Geschrieben am 1. Juli 2026 von für Crimemag, CrimeMag Juli-August 2026

Joachim Feldmann: Peter Grainger – eine späte Krimi-Karriere

Der unerwartete Erfolg von Detective Sergeant DC Smith

Joachim Feldmann über die spektakuläre späte Karriere des englischen Autors Robert Partridge alias Peter Grainger

Als der Englischlehrer Robert Partridge beschloss, den Schuldienst zu quittieren, hatte er vor, sich von nun an ernsthaft der Literatur zu widmen. Geschrieben hatte er schon immer, doch seine Versuche, etwas zu veröffentlichen, waren weitgehend gescheitert. Das sollte sich auch nach seiner Pensionierung zunächst nicht ändern. Doch dann nahm er die Sache selbst in die Hand. Sein Sohn hatte ihm von der Möglichkeit berichtet, über die Kindle Plattform von Amazon eigene Werke als eBook zu veröffentlichen. Und schon bald verdiente Partridge ein bisschen Geld.

Nachhaltiger kommerzieller Erfolg jedoch, das war dem frisch gebackenen Selbstverleger rasch klar, war nur mit populärer Literatur zu erzielen. Beliebte Genres wie der Liebesroman oder Fantasy kamen jedoch nicht in Frage. Wohl aber Krimis, obwohl sich seine eigenen Kenntnisse auf Fernsehserien wie „Morse“ oder „A Touch of Frost“beschränkten, wie Partridge, der unter dem Pseudonym Peter Grainger schreibt, Jahre später dem „Daily Express“ erzählte. Wichtiger sei ihm allerdings eh die Darstellung realer Polizeiarbeit gewesen, wie sie in einschlägigen Dokumentarprogrammen geschildert wird. Und das merkt man seinen Büchern an.

In „An Accidental Death“ (2013), dem ersten Fall für Detective Sergeant DC Smith, geht es um vordergründig alltägliche Ermittlungen. Ein Jugendlicher, angeblich ein geübter Schwimmer, ist beim Baden in einem Fluss ertrunken Doch Smith hat Zweifel. Wie immer.

Robert Partridge/Peter Grainger © Alice Zoo/ Diogenes

Zunächst erfährt man nicht viel über diesen Ermittler. Er ist Mitte fünfzig, verwitwet und hat genug Dienstjahre auf dem Buckel, um in den Ruhestand zu gehen. Früher einmal bekleidete er einen höheren Dienstgrad, doch der Grund seiner Degradierung wird nur angedeutet. Wahrscheinlich hat es etwas mit einem früheren Fall zu tun, der ihn nervlich an seine Grenzen brachte. Smith hört leidenschaftlich gerne Musik, vor allem Blues, und ist selbst ein ziemlich guter Gitarrist. Pingelig kann er werden, wenn es um die Zubereitung von Kaffee und die englische Sprache geht. Das muss fürs erste genügen.

Wer mehr wissen will, kann die inzwischen auf 17 Bände angewachsene Reihe weiter verfolgen. Und das lohnt sich unbedingt, denn Partridge/Grainger versteht sich auf die Kunst des horizontalen Erzählens. So wundert es nicht, dass sich seine Romane als eBook und Hörbuch bislang millionenfach verkauft haben. Allerdings ohne, dass ihn die sogenannte literarische Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen hätte. Doch das ändert sich nun.  Die ersten DC Smith-Romane liegen seit diesem Jahr gedruckt in einem Großverlag vor. Die Rechte für die deutsche Übersetzung hat sich Diogenes gesichert, „An Accidental Death“ erscheint unter dem Titel „Ein unglücklicher Tod“ am 22. Juli.

Das alles ist kaum zu glauben angesichts der Vielzahl von selbstpublizierenden Autorinnen und Autoren, die, oft aus guten Gründen, nur ein kleines Lesepublikum erreichen. Was Peter Graingers Romane aus der Masse hervorhebt, ist die ausgefeilte Erzähltechnik. Unaufdringliche Perspektivwechsel, prägnante Dialoge und der weitgehende Verzicht auf Erklärungen prägen den Stil dieser klassischen Polizeiromane, in deren Mittelpunkt vor allem die Mühe der gewöhnlichen Ermittlungsarbeit steht. Getreu dem Motto, das einst Ed McBain, der Großmeister des „police procedurals“, seinen Romanen um das 87. Polizeirevier vorangestellt hat: „Die hier geschilderte Stadt existiert nicht. Personal und Schauplätze sind frei erfunden. Nur Arbeit und Untersuchungsmethoden der Polizei sind wirklichkeitsgetreu dargestellt.“

Oder in Peter Graingers eigenen Worten: „3.000 Nummernschilder abzugleichen oder zwanzig Stunden lang die Aufzeichnungen von Überwachungskameras zu sichten, um nichts zu finden, ist Routine und überhaupt nicht glamourös. Und genau das wollte ich darstellen.“ Da ist es um so bemerkenswerter, dass ihm mit seinen Romanen dennoch exzellente realistische Spannungsliteratur gelungen ist.

Peter Grainger: Ein unglücklicher Tod. Ein Fall für DC Smith (An Accidental Death, 2013) Aus dem Englischen von Eva Regul. Diogenes Verlag, Zürich 2026. 270 Seiten, 18 Euro. – Erscheint am 22. Juli 2026.

Die Originalausgaben sind als eBook beim bekannten Online-Händler erhältlich. Oder als Paperback bei Penguin.


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