Geschrieben am 1. Juni 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2024

non fiction, kurz – Sachbücher Juni 2024

Sachbücher, besprochen von Alf Mayer (AM):

Ulrich Faure, Peter Graf (Hg.): Exil! Literarische Wortmeldungen 1933-1945. 3 Bände
Martha Gellhorn: Die großen Reportagen. 2 Bände
Ron Leshem: Feuer. Israel und der 7.Oktober
Michael Mann: Über Kriege
Bernard Marck: Women Aviators. From Amelia Earhart to Sally Ride, Making History in Air and Space 

Bestandsaufnahme in Flammenschrift

(AM) Beklemmend, dabei ruhig im Ton, kritisch, empathisch, faktenreich und informiert, für die Demokratie engagiert, so schreibt Ron Leshem über Israel und der 7. Oktober. Er hat sein Buch Feuer genannt. Es lässt nicht unversehrt. Der in Israel geborene Schriftsteller und Journalist lebt seit zehn Jahren in Boston. Er hatte Verwandte im Kibbuz Be’eri – am 7. Oktober 2023 einer der Schauplätze von Entführung, Zerstörung, Folter und Mord beim Terrorüberfall der Hamas. Ein Cousin wurde als Geisel genommen, später hingerichtet.

Für Ron Leshem ist der 7 .Oktober der »am besten dokumentierte Massenmord der Geschichte«. Dessen mediale Verbreitung, die Kombination von Technologie und Bewusstseinsmanipulation, sei ein Sieg der Hamas, betont er. Leshems Sorge: »Die für die Kamera bestimmten Taten stacheln die Barbarisierung und Bestialisierung nur noch weiter an.« Er fürchtet, dass der Überfall der Hamas in den nächsten Jahrzehnten anderen Terrororganisationen, auch auf anderen Kontinenten, als Inspiration dienen wird. »Das ultimative Grauen, das sich verbreiten lässt, indem man Menschen in ihrem privaten Zuhause angreift, das Grauen von Eltern, die ihre Kinder nicht schützen können, wird Terrororganisationen und Einzeltäter auf den Plan rufen.«

Der frühere Geheimdienstler Leshem setzt dem eine Verteidigung der Freiheit und eine nüchterne, unerschrockene Bestandsaufnahme entgegen. Im 7. Oktober sieht er einen Schlüssel zum Verständnis dessen, was er die »mentale Zerrüttung der ganzen Region« nennt. Seine komplexe – und dabei immer anschauliche und gut lesbare – Geschichtsaufarbeitung geht bis zur Staatsgründung Israels zurück, arbeitet Wendepunkte heraus, an denen sich das Verhältnis Israels und der Palästinenser verändert hat. Beispiele sind ihm etwa das Massaker von Hebron 1929 oder die palästinensischen Terrorattentate nach der Ermordung Yitzhak Rabins 1995. Schonungslos und kritisch stellt Leshem auch die Verfassung dar, in der sich das Land am Vorabend des 7. Oktober befunden hat. Er, dem sein Land unter Nethanjahu fremd geworden war, zitiert Albert Camus: »Ich möchte mein Land lieben können, ohne aufzuhören, die Gerechtigkeit zu lieben… Indem ich die Gerechtigeit am Leben erhalte, möchte ich mein Land am Leben erhalten.«

Ron Leshem: Feuer. Israel und der 7.Oktober. Aus dem Hebräischen von Ulrike Harnisch, Markus Lemke Ralf Dittrich. Rowohlt Berlin, Berlin 2024. 312 Seiten, 25 Euro.

Die meisten sind irrational

(AM) Eine Schusswaffe hat der an der Universität von Kalifornien in Los Angeles (UCLA) lehrende Soziologie-Professor Michael Mann noch nie besessen. Wie auch die Anthropologen sei er einfach davon fasziniert, fremde Lebenswelten zu verstehen. Die Rolle militärischer Macht in der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft hatte er in seinen Büchern »immer wieder betont, aber ihren Hauptmechanismus, den Krieg nie systematisch untersucht«. Corona und der Lockdown gaben ihm dann Gelegenheit zu diesem Forschungsprojekt. Über Krieg ist ein 718 Seiten starkes Werk geworden.

Nach der von Bruno Cabanes herausgegebenen Geschichte des Krieges. Vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart mit 903 Seiten aus dem Jahr 2020 – exklusiver Textauszug und Besprechung bei uns hier – legt die Hamburger Edition, der Verlag des Hamburger Instituts für Sozialforschung, nun erneut einen Eckstein der Kriegsforschung vor. Das ist äußerst verdienstvoll.

Michael Mann benennt offen, dass sein Projekt auf englisch- und französischsprachiger Lektüre hauptsächlich aus umfangreicher Internetrecherche, Zugang zu Zeitschriften und Büchern eingeschlossen, und auf Wikipedia beruht. So dezidiert habe ich das noch selten benannt gesehen. Den Forscher interessiert, warum werden Kriege geführt? Was ist ausschlaggebend für die Entscheidung zum Krieg? Mann erzählt dazu die Geschichte des Krieges vom alten Rom bis zum Überfall auf die Ukraine, vom kaiserlichen China bis zu den jüngsten Auseinandersetzungen im Nahen Osten, von Japan und Europa bis zur postkolonialen Geschichte Lateinamerikas und zu den Kriegen der Vereinigten Staaten von Amerika. Deren kommenden Niedergang als Weltmacht hatte er übrigens bereits 2003 konstatiert: in seiner Studie »Die ohnmächtige Supermacht. Warum die USA die Welt nicht regieren können«.

Mann arbeitet die Muster heraus, die einem Kriegsbeginn zu Grunde liegen (Aggression, Verteidigung oder Provokation) und definiert vier Typen der Aggression. Obwohl die Waffen und Organisation der Kriege sich im Laufe der Zeit enorm gewandelt haben, hat sich der Charakter der Entscheidungsprozesse kaum verändert, findet er. »Fast immer wurde und wird der finale Entschluss von sehr kleinen Gruppen von Machthabern getroffen, manchmal nur von einer Person.« Den Ausschlag geben Charaktere, Emotionen und Ideologien, aber auch Status, Ehre und Ruhm – oder Machterhalt. Die meisten zwischenstaatlichen Kriege, so das Fazit, waren in Bezug auf die Mittel, die Ziele oder sogar beides irrational. Tröstlich: Die meisten Herrscher, die Kriege beginnen, verlieren sie.

Michael Mann: Über Kriege (On Wars, 2023). Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff,  Michael Bischoff , Laura Su Bischoff. Hamburger Edition, Hamburg 2024. 720 Seiten, gebunden, 45 Euro.

Eckstein der Exilliteratur

(AM) Ursprünglich war diese monumentale Kurzprosa-Anthologie – Auswahl und Nachwort von Hans-Albert Walter, dem 2016 verstorbenen Nestor der deutschen Exilforschung – für die Büchergilde Gutenberg geplant. Gedacht eigentlich als Abschluss der von Walter von Mitte der 1980er- bis Ende der 1990er-Jahre dort herausgegebenen »Bibliothek Exilliteratur«, das aber kam nie zustande. 1999 gab es einen letzten Anlauf der Büchergilde für das Projekt, danach war Schweigen. Das Gesamtkonvolut fand sich im Nachlass in Walters Haus auf dem Dachboden.

20 Jahre späterer konnten der Übersetzer Ulrich Faure und der Verleger Peter Graf die Wissenschaftliche Buchgesellschaft (wbg) Darmstadt davon überzeugen, das Projekt zu stemmen. Die dreibändige, 1296 Seiten starke Kassette Exil! Literarische Wortmeldungen aus deutschsprachigen Zeitschriften 1933-1945 erschien 2022. Fand nur eingeschränkt Beachtung. Dann ging der Verlag in die Insolvenz. Jetzt werden die Restbestände günstig an den Markt gegeben. Statt 149 Euro ist der Preis nun auf 39,95 Euro reduziert – wer sich für Exilliteratur interessiert, MUSS hier zuschlagen.

Die Liste der Schriftsteller, die nach 1933 ihre Heimat verlassen mussten, ist lang. Etwa 1.500 flohen ins Ausland. Ihre Schicksale könnten nicht unterschiedlicher sein. Manche gelangten zu Anerkennung und spätem Ruhm, andere wurden vergessen. Den Verfolgten, Außenseitern und Rebellen möchte die Anthologie eine Stimme geben. Unübertroffen in Breite und Vielfalt versammelt sie Erzählungen, Glossen und Reportagen, die in der »Neuen Weltbühne«, dem »Pariser Tageblatt« oder dem New Yorker »Aufbau« erschienen. Viele der Fundstücke aus der Exilpresse werden hier nach langer Zeit zum ersten Mal wieder zugänglich gemacht. Walter wollte »die Vielfalt der Stile und Schreibweisen und die Spannweite der im Exil bewegten literarischen Themen und Stoffe plastisch« machen, wollte die ganze Bandbreite des Erzählens abbilden. Herangezogen wurden Erzählbände und vor allem die literarischen Zeitungen und Zeitschriften des Exils, die für viele emigrierte Autoren so etwas wie ein rettender Strohhalm waren. Diese Blätter erschienen hauptsächlich in Amsterdam, Paris und Moskau, darin versammelt: die ganzen Widersprüchlichkeiten und politischen Facetten des Exils.»Ich habe keine politische Tendenz und Richtung ausgelassen, wie kurios, sperrig oder unzeitgemäß sie immer wirken möge. In der Sammlung sind fast alle Stilrichtungen vertreten, die seit der Jahrhundertwende in der deutschen Literatur wirksam waren«, schreibt Walter in seinem Nachwort.

Ulrich Faure, Peter Graf (Hg.): Exil! Literarische Wortmeldungen aus deutschsprachigen Zeitschriften 1933-1945. 3 Bände. Wgb Verlagsgesellschaft, Darmstadt 2022. 3 Bände im Schuber. Format 14,5 x 21,5 cm, zusammen 1296 Seiten, gebunden. Statt 149 Euro vom Verlag reduziert nun 39,95 Euro.

Beim D-Day dabei – als Frau

(AM) In  der heißen Phase des Zweiten Weltkriegs verfolgte Martha Gellhorn von Italien aus den Vormarsch amerikanischer Truppen und landete im Juni 1944 ihren wohl größten Scoop, als sie sich als Krankenschwester getarnt in Southampton auf einem Rotkreuz-Hospitalschiff verstecken konnte und dann in Omaha Beach den D-Day der Alliierten unter 160 000 Soldaten erlebte – was selbst der Haudegen Hemingway, ihr Mann für ein paar Jahre, nicht geschafft hatte.

Wenn Martha Gellhorn (1908-1998) als Kriegsreporterin in den spanischen Bürgerkrieg, zum D-Day nach Omaha Beach, dann auch in den Vietnam-Krieg zog oder noch als 80-Jährige während der US-Invasion aus Panama und Grenada berichtete, dann tat sie dies mit einer kritischen Perspektive, die vor allem die leidende Bevölkerung im Blick hatte, schrieb Peter Münder bei uns einmal in einem Porträt. Die hysterische Kommunistenjagd während der McCarthy-Ära und die daraus resultierende Zerrissenheit des Landes hielt sie für eine Perversion, die nach ihrer Ansicht kein vernünftiger Mensch einfach im lethargischen Lemming-Modus  tolerieren konnte. Den heutigen psychopathischen Egomanen im Weißen Haus hätte die Kämpferin für liberal-demokratische  Werte schon bei dessen Amtsantritt ohne relativierende Harmonie-Orgien  angegriffen: Denn für »all this objectivity shit« hatte sie nur Verachtung übrig.

Ihre Reportagen auch in Friedenszeiten sind Klassiker des Genres, sie waren erhellend und getrieben von einer moralischen Empörung über die Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten, die von nationalen und Profitinteressen in Kauf genommen wurden. Natürlich waren ihre Urteile nach den Maßstäben des konservativ-bürgerlichen Meinungsjournalismus unausgewogen und ungerecht, und natürlich wusste sie das, sie war eine streitbare Person, die sich einmischte. Jetzt sind zwei Bände von ihr – Die großen Reportagen 1934-1987 – vor einigen Jahren in Klaus Bittermanns edition Tiamat erschienen, im einschlägigen Versandhandel etwa von Zweitausendeins oder Fröhlich & Kaufmann zu einem unschlagbaren Preis erhältlich.

Martha Gellhorn: Die großen Reportagen 1934-1987. Band 1: Der Blick von unten (The View from the Ground). Reportagen aus sechs Jahrzehnten (1934-1959); Band 2: Das Gesicht des Friedens. Reportagen (1960-1987). Edition Tiamat, Berlin 2019/ 2020. Zusammen 860 Seiten, kartoniert, statt 60 Euro jetzt 19,99 Euro.

»We won’t take a backseat!«

(AM) 1991 habe ich für die Deutsche Lufthansa das üppig illustrierte Buch »Himmlisches Kino – Filme vom Fliegen« gemacht, das war vor den Recherchemöglichkeiten des Internets. Was mich damals schon verblüffte war die ziemlich ausgeblendete weibliche Geschichte der Luftfahrt. Sie wurde in der öffentlichen Wahrnehmung von Männern dominiert. Dabei gab es jede Menge rekordträchtiger Pionierinnen und Fliegerinnen – von den Pilotinnen der ersten Flugzeuge bis zu den ersten Frauen im Weltraum fast ein Jahrhundert später. Diese Frauen aus der ganzen Welt stiegen in die Lüfte und erkämpften sich gegen alle Widerstände ihren Weg zur Anerkennung.

Die Revolution, die in der Luftfahrt stattfand, ließ auf vielen Ebenen auch die sich anbahnenden gesellschaftlichen Veränderungen ahnen. Pilotinnen, mit die ersten unter den sogenannten »befreiten Frauen«, waren schon früh und ab den 1920er Jahren durchaus ein Kinostoff, fand ich heraus. Diese Charaktere hatten ihre Entsprechung im wirklichen Leben, dies besonders (aber nicht nur) in Kalifornien, Pilotinnen wir Florence »Pancho« Barnes, Neta Snook, Amelia Earhardt, Gladys Roy, Marian Bowen, Elinor Smith und Bobby Trout gehörten zu den bekannten Fliegerinnen der 20er und 30er Jahre. Schauspielerinnen wie Andre Peyre, Ruth Chatterton (die mit dem eigenen Flugzeug zu den Dreharbeiten flog) oder Jeannie Macpherson, die Drehbuchautorin C.B. DeMilles, waren für ihre Erfolge in der Luft ebenso bekannt wie für ihre Arbeit vor der Kamera. Die erste Frau, die in den Vereinigten Staaten eine Pilotenlizenz erwarb, war die beeindruckende Harriet Quimby. Die Afroamerikanerin Bessie Coleman, in eine bescheidene Baumwollpflücker-Familie hineingeboren, arbeitete als Wäscherin, um ihre Flugstunden zu finanzieren. Sie wurde zur ersten schwarzen Leistungsfliegerin. Die romantische Amelia Earhart war die erste Frau, die den Atlantik überflog, ihr mysteriöses Verschwinden fasziniert bis heute.

Das wunderbar illustrierte, jetzt verbilligt erhältliche Coffee-table-Buch Women Aviators. From Amelia Earhart to Sally Ride, Making History in Air and Space von Bernard Marck bringt diese Pionierinnen zurück. Mir für immer eingebrannt aus den damaligen Recherchen hat sich ein Satz von Katharine Hepburn als Fliegerin im Film CHRISTOPHER STRONG, 1933. Mit lederner Pilotenkappe aufgezogen tritt sie im Overall ans Flugzeug und sagt – stellvertretend für die Hälfte der Menschheit – zum Co-Piloten und zu den Mechanikern den Satz: »We won’t take a backseat!«

Bernard Marck: Women Aviators. From Amelia Earhart to Sally Ride, Making History in Air and Space. English edition. Rizzoli, New York 2009. Format 25 x 32 cm, 240 S. s/w-Abb., Hardcover. Statt 40 Euro jetzt für 14,95 Euro im Handel.

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