
Die Ermittlung des Selbst. Ein Schicksalskrimi.
Gut, ganz stimmt das nicht. Man kann darüber streiten, ob Gianrico Carofiglios „Der Horizont der Nacht“ überhaupt ein Krimi ist. Eher ein Justizroman besonderer Art, in dem die Sinnkrise des Anwalts Guido Guerrieri und seine Therapiesitzungen ebenso wichtig sind wie ein Prozess um Mord und Totschlag. Nicht zufällig ist Carofiglios Protagonist am 6. Juni 1961 geboren – ausgerechnet am Todestag Carl Gustav Jungs, des Begründers der Analytischen Psychologie.
Ein netter Schlenker des Autors, der die Fragen von Schuld, Gerechtigkeit und Sühne in seinem siebten Roman mit dem Anwalt Guerrieri als Hauptfigur mit philosophischer Tiefe zu ergründen versucht. Ständig konfrontiert mit menschlichen Abgründen, schickt er ihn auch auf die schwierige Suche nach Glück. Dieses trifft Guerrieri ebenso unerwartet wie den Leser, der etwas verwirrt zurückbleibt, sich zum Schluss fragt, was er nun wirklich gerade gelesen hat. Einen Justizkrimi, der ihn ganz irgendwo anders hinführt, weit über den konkreten Fall hinaus? Egal. Die letzten Seiten, die den Anwalt nach dem Prozess zunächst voller Zweifel zurücklassen, bringen plötzlich eine so radikale, unerwartete Wende, eine Hoffnung, die laut nachhallt. Ein Geschenk. Mehrwert.
Doch zurück zum Anfang.
Guido Guerrieri erhält einen Anruf seines Freundes Ottavio – zu ungewöhnlicher Stunde. Nicht nachts, wenn dessen Buchhandlung in Bari mit dem schönen Namen Osteria del Caffellatte geöffnet hat, sondern mitten am Tag. Ottavios Freundin Elvira brauche dringend einen Anwalt.
Schnell wird klar, dass das eine Untertreibung ist. Signora Castell hat den ehemaligen Lebensgefährten ihrer Zwillingsschwester erschossen. Für sie trägt er die Schuld am Martyrium ihrer Schwester, das diese schließlich in den Selbstmord trieb.
Der Fall scheint eindeutig. Offen ist nur, ob es Mord, Totschlag oder Notwehr war. Genau das muss Guerrieri herausfinden – nahezu ohne Hilfe seiner Mandantin. Sie behauptet beharrlich, sich an die entscheidenden Sekunden der Tat nicht erinnern zu können. Oder nicht erinnern zu wollen?
Für die Staatsanwaltschaft wirkt der Fall zunächst wie ein Geschenk. Eine Frau hat das Recht selbst in die Hand genommen und sich an einem Mann gerächt, der mehrfach Frauen um ihr Vermögen gebracht und sie zudem schlecht behandelt hat. Nicht nur ein klassischer Heiratsschwindler, auch noch ein besonders mieser.
Große Sympathie weckt das Opfer beim Leser nicht. War er nicht ebenfalls eine Art Mörder? Hätte man ihn nicht längst stoppen müssen? Carofiglio spielt bewusst mit diesen Gedanken. Er lässt hoffen, dass seine Mandantin davonkommt – unabhängig davon, ob juristisch Mord, Totschlag oder Notwehr vorliegt. Die Kunst und das Können des Anwalts müssen sie einfach rettet.
Dabei spricht zunächst alles gegen sie. Sie verabredet sich mit dem Opfer, um ihn aus der Wohnung ihrer Schwester zu verweisen und Wertgegenstände zu sichern. Warum nimmt sie dabei eine Pistole mit? Aus Angst? Aus Vorsicht, wie sie behauptet? Oder doch mit einer anderen Absicht?
Während Guerrieri nach entlastenden Indizien sucht, kämpft er zugleich mit sich selbst. In den Therapiesitzungen versucht er herauszufinden, wer er wirklich ist, wie er zu dem Menschen geworden ist, der er heute ist – und warum er sich selbst oft fremd erscheint.
Alles verwebt sich: der Fall, der Prozess, seine Sinnsuche.
Fast befreiend wirkt der Fund übersehener Glasscherben am Tatort. Die Polizei hatte ihnen keine Bedeutung beigemessen. Bei Elvira lösen sie plötzlich Erinnerungen aus. Das Opfer habe eine Karaffe zerschlagen, um sie mit den scharfkantigen Scherben anzugreifen. Erst dann habe sie geschossen.
Unweigerlich denkt man dabei an Billy Wilders Klassiker „Zeugin der Anklage“. Wird auch hier im letzten Moment eine überraschende Wahrheit auftauchen, die Elvira Castell entlastet? Egal, ob schuldig oder unschuldig.
Doch genau an diesem Punkt beginnen Guerrieris Zweifel. Hat seine Mandantin wirklich in Notwehr gehandelt? Als Anwalt kämpft er selbstverständlich mit aller Kraft für sie. Aber Moral und Recht decken sich selten. Gerade das wird zu seinem eigentlichen Konflikt. Immer wieder erkennt er in den Therapiesitzungen, dass Leben und Liebe sich kaum nach festen Prinzipien ordnen lassen.
Gianrico Carofiglio war lange Jahre Richter und Antimafia-Staatsanwalt in Bari. Das hilft ihm, das italienische Prozesssystem dramaturgisch geschickt einzubinden, um daraus starke Spannungsmomente zu erzeugen.
Wie geht der Prozess aus? Lesen Sie das bitte selbst.
Stattdessen mache ich lieber Lust auf die wunderbare Wende zum Finale, die den Protagonisten wie ein Blitz trifft. Carofiglio spielt diesen Moment nahezu so verblüffend aus wie in „Zeugin der Anklage“. Freilich ganz anders: menschlich, hoffungsvoll, ein wenig wie im Märchen, wenn nach der gefährlichen und beschwerlichen Heldenreise die Belohnung folgt. Gleichermaßen für den Protagonisten und den Leser. Eigentlich muss man das Glück nur zulassen, rufen die letzten Sätze. Vielleicht sind italienische Autoren viel besser darin, uns zu sagen: Verzweifelt nicht an dieser Welt.
Roland Keller
Gianrico Carofiglio: Der Horizont der Nacht (L’orizzonte della notte, 2024). Aus dem Italienischen Verena von Koskull, Folio Verlag, Bozen/ Wien 2026. 268 Seiten, 25 Euro.












