
Terror ist nicht digital
Nachdem ihre Ermittlerin Obalski in „Riot Girl“ den Abgründen der Teenagerwelt in den sozialen Medien entkommen ist, wirft Autorin Susanne Kaiser sie in „Witch Hunt“ erneut undercover in den Sumpf der digitalen Welt.
Ihr Auftrag ist es, die Quelle und die Verursacher von Hasskampagnen zu finden, die sich gegen Deniz Yanar richten, eine bayerische Landtagsabgeordnete mit Migrationshintergrund. Sie ist die perfekte Angriffsfläche für stehengebliebene Trolle im Netz: eine selbstbewusste Frau ohne „biodeutsche“ Gene, die hier der Fortsetzung der klassischen Hexenjagd in den sozialen Medien ausgeliefert ist. Das Denken dieser modernen Kreuzritter gegen weibliche Emanzipation und Unabhängigkeit scheint im Mittelalter stehen geblieben zu sein. In ihrer Welt des Hasses feiern Motive des „Hexenhammers“ aus dem Jahr 1486 ihre Auferstehung, verbunden mit einer Melange aus gekränkter Männlichkeit und irrationalem Frauenhass.
Auf den ersten Seiten macht es Kaiser ihrer Kommissarin und dem Leser nicht einfach.
Mit Obalski und ihrem Undercover-Auftrag möchte man nicht tauschen.
Die Politikerin, die sie vor dem Hass aus dem Netz und realen Anschlägen schützen soll, ist zunächst keine Person, der große Sympathien zufließen. Keine Frau für schnelle Freundschaften.
Zu viel Reibung.
Durch diese Etablierung darf man sich jedoch nicht täuschen lassen. Irgendwann kippt es. Das Interesse an dem Menschen hinter der Politikerin, die es aus schwierigen Verhältnissen in den Bayerischen Landtag geschafft hat, nimmt zu, je mehr sie durch die Online-Angriffe unter Druck gerät.
Schnell wird klar: Ihre Umgebung ist ein Hort voller Intrigen. Mitarbeiter geraten in Verdacht. Ebenso Abgeordnetenkollegen und Konkurrenten. Was haben sie mit den Hasskampagnen gegen Deniz Yanar zu tun?
Wem nutzt es?
Mühsam, gegen zu viele Widerstände, muss sich Obalski aus ihrer Deckung heraus – Mitarbeiterin für Öffentlichkeitsarbeit – in die Szene einarbeiten, Ansatzpunkte suchen, Verdächtigen nachgehen. Allmählich schafft sie es, der privaten Seite ihrer Schutzperson näher zu kommen und in ihr Leben einzudringen. Ihre Haltung zu Deniz Yanar wechselt – damit auch die des Lesers.
Je näher sie den Cybermobbern und -hatern kommt, umso klarer wird, wie der Terror im Netz funktioniert, wie Frauenhass entsteht, was die Auslöser sind und wie die Täter ticken, denken und sich vernetzen. Dabei verlässt sich Obalski nicht allein auf die Hilfe durch die Sondereinheit „Doppel-X“, der sie angehört. Eine wichtige Rolle bei der Jagd nach den Tätern gibt Kaiser den Haecksen. Die queer-feministische Hackergruppe, in der sich die Worte „Hacker“ und „Hexen“ vereinen, existiert tatsächlich, kämpft gegen digitale Gewalt und betreibt eine Antistalking-Seite.
Beim Ein- und Abstieg in den Sumpf der digitalen Medien wird es gezwungenermaßen manchmal etwas technisch, was Spannung kostet. Dennoch verliert Susanne Kaiser nie Protagonisten und Thema aus dem Blick.

Die Figur Obalski (in Rezensionen oft gelobt) ist kein einfacher Mensch, dafür umso mehr eine starke Protagonistin. Eine Zweiflerin, vor allem an sich selbst. Kaiser hat ihr viele Facetten und harte Kanten gegeben, samt einem Kindheits- und Jugendtrauma. Dieses legt sich immer wieder wie ein böser Schatten in der Gestalt der egoistischen und unreifen Mutter über sie. Reicht ihr Alltagsstress nicht? Muss die Mutter aus Berlin in ihre neue Welt, in die sie geflüchtet ist, eindringen? Kann sie dieser Frau nicht entkommen? Nur ein Sidekick. Beim Lesen ist man, ebenso wie sie, von dieser Person genervt. Das hält zwar ein wenig auf, steigert aber die Sympathie für Obalski. Diese Momente mit etwas mehr Ironie zu würzen, wäre wünschenswert.
Zur Dramaturgie gehört auch, dass die einsame Wölfin die Entspannung bei ihrer geliebten Halben im gentrifizierten Glasscherbenviertel Giesing nicht völlig auskosten darf. Den netten Barmann, der ihr gern zuhört und ihr frisch gezapftes Schaumiges rüberschiebt, lässt Kaiser hinter der Bar. Und einsam im Bett weiß ihre Heldin nicht, ob das die richtige Entscheidung ist – oder ihr Leben weiter verkomplizieren würde. Wer weiß. Emotionen, Nähe … nicht einfach auf dieser Heldinnenreise.
Manchmal wirkt Obalskis Undercover-Dasein wie ein Versuch, aus ihrer Wirklichkeit in eine andere zu flüchten. Diese entpuppt sich rasch als noch schlimmere Hölle. Kein Ort zum echten, auch nicht zum falschen Leben. In ihr – befreit vom Vornamen, reduziert auf Obalski – schwelt etwas, das sie äußerst lebendig macht: Suche, Verzweiflung, Hoffnung – und die Angst, von der eigenen Hoffnung betrogen zu werden. Eine Figur voller innerer Spannung, die auch nach den letzten Seiten noch nachwirkt.
Klar ist: Diese großartige, frische, neugierige Ermittlerin muss der deutschen Krimilandschaft erhalten bleiben und weiter undercover ermitteln.
Es gibt viel zu tun. Nicht nur auf der dunklen Seite von Social Media.
Ich bin gespannt, welche neue Aufgabe Susanne Kaiser ihr demnächst übertragen wird.
Roland Keller
PS: Liebe ARD-Redaktionen, das wäre eine Frau für euch. Alles, was die vielen „Tatorte“, die verzweifelt auf der Suche nach Sinn und sich selbst sind, nicht schaffen (oder vergeigen – bei dem Anspruch, ohne Handwerk, Können und Inspiration den Zuschauer mit Kunst zu quälen): Hier wäre eine tolle neue Ermittlerin. Die Frage ist nur: Wie sieht sie nach vierzehn knappen Drehtagen aus – samt den Ambitionen all der Beteiligten, sich virtuelle Denkmäler mit zu kurzem Anlauf auf Kosten der Zuschauer zu schaffen?
Susanne Kaiser: Witch Hunt. Rowohlt/ Wunderlich, Hamburg 2026. Hardcover, 400 Seiten, 24 Euro.












