Geschrieben am 1. März 2024 von für Crimemag, CrimeMag März 2024

Max Annas »Berlin, Siegesallee« – Zwei Kapitel

Textauszug, vom Autor selbst für uns ausgesucht, aus:

Max Annas: Berlin, Siegesallee. Rowhlt Hundert Augen, Hamburg 2024. 285 Seiten, Hardcover, 22 Euro. – Copyright © 2024 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

Siehe auch die Besprechung von Tobias Gohlis, dem Sprecher der Krimibestenliste, in dieser Ausgabe in den Bloody Chops nebenan – d. Red.

Texte von Max Annas bei uns hier, seine Filmkolumne »On Dangerous Ground: Film, Verbrechen und andere Mittel« bei uns steht bei Folge 17 (über Werner Hochbaums »Razzia in St. Pauli«, 1932).

Kapitel 8.

Zuerst die Äpfel aufschneiden. Ernst viertelte die Früchte, entfernte die Schale, gab dann etwas Zucker und Johan-nisbeerlikör darüber. Die kleine Porzellanschale stellte er schließlich zur Seite.

Vom dunklen Brot hobelte er zwei Scheiben ab, dick, wie der Herr es liebte. dann butterte er sie großzügig, auch das mochte der Maler, und legte die Scheiben auf ein frisches Küchentuch. Den Tilsiter schnitt er in grobe Würfel, nicht zu klein, nicht zu groß, und nicht von dem ganz frischen, dann platzierte er die Käsewürfel auf dem Brot und band das Tuch mit einem Knoten zusammen. Anschließend wusch sich Ernst die Hände, denn den Geruch des Tilsiters konnte er nicht ausstehen.

Vom geräucherten Speck putzte er vorsichtig die Salzspuren ab und nahm dann das große Messer zur Hand. Kurz blickte er sich in der Küche um, obwohl er wusste, dass er allein war, dann setzte er das Messer an und trennte eine dünne Scheibe vorsichtig vom großen Stück. Er rollte sie zusammen und steckte sie sich in den Mund. An den salzigen Geschmack hatte er sich gewöhnen müssen, und ganz im Ernst, er vermisste das Biltong schon. Trockener als der deutsche Speck, man zerkaute das harte Fleisch langsam und zersetzte es Biss für Biss mit dem Speichel, und war das nicht vielleicht der einzige Punkt, an dem er mit dem Herrn übereinstimmte? Der sagte immer, ach, mein Biltong, dabei war es gar nicht seins, sondern ihres, dachte Ernst. Der Speck war schneller zerkaut, aber er hatte sich daran gewöhnt. Schon waren drei weitere Scheiben geschnitten, so dick wie mein kleiner Finger, sagte der Herr immer, und in mundgerechte Stücke zerteilt. Sie fanden ebenfalls Platz im Knoten eines Küchentuchs. Vom süßen Senf nahm er mehrere Löffel voll und füllte sie in das kleine Porzellantässchen.

Die halbe Tafel Schokolade vom Vortag brach Ernst in Stücke und legte sie in eine Porzellanschale wie jene, in der sich schon die zerteilten Äpfel befanden. Schließlich holte er den Tontopf mit den Salzgurken aus dem Schrank und stellte ihn neben die beiden Schüsseln, die Tasse und die beiden verknoteten Tücher. Die Gurken würde er wahrscheinlich wieder unberührt zurücktragen. Wie an den Vortagen auch. Bring sie trotzdem mit, hatte der Herr gesagt.

Zeit für die Hetränke. Er füllte kühles Wasser vom großen in einen kleinen Tonkrug, gab Holunderblütensirup und ein wenig weißen Pfeffer hinzu und verschloss den Krug mit einem Korkstopfen. Eine Gabel für alle Fälle, obwohl sie nicht benutzt werden würde, zwei Servietten, zwei kleine Gläser und den großen Korb, der sich unter dem Tisch befand, stellte er nebeneinander auf. Dann ging er in den Keller.

Solange davon da ist, nur von dem guten von der Ahr. Also trug Ernst die Flasche nach oben, nahm den Korkenzieher zur Hand und entfernte den Korken, ohne ein Geräusch zu machen. Er wusste, dass Rosa, das Dienstmädchen, im ersten Stockwerk zugange war, aber manchmal kam sie doch heimlich und vor allem sehr leise angeschlichen, um nachzusehen, was in der Küche geschah. Also versuchte er, den Ahrwein ganz geräuschlos zu entkorken. Das war nun ein Fall, in dem er auf den Geschmack gekommen war. Es handelte sich aber auch um einen guten Tropfen. Er griff die Flasche am Hals und setzte sie vorsichtig an die Lippen. Ganz langsam ließ er einen Mundvoll laufen, bewegte den Schluck kreisend zwischen Zunge und Wangen und schluckte. Erneut hörte er ins Haus hinein, kein Ton. Dann öffnete er die Hose und füllte vorsichtig auf, was er weggetrunken hatte. Den Kork wieder im Hals, wendete er die Flasche und schütelte sachte.

Kurz darauf verließ er das Haus mit dem fertig gepackten Korb und spazierte in Richtung des Botanischen Gartens.

Kapitel 35.

Erich Schneider stand vor dem Bild, dem unvollendeten, an dem er seit Monaten arbeitete. Der Huf des Pferdes bereitete ihm nach wie vor Sorgen. Das war schon beeindruckend gestaltet, so wie er es sich vorgestellt hatte. Der Kaiser hatte den Gaul im Griff, im Wortsinne, und mit dem Gaul auch den Aufstand. Das war, verbunden mit dem entschlossenen Ausdruck auf dem Gesicht des Monarchen, die zentrale Botschaft des Werkes. Wer immer auch sich gegen den Kaiser und sein Volk erhebt, wird die ganze Kraft der Vergeltung zu spüren bekommen.

Im Grunde genommen war Schneider gar nicht so unzufrieden mit dem Huf. Das Pferd war ihm schon gelungen, das konnte er einfach, Tiere und ihre Umgebung in realistischer Vorstellung zu malen, und hatte durchaus Anerkennung erfahren damit. Nicht zuletzt durch die vielen Verkäufe.

Vielleicht war es zu gut gewesen. Das Gefühl, immer und immer wieder das Gleiche zu produzieren, nur weil er darauf zählen konnte, dass gutbetuchte bürgerliche Kunstliebhaber sich gern seine gekonnten Naturstücke in den Salon hängten. Die Einheit von Tier und Mensch und Land, dazu die Wirkung, die davon ausging, das Wohlbekannte, moderat variiert, erneut und noch einmal zu betrachten, hatte ihn zu einem wohlhabenden Mann gemacht. Nicht aber zu einem zufriedenen.

Und der Huf war ihm im Grunde genommen perfekt geraten. Das war doch der Kern seines Schaffens. Da fehlte er nicht. Aber, und er betrachtete das Detail, während er sich ganz langsam von der Leinwand entfernte, trotzdem war da etwas, das ihn unzufrieden zurückließ.

Es war der richtige Schritt gewesen, ein mutiger natürlich, einer, der ihn hätte ruinieren können, künstlerisch jedenfalls, einen so radikalen Wechsel zu vollziehen, wie er es getan hatte. Er war kein junger Mann mehr gewesen, als er beschlossen hatte, dass es mehr geben musste in diesem Leben als ein sicheres Auskommen, und das hatte er fürwahr gehabt. Die Entscheidung, sich auf eine heroische Malweise zu verlegen, hatten viele zunächst nicht verstanden. Es hatte nicht so lange gedauert, bis er in einer Zeitung als Schlachtenmaler bezeichnet worden war. Zunächst war ihm das verkürzend vorgekommen. Als ob es in seinen Gemälden nur um das Kämpfen ging, um die Schlacht als solche. Aber langsam, nachdem er noch mindestens zweimal in der Presse derart betitelt worden war, hatte er Geschmack gefunden an dem Ruf. Natürlich war es ihm zu tun um das deutsche Heldentum und die unbändige Kraft, die vor allem in der kriegerischen Auseinandersetzung mit den barbarischen Massen in den Kolonien zum Vorschein kam, denn, machen wir uns nichts vor, dachte Schneider, den europäischen Krieg gab es seit 70/71 nicht mehr, als die Deutschen den Franzosen zerschmettert hatten. Doch die Konzentration auf das Martialische hatte ihm letztlich die Aufmerksamkeit des Hofes eingebracht, die er so herbeigesehnt hatte. Seine Reise nach Ostafrika, die erste in die Kolonie überhaupt, und die dort hergestellten oder vorbereiteten Bilder über die Strafaktionen gegen die aufständischen Eingeborenen waren bei Hofe ebenfalls wohlwollend aufgenommen worden.

Die Entschlossenheit des Kampfes um die afrikanischen Besitzungen war in einem Bild besonders schön zum Ausdruck gekommen, das vor einigen Jahren oft erwähnt und schließlich von einem ostelbischen Großgrundbesitzer erworben worden war. Zu Pferd, mit dem Schwert und dem Gewehr wurde dort ein Dorf niedergemacht, in dem sich Aufrührer verborgen hatten. «Man kann das Blut förmlich spritzen sehen», hatte der Käufer anerkennendgesagt, «man kann es sogar riechen.»

Der Ruf, den das Bild ihm beschert hatte, führte dann dazu, dass er, endlich, zum ersten Mal an den Hof geladen wurde. In einer Gruppe nur, mit anderen Malern, denen der Kaiser seine Ideen zur Kunst vortrug. Beim Rundgang durch das Schloss hatte Seine Majestät ihm mehrere Male direkt in die Augen geblickt, ohne ihn freilich anzusprechen.

Die ganze Ernsthaftigkeit ihrer Politik hatte der Kaiser natürlich in Deutsch-Südwest demonstriert, deshalb das Gemälde, das er gerade schuf. Und darum ging es doch in diesem Bild. ein Kollege, ein kleinerGgeist fürwahr, hatte angemerkt, dass erstens der Kaiser nicht direkt in Entscheidungen eingebunden gewesen war, die die Niederschlagung des Aufstands vor Ort betroffen hatten, und dass zweitens der Kaiser nie seinen Fuß gesetzt hatte in Deutsch-Südwest. In gar keine der Kolonien. Schneider hatte den Kollegen scharf zurechtgewiesen. Bismarck, hatte er gesagt, sei zwar in Versailles zugegen gewesen, aber das Arrangement auf dem berühmten Gemälde Anton von Werners sei Ausgeburt dessen Schöpfergeistes gewesen. Schöpfergeist sei schließlich die Wurzel aller Kunst. Deshalb war es auch nicht zu weit hergeholt, den Kaiser hoch zu Ross gegen die Wilden zu schicken. Was ihn störte, Schneider machte nun wieder kleine Schritte auf das Bild zu, war auch nicht der Huf selbst. Es war, das wurde ihm gerade klar, das Verhältnis zwischen dem Huf und der Masse der Eingeborenen, denen bevorstand, von ihm zerquetscht zu werden. Es war diese Gruppe, diese sehr große Gruppe, der noch das Moment des Schreckens abging, das sie durchfuhr. Das Zittern, das der reine Auftritt des großen Kaisers aus Deutschland durch diese Seelen schickte, hatte er noch nicht perfekt eingefangen. Daran musste er noch arbeiten.

Dass er mit seinen Mitteln dazu beitrug, Deutschlands Macht und Größe für alle erkennbar zu machen, hatte sich herumgesprochen. Und so hatte es ihn auch nicht sehr verwundert, dass er diese Einladung erhalten hatte zum Spaziergang mit dem Kaiser, am folgenden Tag. Es hieß, Wilhelm II . wollte mit Architekten, Bildhauern und Künstlern die Siegesallee abschreiten und Ideen einholen für weitere Repräsentationsprojekte, die die Hauptstadt in der Zukunft zieren sollten. Nicht auszuschließen, dachte Schneider, dass der Kaiser dieses Mal sogar das Wort an ihn richtete.

Wo blieb nur dieser Nichtsnutz? Er wollte essen und trinken. Wein vor allem wollte er trinken. Hoffentlich hatte er nicht schon wieder eine Fehlnote wie zuletzt manches Mal. «Ernst!», rief Schneider laut. «Ernst!»

Textauszug mit freundlicher Genehmigung von Verlag und Autor. Aus:
Max Annas, Berlin, Siegesallee
© 2024 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg.   

Tags : , ,