
Alles wird Wut im Böhmerwald
Eine Besprechung von Ralf Höller
Tschechien ist Gastland auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Eine ganze Reihe Autorinnen und Autoren wurde eingeladen, ihr Land Fachbesuchern und Publikum zu präsentieren. Zu ihnen gehört Petra Klabouchová. Da trifft es sich gut, dass erstmals ein Buch von ihr auf Deutsch erschienen ist, im Morio Verlag.
Klabouchová wurde 1980 in Prachatice geboren, einer der wenigen Städte im ebenso bevölkerungsarmen wie waldreichen äußersten Westen Böhmens. Die südliche Hälfte der Region heißt auf Tschechisch Šumava, im Unterschied zum Český les im Norden; beide Teile grenzen an den Bayerischen Wald. Früher wurden alle diese Gebiete deutscherseits unter dem Begriff Böhmerwald subsumiert. Dessen Bewohner kamen lange Zeit recht gut miteinander aus, im Habsburgerreich und, mit Abstrichen, auch noch in der ersten tschechoslowakischen Republik. Bis die Deutschen diese kurz vor dem Zweiten Weltkrieg liquidierten: Das ist die Crux, die Klabouchovás Roman zugrunde liegt.
Dass die tschechische Grenzregion bis heute so leer wirkt, ist der Vertreibung der deutschen Bewohner nach dem Zweiten Weltkrieg geschuldet. Versuche, neue Bewohner aus dem Osten der damaligen Tschechoslowakei an der Westgrenze anzusiedeln, scheiterten am rauen Böhmerwaldklima. Allerdings hatte die Vertreibung auch eine Vorgeschichte. Auf der Münchner Konferenz im Herbst 1938 ließen die Westmächte die Tschechoslowakei im Stich und bereiteten den Boden für deren Zerschlagung. Das heutige Tschechien verkam zum „Protektorat“, einer sechs Jahre währenden Schreckensherrschaft, die vor allem Ressentiments zurückließ. Deutsche Besatzer gerierten sich als Herrenmenschen, wofür sich drangsalierte Tschechen nach Kriegsende revanchierten.
In diesem Klima aus Misstrauen, erlittenem Unrecht und Bedürfnis nach Vergeltung spielt An der Moldauquelle, laut Untertitel ein Kriminalroman. Ein Mädchen wird ermordet, ein Verdächtiger bald ermittelt. Bis die komplette Wahrheit ans Licht kommt, erfährt die Handlung manche Wende. Das alles ist spannend geschrieben, die vielen Volten verlangen einiges an Konzentration ab; doch lohnt sich die Leseanstrengung, nicht nur wegen des schockierenden, mit brutaler Schlüssigkeit sich ergebenden Endes.
Klabouchová baut zahlreiche Akteure ein: die Hinterbliebenen des Opfers, die zugleich auch Täter sind; ein Polizist, der sich auf falsche Fährten locken lässt; ein Arzt, der sich in der Rolle des Verdächtigen zu suhlen scheint; tschechische und deutschstämmige Bewohner, die alte Rechnungen zu begleichen haben, und ein am Ende auftauchender Racheengel, den bis dahin niemand auf dem Schirm hatte.
Es ist nicht immer leicht, den Überblick zu bewahren, auch weil es, wie sonst in Krimis üblich, an einem halbwegs sympathischen Hauptdarsteller fehlt. Dahinter steckt die durchaus hehre Absicht der Autorin, es sich und ihrem Publikum nicht einfach zu machen. Die Leserschaft soll sich mit keiner der Figuren identifizieren und stattdessen Distanz wahren. Eben diese Distanz ist auch notwendig, um die teils drastisch geschilderte Handlung zu verarbeiten.

„An der Moldauquelle“ ist allenfalls pro forma ein Kriminalroman. Dahinter steckt eine Geschichtslektion, höchst unterhaltsam und informativ; konzipiert und gehalten im Wissen, dass Geschichte niemals vorbei ist und auch die Gegenwart prägt. Alles, was im Buch passiert, fußt auf den negativen Erfahrungen während des Krieges und in der Nachkriegszeit. Zwar ist die Romanhandlung fiktiv, doch die Grundlagen sind real. Und solange diese nicht ins Bewusstsein rücken – mit der Ausrede, es sei besser, das Geschehene endlich ruhen zu lassen –, holt die Vergangenheit auch jüngere Generationen immer wieder ein und verdammt deren Angehörige, die Fehler ihrer Vorfahren zu wiederholen.
Klabouchovás Buch als Krimi zu lesen, mag einer uneingeweihten Leserschaft genügen. Doch kann das unversöhnliche Ende niemanden befriedigen. Die beste aller Lösungen wäre aus Sicht der Autorin ein Publikum, dessen Interesse an weiterführender Literatur geweckt worden ist; auch um Antworten auf die Fragen zu finden, die Klabouchová aufgeworfen hat: Wie konnte das Verhältnis zwischen Tschechen und Deutschen (nicht nur) im Böhmerwald so vergiftet werden? Wer trägt Schuld an dieser Entwicklung? Warum haben beide Seiten die längste Zeit kaum Schritte in Richtung einer Versöhnung unternommen? Und was treibt eine Autorin an, ein solches Buch zu schreiben, acht Jahrzehnte nach der Umsiedlung (odsun, so lautet die tschechische Umschreibung der Vertreibung)?
Als „Prameny Vltavy“ – im Original heißt es „Die Quellen der Moldau“, der deutsche Titel lässt weniger Deutungsspielraum – vor fünf Jahren herauskam, meldete sich eine Leserin in einem Onlineforum: „Das Buch hinterlässt bei mir einen einzigen Eindruck: Der Böhmerwald ist ein düsterer, tragischer und armer Ort, an den man wirklich nicht möchte. Was natürlich nicht stimmt. Als ihre Bewohnerin bin ich verärgert.“
Gleiches hätte auch eine Deutschstämmige, ob zur großen Mehrheit der Vertriebenen oder zu den zehn Prozent nach 1946 in der Tschechoslowakei Gebliebenen gehörig, schreiben können. Beide Völker eint, dass sie sich am Leid der Vergangenheit reiben. Birgt diese Gemeinsamkeit vielleicht auch Potenzial, auf dem sich eine positivere Zukunft aufbauen ließe?
Petra Klabouchová: An der Moldauquelle (Prameny Vltavy, 2021). Aus dem Tschechischen von Christina Frankenberg. Morio Verlag, Heidelberg 2026. 352 Seiten, broschiert, 24 Euro.

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Ralf Höller ist ein Schweizer Autor und Journalist. Im August 2026 von ihm im Wagenbach Verlag erschienen: Aus dem Geschichtsbuch gefallen. Informationen dazu hier.
Seine Internetseite: www.loquis.de











