Geschrieben am 1. April 2024 von für Crimemag, CrimeMag April 2024

nonfiction, kurz – April 2024

Sachbücher, kurz besprochen von Alf Mayer (AM):

Helena Barop: Der große Rausch. Warum Drogen kriminalisiert werden. Eine globale Geschichte vom 19. Jahrhundert bis heute
Amitav Gosh: Smoke and Ashes. Opium’s Hidden Histories
Julian Hans: Kinder der Gewalt. Ein Porträt Russlands in fünf Verbrechen
Schweizerisches Nationalmuseum (Hg.): begehrt. umsorgt. gemartert. Körper im Mittelalter.

Es folgen noch:
Paul Auster/ Spencer Ostrander: Bloodbath Nation
Teodor Cedric: Gärten in Zeiten des Krieges. Reiseberichte aus Europa
Tobias Hauffe: Die Leere im Zentrum der Tat
und mehr

Unaufgeregter Blick auf ein hitziges Thema

(AM) Alle, die in den letzten 30 Jahren eine Krimiserie gesehen haben, kennen das Bild, mit dem in jetzt den USA auf Billboards vor Fentanyl gewarnt wird: die tote rauschgiftsüchtige Frau auf dem Vivisektionstisch in der Gerichtsmedizin. Die Bilder, die wir uns von der Rauschgift-Sucht machen, sind im buchstäblichen Sinne gemacht. Und sie haben Tradition. „Wer Anfang des 19. Jahrhunderts in der westlichen Welt Drogen kaufen wollte, ging in die Apotheke… Wer Anfang des 21. Jahrhunderts in der westlichen Welt Drogen kaufen wollte … musste zu seinem Dealer“, beginnt die Historikerin Helena Barop ihr eminent lesbar geschriebenes Buch Der große Rausch. Warum Drogen kriminalisiert werden.

Auf kompakten 300 Seiten erzählt sie uns tatsächlich Eine globale Geschichte vom 19. Jahrhundert bis heute, so der Untertitel, und schildert, wie es dazu kam, dass Medikamente zu Rauschmitteln, Rauschmittel zu Rauschgift und aus Rauschgift illegale Drogen geworden sind – und das Problem für Gesellschaft und Politik, dem ganzen langen großen „Krieg gegen die Drogen“ zum Trotz, unlösbar. An vielen Beispielen erzählt sie, wie die Angst vor Drogen sich bis heute zuverlässig in politisches Kapital umwandeln ließ und lässt, räumt dabei mit Vorurteilen und Halbwahrheiten auf.

Billboard in den USA

Das Buch ist eine Ausweitung und teilweise Kondensation ihrer monumentalen, mehrfach ausgezeichneten Studie »Mohnblumenkriege. Die globale Drogenpolitik der USA, 1950–1979« (Wallstein, 2021; Dissertationspreis des Verbands der Historiker und Historikerinnen; hier von mir besprochen). Auch dieses Werk war schon erfrischend unaufgeregt, geradezu lakonisch im Sachvortrag; die solide, detailreich unterfütterte Beschreibung einer großen Niederlage. Bei ihrem Versuch, Anbau und Schmuggel von Drogen zu verhindern, verstrickten sich die USA zwischen 1950 und 1979 in ein teures, globales Projekt mit verheerenden Nebenwirkungen und Folgen, den „War on Drugs“. 100.000 Tote pro Jahr fordert immer noch die sogenannte Opioid-Krise jährlich in den USA. Inzwischen wird dort mehr und mehr auch über Druckräume und kontrollierte Legalisierung nachgedacht.

Völlig zu Recht bewirbt der Siedler-Verlag Barops im letzten Oktober erschienenes Buch anlässlich der aktuell vom Deutschen Bundestag beschlossenenen Cannabis-Legalisierung gerade neu. Die könnte nämlich von Helena Barop selbst stammen, aus ihrer großen und globalen Studie der Drogenverbots-Politik fundiert. Sie findet: „Wenn also unter den heutigen Bedingungen eine Regierung darüber nachdenkt, in der Drogenpolitik neue Wege zu gehen, muss sie nicht besonders mutig sein: Sie kann sich auf eine Reihe von Erfahrungen stützen, die zeigen, dass ein Ende der Prohibitionspolitik vielen Menschen helfen kann, ohne die bestehende Ordnung einer Gesellschaft zu gefährden.“

Helena Barop: Der große Rausch. Warum Drogen kriminalisiert werden. Eine globale Geschichte vom 19. Jahrhundert bis heute. Siedler Verlag, München 2023. Hardcover, 304 Seiten, 26 Euro.

Das Regime der Untoten

(AM) Die Art, wie jetzt im März 2024 die Terrorverdächtigen des jüngsten IS-Terroranschlags in der Moskauer »Crocus City Hall« im russischen Staatsfernsehen vorgeführt wurden – einer mit abgeschnittenem Ohr, der andere ohnmächtig und halbnackt im Krankenstuhl, sie alle mit geschwollen Augen und Gesichtern, deutliche Folterspuren von der Vernehmung, beim Gang ins Gericht niedergedrückt wie Vieh – hätte in jedem anderen Land der Welt einen Aufschrei zur Folge. Hier sieht man es, und ist resigniert fassungslos. Der »lupenreine Demokrat Putin«, so Gerhard Schröder 2004 und immer noch sein Freund, hat keinerlei Hemmungen mehr, der Welt vorzuführen/ vorführen zu lassen, wie nackt und pervers die Gewaltverhältnisse in Russland unter seiner blutigen Hand geworden sind.

Woher kommt die ungeheure Brutalität, mit der die russischen Soldaten in der Ukraine morden, plündern und vergewaltigen? Warum wehren sich so wenige Russen gegen den Krieg? Warum gibt es so wenig Mitgefühl? Warum fehlt es an scheinbar jeder Wertschätzung für das Leben – das Leben anderer, aber auch das eigene? Julian Hans, langjähriger Moskau-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, versucht in Kinder der Gewalt. Ein Porträt Russlands in fünf Verbrechen anhand von fünf spektakulären Verbrechen sichtbar zu machen, wie Gewalt und Erniedrigung sich über Generationen in das Leben der Menschen gefressen haben. Für ihn ist klar: »Auch wenn Putin irgendwann nicht mehr im Kreml sitzt – die russische Gesellschaft tritt nicht ab.«

Also versucht er zu verstehen, wie die diese Gesellschaft tickt. Fünf Kriminalfälle (die in Russland große Wellen schlugen, bei uns aber unbeachtet blieben) nimmt er als sozusagen seismographische Bohrstellen ins Amalgam von Angst, Gewalt und Lüge, das die postsowjetische Welt zusammenhält und zusammenschweißt: Eine brutale Bande terrorisiert eine Kleinstadt, jugendliche Polizistenmörder werden zu Volkshelden, drei Schwestern töten ihren tyrannischen Vater, ein Enkel klagt die Henker seines Urgroßvaters an, ein Folteropfer überwindet den Hass. Julian Hans, der vor 30 Jahren als Zivildienstleistender zum ersten Mal nach Russland kam und dann in Moskau studierte, beobachtet das Land und seine Menschen mit Empathie und, ja, sogar mit Hoffnung. So heißt denn auch sein letztes Kapitel.  Er, der in seinem Reportagebuch in die finstersten Winkel steigt, hält die Gewaltgesellschaft für überwindbar. »Alle in Putins engerem Führungszirkel« sind für ihn »Repräsentanten einer untergegangenen Welt. Ein Regime der Untoten versucht die Zeit anzuhalten.« Ein aufregendes Buch. Respekt.

Julian Hans: Kinder der Gewalt. Ein Porträt Russlands in fünf Verbrechen. C.H. Beck Verlag, München 2024. Klappenbroschur, 253 Seiten, 9 Abbildungen, 18 Euro.

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Körperbilder, prägend

(AM) Der Körper ist heilig im Mittelalter, er ist eine Schöpfung Gottes. In ihn wird die unsterbliche Seele des Menschen hineingeboren. Er gilt aber auch als Wohnort der Sünde und der Begierden. Der Körper wird verehrt und glorifiziert, wegen seiner Sündhaftigkeit aber auch geschlagen, gegeißelt und gepeinigt. Der nackte Leib symbolisiert das Leben im Paradies, gefährdet aber gleichzeitig wegen der sexuellen Lust alle Ordnung der Welt. Der mittelalterliche Körper ist ein Kosmos. Er ist viel mehr als eine Hülle. In ihm spiegeln sich alle Lebenslagen, Lebensformen und Stände, alle Religion und Kultur. So fassen die beiden prägnanten Vorworte die Ausstellung im Schweizerischen Nationalmuseum, Landesmuseum Zürich, die Ausstellung begehrt. umsorgt. gemartert. Körper im Mittelalter zusammen.

Der Körper wird, so der Mediävist Jacques Le Goff, »glorifiziert und unterdrückt – gepriesen und gedemütigt«. Die von Christine Keller kuratierte Ausstellung widmet sich mit kultur- und kunsthistorischem Blick der vielfältigen Geschichte des Körpers im Mittelalter: »nackte, begehrte, ideale, kranke, andere, leidende und tote Körper im Spannungsfeld zwischen Geburt und Tod«, dies im christlich geprägten Europa vom 9. bis ins frühe 16. Jahrhundert. Von den Könnern des Zürcher Verlags Scheidegger & Spiess gekonnt gestaltet, entblättert sich im Katalog eine Kulturgeschichte, die noch in meiner Allgäuer Kindheit als Ministrant über all bildmächtig präsent war.

Heiligenbildchen, Votivtafeln und »Kreuzwege«, heftige Foltergemälde, verzücktes Leiden für den Herrgott, Wollust und Sünde, androgyne Superkörper. Acht Essays widmen sich Unbekanntem und Überraschendem: vom androgynen Superkörper Jesu Christi über Auffassungen von Sexualität bis zur frühen Heilkunde oder zur Bedeutung des Sports. Das breite Spektrum an Objekten und Werken aus dem frühen bis späten Mittelalter umfasst Gemälde und Skulpturen mit Ideal- und Gewaltdarstellungen, erotische Druckgrafiken und Bildteppiche, aber auch kosmetische Artikel oder Reliquien. Mein Freund WEW würde sich am Kapitel »Wundergeburten und Wundervölker« freuen, er fotografiert Hunderte von Monstern und Missgeburten an Kirchenfassaden. Eine super-interessante Bibliografie rundet das bildreiche Werk.

Schweizerisches Nationalmuseum (Hg.): begehrt. umsorgt. gemartert. Körper im Mittelalter. Ausstellungskatalog, Format 20 x 27 cm. Redaktion Christine Keller. Scheidegger & Spiess, Zü4.rich 2024. Broschiert, 160 Seiten, 110 farbige und 4 s/w-Abbildungen, 39 CHF. – Ausstellung im Schweizerischen Nationalmuseum, Landesmuseum Zürich, 15.3. – 14.7.2024.

Den Horizont erweiternd

(AM) Über die Meere zu schreiben sei etwas ganz anderes als übers Land, bemerkt Amitav Gosh eingangs in seinem aktuellen Buch Smoke and Ashes. Opium’s Hidden Histories. Der Horizont sei weiter und die Begrenzung fehle, die es einem Romanautor erlaube, an einem spezifischen Ort heimisch zu werden. Notwendiger Weise schweife man mehr. Gosh hat aus dieser Offenheit eine Tugend gemacht und große Romane geschrieben. Neben Salman Rushdie und Kiran Nagarkar (»Krishnas Schatten«, »Gottes kleiner Krieger«) ist er einer jener zeitgenössischen Erzähler Indiens, die für ein Weltpublikum die west-östliche Kolonialgeschichte aus anderen Perspektiven erzählen.

Zwischen 2008 und 2012 (in den Übersetzungen etwas verzögert) entstand so seine große Ibis-Trilogie mit »Das mohnrote Meer«, »Der rauchblaue Fluss« und »Die Flut des Feuers«. Hintergrund der drei Romane, übrigens auch als maritim-Lektüren veritabel, ist der Erste Opium-Krieg zwischen Großbritannien und dem Kaiserreich China, ihr Angelpunkt die darin exemplifizierte Tatsache, dass die Finanzkraft des britischen Kolonialreichs wesentlich vom Opiumhandel mit China abhing und dass dafür rücksichtslos Millionen von Menschen in China und Indien in die Opiumsucht getrieben wurden. Gosh benennt das auch als Quelle jener Probleme, an denen Indien bis heute leidet: Kasten- und Klassendiskriminierung, feudalistische Mentalität, postkoloniale Frustration, soziale Blindheit.

»Smoke and Ashes« – teils memoir, Reisebericht, Archivrecherche, Werkreflexion – rundet für Gosh den eigenen Horizont und ist eine so noch nicht gesehene Kulturgeschichte des Opiums mit einem neuen Blick auf China und dessen subkutaner, geschichtsträchtiger Verbindung mit dem Westen. Erst für »Das mohnrote Meer« befasste sich der West-Bengale (also eigentlich China nahe) Gosh näher mit dem großen Nachbarn und dessen blutreicher Kolonialisierungsgeschichte. Als Inder wie als Westler sieht er unseren eingeübten Blick auf China durch die Verhärtungen der aktuellen Weltlage immer mehr verfinstert und verdeckt. Indem er der Botanik- und Finanzgeschichte des Opiums nachgeht, dem Geldstrom folgt und den Transformationseffekten, die der Opiumhandel bewirkte, legt er das verbindende Wurzelwerk und so manchen Mythos des Kapitalismus frei. Lesenswert.

Amitav Gosh: Smoke and Ashes. Opium’s Hidden Histories. John Murray/ Hachette UK, London 2024. 400 Seiten, GBP 16.99.

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