Geschrieben am 1. Dezember 2023 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2023, Musikmag

Bob Dylan, fast alles, ganz viel – Musikbuch (2)

Unfassbar musikalisch

Alf Mayer über das monumentale Alchemistenbuch „Mixing up the Medicine“


Das Zeug zu einem Propheten hat er. Feuerschrift kann er. Der Nobel-Preis war nur folgerichtig. Und jetzt gibt es ihn in Bibelform. Um „Mixing up the Medicine“ ins Deutsche und im November 2023 zeitgleich mit der US-Ausgabe auf den Markt zu bringen, war eine kleine Armee von Übersetzerinnen und Übersetzern beschäftigt: Pieke Biermann, Harriet Fricke, Brigitte Jakobeit, Miriam Mandelkow, Dr. Hella Reese, Dr. Ulrike Strerath-Bolz. Auch Heike Gronemeyer als Lektorin muss hier erwähnt werden. Sie alle haben prachtvolle Arbeit geleistet. Auf keiner der 608 süffigsatten Seiten habe ich mir einen sprachschnitzigen Holzspan eingefangen. Dieses folianten-starke Buch über Bob Dylan hat Ewigkeitswert. Dabei ist es noch nicht einmal „Die Bibel“. Nur ein Teil davon. Ein erster. 

Das Buch gibt einen allerersten, geradezu winzigen Einblick in das seit Mai 2022 bezogene Bob-Dylan-Archiv mitten im Arts District von Tulsa, Oklahoma – in Anbetracht von über 6000 Manuskripten, Hunderten von Notitzbüchern, zigtausenden Fotos und zighunderten Stunden an Studio- und Liveaufnahmen und Video- und Filmmaterial. Es handelt sich um eine der weltweit umfangreichsten und wertvollsten Sammlungen zu einem Einzelkünstler, ermöglicht durch den Industriellen George Kaiser. Der Milliardär gehört zu den 50 großzügigsten Philanthropen der USA, der in Tulsa bereits das Woody-Guthrie-Center angesiedelt hat und aus der Stadt den lebenswertesten und kinderfreundlichsten Ort Amerikas machen will. 

Nun also als erster Einblick in die Sammlung ein Blick in die Regale. Ein Kondensat aus über 100.000 Artefakten, darunter 6.000 Dokumente, aus drei Stockwerken Musikgeschichte und einem kreativen Leben sondersgleichen. Eine unfassbare Schatztruhe für Dylan-Liebhaber. Das Konzept für »Mixing up the Medicine« ist ebenso genial wie einfach. Michael Chaiken, der ehemalige Kurator des Dylan-Archivs, und der Autor und Kritiker Robert Polito luden 30 Schriftsteller, Künstler und Musiker dazu ein, »ein Objekt aus dem Bob Dylan-Archiv auszuwählen – ein Blatt mit dem Entwurf eines Songtextes, ein Foto, ein Notizbuch, ein Tonband etc., – das sie begeistert, fasziniert, aufgewühlt oder wachgerüttelt hat, und ihre Gedanken zu Papier zu bringen«.

Meist machen die Beiträge eine Doppelseite im Buch aus, manche sind länger. Ergänzt werden sie – das Buch ist chronologisch aufgebaut und gibt den Aufbau der Eröffnungsausstellung wieder – von reichhaltig und kundig kommentiertem Material der in der jeweiligen Chronologie-Phase entstandenen Alben. Alles in allem ein immer wieder begeisternder Alchemisten-Cocktail. Unfassbar musikalisch gebaut. Und ganz wunderbar gestaltet. Bob Dylan hat über 600 Songs geschrieben. Auf einer Doppelseite gleich vorne im Buch versammeln sich 50 zwischen 1961 und 2023 entstandene Alben – da sind die bei Wikipedia aufgeführten 17 Bootleg-Serien und 22 Box-Sets noch gar nicht dabei. Und wissen Sie, dass die 2019 in Shanghai (und dann in Peking, Miami und Rom) zu sehende Bob Dylan-Gemäldeausstellung 250 Öl-, Acryl- und Wasserfarbenbilder umfasst hat?

Hier der Aufbau des Buches:
1941–1960: Ein geografischer Zufall
1961–1964: A Way of Life
1965–1966: Der Sound der Straße
1967–1973: Everybody’s Song
1974–1978: Der ständige Zustand des Werdens
1979–1987: Surviving in a Ruthless World
1988–2000: So selbstverständlich wie Atmen
2001–2013: Themes, Dreams and Schemes
2014–Heute: Im Hier und Jetzt.

Mark Davidson und Parker Fishel operierten als Herausgeber. Ihr Vorwort beginnen sie mit einem programmatischen Zitat von Bob Dylan aus dem Jahr 2011:

»Wie inzwischen jeder weiß, sind bereits zog Millionen Bücher über mich erschienen, und täglich werden es mehr. Deshalb möchte ich jeden, der mich einmal getroffen, gehört oder gesehen hat, dazu ermutigen, mitzumachen und selbst ein Buch zu schreiben. Man weiß schließlich nie, in wem noch ein tolles Buch steckt.«

»Mixing up the Medicine« zeichnet in noch nie veröffentlichten Fotos und Fundstücken aus Dylans privatem Archiv den Bogen über sein Leben und Werk – von der Kindheit in Hibbing, Minnesota, bis zur Verleihung des Nobelpreises für Literatur und darüber hinaus. »Endless Highway« nennt sich der von Pieke Biermann übersetzte Einführungs-Essay von Sean Wilentz, er spannt die Leinwand auf, deren Breitwandkino wir mit diesem inhaltlich enorm breiten Buch betreten.

»Es geht im Leben nicht darum, sich selbst oder sonst was zu finden. Es geht im Leben darum, sich selbst und Dinge zu erschaffen», sagt der unermüdlich kreative Dylan 2019. Zu den Abbildungen des Essays gehört Dylans Riesengemälde »Endless Highway« aus seiner Serie »The Beaten Path« (2016) und zeigt eine Landstraße, ins Weite führend wie das berühmte Foto »U.S. 285, New Mexico« von Robert Frank, ebenfalls abgebildet. Dazu auch das Schlussbild aus dem Chaplin-Film MODERN TIMES von 1936 und im Text die Reminiszenz: »Ganz am Anfang, noch bevor er seine wahre Stimme gefunden hatte, hat Dylan sein publikum gern mit chaplinesk genannten kleinen Bühneneinlagen geködert. Und er hat Jahrzehnte später, als er alles tramphafte Gebaren längst abgelegt hatte, seine treue Verbundenheit mit Chaplin demonstriert, indem er ein Album Modern Times nannte.«

Solche Bögen tun sich in dem phantastisch reichhaltigen Buch immer wieder auf. Lucy Sante etwa hat für ihren Text »Tägliche Erinnerungen an wichtige Sachen« ein Dylan-Notizbuch aus dem Jahr 1964 ausgesucht und durchforstet. Es gab die Beatles im Fernsehen in diesem Jahr, Muhammad Ali schlug Sonny Liston k.o., in New York war Weltausstellung, die Pop Art kam auf und es war das Jahr von DR. SELTSAM, ODER: WIE ICH LERNTE, DIE BOMBE ZU LIEBEN, von Godards AUSSENSEITERBANDE, von GOLDFINGER und Samuel Fuller DER NACKTE KUSS. »Es war der Moment eines frechen neuen Vertrags zwischen high and low

Michael Ondaatje stellt für seinen Beitrag »Zwei mögliche Lügen und die Wahrheit« Bob Dylans, im Ritz-Carlton New York geschriebenen Textentwurf von »Dark Eyes« einem von Honoré de Balcaz überarbeiteten Text des Romans »Eugénie Grandet« gegenüber und sieht einen »ähnlich rohen Prosastil am Werk«. Peter Carey, immer schon mit an Historie interessierter Neugier ausgestattet, bringt für seine »Ånsichtskarte aus Tulsa« den heutigen, nun von Dylan und Woodie Guthrie geadelten Ort mit den rassistischen Massakern der Vergangenheit in Verbindung, dies mit Hilfe von Dylans Textentwurf zu »Tweedle Dee & Tweedle Dum«. Dieses Blatt ist seitengroß abgebildet. Das Carey-Kapitel umfasst samt der chonologischen Abteilung insgesamt 26 Seiten und hat 46 Abbildungen. Alles sehr luftig und begeisternd gestaltet. Ein Genuss.

Und immer wieder Überraschungen. Sei es die Visitenkarte von Otis Reding (Seite 184), die in Dylans Geldbeutel von 1966 steckte, seien es viele Typo- und Manuskripte, Telegramme, Fanpost, Präsidentenbriefe, Notizzettel. You name it we have it. »All the best you lovely boy« schreibt ihm Paul McCartney am 6 Mai 2009 einen Brief.

»Was ich singen kann, nenne ich einen Song. Was ich nicht singen kann, nenne ich ein Gedicht. Und alles, was ich nicht singen kann, was aber gleichzeitig zu lang ist, um noch als Gedicht zu gelten, nenne ich einen Roman. Allerdings haben meine Romane nicht die übliche Handlung. In ihnen geht es um meine Gefühle zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort.« Das erklärte Dylan einmal Nat Hentoff. Es blieb bei einem einzigen Roman: »Tarantel«, 1965 begonnen, 1971 herausgekommen. Amanda Petrusich widmet sich diesem Solitär. Man könne das Buch »leicht als prätentiös oder unlösbar oder mäandernd abtun und das ist es hier und da durchaus – aber seien wir fair, das gilt auch für James Joyce oder Arthur Rimbaud oder Gertrude Stein«.

Der Flickenteppich aus verschiedensten Ideen und Bildern, darauf vertraut Dylan auch bei seinen Songs, wird sich, so Petrusich, „im Kopf des Betrachters zu etwas Profundem zusammenfügen«.

So ist es auch mit dieser Mixtur. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie im Buch oder fragen Sie Ihre Plattenspielerin, Ihren CD-Player oder Ihre alten Schallplatten.

Alf Mayer

Bob Dylan: Mixing up the Medicine (2023). Unveröffentlichte Fotos und Zeugnisse aus dem Bob Dylan-Archiv von 1941 bis heute. Verfasst und herausgegeben von Mark Davidson und Parker Fishel. Aus dem Englischen von: Pieke Biermann, Harriet Fricke, Brigitte Jakobeit, Miriam Mandelkow, Dr. Hella Reese, Dr. Ulrike Strerath-Bolz. 30 Originalbeiträge, mehr als 1100 Abbildungen von 135 Künstlern. Droemer, München 2023. Hardcover, Format  22,3 x 4,95 x 27,9 cm. 608 Seiten, 98 Euro.

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