
Sachbücher, besprochen von Joachim Feldmann (JF) und Alf Mayer (AM):
Caroline Fraser: Murderland. Crime and Bloodlust in the Time of Serial Killers
Mittelweg 36: Amtsmenschen
Tim Weiner: Die Mission – Die CIA im 21. Jahrhundert. 9/11, Snowden, Trump und die Folgen
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Diese Geschichte ist noch nicht vorbei
(AM) »Die Jagd nach dem ›Vorher‹-Wissen« überschrieb der schmerzlich vermisste Peter Münder 2009 bei uns seine Besprechung von Tim Weiners Buch »CIA-Die ganze Geschichte«, im Original »A Legacy of Ashes« betitelt. Tim Weiner beschrieb darin die Geschichte der CIA von der Gründung bis nach dem 9. November 2001. Er stützte sich dafür auf 200 Interviews und auf über 50.000 freigegeben (d.h. juristisch erkämpfte) Dokumente. Bis ins Jahr 1993 zurück reicht seine Beschäftigung mit dem US-Geheimdienst, zwei Mal schon brachte ihm das den Pulitzer-Preis ein. Wie es sich für einen guten Journalisten gehört, blieb Tim Weiner dran. Das Ergebnis liegt nun vor: Die Mission – Die CIA im 21. Jahrhundert. 9/11, Snowden, Trump und die Folgen. 608 Seiten, »erzählt in den Worten derjenigen, die dabei waren«, die erste Chronik der CIA im 21. Jahrhundert. Wieder mehr als hundert Interviews, die schmutzige und moralisch fragwürdige US-Geschichte post 9/11 in Nahaufnahmen. »Was tut man, wenn man keine Ahnung hat?“, heißt Kapitel 8, Kapitel 14 fragt: »Wie weit wollen wir gehen?«. Nr. 21 lautet »Gesichtszerfleischende Paviane«, Kapitel 23 »Ringe küssen und Kniescheiben zerschießen«, das letzte dann: »Spionage und Moral«.
Der 11. September 2001 veränderte die CIA grundlegend. Aus einem Geheimdienst, der seine Kernaufgaben nach dem Kalten Krieg so gut wie am Aufgeben war, wurde eine Organisation, die »black sites« und Foltergefängnisse baute und mit Reaper-Drohnen Feinde liquidierte. Minutiös zeichnet das Insider-Buch – Snowden und Assange kann er nicht leiden – unter anderem den Irak-Krieg und seine Lügen sowie den zwanzigjährigen Afghanistan-Einsatz nach. Weiner präsentiert auch zahlreiche Hinweise für aktive russische Wahlkampfhilfe im ersten Wahlkampf von Trump. Motto: Alles, was Hillary Clinton schadet, nutzt – und wenn es mit Hilfe Putins geschieht. Das Buch schloss Weiner ab, als Trump ins Amt kam. Inzwischen ist die CIA demontiert und Trump führt einen Rachefeldzug gegen altgediente Geheimdienstler.
Der Dienst steht unter ‹Friendly Fire›, und zwar direkt aus dem Weißen Haus. Weiner: »Dieses Buch erscheint in einer Zeit großer Gefahr. Zu den größten Herausforderungen für die CIA in der nächsten Zeit wird der Mann im Weißen Haus gehören. Ein autoritärer Führer, der die augenfälligste Gefahr für die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten seit dem Beginn dieses Jahrhunderts darstellt.« Die Gefahr eines folgenschweren Geheimdienstversagens wie bei 9/11 ist »wieder so groß wie zu Beginn des 21. Jahrhunderts«, warnt Tim Weiner. – Eine sehr gute Besprechung des Buchs von Christhard Läpple haben die Gespenster der Freiheit veröffentlicht.
Tim Weiner: Die Mission – Die CIA im 21. Jahrhundert. 9/11, Snowden, Trump und die Folgen (The Mission: The CIA in the 21st Century, 2025). Aus dem Englischen von Sven Dörper, Peter Robert, Barbara Steckhan. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2025. Hardcover, 608 Seiten, 29 Euro.
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Auch die Seelen verwüstet, nicht nur die Umwelt
(JF) Am 3. September 1973 zerstört ein Feuer die Filteranlage einer Bleihütte in Kellogg/Idaho. Eine Reparatur würde sechs Monate dauern. Aber während dieser Zeit die Anlage stillzulegen, wäre angesichts steigender Bleipreise ziemlich kostspielig. Also entscheidet sich die Gulf Resources and Chemical Corporation, der die Anlage seit kurzem gehört, die Produktion fortzusetzen. Die monatlichen Emissionen liegen von da an bei bis zu 160 Tonnen, der Bleigehalt beträgt zwischen 50 und 70 Prozent. Über die Folgen für die in der Umgebung lebenden Familien ist sich das Unternehmen im Klaren. 12.000 Dollar pro Kind, das durch die Luftverschmutzung Entwicklungsschäden erleidet, werden einkalkuliert. Der Gewinn würde noch noch immer um 10 Millionen Dollar betragen.
Murderland heißt das Buch, aus dem diese Geschichte von gewissenloser Profitgier stammt. Es erzählt, so der Untertitel, von „Crime and Bloodlust in the Time of Serial Killers“. Dessen Grundannahme ist ein Zusammenhang zwischen industrieller Luftverschmutzung und vermehrter Gewaltkriminalität. Denn dass Bleivergiftung zu nachhaltigen Hirnschädigungen bei Kindern führt, ist bekannt. Mangelnde Impulskontrolle ist eine der Folgen. Und dass viele der berüchtigtsten Serienmörder im Nordwesten der USA aufwuchsen, wo zahlreiche Schmelzhütten seit Ende des 19 Jahrhunderts die Luft verpesteten, ist, glaubt man Caroline Fraser, kein Zufall. Die unter anderem mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Autorin illustriert ihre These auf suggestive Weise. Man glaubt ihr aufs Wort, wenn sie nahelegt, dass die Verbrechen eines Ted Bundy oder Richard Ramirez („The Night Stalker“) auch mit den Giften zu tun haben, die sie als Kinder einatmeten. Diese Überzeugungskraft ist Ergebnis einer effektiven literarischen Montagetechnik. Industrie- und Kriminalgeschichte werden mit Elementen des populären „Memoir“-Genres angereichert. Der subjektive Blick steht schließlich auch für Authentizität. Lesens- und bedenkenswert ist das allemal. Auch wenn empfindliche Gemüter gut daran tun, über manch grässliches Detail in den Schilderungen hinwegzulesen.
Caroline Fraser: Murderland. Crime and Bloodlust in the Time of Serial Killers. Little, Brown. London 2025. 466 Seiten, 25 Pfund.
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»Gemach, gemach, Herr Mayer!«
(AM) »Es ist leichter, der Ämter würdig zu erscheinen, die man nicht besitzt, als derer, die man bekleidet«, wusste François de La Rouchefoucauld. Der Satz steht als Motto der neuen Ausgabe von Mittelweg 36 voran, der Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Und neben dem titelgebenden Haupttext Amtsmenschen von Astrid Séville und Julian Müller blicken wir einen der 300 Meter langen Flure im Bundesministerium der Finanzen in Berlin entlang. Die Amtsmenschen kommen und gehen, die Amtsflure bleiben. Der gehaltvolle Band ersammelt eine Vielzahl von Perspektiven auf das Thema. Durch die Ausgabe ziehen sich Fotos von Politikern, wenn sie neben ihrem Amt stehen, und etwas ganz Natürliches tun: zum Beispiel Rudern, Olaf Scholz auf Seite 141.
Die Trennung von Amt und Person ist einer der wichtigsten Grundsätze moderner Staatlichkeit – und zugleich ein unauflösliches Paradox. Während die Kompetenzen und Befugnisse eines Amtes unabhängig von dessen Inhabern und Inhaberinnen sind, bedarf es zur Ausübung stets konkreter Personen. Dieses Paradox, das ebenso wie der Amtsbegriffs selbst lange Zeit in den Sozialwissenschaften unbeachtet blieb, wird in diesem Heft thematisiert und probeweise zur Erschließung verschiedener Gegenwartsphänomene genutzt. Im Mittelpunkt stehen dabei Diejenigen, die Ämter tagtäglich mit Leben erfüllen und Institutionen ein Gesicht geben – die Amtsmenschen.
Ich selbst war in meinem Arbeitsleben ein paar Jahre Amtsleiter, Direktor einer mittleren übergeordneten Landesbehörde, im Gastland Hessen angesiedelt, aber von allen 16 Bundesländern konstituiert. Es war die Filmbewertungsstelle Wiesbaden (FBW) mit den Prädikaten »wertvoll« und »besonders wertvoll«, das älteste und erste Filmförderungsinstitut der Bundesrepublik. Es war der föderale Wahnsinn. Sie wird nach 59 Jahren nun zum Jahresende geschlossen, weil »die Länder« sich nicht auf einen gemeinsamen Zahlbetrag von weniger als 10.000 Euro je Bundesland einigen können. Der für mich zuständige Ministerialdirigent im Kultusministerium hatte zwei Lieblingssätze: »Gemach, gemach, Herr Mayer!« und »Um Himmels willen nichts schriftlich!« Sein Obermotz-Vorgesetzter erklärte mir einmal, sie, die Amtsmenschen seien doch diejenigen, die den Staat zusammenhalten. Die Politiker würden kommen und gehen. »Ohne uns wäre das reine Chaos.« Ich, für meinen Teil, erlebte oft genug »Wallenstein« von Friedrich Schiller: »Ich hab’ hier bloß ein Amt und keine Meinung.«
Das Heft führt zu Maria Theresia, zum Papst, zur lustigen Amtsperson in Karneval und Medien-Ironie, zur Verwaltungsbedürftigkeit der Gesellschaft, zu Amtsmenschen als Zielscheibe von Anfeindungen und Gewalt, den alltäglichen Fällen von Gewalt gegen Einsatzkräfte und Behörden-Mitarbeitern. Die Beiträge stammen von von Astrid Séville, Julian Müller, Barbara Stollberg-Rilinger, Marc-Aeilko Aris, Friedrich Wilhelm Graf, Berthold Vogel, Peter Imbusch, Joris Steg, Christian Kirchmeier, Tobias Lappy, Christoph Möllers.
Das obligate, immer überraschend informative Ressort »Ortstermin« hat dieses Mal ungewöhnliche zehn Seiten Platz. Leon Wansleben führt ins Stadthaus Köln, Willy-Brandt-Platz 2–3.
Mittelweg 36: Amtsmenschen. Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung. 34. Jahrgang, Heft 3-4, Juni/ Juli 2025. 172 Seiten, 24 Euro. (Jahresabo 60 Euro, Miniabo 28 Euro.)












