Geschrieben am 1. Juni 2025 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2025

nonfiction, kurz – Sachbücher Juni 2025

Sachbücher, kurz besprochen von Alf Mayer (AM):

Rachel McCarthy James: Whack Job: A History of Axe Murder
Christoph Kreutzmüller, Bjoern Weigel: Berlin im Nationalsozialismus. Abriss einer Stadtgeschichte.
Ware, Dawes, Pariyar, Cree: England’s military heartland: Preparing for war on Salisbury Plain

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Geschichte, anschaulich gemacht

(AM) Diese Stadt war der Planungsort aller Menschheitsverbrechen des Nationalsozialismus: Terror gegen die eigene Bevölkerung, Zweiter Weltkrieg, Shoah und Porajmos sowie ein umfassend rassistisch-politischer Massenmord in Europa und Nordafrika, schreiben Christoph Kreutzmüller und Bjoern Weigel in ihrem Stadtführer der besonderen Art, in Berlin im Nationalsozialismus. Abriss einer Stadtgeschichte. Sie führen in fünfzehn Kapiteln durch den nach Auschwitz meistgenannten deutschen Ort und umreißen dabei zwölf Jahre und vier Monate Nazi-Herrschaft, wollen keine abstrakte Abhandlung bieten, sondern konkrete Anschauung – die menschliche Dimension, die städtische, die alltägliche. Geschichte vor Ort, Geschichte am Ort.

Dafür suchen sie sich öffentliche, halböffentliche und private Orte. Und das funktioniert erstaunlich gut. Das Kapitel »Am Schreibtisch« analysiert die Verwaltung Berlins, zeigt die Nationalsozialisten an den Schaltstellen des Staates. »Auf der Straße« geht es um Kampf, Kontrolle, Kommunikation, »Zu Hause« um das Wohnen in Berlin, »Am Reißbrett« um die Größenwahns-Pläne für die Reichshauptstadt, »An der Werkbank« um Arbeitsumstände, „An der Theke“ um die Gurgel Berlins, ¬Im Bett“ um ”Zucht« und «Unzucht“. Polizei und Wehrmacht im Kapitel »Am Drücker« sind das nicht nur in Berlin, hier folgen die Autoren auch den Polizei- und Wehrmachtseinheiten zu ihren Mordeinsätzen hinter der Front. Und aus Berlin wurde auch an die »Zwangsorte« verschickt. Ende der NS-Herrschaft dann buchstäblich »Im Keller«. Ausgangspunkt eines jeden Kapitels ist ein Foto oder ein fotografiertes Objekt, immer geht es um das Sichtbare und das Verborgene. Geschichte anschaulich machen ist die Mission dieses Buches.

Die Autoren sind ausgewiesene Kenner der Materie und Praktiker der Erinnerungskultur. Ihr Buch ist beispielhaft.

Christoph Kreutzmüller, Bjoern Weigel: Berlin im Nationalsozialismus. Abriss einer Stadtgeschichte. BeBra Verlag, Berlin 2025. Gebunden, 336 Seiten, 67 Abbildungen, 28 Euro.

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Militärischer Fußabdruck

(AM) Jetzt, wo der Krieg in Europa wieder in unsere Mitte kommt, kann diese Zehn-Jahres-Studie als beispielhaft gelten. England’s military heartland: Preparing for war on Salisbury Plain umkreist und untersucht über einen längeren Zeitraum, welchen Impact Großbritanniens größter Truppenübungsplatz auf Natur, Ökonomie und Gesellschaft hat, versammelt für diesen »military footprint« soziologische und ökologische Feldstudien, Interviews, Porträts und Recherche. »The military in our midst«, das Militär in unserer Mitte, lautete der Arbeitstitel des Projekts, dessen Ergebnisse nun in der Manchester University Press erschienen sind. Alice Cree, eine der Autorinnen,  gab 2023 den Sammelband »Creative Methods in Military Studies« heraus, und kreativ ist auch, was hier über Kosten und Konsequenzen militärischer Präsenz ermittelt wird.

1897 akquirierte die britische Armee in Britanniens »only Steppe« Manövergrund für Kavallerie, bald auch Schießbahnen für Artillerie, Panzer und Sniper. Im Kalten Krieg wurden sogar Bäume gepflanzt wie sie in Ostdeutschland vorkommen. Zum Übungsgelände gehören auch die größten »urban training grounds« Englands, in den Übungsdörfern wurde für den Einsatz in der DDR, in West Belfast, Basra und Bagram trainiert. Und natürlich gibt es ganz viel Gelände.

25 x 10 Meilen, so groß wie die Isle of Wight, ist die »Salisbury Plain Training Area«; ihre 38.000 Hektar machen ein Neuntel der Fläche des County of Wiltshire aus. Drei Gebiete von »Outstanding National Beauty« und der Steinzirkel von Stonehenge, ein Weltkulturerbe-Ort, liegen in der Nähe. An dem führt in nur 165 Metern Entfernung die A 303 vorbei, drei Jahrzehnte lang plante man deshalb eine Untertunnelung, die Kosten stiegen auf über zwei Milliarden Pfund, bis die neue Labour-Regierung 2024 die Planung einstellte.

Plain heißt flach oder eben, die nur dünn besiedelte Hochebene im Südwesten Englands war einst Schaf- und Wollzentrum, bis der Niedergang der Textilindustrie Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem Rückgang der Bevölkerungszahl führte. Die Schafweiden wurden der Landwirtschaft und dem Militär überlassen. Wiltshire wurde zu einer der ärmsten Grafschaften Englands. Nur noch die Kathedrale von Salisbury, für Jahrhunderte das höchste Gebäude Englands, zeugt noch vom ehemaligen Wohlstand der Region. Die Stadt war im März 2018 Ort des Novichok-Giftanschlags auf den russischen Ex-Spion Sergei Skripal und dessen Tochter Yulia (siehe dazu die BBC-Miniserie „Der Giftanschlag von Salisbury“, 2021 bei arte im Programm).

Da die weitläufigen Militär-Übungsplätze für die Öffentlichkeit nicht zugänglich sind, können sich dort bedrohte Tier- und Pflanzenarten behaupten. Wir kennen das Greenwashing-Argument, dass die Armee eigentlich ein wunderbarer Naturschützer sei. Das Buch blickt hinter die Kulissen, auch die des militärisch-industriellen Komplexes und der »khaki economy« in Englands »Super-garrison«. – Wann gibt es so etwas über die Truppenübungsplätze von Haltern am See (bis 2015 von der Britischen Rheinarmee genutzt), Grafenwöhr, Baumholder, Hammelburg (drei Ortschaften dafür umgesiedelt), Wildflecken, Dallgow-Döberitz, Baumholder, Todendorf oder Suhl (Traditionsname Rosa Luxemburg)?

Vron Ware, Antonia Lucia Dawes, Mitra Pariyar; Alice Cree: England’s military heartland: Preparing for war on Salisbury Plain. Manchester University Press, Manchester 2025. 272 Seiten, 18,99 GBP.

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Kulturgeschichte – mit Schmackes

(AM) Die Axt im Haus erspart den Zimmermann heißt es. Rachel McCarthy James zeigt uns in ihrer ziemlich wilden, exorbitant vergnüglichen Kulturgeschichte Whack Job: A History of Axe Murder was es mit diesem ehemals alltäglichen Haushaltsgegenstand so auf sich hat. Es ist eine Geschichte von Macht und Gewalt und Klassengesellschaft, zu guter letzt wird daraus gar eine Geschichte weiblicher Selbstermächtigung. Nicht nur Jack Nicholson Wahnsinn in Kubriks »The Shining«, das ganze Spektrum menschlichen Verhaltens spiegelt sich in der Axt,

»Wie ein heißes Messer durch Butter«, noch so ein Satz aus dem Küchenlatein, portioniert James uns 430.000 Jahre Menschheitsgeschichte; wir lernen, dass die Axt seit prähistorischen Zeiten bei uns im Hause ist und ein Instrument der technischen Transformation war – wie das Rad, das Boot, das Telefon. Mit der Axt ließen sich Bäume fällen, Werkzeuge und Waffen schnitzen, Häuser bauen und Möbel, und sie taugte zu Jagd und Kampf. Immer schon war sie auch ein Mordinstrument. Eine Waffe. Seit die Menschen sie in der Hand hielten wurde damit auch getötet.

So wie die Axt über die Jahrtausende der landwirtschaftlichen, architektonischen und sozialen Entwicklung diente, der zivilen Nutzung also, so modifizierte sich auch ihr tödlicher Gebrauch bis hin zu einer heute eher anachronistischen, archaischen Tatwaffe. Opferpriester schwangen sie einst, mächtige Krieger, wilde Berserker, Germanen und Wikinger, Gladiatoren und nicht nur Karl-May-Indianer. Sie war eine brutale, Furcht erregende Kriegswaffe, mächtiger fast als das Schwert. Heinrich VIII. bevorzugte sie als Hinrichtungsinstrument. Der Prozess um die Axtmörderin Lizzie Borden in den 1890ern beförderte den Sensationsjournalismus und gilt als Eckstein der modernen Popkultur. Unvergänglich der Kinderreim »Lizzie Borden took an axe/ And gave her mother forty whacks/ When she saw what she had done/ She gave her father forty one«.

Krimigröße Ed McBain rekonstruierte als Evan Hunter 1984 in »Lizzie« ihren Fall, die Glam-Metal Band »Lizzy« kam im selben Jahr mit ihrer ersten EP heraus, Give ‘Em the Axe. Eins ihrer anderen Stücke heißt »Love You to Pieces«. 1993 erschien Lizzie in einer Episode der »Simpsons«, 1948 inszenierte die Filmmogul-Nichte Agnes de Mille ein Ballett, Richard Behrens entwickelte »Lizzie Borden: Girl Detective« als Krimireihe, es gibt Filme und TV-Serien, seit 2009 auch ein Rock-Musical. Ähnlich ausdauernd ist nur der Mythos vom Kirschbaum, eine der ältesten und bekanntesten Legenden über George Washington. Der erhielt im Alter von sechs Jahren vom Vater eine Axt geschenkt, beschädigte damit den Kirschbaum des Hauses, was den Alten wütend machte. Der junge George aber sagte tapfer: »Ich kann nicht lügen … ich habe ihn mit meiner Axt abgeholzt.« Worauf der alte Washington erklärte, die Ehrlichkeit seines Sohnes sei mehr wert als tausend Bäume.

Eine Axt stand einmal in jeder Hütte. Jeder amerikanische Pionier wusste sie zu führen, weiß die Autorin und sieht darin den bis heute selbstverständlichen Besitzanspruch, den die weißen Siedler gegenüber der amerikanischen Scholle haben, mitbegründet. (Gewaltgeschichte immer inklusive.) Edelleute wie George Washingtons Großvater waren Handarbeit nicht gewohnt, sie legten die Axt in Sklavenhände – ein Schlüssel zu Revolte und Revolution. »Wie die Axt im Walde« weist auf die skrupellose Rodung der Wälder, »Bäume vernichten kann jeder Narr«, meinte dazu der Naturforscher John Muir.

Wie heute das Messer, war die Axt einst Waffe der Wahl im Affekt und bei Gelegenheitsverbrechen. In Kanada oder Oregon kann man heute überall noch das Werfen mit ihr lernen, jüngst in Vancouver kam ich in meinem Viertel an gleich drei solcher »Studios« vorbei. Als Mordinstrument ist sie einschüchternd, steht für Wut und Irrsinn. Als Fallbeil war sie zuletzt bei den Nazis in Gebrauch. Mel Gibson zerhackt als amerikanischer »Patriot« den Mörder seines Sohnes, Daniel Day-Lewis jagt mit ihr als »Letzter Mohikaner« elegant durch die Wälder. Und bei Frank Schätzing macht nicht nur das Cover damit »Helden«.

Rachel McCarthy James: Whack Job: A History of Axe Murder. St. Martin’s Press, New York 2025. 272 Seiten, 28 USD.

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