
Kino-Glücksmomente
François Loebs „Die Straßenbahn, die ins Kino wollte“ ist eine Hymne voller Poesie, Sehnsucht und Melancholie an die Paläste der Illusion und die Wunder des Lichts, mit wunderbaren Ausbrüchen und Ausflügen aus der Wirklichkeit.
Cinemania. Oder in einem Satz: bestes, nein, herrliches Fantasie-Kino zum Lesen.
Nein, ganz trifft das nicht. Es ist ein Buch zum Mitreisen, zum Miterleben, mit dem uns der Schweizer Loeb in eine Welt voller kleiner und großer Wunder führt.
Angesteckt mit dem Kinovirus wurde er bei seinem ersten Besuch 1944 in Lyon als Vierjähriger. Hingeflogen war er, weil er nicht schnell genug zu dem Pain au Chocolat der Großmutter kommen konnte. Mit seinen blutig geschlagenen Knien hört er nicht auf zu weinen. Der Großvater wusste ein Gegenmittel: „Wenn du aufhörst mit deinem Weinen, gehen wir sofort und unmittelbar ins Kino.”
Das Wunderwort kennt der Knirps nur vom Hören, doch es lässt ihn still sein. Statt in einem Filmpalast landen sie im Hinterraum eines Cafés, dessen ratternde Projektoren zusätzlichen Sound liefern. Gezeigt wurde „Das Dschungelbuch”. Mit dieser Erinnerung beginnt dieses wunderbar verrückte Buch voller zahlreicher Episoden über die Kinoleidenschaft, das eigentlich eine Pflichtlektüre für jeden Kinogänger und Cineasten ist.
Der Magie des Kinos und der Unendlichkeit der Leinwände, die alles gesehen haben und uns in ihren Bann ziehen, verfällt auch die Straßenbahn 114 der Linie 4, die sehnsüchtig an dem stattlichen Kino vorbeifährt und eines Tages die Scheinwerfer voll aufdrehen und die Klingel laut erschallen lassen will, um das Haus zu erschüttern, die Besucher mit echtem Horror zu erschrecken. Mehr noch: In ihren Träumen werden die Schienen durch den Filmpalast gelegt, „denn auch Straßenbahnen haben ein Recht auf Diversifikation. Kling, klingling, quietschquiiiietsch, was habe ich auf meine alten Tage für ein Erdenglück!”, ruft die Tram.
Loeb schenkt dem Leser noch viel mehr Glücksmomente, erzählt vom Liebespaar in der Liebesloge und seiner Vertreibung, dem Ziegenhirten, der für seine Ziege im Parkett die Raucherecke sucht und vom Cineasten, der die Abspannung braucht, vom Abspann zu Abspann durch die Kinolandschaft jagt. Und, und, und …
Der Fantasie scheinen keine Grenzen gesetzt. Die Episoden nehmen wie zauberhafte Kurzfilme gefangen, entführen in ein Universum der Fantasie, sind voller Anregungen und Anspielungen, ja Stoff für kleinen und großen Leinwandzauber, an dem sich die Kreativen bedienen sollten, um auf der Leinwand diese Geschichten aufleben zu lassen.
Es ist, als hätte François Loeb seine Gedanken, seine Worte und Sätze in eine Popcorn-Maschine geworfen, die immer wieder neue, verrückte Kapitel über das Kino, seine Besucher und Macher auswirft und daraus ein wahres Wunderhorn über Filmpaläste, ihre Besucher und Betreiber schafft.
Im Epilog beschwört er, vergessen geglaubte Erinnerungen mit Filmen und ihren Theatern weiterzugeben.
Frei nach dem Titel hat Loeb das Buch auch den Straßenbahnen von Bern und Freiburg im Breisgau gewidmet, in der Hoffnung, dass es die Zeit auf den Schienen verkürzt. Besonders unsere Deutsche Bahn sollte ihren Fahrgästen dieses hervorragend illustrierte Büchlein (Annabelle von Sperber) mit seinen 172 Seiten wärmstens empfehlen. Die rund fünfzig kurzen Episoden sind geeignet, jede Verspätung in Mehrwert zu verwandeln – auch weil man beim Lesen plötzlich glaubt, im Kino zu sein.
Roland Keller
François Loeb : Die Strassenbahn, die ins Kino wollte – Ciné Mania. Illustrationen von Annabelle von Sperber, Vorwort von Murielle Rousseau. Neptun Verlag, Bern 2026. 172 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, 28 Euro.
Anm. d. Red.: Unter dem Pseudonym «Bruno A. Nauser» publizierte François Loeb in der Wochenendausgabe der NZZ regelmässig sogenannte Fast-Read-Romane, die dann 1994 als Buch erschienen. Loeb, in Bern geboren und aufgewachsen, war 27 Jahre Unternehmungsleiter in dem von seinem Urgroßvater 1881 gegründeten Traditionskaufhaus LOEB in Bern und vertrat von 1987 bis 1999 als einer von 27 Nationalräten den Berner Wahlkreis im Schweizerischen Nationalrat. Seine Internetseite: www.francois-loeb.com












