Geschrieben am 1. September 2025 von für Crimemag, CrimeMag September 2025

Norbert F. Pötzl: Hartmut Palmer »Reich der Lügen«

Ähnlichkeiten „keineswegs zufällig, sondern beabsichtigt“

Hartmut Palmers „Reich der Lügen“, eine Kriminalgeschichte zwischen Fiktion und Wirklichkeit – von Norbert F. Pötzl.

Es klingt wie schlecht erfunden: Ein Referatsleiter im Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) lässt Akten schreddern, da er unangenehme Fragen über die Untätigkeit der Behörde fürchtet, falls die Dokumente in die Öffentlichkeit gelangen. Und man könnte meinen, bei dem Vorgang handle es sich um einen Karnevalsscherz, weil er sich ausgerechnet an einem 11. November ereignet, dem Beginn der närrischen Jahreszeit in der rheinischen Jeckenhochburg.

Aber die „Aktion Konfetti“, wie die Aktenvernichtung in den Medien genannt wurde, fand tatsächlich statt. Am 11. November 2011, wenige Tage nachdem die mordende Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) aufgeflogen war, ließ der BfV-Referatsleiter Rechtsextremismus mit dem behördlichen Decknamen „Lothar Lingen“ Aktenordner über V-Leute vernichten, die dem Inlandsgeheimdienst interne Informationen aus der Thüringer Neonazi-Szene gesteckt hatten. Mit diesem Szenario beginnt der neue Roman des Journalisten Hartmut Palmer, 84, der jahrzehntelang für den „Kölner Stadtanzeiger“, die „Süddeutsche Zeitung“ und den „Spiegel“ über das politische Geschehen in Bonn und Berlin berichtet hat.

Das BfV hatte die Zuträger, die selbst dem rechtsextremen „Thüringer Heimatschutz“ (THS) angehörten, zwischen 1997 und 2003 geführt – just zu jener Zeit, als der NSU in den Untergrund ging und mit seiner rassistisch motivierten Mordserie begann, der bis 2007 zehn Menschen zum Opfer fielen. Trotz der vielen V-Leute im NSU-Umfeld gelang es den Sicherheitsbehörden nie, den 1998 abgetauchten Terroristen Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe auf die Spur zu kommen. Erst nach der Selbstenttarnung des Trios – dem Selbstmord der beiden Männer in einem Wohnmobil in Eisenach und der von ihrer Komplizin abgefackelten Wohnung in Zwickau – konnten die Morde, Banküberfälle und Bombenanschläge dem Neonazi-Netzwerk zugeordnet werden.

„Lothar Lingen“, der im Roman Heinrich Ebert heißt, erkannte, dass die Öffentlichkeit bei Bekanntwerden der V-Mann-Informationen zu Recht die Frage stellen würde, ob der Verfassungsschutz die Morde hätte verhindern können. In einer Vernehmung beim Generalbundesanwalt, von der er wohl annahm, sie bliebe vertraulich, beschrieb „Lothar Lingen“ sein Motiv für die Aktenvernichtung: Er habe „gedacht, wenn der quantitative Aspekt, also die Anzahl unserer Quellen im Bereich des THS und in Thüringen nicht bekannt wird, dass dann die Frage, warum das BfV von nichts gewusst hat, vielleicht gar nicht auftaucht“.

Als Folge der Reißwolf-Affäre musste der sozialdemokratische BfV-Präsident Herbert Fromm 2012 seinen Hut nehmen. Nachfolger wurde „der Mann mit der kleinen, runden Brille“, den Palmer nicht beim Namen nennt, den aber jeder als Hans-Georg Maaßen erkennt, einen „Rechtsaußen aus dem CSU-geführten Bundesinnenministerium“. Der damalige Innenminister Hans-Peter Friedrich setzte zur Aufklärung des Aktenskandals einen Unterabteilungsleiter aus dem eigenen Haus ein – eine Farce, die erwartungsgemäß zu keinem Ergebnis führte. Verbissen wehrte sich das BfV jahrelang gegen Journalistenfragen über das geheim gehaltene Disziplinarverfahren gegen den Aktenschredderer; die „Zeit“ klagte bis zum Bundesverwaltungsgericht, das den Verfassungsschutz im Oktober 2020 schließlich zu einer zumindest teilweisen Auskunft verpflichtete. „Der Mann mit der kleinen, runden Brille“ wurde 2018 als BfV-Präsident abgelöst, wegen allzu offener Sympathien mit der Partei, die im Roman „Allianz für Deutschland“ heißt.

In Hartmut Palmers Roman ist der für Rechtsextremismus zuständige Referatsleiter Ebert selbst einer, der am äußersten rechten Rand des politischen Spektrums steht. Der BfV-Beamte wiederum hat einen Sohn, der sich dem Thüringer Landesvorsitzenden der „Allianz für Deutschland“ als Chef einer Schlägertruppe der Partei andient. „Julius Plück“ heißt der Mann im Roman und ist unschwer als Björn Höcke zu identifizieren. Überhaupt sind „Ähnlichkeiten mit einigen lebenden Personen“, wie der Autor betont, „keineswegs zufällig, sondern beabsichtigt“, auch wenn die meisten Romanfiguren und die Handlung frei erfunden sind.

Palmers Protagonist ist der pensionierte Journalist Kurt Zink, das Alter Ego seines Schöpfers. Wie Palmer ist Zink im uckermärkischen Templin geboren, kam als Kind nach dem Zweiten Weltkrieg nach Bonn und machte als hartnäckiger Rechercheur bei westdeutschen Blättern Karriere. Als Rentner kehrt Zink in seinen Geburtsort zurück, wo er, ohne es zu ahnen und zu wollen, im Herbst 2022 in eine Kriminalgeschichte verwickelt wird, die sich zwischen Fiktion und Wirklichkeit abspielt. Ein ehemaliger Personenschützer des Bundeskriminalamts, der Zink von früher kennt, spricht ihn in einem Café auf dem Templiner Marktplatz an und will ihm offenbar eine Information zuspielen. Doch bevor er dazu kommt, bricht er nach einem Anruf auf seinem Handy überhastet auf und wird wenige Tage später ermordet aufgefunden. Der pensionierte Sicherheitsbeamte war Putschplänen rechtsextremistischer Verschwörer auf die Spur gekommen.

In der Kreisstadt Eberswalde trifft Zink eine junge Frau, die mit dem Sohn von Amadeu Antonio verheiratet ist, jenem gebürtigen Angolaner, der 1990 von einem rechtsradikalen Mob unter den Augen einer untätig zuschauenden Polizei erschlagen wurde. Aus dem Mund der Romanfigur schildert Palmer den alltäglichen Rassismus in der DDR, so dass Gegenwart und Vergangenheit ineinanderfließen. War Eberswalde, fragt sich Zink, schon vor dem Mauerfall eine Hochburg der Rechtsextremen?

Die im Vergleich zur Bundesrepublik wenigen ausländischen Werktätigen in der DDR – zuletzt gerade mal 93.500 – waren ständig Anfeindungen ausgesetzt. Sie mussten in Sammelunterkünften leben, abgeschottet von der einheimischen Bevölkerung; Kontakte waren unerwünscht, in den örtlichen Gaststätten waren sie nicht gern gesehen. Die jungen Menschen aus afrikanischen und asiatischen Ländern sowie aus Kuba waren mit dem falschen Versprechen, sie würden in der DDR eine qualifizierte Ausbildung erhalten, womöglich sogar studieren dürfen, ins Land gelockt, aber dort zu einfachen Arbeiten gezwungen worden. Amadeu Antonio, der unter anderem in Schweden und Portugal mehrere Ausbildungen absolviert hatte, war mit dem Traum in die DDR gekommen, Flugzeugtechnik zu studieren; stattdessen musste er eine Fleischerlehre machen.

Offiziell durfte es in der DDR keine Nazis geben, das Selbstverständnis als „antifaschistischer Staat“ ließ die Benennung des Offenkundigen nicht zu. Hetzjagden auf Ausländer wurden von der Staatssicherheit demzufolge zu unpolitischem „Rowdytum“ erklärt.

Ein Spiegelbild der Verdrängung bot in der frühen Bundesrepublik die Justiz, die Nazi-Verbrecher vor Strafverfolgung auffällig verschonte. Palmers Roman illustriert dies, ohne Namensnennung, am Beispiel des Münsteraner Humangenetikers Otmar von Verschuer, der einer der führenden „Rassenhygieniker“ der NS-Zeit war und bis zu seinem Unfalltod 1969 unbehelligt als Professor an der westfälischen Universität lehrte. Verschuer war Doktorvater des Auschwitz-Arztes Josef Mengele gewesen, der ihm später aus dem Vernichtungslager menschliche Organe und Präparate lieferte.

Der Fall Verschuer blitzt auf, als Kurt Zink Kontakt zu dem Münsteraner Soziologen Andreas Kemper aufnimmt, der in Palmers Roman als „Adam Keller“ figuriert. Der echte Kemper war es, der nachwies, dass Björn Höcke vor der Gründung der AfD unter dem Pseudonym „Landolf Ladig“ in NPD- und anderen rechtsradikalen Blättern ganz bewusst typische Redewendungen und Vokabeln aus der NS-Zeit verwendet hatte. 2017 wollte die damalige AfD-Führung, bevor sich die Partei in Gänze radikalisierte, Höcke aus der Partei ausschließen, doch das Schiedsgericht des thüringischen Landesverbands verhinderte den Rauswurf.

Ein real existierendes rechtsextremistisches Netzwerk namens „Nordbund“, dem vor allem Bundeswehrsoldaten angehörten, inspirierte Palmer zu dem Begriff „Ostbund“. Darin versammeln sich „Reichsbürger“, Impfgegner, Identitäre, Querdenker und Monarchisten, die die Abschaffung der demokratisch verfassten Bundesrepublik im Sinn haben. Die Verschwörer treffen sich regelmäßig in einem thüringischen „Waldschlösschen“, das in Wirklichkeit Waidmannslust heißt und dem Anführer Heinrich XIII. Prinz Reuß gehört. Der Putschplan scheiterte, als im Dezember 2022 bei einer bundesweiten Razzia 25 mutmaßliche Mitglieder der terroristischen Vereinigung festgenommen wurden.

Tatsächlich stattgefunden hat auch das Treffen von Rechtsextremisten im November 2023 in der Potsdamer Villa Adlon, bei dem ein Masterplan zur „Remigration“, der millionenfachen Abschiebung von Menschen mit Migrationsgeschichte, diskutiert wurde. Mit dabei: mehrere AfD-Politiker. Die Enthüllungen der Rechercheplattform „Correctiv“ – im Roman ist ein Freund Kurt Zinks daran beteiligt – lösten Anfang 2024 eine bis dahin einmalige Welle zivilgesellschaftlichen Protests gegen Rechtsextremismus aus. Die „Tageszeitung“ (taz) zählte zwischen Mitte Januar und Ende April mehr als 1800 Kundgebungen mit zusammen rund vier Millionen Demonstranten. Die Empörung über die verfassungswidrigen Ausweisungspläne ebbte jedoch bald wieder ab, und die AfD-Vorsitzende Alice Weidel, die das Potsdamer Treffen zunächst als völlig belanglose Veranstaltung bezeichnet hatte, die nicht der Programmatik der Partei entspreche, machte sich die Potsdamer Parole zu eigen: „Dann heißt es eben Re-mi-gra-tion“, rief sie, in trotzigem Stakkato jede einzelne Silbe betonend, Anfang 2025 bei einem Parteitag aus, der die völkischen Vertreibungsfantasien anschließend ins AfD-Wahlprogramm aufnahm.

Hartmut Palmer versteht es meisterhaft, wahre Ereignisse bruchlos in erfundene Geschichten einzubauen. Dies hat er bereits zwei Mal bewiesen. In seinem Erstling („Verrat am Rhein“, 2022) verband Palmer eine fiktive deutsch-deutsche Agentenstory mit der ernsthaften These, CSU-Chef Franz Josef Strauß habe 1972 den CDU-Vorsitzenden Rainer Barzel erst zum konstruktiven Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) gedrängt und ihn dann ins Messer laufen lassen, indem er sich beim Votum im Bundestag der Stimme enthielt. Barzel persönlich, erzählt Palmer, habe ihm die Ranküne anvertraut, und weil der Autor keinen Beweis dafür hat, verpackte er den Vorwurf in einen Roman. Auch Palmers zweiter Roman („Abkassiert“, 2023) ist eine als Krimi getarnte Enthüllungsgeschichte, diesmal um den Cum-Ex-Skandal und die abwegige Rechtsprechung des Bundesfinanzhofs, der die betrügerischen Steuertricks für legal erklärt und damit erst ermöglicht hatte (rezensiert in CulturMag, Juli 2024)

Zusammen mit befreundeten Polizisten löst Kurt Zinke auch den Mordfall in der Uckermark. Doch zu Ende ist die Geschichte nicht. Wird es der AfD gelingen, die freiheitliche Bundesrepublik in ein „Reich der Lügen“ zu verwandeln, wie der Buchtitel lautet? Zwar glaube er nicht, „dass die Mehrheit der Deutschen noch einmal auf das völkische Geblöke einer Partei hereinfällt“, schreibt der Autor im Nachwort, „aber sicher bin ich mir dessen nicht“.

Hartmut Palmer: Reich der Lügen. Kurt Zink und die Allianz der Wutbürger. Gmeiner-Verlag, Meßkirch 2025, 280 Seiten, 18 Euro.

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