohl ihr der Moment schon entgleitet“.

Dass sich dieser ebenso außergewöhnliche wie aufregende Kriminalroman auch auf Deutsch so toll liest, ist der stimmigen Übersetzung von Karen Gerwig zu verdanken. Und natürlich Megan Abbotts prägnanten und anschaulichen Beschreibungen; so etwa über die Umkleide der Cheerleader vor dem großen Auftritt: „Die Luft ist geschwängert von Schmerzgel und Tigerbalsam, von Haarspray und dem süßen Kokosduft gelbbrauner Körpersprays. Man kommt sich vor wie in einem weichen Kokon aus Zucker und Liebe.“

Hanspeter Eggenberger

Megan Abbott: Wage es nur! (Dare Me, 2012). Aus dem Englischen von Karen Gerwig. Pulp Master, Berlin 2024. 342 Seiten, 16 Euro.

– Auf seiner Website krimikritik.com bespricht Hanspeter Eggenberger regelmäßig Kriminalromane.

Siehe auch bei uns: Megan Abbott: Textauszug „Aus der Balance“.

Elegant, gnadenlos – Günther Grosser liest Megan Abbott

Tags : ,